Jürgen Elsässer und sein Magazin "Compact" - Der Gottfried Feder des 21. Jahrhunderts?

Im Dezember 2010 startete ein ungewöhnliches Projekt. Der linke Nationalstaatsverteidiger und umstrittene Publizist Jürgen Elsässer brachte mit "Compact" ein neues politisches Hochglanzmagazin auf den Markt. Ab Mai 2011 soll das nun sogar monatlich erscheinen und dabei eine Brücke zwischen links und rechts schlagen.

Montag, 25. April 2011
Mathias Brodkorb
Jürgen Elsässer und sein Magazin "Compact" - Der Gottfried Feder des 21. Jahrhunderts?

Elsässer, vor ein paar Jahren noch radikaler Vordenker der Antideutschen, hat die Nase gehörig voll - von politischen pawlowschen Reflexen, Denkverboten und der political correctness. Dass das allerdings nicht nur inhaltliche, sondern auch habituelle Gründe hat, kann jeder wissen, der ein einziges Mal selbst mit Elsässer gesprochen hat. Der Mann liebt nicht nur die inhaltliche Kontroverse, sondern auch die Selbstinszenierung, nicht nur das Kreuzen argumentativer Klingen, sondern auch die Provokation. So stößt er denn schon einmal mit einem Piccolo auf jeden in Lybien "abgeschossenen NATO-Jet" an oder tituliert oppositionelle iranische Demonstranten als "Strichjungen des Finanzkapitals".

In der politischen Linken macht sich Elsässer mit dererlei Ungehörigkeiten keine Freunde. Und was tut der Ex-Autor von "Konkret", "Junge Welt", "Jungle World" und "Neues Deutschland" daraufhin? Er gründet einfach sein eigenes Magazin und macht sich damit publizistisch unabhängig, zumal mit dem Kai Homilius Verlag auch noch ein potenter Verlag als Partner zur Seite steht. Die "Nullnummer" aus dem Dezember 2010 schmückte, wie konnte es anders sein, der - jedenfalls von links besehen - sozialdemokratische Skandalautor Thilo Sarrazin. Was Elsässer im Editorial versprach, klang ambitioniert. Es gehe um die "Lust an der Debatte", um das Aufeinandertreffen von "Pro und Contra". Das sei nur zu haben, so der Ex-Antideutsche, wenn der Linke damit beginne, "mit dem Rechten zu diskutieren. (...) Die Tabus müssen fallen. Sonst stirbt dieses Land an intellektueller Austrocknung."

Für Elsässers Sehnsucht nach einer politischen Debatte mit Niveau jenseits intellektuell unterirdischer Beißreflexe kann man dabei durchaus Verständnis haben. Eben jene wurden denn prompt auch von links gegen ihn und sein jüngstes Baby mobilisiert. Die Internetseite "hagalil" machte ihn zum "Rechtspopulisten" und schreckte auch nicht davor zurück, seine Attacken gegen das Finanzkapital mit den Auswüchsen des NS-Chefantisemiten Gottfried Feder gleichzusetzen. Es gab noch Zeiten, in denen hätte das als geschmacklose Verharmlosung des "Hitler-Faschismus" gegolten. Und auch die taz war sich nicht zu schade, einen Autor der Nullnummer zu einem Verherrlicher von Rudolf Heß zu machen - eine Unterstellung, die prompt mit einer Gegendarstellung aus der Welt geschafft werden musste.

Geht es eigentlich auch eine Nummer kleiner? Natürlich nicht. Immerhin konnte Elsässer bereits in der Nullnummer mit einigen Überraschungen aufwarten, so zum Beispiel mit einem kleinen Text von Roger Willemsen. Der hatte zwar für "Compact" gar keinen eigenen Artikel geschrieben, sondern lediglich einem Abdruck aus seinem neuen Buch zugestimmt, aber wenn man unliebsame Stimmen vom Medienmarkt fernhalten will, gibt es in Deutschland nun einmal keine bessere Option, als Adolf Hitler wieder auszugraben. "Mit den Hintergründen der Co-Autoren konfrontiert, sagt Willemsen: 'Das ist in der Tat verstörend und wirft einige Fragen auf', etwa: 'Warum ich?' Er sei wohl 'zu vertrauensselig'" gewesen, berichtet der taz-Autor Rene Martens sichtlich zufrieden. Dass es eben jene "Hintergründe der Co-Autoren" waren, zu denen die taz anschließend eine "Berichtigung" veröffentlichen musste, wird man in der Rudi-Dutschke-Straße wohl als publizistische "faux frais" verbuchen.

