von Tim Schulz
   

Hunderte bei Beerdigung von Neonazi-Hooligan

In Chemnitz marschierten am Montag hunderte Neonazis auf, um dem verstorbenen Neonazi-Hooligan Thomas Haller zu gedenken. Der Tod der lokalen Szenegröße brachte die Stadt nach den gewalttätigen Ausschreitungen vor gut einem halben Jahr erneut in die Schlagzeilen. Einmal mehr offenbarte sich das alte Problem mit rechten Strukturen im Fußball. Welche Lehren der Verein daraus zieht, erscheint mehr als offen.

Hooligans aus Magdeburg und Berlin legten einen Kranz nieder

An die 1.000 Personen marschierten am Montagnachmittag in Chemnitz auf, um der dahin geschiedenen Szenegröße Thomas Haller die letzte Ehre zu erweisen. Zuvor fand die offizielle Trauerfeier, also im familiären Rahmen, auf dem städtischen Friedhof statt. Nach kurzem Marsch zur Chemnitzer Michaeliskirche reihte sich die rechte Trauergemeinde vor dem Gelände des Gotteshauses auf. Abgesehen von Drohungen und Pöbeleien gegen Pressevertreter blieb der Aufmarsch ohne Zwischenfälle. 

Die Gäste: Neonazis und rechte Fußballfans. Unter ihnen fanden sich nicht nur lokale Szenegänger, wie ehemalige Mitglieder der inzwischen aufgelösten Neonazi-Hipster-Gruppierung „Rechtes Plenum“, sondern auch rechtsextreme Kampfsportler und bekannte Gesichter aus der Rechtsrock-Szene. Neben Ex-Landser-Frontmann Michael Regener kam auch Yves Rahmel, langjähriger Inhaber des Plattenlabels „PC Records“. Dazwischen mischten sich Unterstützer aus dem Umfeld der Hells Angels. Aber auch Publikum, das sich sonst zumindest oberflächlich von der militanten Neonazi-Szene distanziert, zollte Haller Respekt: AfD-Mann Lars Franke, Pegida-Vize Siegfried Däbritz und zahlreiche Anhänger der rechten Lokalpartei Pro Chemnitz marschierten mit. 

Rechtsextreme Szenekleidung bei einem Teilnehmer des Trauerzuges 

Eine unpolitische Veranstaltung war es - entgegen der Beteuerungen aus der Hooligan-Szene - nicht. Selbst der Trauerkranz für den verstorbenen Neonazi war geschmückt mit einem Reichsadler. Für die rechte Szene in Chemnitz dürfte der Trauerdienst als eine weitere Machtdemonstration gedient haben. Bereits im Vorfeld sorgten Gerüchte über tausende potentielle Teilnehmer für Aufsehen, die Polizei kündigte ein Großaufgebot an. Angesichts Hallers Rolle in der Szene kann das kaum verwundern: Seine Schlägertruppe „HooNaRa“ verlieh Chemnitz einen zweifelhaften Ruf weit über die Grenzen des Freistaates hinaus und Haller selber knüpfte Kontakte bis ins Umfeld des NSU.

Hunderte rechte Fans und offenkundige Neonazis versammelten sich, um Thomas Haller zu gedenken 

Kondolenz für gewalttätigen Neonazi

Bereits kurz nach Hallers Tod am 8. März bahnte sich etwas an: Erste Beileidsbekundungen aus Neonazi- und Fussballszene erschienen auf Facebook. Auch Peggy Schellenberger, SPD-Stadträtin und damalige Fanbeauftragte des Chemnitzer Fußballclubs, kondolierte öffentlich der Familie des stadtbekannten Neonazis. Haller sei immer „fair“ und „herzlich“ gewesen. Die emotionalen Worte an den HooNaRa-Gründer sollten nicht ohne Konsequenzen bleiben.

Wie sich später herausstellte, begannen zur gleichen Zeit Vereinsfunktionäre den Umgang mit dem Todesfall zu diskutieren: Medienberichten zufolge meldete sich Thomas Uhlig, zu der Zeit kaufmännischer Geschäftsführer des CFC und Spieltagsleiter, in einer internen Messenger-Gruppe zu Wort. Ihm sei eine Bitte aus der Fangemeinde zugetragen worden, zu Ehren Hallers ein Lied abzuspielen und sein Bild auf der Stadionleinwand zu zeigen. Auch eine Rede zu Ehren Hallers wurde besprochen.

Die Verantwortlichen befürchteten zwar einen „Ritt auf der Rasierklinge“ - man war sich Hallers politischem Wirkens durchaus bewusst, wie die Chatprotokolle nahelegen - aber letztlich überwogen dem Vernehmen nach die Sympathien für den langjährigen Hooligan. „Thommy hat das jetzt mehr als verdient“, so die Fanbeauftragte Schellenberger im Chat. Nur Pressesprecher Steffen Wunderlich meldete Zweifel an, sah Hallers Einstellung als zu gegensätzlich zu den Werten des Vereins. Gehört wurde er anscheinend nicht. Der Sicherheitschef des CFC kündigte darauf hin an, die Entscheidung in der Ultra-Szene zu kommunizieren. Die Idee dahinter: Durch die Aktion ließe sich gleichzeitig die gewaltbereite Hooligan-Szene besänftigen. Dass sich die „Außendarstellung“ als deutlich schwieriger herausstellen sollte, war den anderen Beteiligten anscheinend nicht klar.

