Im Hass vereint

Um gegen eine vermeintliche „Fremdarbeiterinvasion“ zu demonstrieren, kamen am 1. Mai im tschechischen Brno Neonazis aus verschiedenen Ländern Europas zusammen. Deutlich wurde einmal mehr: Die NPD ist für ihre osteuropäischen Gesinnungskameraden ein leuchtendes politisches Vorbild.

Montag, 02. Mai 2011
Maik Baumgärtner

Böller knallen, große Gruppen junger Neonazis laufen umher, Parolen hallen durch enge Gassen. Nur wenige Einheimische und Touristen laufen an diesem 1. Mai durch Brno, mit rund 370.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Tschechiens. Am Hauptbahnhof patrouillieren ein paar Beamte der Polizei und beobachten skeptisch die anreisenden Teilnehmer der Neonazi-Demonstration, die für diesen Tag von der „Dělnická strana sociální spravedlnosti“ (Arbeiterpartei der sozialen Gerechtigkeit, DSSS) angemeldet wurde.

Ein kreisender Polizeihubschrauber weist den Weg zu einem Park in der Innenstadt, dem Treffpunkt der Neonazis. Es gibt keine Absperrgitter, keine strengen Vorkontrollen, immer wieder kreuzen sich die Wege von Gegendemonstranten und Rechtsextremisten. Der Aufmarsch soll durch ein von Roma bewohntes Viertel führen und steht unter dem Motto „Fremdarbeiterinvasion stoppen“.

Skinheads und Hooligans dominieren das Demonstratioinsbild

Mehrere tausend Menschen werden es am Ende des Tages geschafft haben, die ursprünglich geplante Route der Neonazis zu blockieren. Ein Erfolg für die tschechische Zivilgesellschaft, welche die pogromartigen Ausschreitungen gegen Roma in den vergangenen Jahren, wie in Litvinov-Janov im Jahr 2008, nicht vergessen hat. Damals mobilisierte die „Dělnická strana“ (Arbeiterpartei, DS) in die nordtschechische Stadt Litvinov zu einer Veranstaltung, in deren Anschluss es zu massiven Auseinandersetzungen zwischen Neonazis und Polizeieinheiten im überwiegend von Roma-Familien bewohnten Stadteil Janov kam. Zwar wurde die DS im vergangenen Jahr verboten, doch die DSSS, die Veranstalterin an diesem Tag, gilt als ihre direkte Nachfolgerin.

Am frühen Nachmittag strömen immer mehr Anhänger und Sympathisanten der DSSS in den kleinen Stadtpark, an dessen Rand ein erhöhtes Redepult aufgebaut wurde. Auffällig wenige Frauen bestimmen das Geschehen, zwei von ihnen werden zum Verteilen von Informationsmaterial abgestellt. Auch die in Deutschland zum Demonstrationsbild gehörenden „Autonomen Nationalisten“ sind kaum vertreten, stattdessen dominieren Skinheads und Hooligans die Kulisse.

Hektisch bewegt sich ein junger Mann über den Platz. Die anwesenden Ordner folgen seinen Anweisungen, die Polizei koordiniert mit ihm die Demonstrationsroute. Viele der Anwesenden scheinen ihn zu kennen. Es ist Erik Lamprecht. Vorsitzender der rechtsextremen „Dělnická mládež“ (Arbeiterjugend, DM).

Zusammenarbeit verfestigt sich

Sichtlich erfreut ist Lamprecht über den Besuch von Katrin Köhler und Frank Rohleder aus Deutschland. Köhler ist Aktivistin des Rings Nationaler Frauen und sitzt für die NPD im Stadtrat von Chemnitz. Der ehemalige Republikaner Rohleder ist seit 2002 für die NPD aktiv und Beisitzer in deren Bundesvorstand. Für Neonazis wie Erik Lamprecht ist die NPD ein glühendes Vorbild, was er an diesem Tag vor allem durch das Tragen einer roten NPD-Jacke zum Ausdruck bringt. Lamprecht kennt die beiden über seine Arbeit bei der „Arbeiterjugend“, für die er im März nach Deutschland reiste und die NPD bei ihrem Wahlkampf in Sachsen-Anhalt unterstützte.

