von Oliver Cruzcampo
   

In.Bewegung: Weiterer Rechtsrock-Großevent etabliert sich in Thüringen

Die rechtsextreme Szene wird es als Erfolg verbuchen. Über 700 Neonazis und Rechtsrock-Fans feierten im thüringischen Sondershausen zu einem halben Dutzend Bands und können sich bereits auf die nächste Großveranstaltung in zwei Wochen freuen. Nach Veranstaltungsende wurde unterdessen ein jüdischer Friedhof in dem Ort beschädigt.

In Thüringen ist Wahlkampf, das wird vielerorts vor allem anhand der zahlreich gehängten Wahlplakaten deutlich. Doch sobald die größeren Städte und Gemeinde verlassen werden, müssen Straßenlaternen für gewöhnlich kaum noch für Parteienwerbung herhalten. Die NPD – die gerne von einer „Wahlkampfschlacht spricht – ist jedoch auch in Sondershausen präsent. An etlichen Laternen ist das Konterfei vom Landeschef und Spitzenkandidaten Patrick Wieschke zu sehen, dazu die üblichen Sprüche wie „Maria statt Scharia“. 

Verantwortlich für die Plakatierung dürfte Patrick Weber sein, der nicht nur Landesorganisationsleiter ist, sondern auch Kreisvorsitzender des Kyffhäuserkreises. In dem zum Kreis gehörigen beschaulichen Städtchen Sondershausen fand am gestrigen Sonnabend die zweite Durchführung des „In.Bewegung“ statt, einer offiziellen NPD-Veranstaltung. Der MDR sprach gar von einer „Kundgebung“, doch das war es lediglich auf dem Papier. Ein weiteres Indiz dafür ist, dass fast sämtliche Mitglieder des Landesvorstandes am gestrigen Tag der Veranstaltung fernblieben. Eine ansonsten kaum vorstellbare Situation, hätten sich Wieschke & Co. doch Hunderten potentiellen Wählern präsentieren können.

„…die Züge sind voll, die Stimmung ist toll, die Fahrt geht Richtung Osten“

Offiziell waren auch mehrere Redner angekündigt. Neben Weber selbst traten in der Tat einige Funktionäre der rechtsextremen Partei auf. Doch über den Wahlkampf oder gar Inhalte wurde bestenfalls am Rande berichtet. Szene-Kader Dieter Riefling durfte den Reigen eröffnen und wetterte gegen „Gutmenschen“ und versuchte den Teilnehmern der bis zu dem Zeitpunkt nur mäßig besuchten Veranstaltung darzulegen, was zu tun sei, um den „drohenden Volkstod“ doch noch abzuwenden.

Abwechselnd traten auf dem Gelände unweit einer Schachtanlage Redner und Bands auf, anschließend versuchte der Berliner Landeschef Sebastian Schmidtke den Teilnehmern darzulegen, warum es am Wahltag am 14. September „keine Alternative“ zur NPD gäbe. Der Parteifunktionär ging dann in sein übliches Rahmenprogramm über und sprach von „westdeutschen Zuständen“, die auch in Thüringen in rund zehn Jahren bevorstünden. Patrick Schröder, der zwischendurch auch am Stand seines Szene-Labels „Ansgar Aryan“ etliche T-Shirts verkaufte, übernahm den Part, auf die aktuelle Situation in Russland und der Ukraine einzugehen. Der erst spät angereiste und in dem Publikum leicht verloren wirkende Olaf Rose aus Sachsen merkte bald, dass die vor allem aus dem subkulturellen Bereich stammenden Zuhörer mit politischen Reden kaum zu gewinnen waren.


Auch ihren Kindern verpassten rechte Eltern schon typische Szene-Kleidung

Musikalisch hatte der NPD-Kommunalpolitiker Weber mit der „Lunikoff-Verschwörung“ einen Hochkaräter an Land ziehen können. Etliche Rechtsrock-Anhänger liefen mit Fan-Shirts über das Gelände und zeigten so ihre Sympathien mit der Band, dessen Sänger der verbotenen Gruppe Landser angehörte. Zuvor waren bereits der Sänger „Resisencia“, sowie die Bands „Feindbild Deutsch“, „Sachsenblut“, „Act of Violence“ und „Heiliges Reicht“ aufgetreten. Letztere Gruppe spielte unter anderem das Stück „Reisegruppe Tolerant“ mit der Teilzeile „…die Züge sind voll, die Stimmung ist toll, die Fahrt geht Richtung Osten.“ Bereits auf dem „Rock für Deutschland“ sei das Lied gespielt worden – den Straftatbestand der Volksverhetzung würde es nicht erfüllen.

