von Robert Scholz
   

„Institut für Staatspolitik“ (IfS) weist ehemaligem Finanzsenator Sarrazin frei erfundene Zahlen nach

In einer umfangreichen Dokumentation nimmt sich das neurechte „Institut für Staatspolitik“ (IfS) des „Falles Sarrazin“ an. Das IfS feiert den ehemaligen Berliner Finanzsenator als Tabubrecher, der in die Phalanx der Politischen Korrektheit eingebrochen ist. Seine Behauptungen, verspricht das Autorenkollektiv, könne einem „Abgleich mit den Fakten“ standhalten. Eine nur zum Teil richtige Einschätzung wie man letztlich selbst belegt.

Den „Verlauf einer gescheiterten Tabuisierung“ untersucht das neurechte IfS in Heft 15 seiner „wissenschaftlichen Reihe“ mit dem „Fall Sarrazin“. Dabei vertritt die Schnellroda-Truppe die These, dass die „Empörungsmaschine“ (4) ins Stocken geraten sei und „die Kampagne gegen den früheren Berliner Finanzsenator nicht so [verlief], wie man es nach den noch nicht lange zurückliegenden öffentlichen Hinrichtungen etwa des CDU-Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann oder der Tagesschau-Moderatorin Eva Herman erwartet haben mochte.“ (14)

Als „bemerkenswertesten Unterschied“ dieses „Falles“ macht das IfS abweichende Positionen in der Medienlandschaft aus. So seien die Tageszeitung „Die Welt“ und die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ mit „klaren, wiederholten und agendasetzenden Stellungnahmen aus dem Mainstream-Konsens aus[gebrochen]“ (15).

Als weitere Gründe für den unerwarteten Verlauf werden zwei „Wendemarken“ ausgemacht. Zum einen eine Stellungnahme des Generalsekretärs des Zentralrats der Juden, Stephan Kramer, in der er über Sarrazin gesagt hatte, dieser habe „mit seinen Äußerungen Göring, Goebbels und Hitler eine große Ehre“ erwiesen und dass er ihn „in geistiger Reihe mit den Herren“ sieht. Kramer musste nach teils heftiger Kritik seinen Hitlervergleich wieder zurückziehen. Mit dem Vergleich habe er allerdings den Bogen überspannt (19), analysiert das IfS und versucht zu belegen, dass „zahlreiche Kommentatoren“ anschließend auf „Distanz zum Generalsekretär“ gegangen wären.

Die andere Wendemarke bilde der Studie zufolge das Offenkundig-Werden persönlicher Interessen des Bundesbankpräsidenten Axel Weber an der Demontage des Vorstandsmitglieds Thilo Sarrazin. Es gäbe den „Verdacht einer vorbereiteten Inszenierung“ (22), heißt es. So soll Weber Sarrazin eine Falle gestellt haben, da er kein Interesse an Vorstandsmitgliedern hatte, die ihm öffentlich die Show stehlen könnten. Als später bekannt wurde, dass dem Bundesbankpräsidenten das Interview wohl schon vor Veröffentlichung vorlag, er aber nicht intervenierte, sei die Beschneidung von Sarrazins Kompetenzen bei der Bundesbank fragwürdig geworden, so dass sich schließlich auch Politiker mit Sarrazin „solidarisiert“ hätten. (24)

Das „Institut für Staatspolitik“ bemüht sich durchweg um den Anschein von Objektivität. So findet zunächst auch keine eigene Stellungnahme statt, sondern wird sich meist hinter Zitaten versteckt, die überwiegend aber den eigenen Standpunkt wiedergeben dürften. Zum Abschluss des dokumentarischen Teils wird die Begeisterung über einen Kommentar Volker Zastrows in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ nicht mehr verborgen: „Lange nicht wurde in einer großen deutschen Tageszeitung fundamentaler, offener und schonungsloser der zerstörerische Einfluß der politischen Korrektheit auf die Geistesfreiheit in Deutschland beim Namen genannt. Sarrazin war der Katalysator“ (26).

In Relation zur Dokumentation fällt in der gut 50 Seiten dünnen IfS-Studie die Auseinandersetzung mit dem inhaltlichen Kern der Sarrazin-Aussagen relativ kurz aus. Hier räumen die Autoren zunächst ein, dass Sarrazin „teils heftige Worte gewählt“ habe, „um auf Mißstände, Tatsachen, und Tendenzen hinzuweisen“, seine Behauptungen einem „Abgleich mit den Fakten“ allerdings standhielten.

