Hooligan-Truppe verhindert Integrationsfest

Neonazi-Hooligan-Aufmärsche in Hamburg und Bremen wurden verboten. Tausende Menschen protestierten gegen die geplanten Aufzüge. Doch ein interkulturelles Familienfest in Kirchweyhe konnten die Rechten ungehindert stören.

Sonntag, 13. September 2015
Andrea Röpke

Das Polizeiaufgebot am Samstagvormittag in Bremen war riesig. Vor der Stadthalle parkte eine lange Reihe von Wasserwerfern neben Panzerräumfahrzeugen. Die Bundespolizei fuhr großzügig auf, Einsatzkräfte aus Schleswig-Holstein kamen den Hanseaten zur Hilfe. Nachdem das Bundesverfassungsgericht das Verbot des für Hamburg geplanten „Tags der deutschen Patrioten“ am 12. September bestätigt hatte, wurde bekannt, dass die gewaltbereiten Neonazi-Hooligans an die Weser ausweichen wollten. Per Twitter mobilisierten unter anderem „Die Rechte“ Sachsen oder die „Aktionsgruppe Nordheide“ nach Bremen.

Bereits früh am Morgen versammelten sich die ersten aus den Reihen der Neonazi-Bruderschaft „Nordic 12“ am Hauptbahnhof. Sie trafen sich mit Aktivisten aus dem Nordwesten Niedersachsens darunter die Neonazistin Daniela Bliesener, die sich bei Facebook mit „88“-Shirt präsentiert und  später fleißig Filme mit dem Handy drehte. Anhänger der Pforzheimer  Hooligantruppe „Beserker“ kamen hinzu. Mitglieder der berüchtigten Bremer „Standarte“ oder von der Band „Kategorie C“ ließen sich nicht blicken. Laut Recherchen der „taz“ waren zuvor vonseiten der Behörden gegen 500 Hooligans Meldeauflagen verhängt worden. Anscheinend hielten sich die meisten daran. Auch die Anführer von „Die Rechte“ Dortmund blieben zuhause. Als bekannt wurde, dass die extremen Rechten in Bremen für Mittag eine Eildemonstration angemeldet hatten, handelten die Behörden sofort und sprachen ein Verbot aus – zudem gab es ein Betretungsverbot für Teilnehmer. Ankommende Neonazis und rechte Hooligans wurden abgewiesen. Ein kleiner Teil der bereits anwesenden Gruppen wurde auf dem Domshof in Bremen festgesetzt und später mit einem Bus der BSAG zum Hauptbahnhof kutschiert. Unter ihnen war auch der Neonazi Markus Privenau, der zur Partei „Die Rechte“ in Bremen gezählt wird. Überall liefen HoGeSa und „Gemeinsam Stark“-Fans durch die Stadt. Unklar schienen deren Pläne.

Organisatoren des Familienfestes verschanzen sich

Gegen 13.00 Uhr setzte sich plötzlich ein massives Polizeiaufgebot in endloser Kolonne in Richtung Kirchweyhe in Bewegung. In dem niedersächsischen Ort nahe Bremen war 2013 der junge Daniel Siefert nach einem Diskobesuch tödlich verletzt worden. Insbesondere „Die Rechte“ und „Nordic 12“ hatten versucht, aus ihm einen nationalen Märtyrer zu machen und waren immer wieder vor Ort aggressiv aufgetreten. Nun versammelten sich Rechte aus München, Magdeburg, Sachsen, Hamburg  und anderen Bundesländern in dem kleinen Ort.  Eine weitere Teilnehmergruppe kam per Zug aus Bremen an.

Eilig hatte zuvor eine zuständige Polizistin aus Delmenhorst die Organisatoren eines geplanten interkulturellen Familienfestes von dem bevorstehenden Aufmarsch gewarnt. Das Fest sollte ab 14.00 Uhr auf dem Marktplatz in Kirchweyhe, unweit des Bahnhofes, starten. Die Anwesenden  verschanzten sich hinter den weißen Zeltbanden, als eine rechte Horde heranzog. Nur drei bis vier Polizisten seien anwesend gewesen, berichtet Frank Seidel, einer der Organisatoren. Man fürchtete, die Hooligans könnten in die Zeltstadt eindringen. Sie brüllten „Hopp, hopp, hopp – Asylantenstop“, „Deutschland den Deutschen“ oder „Ausländer raus“. Die beiden Jugendlichen Alexander und Siard hatten bei Facebook von der Warnung der Gemeinde Weyhe gelesen und waren zum Festplatz gestürmt. Dort erlebten sie das braune Spektakel. Es seien 100 bis 200 Neonazis vor Ort gewesen und als Polizeiverstärkung anrückte, sei die Order gerufen worden: „Verstreut Euch, die Bullen kommen!“ Der stellvertretende Integrationsvorsitzende Isa Cifdci erlebte das Ganze als höchst bedrohlich. Die Neonazis hätten ihnen von „Angesicht zu Angesicht“ gegenüber gestanden, die Polizei sei zu schwach gewesen.

Aus den Fahrzeugfenstern heraus Parolen gebrüllt

Später höhnte die „AG Nordheide“ im Internet: „Das Fest musste vorzeitig beendet werden“. Das ist nicht richtig: Es begann erst gar nicht. Viele Besucher machten ängstlich kehrt. Andere zeigten sich empört. Anwohner standen in ihren Gärten, überrascht und schockiert von dem rechten Blitzaufmarsch. Es hieß, unter ihnen seien auch die lokalen Mitorganisatoren des Hamburger „Tags der deutschen Patrioten“ Marcel Kuschela alias „Captain Flubber“ sowie ein Ehepaar aus dem Umfeld der „Endstufe“-Crew gewesen.

Die anrückende Polizei konnte einen Teil der Störer festsetzen. Sie wurden erkennungsdienstlich behandelt. Eine langatmige Prozedur, die mit sich zog, dass die Beamten das Integrationsfest nicht freigaben und es anschließend ganz abgesagt wurde. Die Neonazis feierten ihren Kurzaufmarsch in Kirchweyhe mit nur rund 100 Teilnehmern als Erfolg. Überall im Ort fuhren noch vollbesetzte Fahrzeuge mit weiteren Sympathisanten umher. Sie brüllten aus den Fahrzeugfenstern heraus Parolen. Unter den Hooligan-Anhängern war auch der bayrische Neonazi Patrick Schröder von „FSN TV“ mit Kameraden sowie ein Anhänger der „Weissen Wölfe Terrorcrew“. Ein anderer trug ein Shirt mit der Aufschrift „Kinderschänder ab ins Labor“, einer zeigte sich als Fan von „Dynamo Dresden“. Bliesener filmte mit ihrem Handy herum und sorgte für Stimmung unter den festgesetzten Kameraden.

Unklar ist, warum die Polizei die Organisatoren des Integrationsfestes einerseits so frühzeitig warnen konnte, andererseits nicht in der Lage war, rechtzeitig Nachschub in den gleich hinter der Landesgrenze gelegenen Ort zu entsenden. Zudem hieß es in der Pressemitteilung der Polizei Diepholz lapidar, rund 80 Personen hätten eine unangemeldete Versammlung in Kirchweyhe mit Kundgebung zum Tod von Daniel Siefert abgehalten und sich danach aufgelöst. Von der Bedrohung gegen das interkulturelle Familienfest kein Wort.

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