„Kameraden“-Opfer

Angeblicher „Nationalist“ von Jugendlichem erstochen – Gericht erkennt auf Totschlag.

Donnerstag, 23. Oktober 2008
Michael Klarmann

Im Prozess um einen tödlichen Streit unter Jugendlichen in Stolberg hat das Aachener Landgericht am 21. Oktober einen 18-Jährigen zu sechs Jahren Jugendhaft verurteilt. Die Kammer befand den Jugendlichen, dessen Eltern aus dem Libanon stammen, des Totschlags für schuldig. Sie sah es als erwiesen an, dass er Anfang April einen 19-Jährigen mit einem Messer niedergestochen hatte. Neonazis hatten das Opfer propagandistisch zum „Märtyrer“ verklärt. Laut Gericht hat der 18-Jährige in dem nicht öffentlichen Verfahren über seinen Anwalt erklären lassen, den 19-jährigen Berufsschüler erstochen zu haben. Er habe sich auf eine „Nothilfe-Situation“ berufen und bei der nächtlichen Auseinandersetzung unter Jugendlichen zwei Freunden helfen wollen. Zwar habe die Kammer jene „Nothilfe“ anerkannt, indes sei der Einsatz eines Messers dabei als „unverhältnismäßig“ eingestuft worden, so ein Gerichtssprecher
Neonazis stilisieren den Getöteten, der in der Tatnacht in Begleitung eines befreundeten 17-jährigen NPD-Mitglieds war, bis heute zum „Kameraden“. Alleine in Stolberg kam es zu drei großen „Trauermärschen“. Nachdem Freunde und Eltern des Opfers sich jene „Lügen“ verbaten, hetzten Neonazis gegen die „debilen Eltern“ (Thiazi-Forum), die „charakterloses Lumpentum“ (Altermedia) seien. Aus Szenekreisen hieß es indes auch, einzelne NPD-Funktionäre hätten die Sogwirkung des angeblichen „Kameraden“-Opfers zu Profilierungszwecken genutzt. Der Dürener NPD-Kreischef Ingo Haller sprach noch Wochen später vom „Kameraden“. Das Opfer sei „Nationalist“ gewesen, so Haller, denn es „fühlte sich der nationalen Bewegung immer näher.“

Der Prozess fand wegen vager Ankündigungen von Neonazi-Aktionen unter scharfen Sicherheitsvorkehrungen statt. Zu Prozessbeginn hatten Neonazis der „Kameradschaft Aachener Land“ (KAL) am 22. September ausländerfeindliche Handzettel in Aachen verteilt. Weitere Aktionen blieben aus.

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