Dieses vollmundige Versprechen hält die Studie dann allerdings nur zum Teil. Anhand von acht Einzelaussagen soll der Beleg mit Fakten erbracht werden, allerdings scheitert dieses Unterfangen in mindestens der Hälfte der Fälle. So müssen die Autoren einräumen, dass sich Sarrazins Aussage, dass „40 Prozent aller Geburten in der Unterschicht stattfinden“, „nicht vollständig überprüfen“ lasse (33). Und auch bei seiner These, dass „türkische Jungen nicht auf weibliche Lehrer hören“, sei „fraglich“, „ob und wie häufig solche Fälle vorkommen“ (35f.). Auch Sarrazins Versuch, schlechte Schulnoten, auf bestimmte Ethnien zurückzuführen, kann die Studie nur „im großen und ganzen“ verifizieren (38). Noch heftiger widerspricht man gar der Aussage Sarrazins, dass „für siebzig Prozent der türkischen und neunzig Prozent der arabischen Bevölkerung in Berlin“ gelte, sie würden keine Integration wollen. Hier wird Sarrazin vom „Institut für Staatspolitik“ erklärt, dass er „stark übertreibt“ (39).

Trotz dieses zum Teil mangelnden Nachweises der Sarrazinschen Aussagen verbindet das Institut mit der Kampagne die Hoffnung, „daß die dahinterstehende Debatte über Integration und Ausländer jetzt offener geführt werden“ kann (41). In der mangelnden empirischen Belegbarkeit sieht das IfS am Ende gar eine Chance: „Debatten gewinnen kann“ , lautet der Schlusssatz des Studie, „wer an die Lebenswirklichkeit anzuknüpfen versteht.“ (ebd.) Die „Alltagserfahrungen“ seien es so letztlich gewesen, die die Kampagne gegen Sarrazin haben kippen lassen. Dass hinter dieser subjektiven Wahrnehmung, nicht immer objektive Fakten stehen, ist dabei ein Nebenprodukt der Studie, die wohl unfreiwillig den Beweis erbrachte, dass Sarrazins Zahlen teils frei erfunden waren.

Kommentare(13)

Böcker Donnerstag, 28.Januar 2010, 06:37 Uhr:
"Das „Institut für Staatspolitik“ bemüht sich durchweg um den Anschein von Objektivität."

Genau wie Sie immer, ne?
 
Robert Donnerstag, 28.Januar 2010, 08:52 Uhr:
Genau
 
NoName Donnerstag, 28.Januar 2010, 09:12 Uhr:
War das Niveau von Endstation rechts schon immer so weit unten? Finde wichtig sich mit der extremen Rechten und "Neuen Rechten" zu beschäftigen, aber andauernd eine Rezension zu allem Scheiß veröffentlichen, was die schreiben kann jedeR und wertet sie unnötig auf. Lieber weniger, dafür inhaltlich fundierter wäre für die Zukunft zu wünschen.
 
Robert Donnerstag, 28.Januar 2010, 10:45 Uhr:
@NoName Wir werden in den nächsten Tagen auch eine Rezension des Botsch-Gutachtens bringen. Sarrazin ist ein wichtiges Thema der "Neuen Rechten", daher halte ich es für vertretbar, einen Blick auf die Schwerpunkte, die hierbei gesetzt werden, zu werfen. Am Ende hoffen wir auf den mündigen Leser, der sich selbst ein Urteil bilden kann. Warum das Niveau nun "weit unten" sein soll, erschließt sich mir nun noch nicht. Was genau bemängeln Sie denn? Was hätten Sie anders gemacht?
 
NoName Donnerstag, 28.Januar 2010, 11:07 Uhr:
Ich finde den Bericht von Ihnen ohne jeglichen Erkenntnisgewinn. Muss nicht an Ihnen liegen, kann ja auch an der "Studie" liegen, aber wenn dem so sei, dann hätte ich daraus kein Artikel gemacht.
 
