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Historische Hintergründe: Die Artamanenbewegung in der Weimarer Republik

Im Frühjahr 1924 versammelten sich dreißig junge «deutschgesinnte Städter» auf dem Rittergut Limbach in Sachsen, um freiwilligen Landarbeitsdienst zu leisten. Ihre Ziele: Polnische Landarbeiter verdrängen, den eigenen Körper und Geist «stählen» sowie Kenntnisse für neue Siedlungen «im Osten» sammeln.

Noch im gleichen Jahr konnten in weiteren landwirtschaftlichen Großbetrieben derartige Gruppen aufgestellt werden. Dies stellt den Beginn der so genannten Artamanenbewegung dar, welche von anfänglich 80 Personen in den darauffolgenden fünf Jahren auf über 2.300 Mitglieder anwachsen sollte.

Die Artamanen in der Weimarer Republik

Die Führer der Gruppen, der Artamschaften, waren männlich und um die 25 Jahre alt, die Gruppenmitglieder nur wenige Jahre jünger. Viele von ihnen hatten eine Lehre in einem städtischen Beruf abgeschlossen und sich aus unterschiedlichsten Gründen den Artamanen angeschlossen. Einige wollten der Jugendarbeitslosigkeit entgehen, andere kamen aus den aufgelösten Freikorpsverbänden und wieder andere träumten von einem eigenen Selbstversorgerhof innerhalb einer gemeinschaftlichen Siedlung.

Der freiwillige Landarbeitsdienst der Artamanen bedeutete aber zunächst in Gruppen von bis zu 50 Personen für landwirtschaftliche Großbetriebe zu arbeiten. Die Unterbringung erfolgte in den Unterkünften für die Saisonarbeiter, den sogenannten «Polen-» oder «Schnitter-Kasernen», welche durch Renovierungsleistungen als «Artam-Heim» umgestaltet wurden. Für die Landarbeit erhielten die Artamanen den Tariflohn für ungelernte Kräfte, allerdings mussten sie davon einen Anteil für den «Siedlungsschatz», die Arbeitskleidung und Versicherungen abgeben, so dass von 36 Reichsmark Monatslohn nur zehn Reichsmark übrig blieben. Außerdem verpflichteten sich die Gruppenmitglieder, auf Streikaktionen zu verzichten und den Anweisungen des «Artam-Führers» unbedingt Folge zu leisten. Für die Verpflegung waren die «Artam-Maiden» zuständig, die etwa zehn Prozent der Mitglieder ausmachten. Auf diese Weise sollten sich zukünftige Siedlerpaare im Sinne des Auslesegedankens bilden.

Ursprünglich war geplant, dass sich die Artamanen hauptsächlich aus den Bünden der deutschen Jugendbewegung rekrutieren. Die Jugendbewegung war im ausgehenden 19. Jahrhundert entstanden und regte insbesondere Jugendliche aus dem städtischen Bürgertum dazu an, in ihrer Freizeit die Städte als Wandervögel zu verlassen. Verstärkt nach dem Ersten Weltkrieg artikulierte sich der Wunsch, die gemeinschaftlichen Ideale nicht nur auf die Freizeit und die Jugend zu beschränken, sondern sie im Sinne eines «Lebensbundes» auf sämtliche Lebensabschnitte sowie die gesamtgesellschaftliche Ordnung auszuweiten. In der Folge hatte es Versuche gegeben einzelne «bündische» Siedlungsprojekte zu verwirklichen, welche sich durch Landwirtschaft oder Kunsthandwerk finanzieren sollten. Allerdings scheiterten diese Projekte häufig aufgrund von internen Streitigkeiten, Kapitalmangel und ungenügender fachlicher Ausbildung der Mitglieder.

Die Artamanen unterschieden sich von derartigen Versuchen dadurch, dass sie zunächst eine «Auslese» der Mitglieder durch die Landarbeit vornehmen wollten, wodurch sich die Gruppen festigen, Gelder für den Grunderwerb angespart sowie landwirtschaftliche Schulungen stattfinden sollten. Außerdem beschränkten sie sich nicht auf ein Einzelprojekt, sondern wollten perspektivisch den Großteil der Jugend erreichen. Daher und aufgrund anfänglich mangelnden Interesses aus den Jugendbünden, wurden auch junge Menschen aus den Freikorpsverbänden und der Landjugend geworben, die ansonsten kaum Berührungspunkte zur deutschen Jugendbewegung hatten.

