von Tim Schulz
   

In den Köpfen der Identitären

Die Identitäre Bewegung avancierte in den letzten Jahren zum Inbegriff des „modernen“ Rechtsextremismus: Medienaffin, provokant, hip. Mit Vollbart und Poloshirt statt Glatze und Bomberjacke wurden die Online-Aktivisten zum Aushängeschild der Neuen Rechten. Ihre Aktionen machten zuletzt immer wieder Schlagzeilen. Mit „Das Netzwerk der Identitären. Ideologie und Aktionen der Neuen Rechten“ legt der Fachjournalist Andreas Speit nun einen Sammelband vor, der einen kritischen Blick auf die selbsternannte Jugendbewegung wirft.

„Sommer 2015. Sonnenwendfeuer in Jamel. Um den hoch aufgeschichteten Holzstoß bildet sich ein Kreis von Menschen allen Alters. Viele tragen Trachten. Aufgeregt halten Kinder ihre Fackeln in den Händen. Es herrscht Stille, dann erklingen Fanfaren, und Alf Börm, der junge Zeremonienmeister, tritt nach vorn. Der einstige »Unterführer« der 2009 verbotenen Heimattreuen Deutschen Jugend (HDJ) leitet seit Jahren die Sonnenwendfeiern im kleinen Dörfchen nahe Grevesmühlen. In Mecklenburg-Vorpommern gilt der Ort Jamel schon lange als »national befreite Zone«. Ungestört treffen sich Dorfbewohner mit militanten Kameradschaften, NPD-Anhängern oder Mitgliedern der Hammerskin Nation, einer internationalen rassistischen Bruderschaft. Ein Wandgemälde mitten im Ort mit einer abgebildeten weißen Familie trägt den Titel: Dorfgemeinschaft Jamel – frei, sozial und national“. Börm ist aufgewachsen in einer völkischen „Sippe“, erzogen im Bewusstsein Teil der nationalsozialistischen Elite zu sein. Der langjährige Rechtsextremist hat beste Verbindungen in die Szene – und marschiert heute in den Reihen der Identitären Bewegung (IB).

Die Geschichte von Alf Börm ist eine von vielen in Andreas Speits „Das Netzwerk der Identitären“, die den Geist der rechtsextremen Gruppierung greifbar machen. In dem Sammelband zeigen Speit und seine Co-Autoren, zu denen etwa die Fachjournalistin Andrea Röpke oder Rechtsrock-Experte Jan Raabe zählen, wie weit Selbstdarstellung und Realität bei der IB auseinanderklaffen können. Deutschtümelei statt modernem Hipster-Schick.

Chronik und Milieustudie

Dabei lässt das Buch immer wieder die Quellen für sich sprechen. Den Beteuerungen des gewaltfreien Widerstandes etwa stellen die Autoren und Autorinnen Zitate entgegen, die eine ganz andere Sprache sprechen. Aussagen und Symbole die von militanten Fantasien zeugen. Speit und Co. beleuchten das Denken der IB, gewähren Einblicke in deren Rebello-Mentalität und das rechtsextreme Milieu aus denen viele der Aktivisten stammen. Neben Theorie-Exkursen zeigt das Werk die Strategien und Aktionsformen der Identitären anschaulich auf, etwa deren Hausprojekt in Halle oder die koordinierten Versuche, in sozialen Netzwerken Stimmung zu machen.

Herausgeber Andreas Speit wird dabei zum Chronisten der selbsternannten „größten Jugendbewegung Europas“ und zeichnet ein differenziertes Bild der Entwicklung der Identitären, deren Anfänge in Frankreich - ein in der deutschsprachigen Literatur sonst vernachlässigtes Thema - und den „Export“ der IB nach Österreich und Deutschland. Von dem Hype, den manche Medien um die rechtsextremen Hipster aufgebaut haben, bleibt dabei nicht viel über. Die nüchterne und ausführliche Analyse entzaubert die IB zum ideologischen Franchise mit Startschwierigkeiten.

Diese Ausführlichkeit ist Stärke und Schwäche des Buches zugleich. Speit und seine Mitautoren fügen viele bekannte Puzzleteile zu einem vollständigen, nuanciertem Bild zusammen und geben dem Leser so ein breites Verständnis vom Phänomen Identitäre Bewegung. Freilich macht es keinen Sinn, eine rechtsextreme Gruppierung losgelöst von ihren Zielen und Aktionen zu betrachten, allerdings doppeln sich so viele Kernargumente der verschiedenen Beiträge und machen das Werk stellenweise eher langatmig.

Trotzdem ist „Das Netzwerk der Identitären“ ein lohnendes Buch, nicht nur für politisch Interessierte, sondern auch für Pädagogen und Medienschaffende, die mit dem Wirken der rechtsextremen Gruppierung konfrontiert werden. Dem Anspruch, das Netzwerk der Neuen Rechten darzustellen, wird das Werk mehr als gerecht.

„Das Netzwerk der Identitären. Ideologie und Aktionen der Neuen Rechten“
Andreas Speit
Ch. Links-Verlag, ISBN: 978-3-96289-008-7
264 Seiten, 18 Euro

Kommentare(2)

ardouin Freitag, 16.November 2018, 14:45 Uhr:
hallo, etwas wundert mich : Sie schreiben : "Andreas Speit wird dabei zum Chronisten der selbsternannten „größten Jugendbewegung Europas“ und zeichnet ein differenziertes Bild der Entwicklung der Identitären, deren Anfänge in Frankreich - ein in der deutschsprachigen Literatur sonst vernachlässigtes Thema - und den „Export“ der IB nach Österreich und Deutschland. ".

ich hab das Buch nicht gelesen, ich wohne in Frankreich und möchte wissen wieso der Autor von " Anfänge in Frankreich " sprechen kann, das ist mir nicht bezkannt, sogar nicht durch unsere medien , wo kann ich mehr darüber erfahren. Ich hoffe ja das Buch lesen zu können. Vielen dank
 
Tim Schulz Montag, 19.November 2018, 14:17 Uhr:
Die IB als solche entstand in Frankreich aus dem sogenannten "Bloc Identitaire", die ersten Aktionen - etwa die Besetzung einer sich im Bau befindlichen Moschee in Pointiers - machten dort ab 2012 Schlagzeilen. Von da aus bildeten sich dann Ableger in Österreich, Deutschland und anderen europäischen Ländern. Bis heute pflegen etwa die deutschen Identitären Verbindungen nach Frankreich. Mehr dazu erfahren sie im Buch.
 

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