Robert Donnerstag, 28.Januar 2010, 11:49 Uhr:
Die Studie geht halt sehr deskriptiv vor. Es wird auf 2/3 der Seiten die mediale Begleitung des Themas dokumentiert. Was ich dann aber interessant fand, war, dass der eingangs versprochene "Abgleich mit den Fakten" letztlich unfreiwillig die Willkür bei der Wahl des Zahlenmaterials von Sarrazin offenbart.
 
Robert Donnerstag, 28.Januar 2010, 13:55 Uhr:
Ja, ich widerspreche Ihnen. Zum einen glaube ich nicht, dass die Autoren (man weiß ja nicht wer das war, vielleicht ein angehender Medienwissenschaftler?) "Deppen" waren und mir liegt auch ein "Dummmachen" fern.

Ich bin aber durchaus der Ansicht, dass da jemand ein vollmundiges Versprechen nicht ganz hält. In der Broschüre heißt es: "Daß seine [Sarrazins] Behauptungen insgesamt einer Überprüfung standhalten, zeigt ein Abgleich mit den Fakten."

Wäre man ein wenig kritischer gewesen, hätte man eingeräumt, dass Sarrazin seine Zahlen zum Teil frei erfunden zu haben scheint und er die Zahlen lediglich nutzt, um den "Anschein von Objektivität" zu liefern.

In einer "wissenschaftlichen Reihe" hätte ich derlei Kritik gewünscht. Man wirft der Gegenseite doch auch vor, sich Daten zurechtzulegen und nur die Fakten zu zählen, die der eigenen Argumentation nutzen.
 
Xberg Donnerstag, 28.Januar 2010, 14:38 Uhr:
In der Tat, das Niveau dieses Artikels ist unter aller Kanone, denn er zeichnet ein grob selektives Bild der Studie. Eine wirklich ernsthafte Auseinandersetzung sieht anders aus. In dieser Form ist sie unaufrichtig und beinah schon demagogisch. Denn es kommt darauf an, was man sich herauspickt. Wenn man nur die einzelnen Punkte aufgreift, in denen das IfS Sarrazin nicht oder nur eingeschränkt recht gibt, ihm sogar "starke Übertreibung" vorwirft, ist noch nichts über die Punkte gesagt, die sich auch statistisch verifizieren lassen: die Arbeitslosen-, Erwerbslosen- und HartzIV-Empfänger-Quote unter Ausländern, speziell Türken; die demographische Dynamik (das "Kosovo"-Argument" war immerhin eines der provokantesten), die mangelnde Integrationsbereitschaft, mangelnde Spracherwerbung, damit Entstehen der Parallelgesellschaft (hier zitiert das IfS eine Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung aus dem Jahr 2001); die Integrationskostenfrage und anderes. Probleme wie die Schüler, die nicht auf Lehrerinnen hören, die "ethnischen Brückenköpfe", Ehrenmorde, Kriminalität, Mißachtung der Staatsgewalt und andere Integrationsmängel lassen sich durch etliche Zeitungsberichte, Reportagen, Polizeistatistiken etc belegen. Man kann nicht sagen, daß das angeführte Beweismaterial dürftig wäre.
 
Robert Donnerstag, 28.Januar 2010, 17:29 Uhr:
Herr Xberg, schauen Sie doch mal in die Studie! Der empirische Beleg der Sarrazinschen Zahlen konnte dort trotz eifrigen Bemühens, das ich der Studie nicht abspreche, nicht erbracht werden. Wenn Sie diese Analyse nun für "unter aller Kanone" halten, weil einige Thesen "im Großen und Ganzen" belegt werden konnten ist das ihr gutes Recht. Einer sachlichen Diskussion steht willkürliches Zahlenmaterial, das in der Studie in Gänze verteidigt wird, im Weg.
Dass Schüler nicht auf ihre Lehrerinnen hören, ist ein Phänomen, dass sich sicher auch bei Schülern ohne Migrationshintergrund finden lässt. Und zu dem Beleg der These Sarrazins, nach der die Türken Deutschland genauso erobern würden, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben, "durch eine höhere Geburtenrate", wird in der Studie lediglich auf die empirisch tatsächlich nachweisbare höhere Geburtenrate von Zuwandern verwiesen. Allerdings verfehlt man damit doch die eigentliche Kritik an dieser These. Wie lässt sich denn mit dieser Geburtenrate die willentliche Eroberung belegen? Das wäre dann doch schon eher eine Unterwerfung, weil die Geburtenrate der Personen ohne Migrationshintergrund niedriger ist. Wollen Sie daraus nun ableiten, dass man die Anzahl der Kinder für Personen mit Migrationshintergrund limitieren solle? Oder sollten die "Deutschen" gezwungen werden Kinder zu bekommen? Der "faktische" Beleg geht am Kern der Kritik vorbei. Ich halte die Studie für eine der schwächsten, die beim IfS erschienen ist. Sie liefert eine gute und umfangreich Dokumentation der Medienberichterstattung, der Beleg der Sarrazinschen Thesen ist aber mangelhaft. Da können Sie meinen Artikel noch so schelten.
 
