Internationales braunes Musik-Event

Die rechtsextreme Szene feiert nach dem Coup eines geheim organisierten Rechtsrock-Konzerts am Samstag mit über 5000 Besuchern im Schweizer Kanton St. Gallen.

Dienstag, 18. Oktober 2016
Horst Freires

Der Auftritt von deutschen Rechtsrock-Größen zusammen mit der zur international vernetzten „Blood&Honour“-Bewegung zählenden Züricher Band „Amok“ in einer Tennis- und Veranstaltungshalle am Samstag dürfte bis dato das größte Indoor-Event dieser Art in Europa seit langer Zeit gewesen sein. Die mehr als 5000 Besucher reisten dafür aus ganz Europa in die 2700 Einwohner zählende Gemeinde Wildhaus-Alt St. Johann und dort in den Ortsteil Unterwasser. Sie kamen sogar mit Reisebussen aus Deutschland und den Niederlanden, am Straßenrand wurden PKWs aus Russland und Tschechien gesehen. Anwohner wie Feriengäste berichteten von lautstark „Heil Hitler“ und „Sieg Heil“ grölenden Neonazis bei der Anreise – und von all dem will die Polizei allerdings nichts mitbekommen haben. Wenn Journalisten mit entsprechenden Informationen im Zuge der Recherche nachfragten, wollte die Polizei nicht einmal bestätigen, dass es ein Meeting der braunen Szene war. Klassischer kann die oft als Vorurteil verwendete These „auf dem rechten Auge blind“ wohl kaum bedient werden.

Bei dem Konzert handelte es sich um ein seit Monaten in sozialen Medien beworbenes Rechtsrock-Spektakel, angekündigt eigentlich für Süddeutschland. Offenkundig sollte es aber von Anfang an im Nachbarland stattfinden, bei der Gemeinde war es von einem auswärtigen Schweizer unter dem Titel „Rocktoberfest“ als Event mit privatem Charakter angemeldet. Das einzig Korrekte an dem Hinweis Süddeutschland war dabei ein nachmittäglicher Sammelpunkt am Samstag im Raum Ulm. Seit geraumer Zeit waren für das Event „Stahlgewitter“ (Niedersachsen), „Confident of Victory“ und „Frontalkraft“ (beide Brandenburg) angekündigt, dazu „Amok“ aus Zürich um Sänger Kevin Gutmann. (bnr.de berichtete)

„Danke an Gigi für diesen legendären Abend“

Am Veranstaltungstag gesellten sich noch „Exzess“ (Strausberg/Brandenburg) und „Makss Damage“ hinzu, hinter letzterem verbirgt sich Julian Fritsch aus Gütersloh . Auf seiner Facebook-Seite schreibt der rechtsextreme Rapper aktuell: „Danke an Gigi für diesen legendären Abend.“ Angesprochen mit diesem Spitznamen ist Daniel Giese aus Meppen, der Sänger der Band „Stahlgewitter“, dessen Musikprojekt „Gigi & Die braunen Stadtmusikanten“ in Neonazi-Kreisen nicht minder bekannt ist. „Vermarktet“ wird „Stahlgewitter“ vorwiegend durch den Onlinehandel von „Das Zeughaus“ aus dem im Emsland nicht weit von Meppen entfernten Lingen. Der Online-Versandhandel war zuletzt in den Händen von Jens Hessler. Verwiesen wird allerdings im Impressum des Versandservices auf eine Anschrift in Spanien. Auf den ersten Werbeflyern zum Schweizer Konzert befand sich auch das „Zeughaus“-Logo. Für „Stahlgewitter“ war dies der erste Live-Auftritt seit neun Jahren. In den sozialen Netzwerken wurden sie von Mitgliedern der Berliner Band „Spreegeschwader“ bejubelt, die ebenfalls den weiten Trip bis 40 Kilometer hinter die deutsch-schweizerische Grenze angetreten hatten.

Beobachter der rechten Szene in der Schweiz vermuten Band-Mitglieder von „Amok“ hinter der konspirativen Logistik. Eindeutige Spuren diesbezüglich weisen in die Neonazi-Szene nach Thüringen. Bei einer fiktiven Kartenanfrage durch antifaschistische Aktivisten wurde die Bankverbindung von David H. aus Saalfeld angegeben. Dessen Konto diente nicht zum ersten Mal als Vorverkaufs-Zahlstelle für Rechtsrock-Ereignisse, so das Portal „thueringenrechtsaussen“. 30 Euro waren für das Schweizer Konzert zu entrichten.

„Gruß die Reichsmusikkammer“

Die Anmietung von Bussen für die Anfahrt dürfte ebenso kaum aus der Schweiz erfolgt sein. Es gab Instruktionen wie „Verzichtet auf das Mitführen verbotener Gegenstände“ und „Personalausweise nicht vergessen“, dazu wurde auf eine frei geschaltete Info-Bandansage verwiesen. Abschließend hieß es zynisch: „Gruß die Reichsmusikkammer“. Diese Institution war im Dritten Reich ebenso für die Förderung deutscher Musik zuständig wie für die Verbannung so genannter nicht NS-linienkonformer „entarteter Musik“.

Als Besucherin des Events outet sich die NPD-Funktionärin Marina Djonovic aus Baden-Württemberg mit einem Kommentar auf der Facebook-Seite von Fritsch, alias „Makss Damage“. Auch Andreas Lohei meldet sich dort zu Wort und gießt reichlich Wasser in den Euphorie-Wein. Der langjährige Rechtsrock-Musiker der inzwischen inaktiven Bremer Band „Endlöser“ kritisiert, dass er sich die Besucherzahl lieber beim „Kampf auf der Straße“ wünschen würde als vor einer Musikbühne. In der geführten Diskussion wird auch nicht verschwiegen, dass bei einer solch hohen Besucherzahl ein gewaltiger Betrag auf der Einnahmeseite der Konzert-Veranstalter stehen dürfte.

Geschätzte 150 000 Euro Eintrittseinnahmen

Der Betreiber der Tennishalle in Unterwasser stimmt unterdessen in einen Verharmlosungskanon ein, will nicht von einem Neonazi-Konzert sprechen, dafür von einem „friedlichen Anlass“. Die Gemeinde Wildhaus-Alt St. Johann weist darauf hin, dass sie vom Anmelder getäuscht worden sei. Gelobt wird das Auftreten der Polizei, hinter vorgehaltener Hand aber eingeräumt, dass für ein restriktiveres Eingreifen die Kräfteverhältnisse nicht ausreichend gewesen seien. Ein Polizeisprecher sagte im Nachhinein, keiner der Ordnungshüter habe die Veranstaltungshalle betreten, man habe sich ohne besondere Zwischenfälle auf die Verkehrsregelung beschränken können. Ordnungsrechtlich bleibt dennoch eine entscheidende Frage: Die Veranstaltungshalle soll laut Schweizer Presseberichten nur für 2000 Besucher zugelassen sein?

Bei Verkaufspreisen von Bier für 3.50 und Wurst für 5 Euro, wie es Konzertgänger berichteten, wird auch längst in der rechtsextremen Szene diskutiert, wer sich denn alles an dem Event neben den Eintrittseinnahmen um geschätzte 150 000 Euro und den zigfach verkauften Shirts, Tonträgern und anderen Szene-Utensilien eine goldene Nase verdient hat? Mit Nachdruck dürfte sich nun auch das für David H. zuständige Finanzamt für das mutmaßlich von ihm zusammengetragene Geld interessieren. 

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