Hitler 1936 - 1945

Eine fesselnde Darstellung des britischen Historikers Ian Kershaw über Hitler und seine Zeit - von 1936, dem Höhepunkt der Popularität, bis zum Untergang des NS-Regimes 1945.

Donnerstag, 06. Mai 2004
F.P. Heller
Ungewöhnlich an Kershaws zweibändiger Hitlerbiografie ist bereits ihre Publikationsgeschichte. Obwohl die mehr als 2000 Seiten auch für motivierte Leser ein fast zu großer Brocken sind, erreichte der erste Band eine verkaufte deutsche Auflage von 55.000 Exemplaren. Der zweite Band brachte es bis Ende 2000, also bereits im Erscheinungsjahr, auf 44.000 Exemplare. Durch diesen Erfolg ermutigt, brachte die Deutsche Verlagsanstalt den zweiten Teil heraus, bevor das englische Original erschien. Die Einarbeitung der unzähligen deutschen Zitate und Begriffe in die gelungene Übersetzung ist ein publizistischer Glücksfall. Kershaw ist durch sein Werk zu einem international gefragten Referenten geworden. Es muss an der düsteren Faszination liegen, die Hitlers Person anhaftet, dass Kershaw’s sachlich-wissenschaftliches Werk zur populären Lektüre geworden ist. Im ersten Teil hatte Ian Kershaw gefragt, wie der unscheinbare und ungebildete Hinterzimmeragitator Hitler zum Diktator eines modernen Staates werden konnte. Die soziopolitische Lage Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg und eine Portion Glück gehörten dazu. Der zweite Teil versucht zu erklären, warum der deutsche Staat sich Hitlers Erlösungsideologie bis zur Selbstzerstörung untergeordnet hat. Hitlers Personalherrschaft hat "alle Formen kollektiver politischer Entscheidungsprozesse" ausgehöhlt. Neben wiederum einigem Glück, das ihn wenigstens zwei Attentatsversuche überleben ließ, wirkte der Führermythos, der allen Widerstand blockierte. Selbst als Hitler öffentlich nicht mehr auftrat, zehrte sich dieser Mythos erst langsam auf. Hitler stellte seine Visionen über nüchternes Kalkül. Die Anfangserfolge im Zweiten Weltkrieg schienen ihm Recht zu geben. Auch als der Krieg militärisch längst verloren war und die Reichsregierung abzubröckeln begann, glaubten viele deutschen Soldaten immer noch an Hitler und waren eher bereit unterzugehen, als ehrlos zu kapitulieren. Hitler blieb bis zum Schluss, als seine Befehlsgewalt nur noch ein paar Berliner Bezirke umfasste, der Führer der Deutschen. Kershaw dämonisiert nichts. Er beschreibt Hitler in Wechselwirkung mit der deutschen Gesellschaft. Hitler hat sehr auf die Resonanz geachtet, die seine Reden und Taten erzeugten. Krieg galt Hitler als Allheilmittel. Innenpolitische Krisen überdeckte er durch Expansionismus. Mit dem Zweiten Weltkrieg radikalisierte sich die Judenpolitik, für die nun die SS als ideologisch gefestigste Institution des Hitlerstaates zuständig war. Der Angriff auf die Sowjetunion vereinte Hitlers Ziele (Vertreibung der Juden aus Europa, Eroberung von Lebensraum und Weltmachtstellung Deutschlands) konkret und verhalf dem Holocaust zum Durchbruch. Den Holocaust sieht Kershaw als ein Sichhochschaukeln von eher allgemein gehaltenen Reden Hitlers gegen die Juden und der Bereitschaft von Staats- und Parteifunktionären, "dem Führer entgegenzuarbeiten". Kapitel wie die über den Zweiten Weltkrieg, die Attentatsversuche gegen Hitler oder Heß’ Englandflug sind gelungene, in sich fast abgeschlossene Essays. Diese Konzentrate machen Kershaws übersichtlich angeordnete Biografie zu einem Nachschlagewerk über die deutsche Geschichte von den zwanziger Jahren bis 1945. Etwas zu thesenhaft sind Kershaw’s Anmerkungen über den alliierten Luftkrieg. Zu fragen wäre auch, ob der Hitler, den Kershaw uns vorstellt, nicht rationaler ist, als das Original. Kershaws die psychologische Deutung möglichst meidender Ansatz bringt es mit sich, dass er Hitlers "Besessenheit", seinen Wahn von der Erlösermission, beiläufig als isoliertes "pseudoreligiöses Element" behandelt. Im Epilog, also außerhalb der Biografie, führt Kershaw dieses Thema knapp aus, ohne es methodisch in sein Werk integriert zu haben. "Das alte Deutschland war mit dem Ende Hitlers erledigt", lautet Kershaw’s letzter Absatz. Hybris habe Hitler auf den Weg gebracht, an dessen Ende Nemesis ihn und mit ihm Deutschland geschlagen habe. Ganz vernichtet hat die Rachegöttin den überheblichen Hitler allerdings nicht. Im neuen Deutschland lebt er unter den Enkeln seiner Anhänger im Geist weiter.
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