Verbindungen zum Nationalsozialismus

Heute sind die Artamanen vor allem als «Frühform des Arbeitsdienstes und Keimzelle des Faschismus auf dem Lande » und «Vorstufe» späterer Organisationsformen innerhalb der Schutzstaffel» Heinrich Himmlers bekannt. Neben dem späteren «Reichsführer SS» werden weitere Personen, die im NS-Staat prominente Positionen einnahmen, mit der Artamanenbewegung in Verbindung gebracht, z.B. Richard Walther Darré (Reichsbauernführer), Rudolf Höß (Kommandant von Auschwitz) oder Hans Hahne (SS-Schulungsleiter für Rassekunde im Gau Mitteldeutschland). Dabei wird häufig nicht unterschieden, wer tatsächlich als Mitglied für die Artamanenbewegung aktiv tätig war und welche Personen dem erweiterten Sympathisantenkreis zuzurechnen sind.

Die Entwicklung der Artamanenbewegung, die letztendlich zum SS-nahen Landdienst der HJ sowie zu einer Unterorganisation des Reichsnährstandes führte, war keinesfalls linear, sondern durch viele Umbrüche und interne Differenzen geprägt. Weitere Personen, die zum Unterstützerkreis der Artamanen zählten, wie z.B. die Politiker Erich Ludendorff (Weltkriegsgeneral und Putschist), Ernst Niekisch («Nationalbolschewist») oder Georg Wilhelm Schiele (Reichstags -abgeordneter Deutschnationale Volkspartei und designierter Finanzminister der Kapp-Putschisten) machen deutlich, dass die Artamanen ein Experimentierfeld und Sammelbecken für verschiedene völkische und nationalistische Strömungen waren.

Ursprünge im völkisch-nationalistischen Milieu


Initiiert wurde die Gründung der Artamanen durch Bruno Tanzmann, Leiter der Deutschen Bauernhochschule in der Gartenstadt Hellerau bei Dresden sowie Wilhelm Kotzde-Kottenrodt, Schriftsteller und «Bundesvater» des völkischen, koedukativen Jugendbundes der «Adler und Falken». Die Deutsche Bauernhochschule bot mit dezidiert völkischer, antidemokratischer Ausprägung Kurse insbesondere für junge Menschen aus der Landwirtschaft an. Als Mitteilungsorgan diente die Zeitschrift Die Deutsche Bauern-Hochschule , welche im hauseigenen Hakenkreuzverlag publiziert wurde. In dieser Zeitschrift war 1923 ein Artikel von Willibald Hentschel mit dem kulturpessimistischen Titel «Was soll nun aus uns werden?» abgedruckt worden. Der Autor hatte sich bereits vor dem Ersten Weltkrieg in völkischen Kreisen mit Beiträgen zur «Rassenhygiene» und «Menschenzucht» einen Namen gemacht. Nun argumentierte er, dass Deutsch -land nur vor dem Niedergang zu bewahren sei, wenn junge «erbgesunde» Deutsche freiwilligen Arbeitsdienst auf dem Lande leisten würden, um ihren Geist und Körper zu stärken. Durch diesen Einsatz sowie die daraus folgende Binnenkolonisation der «deutschen Ostgebiete», könnte auch das «Landvolk» von weiterer Landflucht abgehalten und «die Polen» zurückgedrängt werden. Den Zusammenschluss «junge[r] Helden», die durch einen dreijährigen freiwil-ligen Arbeitsdienst auf ostelbischen Gütern «die Welt retten» würden, nannte der Autor «Artam».

Dieser Artikel wurde als Aufhänger eines Aufrufs an die «gesamte völkische Jugend» zur Gründung der ersten Artamschaft genutzt. Schon in diesem Aufruf wurde klargestellt, dass Willibald Hentschel nur als Namensgeber fungierte, auf die Realisierung seiner Idee aber organisatorisch keinen Einfluss haben sollte. Ein weiteres Indiz für die Distanz zu Hentschel, der aufgrund seiner esoterischen und polygamen Vorstellungen auch in völkischen Kreisen nicht unumstritten war, lässt sich in der höchst unterschiedlichen Deutung des Kunstwortes «Artamanen» erkennen, welches u.a. als «Hüter der Scholle» oder «Mann der Tat» gedeutet wurde.

Das rasante Mitgliederwachstum 17 führte, aufgrund daraus erwachsener organisatorischer Defizite, zu erheblichen internen Differenzen. Als problema -tisch erwies sich die Auswahl der Arbeitsstellen, Führer und einzelnen Gruppen -mitglieder, die oftmals den selbstformulierten Ansprüchen nicht gerecht wurden. Auch die Deutsche Bauernhochschule, die sich anfangs für die Organi-sation verantwortlich zeigte, geriet zunehmend in Misskredit. So standen die von Bruno Tanzmann für den Führernachwuchs versprochenen Winterarbeits -plätze und kostenlosen Schulungsangebote nicht im ausreichenden Maße zur Verfügung, was die Etablierung fester Mitgliederstrukturen erheblich erschwerte. Dieser Missstand führte im Sommer 1926 zur Gründung des eigenständigen Bund Artam e.V. Tanzmann und Kotzde-Kottenrodt zogen sich in den folgenden Monaten zurück und machten damit Platz für Jüngere.