Im Auto „auftanken“

Anmelder Weber bemühte sich redlich, Ärger aus dem Weg zu gehen und einen vorzeitigen Abbruch aufgrund eines verbotenen Liedes wie in Gera zu vermeiden. Alle Texte seien mit den zuständigen Behörden im Vorfeld abgeklärt worden. Einen weiteren kritischen Moment gab es, als zunehmend alkoholisierte Teilnehmer das Gelände betraten. Weber hatte Mühe den zuständigen Personen der Versammlungsbehörde klarzumachen, dass auf dem Gelände nur alkoholfreies Bier verkauft würde. Diesem „asozialen Pack“, so der NPD-Politiker, würde durch Ordner ohnehin der Einlass verwehrt werden. Immer wieder verließen etliche Neonazis den Veranstaltungsort, um im Auto dann „aufzutanken“.

Zudem gab es die Auflage Zeichen und Codes der rechtsextremen Szene abzukleben, um Einlass zum Gelände zu erhalten. Ordner verbrauchten am gestrigen Tag etliche Rollen Panzertape, um die entsprechenden Tätowierungen unkenntlich zu machen. Ein Dutzend Polizisten kontrollierte und protokollierten dies am Eingang. Konsequent umgesetzt wurde die Auflage allerdings nicht, etliche Teilnehmer entfernten auf dem Gelände Sekunden später die Abdeckung dann wieder.


Immer wieder mussten Teilnehmer ihre Tätowierungen abkleben

Im Rahmen des Polizeieinsatzes wurden insgesamt 33 Anzeigen aufgenommen. Hierbei seien Straftaten wie das Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen, Körperverletzung, Verstöße gegen das Waffengesetz, Beleidigungen gegenüber Polizeibeamten und Verstöße gegen das Versammlungsgesetz festzustellen gewesen. Zudem wurde einige Stunden nach Ende des Konzerts der jüdische Friedhof in der 22.000-Einwohner-Stadt beschädigt. Ein Zaun wurde niedergerissen und ein Grabstein umgeworfen.

Laut Pressemitteilung der Polizei nahmen an dem „In.Bewegung“ rund 730 Teilnehmer statt, die vor allem aus den ostdeutschen Bundesländern, aber auch aus Bayern und Österreich anreisten. Ein leichter Rückgang ist gegenüber den 900 Personen vom vergangenen Jahr zwar zu verzeichnen, die NPD kann die Veranstaltung dennoch als Erfolg verbuchen. Alleine an Einnahmen dürfte eine Summe im fünfstelligen Bereich zusammengekommen sein. Die Veranstalter selbst sprechen von 1.200 Teilnehmern. 

Nächster Szene-Event wartet

In zwei Wochen wartet FSN.TV-Betreiber Patrick Schröder bereits mit der nächsten Rechtsrock-Veranstaltung auf. Im südthüringischen Hildburghausen nur wenige Kilometer von der bayerischen Grenze entfernt, erwartet die „politisch interessierten Musikanhänger“ am 23. August dann die nächste „Kundgebung“. Auffällig ist, dass der aktuelle Medienstar der NPD zu dem Zeitpunkt noch von einem Konzert sprach. Nachdem Schröder nun sich selbst, den bayerischen Landesgeschäftsführer Axel Michaelis und zwei Szene-Aktivisten auf die Rednerliste setzte, wurde darauf flugs eine „politische Kundgebung“ unter dem „griffigen“ Motto „Wir wollen Zukunft“.

Dies veranschaulicht erneut, dass die rechtsextreme Szene ist der Lage ist, schnell und flexibel auf Veränderungen zu reagieren. Nachdem Events in der bayerischen Gemeinde Scheinfeld aufgrund von behördlichen Auflagen an Attraktivität verloren haben und das vor wenigen Jahren noch tausende Besucher anlockende „Rock für Deutschland“ in Gera ihren Zenit überschritten hat, werden zunehmend neue Veranstaltungsgelände gesucht. In kleineren Städten wird mit weniger Gegenwehr gerechnet – Proteste gibt es oft nur in geringem Maße.

Kommentare(8)

Irmela Mensah-Schramm Montag, 11.August 2014, 06:52 Uhr:
Nun, Sondershausen wollte ja "schlafende Hunde nicht wecken", obwohl gerade auch in Thüringen derartige "Deckmäntelchen" für ungestörtes Agieren der Nazis gefördert hat!
 