Verfehltes Krisenmanagement, fragwürdige Informationspolitik

Die Sache war beschlossen. Vor einem Regionalligaspiel am Folgetag hielt der Verein eine aufwendige Zeremonie ab, der Stadionsprecher spricht wortgewaltig von den Verdiensten Hallers für den CFC, Pyro-Fackeln beleuchten ein riesiges Trauer-Banner. Stürmer Daniel Frahn widmet Haller schließlich seinen Torjubel, hält ein Shirt mit einer Solidaritätsbekundung für Hooligans in die Luft. Es dauert nicht lange, bis das Thema bundesweit Schlagzeilen machte. Was folgt sind wenig erfolgreiche Versuche Schadensbegrenzung zu betreiben.

Zunächst dementiert der Verein, die Stadionshow selber ausgerichtet zu haben. Man wollte keine „Würdigung des Lebensinhaltes des Verstorbenen“ zum Ausdruck bringen, sondern der Fangemeinde Raum zur Trauer einräumen. Zudem behauptete der Verein in einer Pressemitteilung die Entscheidung zur Trauerfeier auf Empfehlung der Sicherheitsbehörden ermöglicht zu haben. Neonazi-Gedenken abgesegnet durch die Polizei? Laut Miko Runkel, Ordnungsbürgermeister von Chemnitz, lagen bei den Behörden der Stadt keine besonderen Risikoanalysen vor. Auch die Polizeidirektion Chemnitz dementierte die Aussage des CFC: Man hätte gegenüber dem Verein sogar Bedenken geltend gemacht, gab die Behörde gegenüber dem MDR an.

Erste Konsequenzen der Affäre ließen indes nicht lange auf sich warten: Erst verkündete der kaufmännische Geschäftsführer Thomas Uhlig seinen Rücktritt, dann wurde auch die Entlassung von Stadionsprecher Olaf Kadner, dem Pressesprecher Maximilian Glös und Peggy Schellenberger bekannt. Noch am Tag nach der Aktion entschied sich auf dem Parteitag des örtlichen SPD-Kreisverbandes zudem, dass Schellenberger nicht für die Kommunalwahlen antreten wird. Für die Partei sei die ehemalige Fanbeauftragte nach ihren Äußerungen zum Tod Hallers nicht mehr tragbar gewesen.

Bald jagte in der Causa Haller ein Widerspruch den Nächsten. Stellvertretend für den Verein stellte der Insolvenzverwalter des Vereins, Klaus Siemon, Anzeige gegen Unbekannt. Die Trauer-Aktion am 9. März sei Ergebnis massiver Drohungen gegen den Verein gewesen. Die Entscheidungsträger hätten keine Wahl gehabt, da ansonsten „massive Ausschreitungen“ gedroht hätten.

Das Auftauchen der erwähnten Chatverläufe wenige Tage danach, säte erste Zweifel an der Darstellung Siemons. Siemon, der die Geschicke des Vereins seit April 2018 lenkt, versuchte ungeachtet dessen seine Version der Geschehnisse aufrechtzuerhalten. In einer Pressekonferenz beklagte er, dass der Verein unter starkem Einfluss "von außen" stehe. Thomas Sobotzik, der Sportchef des Vereins, bemängelte die negative Außenwirkung des Vereins und den Mangel an Anerkennung, unter der die Mannschaft leide. Für den Verein, so scheint es, stehen Politik und Gesellschaft in der Pflicht, die Probleme in und um das Stadion in den Griff zu bekommen, nicht der Club selbst.

Eine Nebelkerze? Wie der Verein zukünftig mit dem Problem rechter Strukturen in der Fankurve umgehen wird, bleibt offen. Mittlerweile brachte die Affäre dem CFC allerdings erste, harte Konsequenzen ein: Mehrere zahlungskräftige Sponsoren kündigten an, ihre Unterstützung für den vom Bankrott bedrohten Club zu streichen. Und auch Strafen seitens des Nordostdeutschen Fussballverbandes, dem der CFC angehört, stehen noch aus.

Eines steht fest: Die Causa Haller ist für den Verein auch mit der Beerdigung des rechtsextremen Hooligans noch nicht vorbei.

Kommentare(1)

Opo Dienstag, 19.März 2019, 09:19 Uhr:
Anmerkung zu ersten Bildunterschift: "Hooligans aus Magdeburg und Dresden legten eine Kranz nieder" - auch wenn Dynamo Dresden-Hools anhand anderer Fotos anwesend waren, das auf dem Bild zu sehende Vereinslogo ist vom BFC Dynamo (Berlin).
 

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