Allerdings sind schon diese Vorgänge ein deutliches Anzeichen dafür, dass Elsässers Projekt - ein links-rechtes Diskursmagazin mit Niveau zu etablieren - wenig Chancen auf Erfolg hat. Dafür spricht zum Beispiel die Tatsache, dass schon die Nullnummer keinen einzigen namhaften Linken aufzubieten hatte - denn der Historiker Hans-Ulrich Wehler darf zwar als "namhaft", aber in Elsässers Welt doch wohl kaum als "links" gelten. Stattdessen gaben sich konservative Autoren und Gesprächspartner die Klinke in die Hand: Martin Lohmann, Peter Scholl-Latour sowie der Libertäre André F. Lichtschlag. Die kann man, wenn man will, alle regelmäßig auch in der Wochenzeitung "Junge Freiheit" wieder finden - so wie JF-Chefredakteur Dieter Stein persönlich, der Elsässer bei der öffentlichen Präsentation seines Magazins am 6. Dezember 2010 in Berlin beistand

An der Schlagseite in Richtung Steuerbord änderte sich auch in der Nr. 2 von "Compact" gar nichts. Darin fand sich nämlich kein Interview mit Gregor Gysi oder meinetwegen Wolfgang Fritz Haug, sondern eines mit Hans-Olaf Henkel und eines mit dem ehemaligen CDU-Bundestagsabgeordnten Jürgen Todenhöfer. Sinnfälligstes Anzeichen für das Dilemma, in dem Elsässer sich befindet, ist denn auch der Anzeigenteil: Dieser wird nun nicht mehr nahezu ausschließlich vom Kai Homilius Verlag bestritten, sondern um den rechten Ares-Verlag und die "Preußische Allgemeine Zeitung" ergänzt. Dass auch der israelkritische Publizist Abi Melzer eine kleine Anzeige beisteuert, vermag das Gesamtbild kaum zu korrigieren.

Ein wenig erinnern Elsässers Bemühungen dabei an das Magazin "Wir selbst" des Rechts-Renegaten Henning Eichberg. Auch dieser machte über Jahre hinweg den Versuch, in Deutschland ein Debattenorgan "jenseits von links und rechts" zu etablieren. Während Eichberg jedoch nur gegen ein Hindernis zu kämpfen hatte, nimmt es Elsässer gleich mit zweien auf einmal auf:

  • Da wäre einerseits die offenkundige Unfähigkeit vieler Linker zum "herrschaftsfreien Diskurs der Intellektuellen". Das war durchaus einmal anders, wenn man bspw. noch an die großen Debatten zwischen Theodor W. Adorno und Arnold Gehlen über Anthropologie erinnern darf. Während also Linke häufig wie die scheuen Rehe vor der öffentlichen Debatte mit dem politischen Gegner davonlaufen - obwohl sie doch stets und zugleich behaupten, die besseren Argumente auf ihrer Seite zu haben -, wird die Rechte allein deshalb diskursbereit sein, weil sie politisch marginalisiert ist und daher nach jedem Strohhalm greift. Elsässer wird folglich immer interessante Rechte, aber kaum spannende Linke finden, die bei seinem Magazin mitmachen. Das liegt übrigens auch ein wenig an seiner kaum zu bändigenden Lust zur Grenzüberschreitung.
  • Da wäre anderseits die Tatsache, dass Eichberg stets auf ein intellektuelles Publikum abzielte, während Elsässer mit seinem Magazin auch noch die Kioske erobern will. Nach seinen Angaben scheint dies auch erfolgreich zu gelingen, konnte die Auslieferung mit der zweiten Nummer doch angeblich nahezu verdoppelt werden. Ein Magazin jedoch, das sich an ein Massenpublikum richtet, muss sich nicht nur hinsichtlich seiner Intellektualität bescheiden, sondern vor allem viel (tages)politischer agieren, als es sich ein echtes theoretisches Debattenmagazin leisten kann. Und eben dieser Zwang zur tagesaktuellen Politisierung wirkt verstärkend auf die mangelnde Diskursfähigkeit zurück. Es ist schließlich kein Zufall, dass Politiker häufig erst dann zu strittigen und ungewöhnlichen Meinungen neigen, wenn sie sich aus ihren Ämtern längst verabschiedet, ihre Unabhängigkeit wiedererlangt haben und sich endlich wieder trauen zu sagen, was sie wirklich denken.
Vor diesem Hintergrund ist es nur konsequent, wenn Elsässer im Editorial zur zweiten Ausgabe den ursprünglichen Gründungszweck seiner Zeitschrift Schritt für Schritt hin zum Anti-Amerikanismus bzw. Anti-Imperialismus verschiebt und diese Hauptlinie zunehmend auch in den einzelnen Beiträgen wiederkehrt. Damit darf er in der Tat in Deutschland auf ein ausreichend großes zahlendes Publikum hoffen. In Sachen politischer Rationalität wären wir damit aber kein Stück weiter.
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