von Redaktion
   

Jahrestag zum Gedenken an NS-Opfer – Höcke und die "richtige Form gegen das Vergessen"

Zum 72. Mal jährt sich am 27. Januar 2017 die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz durch die sowjetische Armee. Seit dem 3. Januar 1996 ist dieser Tag gesetzlich verankerter Gedenktag. Genauso, wie dieser Tag zum Innehalten mahnt, ist er jährlich Anlass für eine Debatte über die „nachhaltigste“ Form der Erinnerung – vor allem mit Blick auf die junge Generation. Rechtspopulisten wie der AfD-Politiker Höcke nutzen dies, um eine "erinnerungspolitische Wende um 180 Grad" zu fordern.

Besucher zwischen den Stelen des Holocaust-Mahnmals in Berlin | Foto: Georg Weis - flickr.com - CC BY-SA 2.0

In ganz Deutschland werden am 27. Januar die Flaggen auf Halbmast gesetzt, es finden Gedenkstunden mit Zeitzeugen und Überlebenden des Holocausts statt, die Länder organisieren eigene Gedenkveranstaltungen und eine große Vielzahl an Vereinen, Museen und Bildungsstätten beteiligen sich mit Mahnwachen und eigenen Gedenkveranstaltungen. Als der inzwischen verstorbene Bundespräsident Roman Herzog am 3. Januar 1996 den 27. Januar zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus erklärte, hatte er neben Erinnerung vor allem wohl „Nachhaltigkeit“ im Sinn: Er forderte, dass die Erinnerung nicht enden dürfe, sie müsse auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen. Es gelte eine Form des Erinnerns zu finden, die in die Zukunft wirke und der Gefahr der Wiederholung entgegenwirke.

"...die richtige Form gegen das Vergessen.“

Herzog legte also nicht nur einen Tag fest, sondern erteilte auch einen fortwährenden Auftrag, über die richtige Form „gegen das Vergessen“ nachzudenken. Nicht als „Schuldbekenntnis“, aber im Sinne einer deutschen Verantwortung für das „Nie wieder!“. In einer zunehmend distanzierten Rückschau drohten die historischen Fakten zu Jahreszahlen und Schlagworten zu reduzieren, so Herzog weiter. Auch die größte Barbarei schrumpfe dann zu einem anonymen Ereignis. Dies sei der Grund dafür, dass Herzog den 27. Januar, den Tag der Befreiung von Auschwitz, zum Tag des Gedenkens der Opfer des Nationalsozialismus erklärt habe. Damit verbinde er die Hoffnung, gemeinsam Formen des Erinnerns zu finden. Gedenkstunden würden dazu nur allzu leicht den Charakter von Alibiveranstaltungen annehmen, darum könne es nicht gehen. „Das Allerwichtigste ist es, den Jungen den Blick dafür zu schärfen, woran man Rassismus und Totalitarismus in den Anfängen erkennt“, so Herzog.

Seither steht der Gedenktag außer Frage. „Ohne solche Ankerplätze öffentlicher und gemeinsamer Erinnerung würde das kollektive Gedächtnis schneller verwehen, untergehen in der wachsenden Flut aktueller Nachrichten“, so Winfried Nachtwei, Vorstandsmitglied bei „Gegen Vergessen – Für Demokratie“. Sie böten die Chance, an Ereignisse und Persönlichkeiten zu erinnern, die für eine auf Menschenrechte und Frieden verpflichtete Gesellschaft besonders wichtig seien. Sie seien notwendig, weil ohne Wiederholung Erinnerung verblasse. Aber Gedenk- und Erinnerungstage würden auch etliche Risiken bergen. So zum Beispiel, wenn sie mit Freund-Feind-Denken, mit Nationalismus und Revanchismus aufgeladen seien. Als bisher deutliches Beispiel führt Nachtwei den 13. Februar als Jahrestag der alliierten Bombardierung Dresdens und dessen Missbrauch durch Neonazis in den vorangegangenen Jahren an.

"Ein Gefühl der Freiheitsbeschränkung"

Wo Herzog und Nachtwei in erster Linie die großen Chancen in einem – bewusst intergenerativ angelegten – Tag des Gedenken und Erinnerns sehen, stellen Kritiker die möglichen Gefahren in den Vordergrund. Der Publizist Volker Weidermann spricht gegenüber dem MDR von einem „Diktat des Erinnerns“. Weidermann stellt den angestrebten erzieherischen Wert in Frage und sieht in der ritualisierten Gedenkkultur die Gefahr des Verdrängens. Deutschland habe sich „so gut eingefühlt in seine Erinnerungsformeln“, dass diese nichts mehr bedeuteten. Zudem tragen viele Kritiker des Gedenktages vor, dass die Vorgeschichte oft vernachlässigt werde und die Ursachen für den Nationalsozialismus nicht hinterfragt würden. Steht also die Frage im Raum, wie das Erkennen der Ursachen und die Transformation in die heutige Zeit gelingen kann, um der ursprünglichen Intention nach der nicht endenden Erinnerung zu entsprechen.

