Judenfeindschaft als Paradigma. Studien zur Vorurteilsforschung. (2002)

Studien über Vorurteilsforschung

Freitag, 12. August 2005
Ralf Bachmann
Den 20. Geburtstag des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung haben, wie Direktor Wolfgang Benz mitteilt, "die Mitarbeiter des Zentrums zum Anlass genommen, um in insgesamt 46 Beiträgen Einblick in die Vielfalt der Forschungsfelder vom Grundsätzlichen der Vorurteils- und Feindbildforschung über Antisemitismus, Minderheits-probleme, Emigrations- und Holocaustforschung bis hin zum Rechtsextremismus zu geben". Der Sammelband "Judenfeindschaft als Paradigma – Studien zur Vorurteilsforschung" beeindruckt in der Tat durch die Vielseitigkeit des Herangehens an ein scheinbar so überschaubares Thema wie die Ursachen des Antisemitismus. Benz, mit Angelika Königseder Herausgeber des Buches, hat in seinem Prolog "Antisemitismusforschung als Vorurteilsforschung" mit Bedacht die Notwendigkeit des Erkennens und Begreiflichmachens "der Zusammenhänge von Aggressionen gegen Minderheiten, von Xenophobien und Antisemitismus" hervorgehoben und betont: "Wenn Juden als Fremde definiert, wenn Asylbewerber als Kriminelle diffamiert, wenn Ausländer als den sozialen Besitzstand bedrohend empfunden werden, dann spiegeln sich darin Aggressionen und Ängste der Mehrheit, die aufgelöst und überwunden werden müssen." So ist die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Judenfeindlichkeit als Paradigma, als "Grundmuster" durchgängiges Thema des Bandes, aber der Antisemitismus selbst nur ein – wenn auch der wesentlichste – Teilaspekt. Es beginnt mit einer Analyse des Antisemitismus in der BRD und seiner unterschiedlichen Wahrnehmung durch die verschiedenen politischen Kräfte. Breiteren Raum nehmen traditionelle, zum Teil im Mittelalter wurzelnde judenfeindliche Erfindungen und Konstrukte wie "Die Verschwörung der Weisen von Narbonne" oder Ritualmordbeschuldigungen ein. Interessante Arbeiten behandeln den visuellen Antisemitismus – die bildliche Judendarstellung in populären Medien –, die Judenstereotype in Theater und Literatur. Direkte Brücken zur Gegenwart schlägt gerade angesichts der neuerlichen Diskussionen um die nach ihm benannte Straße die Arbeit über den von Heinrich von Treitschke ausgelösten Berliner Antisemitismusstreit 1879/81. Nicht unerwähnt bleiben soll ein Aufsatz von Daniel Gerson "Der Jude als Bolschewist", der an Beispielen der letzten Jahre die immer aufs Neue unternommenen Versuche zurückweist, eine jüdisch-kommunistische Konnexion zu konstruieren, um damit den Holocaust als vorwiegend antibolschewistisch zu relativieren. Leider sind immer wieder auch seriöse Medien an solchen Unternehmen beteiligt. Aus dem Kapitel NS-Zeit und Holocaust ist der von Wolfgang Benz selbst geführte Nachweis hervorzuheben, dass Holocaust-Forschung auch heute nicht zu den Akten gelegt werden kann. Mona Körte ist für den Versuch zu danken, "Zeugnisliteratur", wie sie Jorge Semprun, Primo Levi, Elie Wiesel, Jean Améry und andere geschaffen haben, als Beitrag im Kampf gegen Vergessen und Leugnen zu würdigen. Ein Forschungsgegenstand, der Beachtung erheischt, ist die "Interaktion" von Juden und Nichtjuden bei der Rettung Verfolgter und Bedrohter. Mag die Zahl angesichts des millionenfachen Mordes auch gering sein: Tausende von Helfern haben unter Einsatz ihrer eigenen Existenz Zehntausende von Juden vor den Vernichtungslagern bewahrt und verdienen es, nicht nur in Yad Vashem geehrt, sondern gerade in Deutschland der Vergessenheit entrissen zu werden. Das Zentrum verweist auf die sechs bisher erschienenen Bände der Reihe "Solidarität und Hilfe für Juden während der NS-Zeit". Nicht zufällig hat der Sammelband mehr Aufmerksamkeit als sonst üblich den Problemen der jüdischen Emigration gewidmet. Trotz der bürokratischen Hürden, die im Nazireich, aber auch in vielen potenziellen Gastländern errichtet wurden, ist 278 500 deutschen Juden der Weg in die Emigration gelungen. Ein Institut, dem fast als einzigem in der Welt das wissenschaftliche Studium des Antisemitismus zugewiesen ist, würde seine Aufgabe verfehlen, wenn es seine Erkenntnisse nicht in den Dienst der Gegenwart stellt, hatte Gründungsleiter Professor Herbert A. Strauss (City University New York) schon 1982 in seiner im Sammelband enthaltenen Antrittsrede betont. So ist der "Rechtsextremismus" überschriebene Schlussteil den aktuellen Aktivitäten der Parteien des rechten Randes, der fremdenfeindlichen Jugendgewalt, der Schändung jüdischer Friedhöfe, der Holocaustleugnung und nicht zuletzt dem Missbrauch der neuen Medien durch Rechtsextreme gewidmet.
Kategorien
Tags