Böcker Donnerstag, 28.Januar 2010, 23:25 Uhr:
@ xberg

Nun, "unter aller Kanone" ist der Artikel nicht. Die "SPD-MV-Truppe" setzt sich schon objektiv und ernsthaft mit solchen Dingen auseinander. Aber in sachlicher Hinsicht kann man freilich auch dem Objektivsten der Objektiven widersprechen... in "sachlicher Hinsicht" kann man ja eigentlich immer widersprechen, wenn man will.
 
Daniel Samstag, 30.Januar 2010, 20:08 Uhr:
Also ich finde das ist eine ärmliche Erbsenzählerei und Zitatklauberei.
Ich habe die Studie hier und: Da ist noch Luft nach oben. Die Mannen vom IfS haben halt keine vernünftige empirische Ausbildung, wie Ihr übrigens auch.
Einige Anmerkungen:
- Seit wann dürfen Politiker nur das sagen oder fordern, was sich wissenschaftlich hart beweisen lässt? Da könnte die gesamte Linke einpacken. Ein Politiker muss geradezu dann handeln, sobald der gesunde Menschenverstand einen bestimmten Weg vorgibt.
- Angenommen man könnte alle Aussagen Sarrazins hart belegen, was dann? Bei der gesamten Linken gehört das Ignorieren von wissenschaftlichen Fakten zum Kerngeschäft. Sonst könnten sie nämlich wiederum einpacken.
- Zu wissenschaftlichen Studien: Erstens, wo sind die Studien die eine linke, gegenteilige Sicht stützen? Wie sieht es mit deren Niveau aus? Ziemlich düster nach meiner Meinung. Zweitens, wenn eine Aussage aktuell nicht belegt ist, ist sie nicht gleich falsch. Eine Frage kann auch einfach nicht untersucht werden, z.B. weil sie politisch zu heikel ist.
- Sarrazin hat als Mann vor Ort eine besondere Kompetenz, auch besonderen Zugang zu Daten. Das verleiht ihm starkes Gewicht. Es ist geradezu absurd für solche lokal begrenzten Aussagen wissenschaftliche Belege zu erwarten, weil solche Untersuchungen eben nicht gemacht werden.
- Auf S.32 vom IfS wurde kurz Sarrazins Aussage angeschnitten: "Man muss davon ausgehen, dass menschliche Begabung zu einem Teil sozial bedingt ist, zu einem anderen Teil jedoch erblich". Das IfS schreibt unter Verweis auf Jens B. Asendorf: "Dabei besteht in der Intelligenzforschung und Soziobiologie Einigkeit über die Tatsache, dass Intelligenz in hohem Maße erblich bedingt ist.
Das hättet Ihr ja mal kommentieren können.
 
Duvalle Samstag, 06.Februar 2010, 16:17 Uhr:
Ich finde das prima. Solange die Rechten solche Quatschköpfe wie Sarrazin für 1-2 klare Worte gleich zum Wahrheitshüter des Abendlandes ernennen kann man es ruhig angehen lassen. Dann sind sie nämlich mit Scheingefechten beschäftigt.

Wie man so einem fahrradfahrenden Knecht hinterherlaufen kann...
 
Political correctness Dienstag, 31.August 2010, 11:17 Uhr:
Genau dieses Schubladendenken ist es, was in der aktuellen Situation überhaupt nicht weiterbringt und worin leider viele - auch wichtige - Diskussionen ersticken. Kann die Politik (einmal mehr) ignorieren und aussperren was einen Großteil der Menschen bewegt, und so tun, als wäre alles in Ordnung? Zum Schubladendenken hier noch ein Link zu einem sehr passenden Artikel: http://www.tagesspiegel.de/meinung/mein-dampf/1914848.html
 

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