Jahrestreffen der Geschichtsleugner

Der diesjährige Kongress der rechtsextremen kulturpolitischen „Gesellschaft für freie Publizistik“ findet vom 3. bis 5. Juni statt. Getagt wird unter dem Motto „Die neue Völkerwanderung – westliche Kriegspolitik und ihre Folgen?“  im thüringischen Kirchheim.

Montag, 30. Mai 2016
Anton Maegerle

Die 1960 von ehemaligen SS-Offizieren und NSDAP-Funktionären gegründete „Gesellschaft für freie Publizistik“ (GfP) mit Sitz in München gilt als mitgliederstärkste rechtsextreme Kulturvereinigung. Ihr gehören rund 500 extrem rechte Publizisten, Redakteure, Buchhändler und Verleger an. Im Mittelpunkt der Aktivitäten der geschichtsrevisionistisch ausgerichteten GfP  stehen die Relativierung der Kriegsschuld, die „Ausländerfrage“ und die Meinungsfreiheit für „nationale Publizistik“. Mit „Aufklärungsarbeit“ soll die angeblich verzerrte Darstellung der Zeitgeschichte korrigiert werden.

Der Jahreskongress soll offenbar wieder im Hotel Fachwerkhof von Rainer Kutz im thüringischen Kirchheim im Ilm-Kreis stattfinden. Das Hotel wird seit dem Jahr 2009 maßgeblich von Rechtsextremisten für Veranstaltungen genutzt.

Als Referenten für den 57. GfP-Jahreskongress angekündigt sind Christopher von M., Johannes Hübner (Österreich), Horst Rudolf Übelacker (Österreich), Gert Sudholt und Bernd Schwipper. Der diesjährige „Huttenpreis“ wird an Walter Marinovic (Österreich) verliehen.

Einschlägige Referentenriege

M. (Jg. 1993),  „pro NRW“-Stadtverordneter im Rat der Stadt Bonn, spricht zum Thema „Die Auswirkungen der Massenzuwanderung aus kommunalpolitischer Sicht“.  Der Waffenstudent war im Januar Teilnehmer des „Akademikerballs“ der Wiener FPÖ. 2013 spendete er seiner damals rund 1500 Mitglieder zählenden  Partei 10 770 Euro.

Hübner (Jg. 1956),  seit 2008 FPÖ-Nationalratsabgeordneter, berichtet über die vermeintliche „Massenzuwanderung nach Österreich – Hintergründe des Politikwechsels der rot-schwarzen Bundesregierung“. Der FPÖ-Politiker, im Wiener Parlament außen- und europapolitischer Sprecher seiner Partei, hielt im Januar 2010 bei einer Wahlkampfveranstaltung der antisemitischen ungarischen Partei Jobbik in Budapest eine kurze Ansprache. Hübner ist mehrfacher Interviewpartner des rechtsextremen Monatsmagazins „Zuerst!“.

Das Referatsthema des früheren Bundesbankdirektors Übelacker (Jg. 1936, von 1996 bis 2006 Vorsitzender des revanchistischen Witikobundes, lautet: „‘Flüchtling‘ – ein heute missbrauchter Begriff. Rechtliche und politische Anmerkungen zu 1944-46 und zur Merkelschen ‘Willkommenskultur‘ “. Übelacker, ehemals Kreischef der Republikaner von München-Land und Buchautor des rechtsextremen Grabert-Verlags, ist seit 1993 Universitätsprofessor für Bankwesen in der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Als EU-Ausländer saß er von 2009 bis 2015 für die FPÖ im Gemeinderat der oberösterreichischen Landeshauptstadt Linz.

Das Vortragsthema von Sudholt (Jg. 1943), einst langjähriger GfP-Vorsitzender, lautet „Weder Friede noch Freiheit – Das Zeitalter der Deutschlandkriege“. Der wegen Volksverhetzung verurteilte Verleger (Druffel & Vowinckel) war zeitweilig NPD-Funktionär.

Verfechter der Präventivkriegsthese

Schwipper (Jg. 1941), einst NVA-Generalmajor, spricht über sein Lieblingsthema „Deutschland im Visier Stalins – Der Aufmarsch der Roten Armee im Jahre 1940 und der geplante Ostpreußenfeldzug“. Sein gleichnamiges Buch „Deutschland im Visier Stalins“ ist bei Druffel & Vowinckel erschienen. Schwipper gilt als Verfechter der  Präventivkriegsthese, wonach der deutsche Überfall auf die Sowjetunion 1941 einen geplanten sowjetischen Angriff auf das Deutsche Reich verhindert habe.

Der künftige „Huttenpreis“-Träger Marinovic (Jg. 1929), stellvertretender Vorsitzender des rechtsextremen Kulturwerks Österreich (Landesgruppe Kärnten), war jahrelang gern gesehener Gastredner bei Veranstaltungen von DVU und NPD.

An der Spitze der GfP amtiert seit dem Juni 2010 der aus Franken stammende Burschenschafter Martin Pfeiffer (Jg. 1966). Pfeiffer, „Schriftleiter“ der FPÖ-nahen Monatszeitschrift „Die Aula“ (Graz), ist auch Vorsitzender des Kulturwerks Österreich (Landesgruppe Kärnten). Im März dieses Jahres nahm er an einer Veranstaltung der politischen Stiftung Europa-Terra-Nostrum teil, die der rechtsextremen „Alliance for Peace and Freedom“ (APF) nahesteht. In der APF ist auch die NPD auf europäischer Ebene organisiert. Zugegen war Pfeiffer auch beim gemeinsamen Neujahrsempfang der NPD-Fraktionen von Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Treptow-Köpenick im Januar 2011 in Berlin.

Anmeldungen für die GfP-Tagung nimmt deren Vorstandsmitglied Margret Nickel im hessischen Lippoldsberg (Gemeinde Wahlsburg) entgegen. Nickel war über Jahrzehnte Bürochefin der 2009 verstorbenen Holle Grimm, vormals Gründungsmitglied  und spätere Ehrenvorsitzende der „Gesellschaft für freie Publizistik“. Seit Grimms Tod verwaltet und verbreitet Nickel als selbständige Verlegerin der Klosterhaus Versandbuchhandlung das publizistische Erbe von Hans Grimm (1875 – 1959), dem Vater von Holle Grimm. Hans Grimms 1926 veröffentlichtes Hauptwerk „Volk ohne Raum“ wurde in der Weimarer Republik zum meist verkauften Buch. Mit dem Werk lieferte Grimm die propagandistische Formel und Rechtfertigung für die Eroberungs- und Vernichtungspolitik der NS-Diktatur.

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