von Tim Schulz
   

Kameradschaftler führt NPD-Jugend an

Mit dem Abstieg der NPD verlor auch deren Jugendorganisation in den letzten Jahren ihre Anziehungskraft. Immer mehr Kader kehrten der JN den Rücken, der letzte Vorstand war längst nicht mehr aktiv. Nun wurde mit Christian Häger ein langjähriger Kameradschaftler als neuer Vorsitzender gewählt.

 „Der 13. Januar 2018 wird als ein historischer Tag für die JN in die Geschichte eingehen.“ So ließ der frisch gebackene JN-Bundesvorstand verlautbaren. Im Hinblick auf den Zerfall der NPD-Jugend wirkt dies fast schon ironisch. Die Organisation scheint bemüht zu sein, den Anschein parteipolitischer Normalität zu erhalten. So gab es bei der Veranstaltung nicht nur einschwörende Worte von NPD-Chef Frank Franz und dem thüringischen Landesvorsitzenden Thorsten Heise, sondern auch musikalische Begleitung durch den Sänger der Rechtsrockband Flak. Nebenbei hat die NPD-Jugend eine Namensänderung bekanntgegeben, gemeint ist vermutlich „Junge Nationalisten“, ursprünglich stand die Abkürzung JN für Junge Nationaldemokraten.

Langjähriger Kameradschaftsaktivist mit unsicherer Zukunft

Mit Christian Häger bezieht derweilen kein Unbekannter den Chefposten. Häger gilt als führender Kader des neonazistischen „Aktionsbüros Mittelrhein“ und wichtiger Akteur in der Kameradschaftsszene von Rheinland-Pfalz. Zudem sei er laut Berichten auch in ein rechtes Hausprojekt eingebunden, das zum beliebten Treffpunkt für Neonazis aus dem Bundesland und darüber hinaus avanciert sei. Zuletzt trat Häger öffentlich in Erscheinung als Organisator und Versammlungsleiter des geschichtsrevisionistischen Rudolf-Heß-Gedenkmarsches in Berlin-Spandau.

Vor allem aber seine mutmaßliche Rolle im Aktionsbüro Mittelrhein verspricht zukünftig interessant zu werden. Nachdem wegen gewalttätiger Angriffe auf politische Gegner mit dem Verdacht auf Bildung einer kriminellen Vereinigung gegen das Netzwerk ermittelt worden war, platzte der Prozess nach annähernd fünfjähriger Verhandlungszeit jedoch im Mai 2017. Anfang Dezember wurde dann öffentlich, dass der Prozess wieder aufgerollt wird. Häger stünden demnach erneut etliche Gerichtstermine bevor.

Auch die Wahl seiner Stellvertreter ist erwähnenswert. Paul Rzehaczek, sächsischer JN-Kader und zeitweise Landesvorsitzender im Freistaat, hatte bereits wichtige Funktionen auf Bundesebene inne. Sein Vorstandskollege Dominik Stürmer, der zur letzten Bundestagswahl erfolglos als NPD-Spitzenkandidat in Baden-Württemberg antrat, passt angesichts dessen gut in das neue Führungstrio: Er gilt als kein großer Freund von Parteichef Franz Frank und dessen gemäßigtem Kurs. Für Konfliktpotential mit der Mutterpartei ist im neuen JN-Bundesvorstand also gesorgt.

NPD-„Jugend“

Auffällig dabei ist die Herkunft der neuen Vorstandsmitglieder: Deren Mehrheit kommt aus Regionen im Südwesten der Republik, die für die NPD keine Rolle spielen. Mit Rzehaczek ist allerdings auch ein Vertreter Sachsen dabei, eines der letzten Bundesländer, in denen die JN noch mehr oder weniger flächendeckende Strukturen unterhält. Zudem ist Häger mit 33 Jahren kaum der Parteijugend zuzurechnen. Einige Landesverbände weisen gar aus, dass man lediglich bis zu einem Alter von 29 der JN beitreten könne. Ein weiteres Zeichen für die dünne Personaldecke bei der NPD-Jugend. Auch dem alten Vorstand wird in der Pressemitteilung mit keinem Wort gedankt, Richter & Co. werden nicht einmal erwähnt. Allzu wohlgesonnen scheint der neue Vorstand der alten Spitze nicht zu sein. Auch innerhalb der JN gibt es tiefe Gräben.

Der desolate Zustand der Organisation sorgte in den letzten Jahren für eine regelrechte Personalflucht. Viele wechselten, wie der ehemalige Bundesvorsitzende Michael Schäfer, aus den Reihen der JN in das Umfeld der Neuen Rechten. Auch andere ehemalige Führungskader wie Julian Monaco und Andi Knape – Schäfers Nachfolger – traten zuletzt auf Demonstrationen der Identitären auf oder wurden bei dem umstrittenen Hausprojekt der Rechtsextremen in Halle gesichtet. Der ehemalige JN-Kader Daniel Fiß stieg bis zum Bundesvorsitz der selbsternannten Jugendbewegung auf. Insgesamt gilt diese als anschlussfähiger für junge Rechtsextremisten und ist weniger vorbelastet als die NPD und ihre Unterorganisationen. Wenig überraschend also, dass viele Szenegänger die IB als zukunftsfähiger ansehen.

Zwar bleibt offen, ob der neue Vorstand der JN seinen Stempel aufdrücken wird, an der zunehmenden Bedeutungslosigkeit der NPD wird dies aber nichts ändern. Viel besser stehen die Chancen für Querelen innerhalb der JN und einen konfrontativen Kurs gegenüber der NPD. Auch Häger und seine „Kameraden“ werden den Abstieg der rechtsextremen Partei und ihrer Jugendorganisation kaum stoppen können.  

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