IBM und der Holocaust

Holocaustüberlebende haben in den USA gegen IBM Klage erhoben.

Donnerstag, 06. Mai 2004
Heiner Lichtenstein
Sucht man in der Fachliteratur einschließlich der Lexika über den Holocaust Hinweise auf die Beteiligung des Computerriesen IBM am Völkermord, wird man fast nichts finden. Dennoch steht im Holocaust-Museum in Washington eine alte Hollerith-Maschine von IBM. Aufklärung über diesen Widerspruch scheint nun der amerikanische Journalist Edwin Black mit seinem soeben erschienenen Buch "IBM und der Holocaust" zu liefern. Zusätzliche Informationen könnte das Bundesbezirksgericht des New Yorker Stadtteils Brooklyn beisteuern. Kurz bevor Blacks Buch auf den Markt kam, ging bei diesem Gericht nämlich eine Sammelklage gegen IBM ein. Fünf Holocaust- überlebende werfen - vertreten durch den New Yorker Anwalt Michael Hausfeld - IBM vor, mitverantwortlich für den Völkermord in der NS-Zeit zu sein. Die IBM-Maschinen hätten den Nazis geholfen, rasch einen genauen Überblick über die Zahl und den Wohnort der Juden und anderer Verfolgter zu erlangen und sie zu verschleppen. Damit sei eine wichtige Voraussetzung für deren Ermordung geschaffen worden. Ob dem tatsächlich so ist, dürfte sich bald zeigen. Völlig neu sind die Vorwürfe gegen IBM allerdings nicht. In ihrer Dokumentation "Die restlose Erfassung" hatten Götz Aly und Karl Heinz Roth schon vor Jahren darauf verwiesen, wie wichtig Maschinen für die lückenlose Registrierung in der NS-Zeit waren. Das in der berühmten "Schwarzen Reihe" des Fischer Verlags erschienene Buch hatte zwar eine angemessene Beachtung gefunden, dieser Aspekt war aber übersehen worden. Das dürfte daran gelegen haben, dass die Zeitgeschichtsforschung lange Zeit die Technik weitgehend ignoriert hat. "An den Unis ist die Technikgeschichte bisher gern als Exotenfach belächelt worden", sagte jüngst der Direktor des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung, Professor Wolfgang Benz, der "Süddeutschen Zeitung" (SZ). Wie zahlreiche ausländische Firmen hatte auch IBM Jahrzehnte lang behauptet, spätestens nach Hitlers Kriegserklärung an die USA im Dezember 1941 jegliche Beziehungen mit Deutschland abgebrochen zu haben. Meistens erwiesen sich solche Beteuerungen als Schutzbehauptungen. Hausfeld zieht in seiner Klage eine interessante Linie: Die in Deutschland eingesetzten IBM-Maschinen seien nur gemietet gewesen. IBM-Techniker hätten sie regelmäßig gewartet und darüber Berichte gefertigt. So habe die Mutterfirma in den USA zwangsläufig Einzelheiten über die Konzentrations- und Vernichtungslager erfahren. Das kann, muss aber nicht zutreffen. Die Berichte können auch bei der deutschen IBM-Vertretung verblieben sein. Für das KZ Dachau sollen 24 Hollerith-Maschinen nachweisbar sein. Auch in Auschwitz sollen sie verwendet worden sein. Das freilich ist eher unwahrscheinlich - aus zwei Gründen. Erstens findet sich in der kaum noch überschaubaren Auschwitz-Literatur dafür bisher kein Hinweis und zweitens wären solche Zählmaschinen überflüssig gewesen, weil die Opfer bereits hinter den elektrischen Zäunen oder vor den Gaskammern dahinvegetierten, also gar nicht mehr "erfasst" werden mussten. Zweifel an Blacks Thesen äußert auch der Senior der internationalen Holocaustforschung Raul Hilberg. In einem Gespräch mit der "Frankfurter Rundschau" sagte der amerikanische Historiker, die Hollerith-Maschinen seien nicht in der Absicht verwendet worden, "die Juden zu selektieren und zu vernichten. Es ging ganz einfach darum, eine statistische Übersicht über die Bevölkerung zu bekommen." Bei Hilberg muss bedacht werden, dass sein grundlegendes Werk über "Die Vernichtung der europäischen Juden" zum ersten Mal 1961 erschienen ist.Seitdem sind ungezählte neue Forschungsergebnisse erzielt worden. Dennoch bereitet sich IBM auf Enthüllungen durch Black vor. Sollte, so hat der Konzern seinen Mitarbeitern geschrieben, "IBM und der Holocaust" Neues bringen, "wird IBM die Informationen prüfen und verlangen, dass Wissenschaftler und Historiker Gleiches tun." Obwohl die neue Sammelklage die von der Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft verlangte Rechtssicherheit für deutsche Firmen in den USA keineswegs zwangsläufig verzögern muss, wie die Bundestagsabgeordneten Volker Beck (Grüne) und Max Stadler (FDP) ausdrücklich betonen, hat der Sprecher der Initiative, Wolfgang Gibowski, die Gelegenheit benutzt, genau dies an die Wand zu malen, um den längst überfälligen Beginn der Auszahlungen hinauszuschieben. Lothar Evers vom Bundesverband der NS-Verfolgten reagierte mit der Feststellung: "Wir hatten schon genug Ausreden, jetzt gibt es eine neue."
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