Für eine Modernisierung der Erinnerungs- und Gedenkkultur sprach sich Professor Harald Welzer im Gedenkstättenrundbrief bereits Ende 2011 aus. Vieles an der erinnerungskulturellen Praxis sei schal geworden, inhaltsleer, so Welzer. So würden Schüler in mehreren Fächern parallel mit dem Nationalsozialismus und dem Holocaust konfrontiert. Viele Schüler wüssten daher formal gut über den Holocaust Bescheid. Insgeheim fühlten sich aber viele überwältigt, sich zum Thema NS-Zeit „politisch korrekt“ verhalten oder „Betroffenheit“ zeigen zu müssen. Welzer beschreibt das Paradoxon, dass die Bedeutung der Vermittlung der Geschichte von Nationalsozialismus und Holocaust mehrheitlich akzeptiert wird, die Vermittlungspraxis bei nicht wenigen jedoch ein Gefühl der Freiheitsbeschränkung auslöst. Für Welzer der gewichtigste Anlass, über eine Modernisierung der historischen Vermittlungspraxis nachzudenken.

"Alltägliches Bild einer Gesellschaft, die zunehmend verbrecherisch wird"

Laut Welzer sei es heute nicht mehr notwendig, zu fordern, dass an den Holocaust zu erinnern und der Opfer zu gedenken sei – daran habe gesamtgesellschaftlich außer ein paar Neonazis niemand auch nur den geringsten Zweifel. Gerade deshalb wirkten die Rituale der Holocausterinnerung inzwischen merkwürdig abgestanden und gerade für Jüngere – die Herzog gerade erreichen wollte – kaum anschlussfähig. Während, so Welzer weiter, die bewusstseinsbildenden Funktionen der unermüdlichen Mahnung, man möge „nicht vergessen“, radikal überschätzt werde, werde die negative Wirkung wiederholter Formeln auf intelligente Menschen radikal unterschätzt. Laut Welzer müsse das monumentalisierte Grauen der Vernichtungslager nicht mehr im Zentrum stehen, sondern das unspektakuläre, alltägliche Bild einer Gesellschaft, die zunehmend verbrecherisch wird. Sinn der Erinnerungskultur müsse sein, dass sich unter bestimmten Bedingungen nicht nur böse Menschen zu gegenmenschlichem Verhalten entscheiden, sondern auch die vermeintlich guten. Die Herausforderung liege darin, in der Gegenwart die Potentiale für antisoziales Verhalten, für die Aufweichung rechtsstaatlicher Prinzipien wahrzunehmen. Eine moderne Erinnerungskultur müsse vermehrt Gegenwartsbezüge herstellen, um ein emanzipatorisches Geschichtsbewusstsein entstehen zu lassen.

In diesem Sinne sollten bei der fortwährenden Suche nach den geeignetsten Mitteln des Gedenkens vor allem diejenigen Institutionen, Wissenschaftler und Akteure in den Blick genommen und gefördert werden, die schon heute die Vermittlung geschichtlichen Bewusstseins an junge Menschen untrennbar und unnachgiebig mit demokratischer Haltungsbildung für die heutige Gesellschaft verbinden. Denn „Niemals wieder!“ braucht in erster Linie couragierte, friedliche, kulturvolle Menschen, die antipluralistischen, ausgrenzenden und menschenfeindlichen Tendenzen mutig die Stirn bieten. Nicht nur am 27. Januar, sondern jeden Tag und in jeder Situation.

Gezielte Provokation: Höcke will Teilnahme an Buchenwald-Gedenken erzwingen

Einen feinen Sinn für die kontroverse Debatte und die Gefühle der Menschen zum "richtigen Gedenken" haben offenbar auch die erstarkenden Rechtspopulisten. Während das Holocaust-Gedenken in rechtspopulistischen Kreisen oftmals mit "es gibt einfach Wichtigeres" abgetan wird, geht der AfD-Politiker Björn Höcke in die Vollen.

Vor der AfD-Jugendorganisation "Junge Alternative" (JA) hatte Höcke in Dresden jüngst eine äußerst umstrittene Rede gehalten, die sich auch mit der Erinnerungskultur beschäftigte. Zum Berliner Holocaust-Mahnmal sagte er: „Wir Deutschen sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat.“

Nun könnte man meinen, er wollte einfach sagen, dass es sich um ein Mahnmal handelt, das an die Schande des Holocaust erinnert. Der weitere Kontext seiner Rede lässt diesen Schluss aber eher nicht zu. Höcke führte nämlich aus, dass „diese dämliche Bewältigungspolitik“ die Deutschen „uns heute noch" lähme. Man brauche derzeit nichts anderes, als eine "erinnerungspolitische Wende um 180 Grad." Um einen Satz anzufügen, der hinsichtlich der vorbenannten Debatte um die Form des Gedenkens anschlussfähig ist: "Wir brauchen keine toten Riten mehr.“

Später ruderte Höcke zurück und fühlte sich missverstanden. Das änderte aber nichts daran, dass die Gedenkstätte Buchenwald ihn mit Blick auf seine getätigten Aussagen schriftlich von der Gedenkfeier am 27. Januar auslud. Höcke reagierte prompt und kündigte an, trotzdem teilnehmen und seiner Trauer Ausdruck verleihen zu wollen.

Die totale Provokation ist perfekt. Auf der Strecke bleibt – das hat Höcke allemal erreicht – das würdige Andenken an die Ermordeten des Holocaust. Gerade die in Buchenwald bei der Gedenkstunde traditionell anwesenden Überlebenden dürften für diese Art der "deutschen Debatte" über das angemessenste Andenken am 27. Januar kein Verständnis haben.

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