Nationalsozialismus

Judenrettungen – ein vergessenes Thema

Petra Bonavita legt mit „Die Bildhauerin und das Kind“ ein Buch vor, das sowohl die Rettungsgeschichte eines kleinen jüdischen Mädchens in der Zeit des Nationalsozialismus als auch die Biografie seiner Retterin, der Bildhauerin Hedwig Wittekind, ist.

Dienstag, 26. April 2022
Anton Maegerle
Cover des im Schmetterling-Verlag erschienenen Buches
Cover des im Schmetterling-Verlag erschienenen Buches

Retter und Retterinnen von Menschen, die vom NS-Regime verfolgt wurden, galten nach 1945 als Volksverräter. Als die seriöse Aufarbeitung der NS-Zeit schließlich voranschritt, kam dieses Thema angesichts des Übermaßes an Verbrecherbiografien zu kurz. Nur wenige Institutionen und Personen befassten sich damit. Eine davon ist die Frankfurter Soziologin Petra Bonavita, die eine Reihe von Büchern zu Rettungsaktionen und ihren Protagonisten geschrieben hat. Ihr jüngstes Buch „Die Bildhauerin und das Kind - Die wunderbare Rettung eines kleinen jüdischen Mädchens durch Hedwig Wittekind“ handelt von einer solchen Rettungsgeschichte. Die Arbeit beruht hauptsächlich auf dem Fund von Briefen, Dokumenten, Fotoalben und auf den literarisch anspruchsvollen, im Sommer 1945 verfassten Erinnerungen Wittekinds.

Hedwig Wittekind (1896-1949) wuchs im hessischen Büdingen bei Frankfurt in einem konservativen Umfeld auf. Sie verließ mit zwanzig Jahren das Elternhaus, um Bildhauerei zu studieren. Sie ging nach Berlin und arbeitete dort im gleichen Atelierhaus wie Käthe Kollwitz. Nachdem das KPD-Mitglied Franz Streit, ein alter Bekannter aus den zwanziger Jahren Kontakt zu ihr aufgenommen hat, half Wittekind 1942 dem jüdischen Künstler-Ehepaar Adelheid und Werner Müller-Hess, dessen dreijähriger Tochter Hanna beim Untertauchen zu helfen. Wittekind stellte ihre Berliner Atelierwohnung zur Verfügung. Ihr Name ist heute nur noch wenigen Kunstinteressierten bekannt, ihr Werk weitgehend verschollen.

Zwischen Berlin und Büdingen

Streit war in der Saefkow-Jacob-Bästlein-Gruppe aktiv, mit zeitweilig rund 500 Aktivisten und einem hohen Anteil von Frauen, eine der größten Organisationen der deutschen Widerstandsbewegung gegen den NS-Staat. Die Widerstandskämpfer Anton Saefkow, Franz Jacob und Bernhard Bästlein wurden am 18. September 1944 in Brandenburg hingerichtet.

Wittekind pendelte mit dem Kind wegen der zunehmenden Bombenangriffe zwischen Berlin und Büdingen. Das Kind überlebte mit knapper Not, auch die Mutter, SPD-Mitglied in der Weimarer Republik, überlebte die Odysee durch mehrere Konzentrationslager, u.a. in Auschwitz-Birkenau, der Vater starb an den Folgen der Verschleppung und Haft, zuletzt interniert im KZ Dachau. Hanna lebt heute als Künstlerin in Süddeutschland, sie hat Kinder und Enkelkinder.

Die Vagabunden

Es ist eine anrührende Geschichte: Das kleine Mädchen und die flippige Künstlerin, die sich mit ihrem Nazivater nicht verstand und in die Männerdomäne der Bildhauer eingebrochen war. Sie verdiente ihr Geld durch Modellstehen und Weihnachtskrippenfiguren.

Franz Streit war „Vagabund“. Auch er war an der Rettungsaktion beteiligt. „Vagabunden“ oder „Kunden“ hießen damals die Obdachlosen. In den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gab es eine lose politische Organisation der Obdachlosen. Es gab eine „Bruderschaft der Vagabunden“, einen „Verlag der Vagabunden“ und eine Zeitschrift „Der Kunde – Zeit- und Streitschrift“. 1929 hielt die Bruderschaft in Stuttgart ein Vagabundentreffen ab. Die Reden, die dort gehalten wurden, waren voll von revolutionärem Pathos. Die Vagabunden fühlen sich als Teil des Weltproletariats und sympathisierten mit der jungen Sowjetunion. Im Umfeld der Bruderschaft gab es Künstlerinnen und Künstler, deren Lebensstil die Bohème war. Es mag sein, dass Hedwig Wittekind und Franz Streit sich auf diese Weise kennen lernten.

Es gehört zu den Verdiensten dieses Buches, die realen Schwierigkeiten und verschlungenen Wege der Widerstands- und Rettungsarbeit rekonstruiert zu haben. Beides war nicht scharf zu trennen und zu beidem gab es keinen vorgefertigten Plan. Eine Diktatur bewirkt Unmenschlichkeit, – und sie fördert Menschlichkeit bei denen, die den Mut dazu haben.

Petra Bonavita: Die Bildhauerin und das Kind : Die wunderbare Rettung eines kleinen jüdischen Mädchens durch Hedwig Wittekind. Stuttgart, Schmetterling-Verlag 2021, 183 S., ISBN 3-89657-046-3 / zur Webseite von Bonavita

Kategorien
Tags
Schlagwörter