Die Teilnahme der deutschen „Kameraden“ an diesem Tag ist ein weiterer Ausdruck für die sich stetig verfestigende Zusammenarbeit zwischen Neonazis beider Länder, die vor wenigen Wochen mit dem „Manifest von Riesa“ (bnr.de berichtete) auch offiziell besiegelt wurde.

Als der DSSS-Vorsitzende Tomáš Vandas mit Verspätung als erster Redner die Versammlung eröffnet, haben sich knapp 650 Neonazis in Brno eingefunden. Ein Großteil aus Tschechien, aber auch aus Deutschland, Österreich und Lettland. Neben Vandas und seinem Parteikollegen Jiří Štěpánek, tritt auch der Österreicher Günter Rehak von der „Nationalen Volkspartei“ (NVP) auf. Den größten Applaus erhielten allerdings Katrin Köhler und der Bayer Robin Siener. Letzterer ist nicht nur bei der NPD und dem „Freien Netz Süd“ aktiv, sondern fungiert auch als Ansprechpartner für den „Deutsch-Böhmischen Freundeskreis“. Dessen Ziel ist es, „den gemeinsamen Glauben an ein Europa der Vaterländer durch länderübergreifende Aktionen, Veranstaltungen und Besuche weiter zu manifestieren“.

Hauptfeind an „der Ostküste“

Alle Redner hetzen zwar gegen „Fremdarbeiter“, doch die Ansprache von Siener sticht besonders heraus. Verweist er zu Beginn noch auf die 1. Mai-Demonstration von Neonazis in Heilbronn, auf der auch ein Redner des DSSS auftrat, greift er danach in die Mottenkiste extrem rechter Demagogie. Er spricht von „Überfremdungsplänen und Vermischungsfantasien der Großkapitalisten“, die „uns auspressen, bis der letzte Tropfen reinen Blutes herausgedrückt ist“. Von Applaus und der tschechischen Übersetzung unterbrochen, führt er weiter aus: „Seht doch in die größeren Städte Europas, in denen Frauen mitten auf dem Dorfplatz vergewaltigt werden, wo Kinder schon im Kindergarten mit Drogen dealen, wo der Abschaum ungehindert seiner Kriminalität, seinen Machenschaften, frei nachgehen kann“. Den Hauptfeind hat Siener in antisemitischer Manier längst ausgemacht: „Wir sind zu Sklaven der Kapitalisten geworden und die Herren sitzen an der Ostküste der USA“.

Nach sichtlicher Langweile über die vielen Redebeiträge formiert sich im Anschluss der Demonstrationszug. Die Strecke führt durch Teile eines Viertels, in dem viele Roma leben. Immer wieder ernten die Neonazis Applaus für ihre gerufenen Parolen wie „Tschechien den Tschechen“. An der Spitze mit Fronttransparent und unzähligen Fahnen läuft alles koordiniert.

Sturm auf die Sitzblockade

Im hinteren Teil suchten offensichtlich Gewaltbereite immer wieder die verbale Konfrontation mit Roma-Familien, die aus ihren Fenstern schauten. Als nach Hälfte der Strecke plötzlich Rauchbomben von einem Dach in die Reihen der Neonazis fliegen, droht die Situation endgültig zu kippen. Teilnehmer beginnen sich zu vermummen und halten drohend ihre Fahnenstangen in die Luft. Die Bereitschaftspolizei drängt jedoch im richtigen Moment die Menge vorwärts und die Lage entspannt sich – für kurze Zeit.

Am Ausgangspunkt der Demonstration angekommen, stürmt plötzlich eine Gruppe von rund 200 Neonazis durch die Absperrungen der Polizei. Sie rennen Menschen um, es ist laut und unübersichtlich. Das Ziel der Militanten: Die Sitzblockade.

Im letzten Augenblick werfen sich Dutzende Polizeibeamte zwischen Blockierer und den gewaltbereiten Mob. Sofort strömt ein Teil der Rechtsextremisten durch eine Seitenstraße ab, um auf anderen Wegen an die Blockade zu gelangen. Nachdem die Polizei weitere Kräfte zusammenzieht, hat sich wieder alles unter Kontrolle und die Versammlung löst sich endgültig auf.

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