Miss Marple Montag, 11.August 2014, 07:33 Uhr:
Vor zwei Jahren entdeckte ich bei einem Neonazi, Teilnehmer des "Gedenkmarschs" in Bad Nenndorf ein Tatoo auf seinem linken Unterarm, welches eindeutig als Odalrune zu erkennen war und dennoch von der Polizei unbeanstandet blieb.
Wen wundert es, die Polizisten kennen die meisten NS-Symbole offensichtlich nicht, oder wollen dies auch nicht!
Jedenfalls wurde mir nach meiner Strafanzeige von der Niedersächsischen Staatsanwaltschaft mitgeteilt, dieses sei nicht strafbar, da es ein "Symbol einer Truppeneinheit bei der Bundeswehr sei" .........
 
Phillip Montag, 11.August 2014, 08:46 Uhr:
Die Odalrune das ist das Dienstgradabzeichen eines Hauptfeldwebels (bei Heer + Luftwaffe) bzw. Hauptbootsmanns (Marine). Möglicherweise auch von Teileinheiten.

Es gehört auch zum Wappen von Städten.

Allerdings werden die Vollpfosten, die sich sowas tätowieren lassen, vermutlich nie im Dienstgrad eines Hauptfeldwebels Dienst getan haben. Die Neonazis, die ich bei der Armee erlebt habe (SaZ 4), waren ständig besoffen bzw. haben sich gleich zu Beginn wegen aller möglichen Wehwehchen krank schreiben lassen.
Helden sehen definitiv anders aus ;)
 
Arnonym Montag, 11.August 2014, 13:47 Uhr:
Bestimmt nur ein Fan der gemeinde Klein Oschersleben.

http://de.wikipedia.org/wiki/Klein_Oschersleben
 
Otho Montag, 11.August 2014, 16:04 Uhr:
Miss Marple möchte sicherlich darauf hinaus, daß dies der unwiderlegbare Beweis ist, damit auch die Bundeswehr in einer Reihe mit diesem braunen Alien-Spuk zu sehen ist. Ein und die Selbe Traditionslinie, und der Polizei interessiert es noch nicht einmal: womit auch sie mit drinne steckt. Ergo: alles Deutsche = Nazi, ist böse und muß deswegen weg.
Ich ziehe in Demut den Hut vor so viel scharfsinnigem Engagement. Solche Leute wie Sie sollte es viel mehr geben.
 
Maurus Montag, 11.August 2014, 17:22 Uhr:
Nur mal so frech in die Runde gefragt:

Ist dieses Symbole-Verbieten und somit Steuergelder-Verschwenden nicht irgendwie... naja.... peinlich? Ich meine das ändert doch mal gar nichts an der Ideologie. Und im Grunde ist es doch perfekt, wenn sich die Idioten selber mit Hakenkreuzen etc. markieren?

Aber bitte, dann nehmen sie halt einfach die Symbole der Linken - Geht auch. Darauf kommt es ihnen nicht an.

Worauf es mir aber ankommt, sind demokratische Normen. Und solche Verbote sind mit Demokratie einfach nicht vereinbar. 0% Toleranz für Gewalt - Wer zuschlägt, gehört in den Knast. Aber dafür muss man keine Gesinnungsverbote machen. Schliesslich sind die schwarzen Jihad-Fahnen auch nicht verboten, und unter denen wird heute fröhlich massengemordet. Ich möhte sie auch nicht verbieten - ich bin dankbar wenn sich die Mordbande zu erkennen gibt.
 
münchhausen Montag, 11.August 2014, 20:37 Uhr:
"Aber dafür muss man keine Gesinnungsverbote machen."

Es gibt keine Gesinnungsverbote in der BRD. Nur das Verbot, bestimmte Gesinnungen in der Öffentlichkeit zur Schau zu stellen. In ihrem Wohnzimmer dürfen Sie sich mit ihren Kumpels mit Fingerfarben jedes Symbol auf den Körper malen, das Ihnen so einfällt.
Die §86a und §130 StGB schützen die Öffentliche Ordnung, schließlich gibt es kein Grundrecht auf Bedrohung und Beleidigung. Kein einziger Nazi wird durch die §86a und §130 von seiner Ideologie abgebracht, aber das ist ja auch nicht Sinn und Zweck des Gesetzes. Das Gesetz zielt darauf ab, dass der öffentliche Friede gewahrt wird.

"Ist dieses Symbole-Verbieten und somit Steuergelder-Verschwenden nicht irgendwie... naja.... peinlich?"

Verbote sind so ziemlich die günstigste staatliche Handlungsoption, die es gibt. Ein Gesetz wird abgestimmt, zack, fertig. Die Abgeordneten werden ja nicht extra dafür eingestellt.
 
derdudeldiedu Dienstag, 12.August 2014, 13:15 Uhr:
Finde es widerlich, wie dieses Typen schon ihre kleinen Kinder zu solchen Hetzveranstaltungen mitnehmen. Kann denen mal bitte jemand das Sorgerecht entziehen?
 

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