Unterstützung durch weitere Verbände

Flankiert wurde der neue Bund ab 1927 durch zwei weitere, formal unabhän -gige Organisationen, der «Gesellschaft der Freunde der Artamanenbewegung» sowie dem «Bundschuh – Treuorden bodenständiger und tatbereiter Jugend». Die «Gesellschaft der Freunde» sollte vor allem Großgrundbesitzer und Vertreter der Agrarindustrie ansprechen, um Arbeitsstellen sowie Mittel für die Verwaltung und das Schulungswesen der Artamanen zur Verfügung zu stellen. Ihr Vorsitzender Georg Wilhelm Schiele, welcher zugleich als Reichsparteitagsabgeordneter der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) für den Wahlkreis Halle-Merseburg fungierte, konnte durch die von ihm organisierte fin anzielle Unterstützung entscheidend zu einer Professionalisierung der Artamanenbewegung beitragen. So finanzierte die Gesellschaft der Freunde die neuen Büroräume des Bund Artam in Halle/Saale, Anzeigenkampagnen in völkisch-nationalistischen Zeitungen und die Einrichtung von «Durchgangslagern» zur Auswahl und Einweisung neuer Mitglieder. Außerdem wurde 1928 das Mädelheim Frei-Adel gegründet, welches zukünftige «Artam-Maiden» in vier- bis sechswöchigen Kursen auf ihre vor allem hauswirtschaftlichen Aufgaben in den Artamschaften vorbereiten sollte.

Im Gegensatz zum eher gemäßigten Auftreten der «Gesellschaft der Freunde» etablierte sich der «Bundschuh» als «ideologische Kaderschmiede». In diesem «Treuorden» versammelten sich vor allem die nationalrevolutionären Kräfte, die der Artamanenbewegung nahe standen, aus unterschiedlichen Gründen aber keinen aktiven Landarbeitsdienst leisten konnten. Führer des Bundschuhs war der aus Siebenbürgen stammende, ehemalige Freikorpskämpfer August Georg Kenstler, welcher als Dozent der Deutschen Bauernhochschule bereits die erste Artamanenschaft in Limbach aufgebaut hatte.

Zentrales Thema des Bundschuhs war die «Blut-und-Boden-Theorie», welche in diesem Zirkel weiterentwickelt wurde. Mit der Formel «Blut und Boden» war die Vereinigung von «erbgesunden und rassisch hochwertigen» Menschen mit Grundbesitz gemeint. Diese galt als Garant für eine agrarisch dominierte, ständische Gesellschaft mit einer ausgeprägten nationalkulturellen Identität. 20 Auf Vorträgen und Tagungen, die vom Bundschuh für die Artamanen organisiert wurden, traten neben anderen Hans Hahne, Hans F. K. Günther («Rassenfoscher»), Kleo Pleyer (Historiker, ab 1935 «Forschungsabteilung für Judenfragen») und Ernst Niekisch auf.

Durch die organisatorische Trennung des Bundschuhs vom Bund Artam konnte sich letzterer stärker als Tatgemeinschaft präsentieren. Ideologische und programmatische Fragen, die aufgrund ihrer Radikalität öffentliche Stellen, Gutsbesitzer oder manche Interessierte misstrauisch gemacht hätten, sollten vom Bundschuh geklärt werden. Dass sich die Bundesführung der Artamanen, zwecks möglichst populären Auftritts in der Öffentlichkeit, extremer Positionen völlig enthielt, ist allerdings ein Trugschluss, wie das Beispiel Deutsche Arbeiterzentrale (DAZ) zeigt. Die staatliche DAZ vermittelte ab Sommer 1927 arbeitslose junge Menschen an die Artamanen, finanzierte Vermittlungs-, Reise- und Ausstattungskosten, was für den Bund Artam «aus wirtschaftlicher Sicht ein bedeutender Vorteil» war. Die Unterstützung durch die DAZ wurde allerdings an die Bedingung geknüpft, dass jegliche politische Zusatzvereinbarungen zu unterbleiben hätten. Als 1928 ruchbar wurde, dass die Artamanen Verträge mit den Gutsbesitzern geschlossen hatten, die ein Streikverbot und einen gelockerten Kündigungsschutz aus ideologischen Gründen beinhalteten, zog sich die DAZ mit sofortiger Wirkung aus der Vermittlungstätigkeit für die Artamanen zurück.

Blütephase der Artamanen

Die Blütephase des «Bund Artam» von 1927 bis 1929 ist eng mit dem Namen Hans Holfelder verknüpft, welcher als «Bundeskanzler» (Geschäftsführer) entscheidenden Einfluss auf die weitere Entwicklung nahm. Holfelder versuchte, dem Bund eine einheitliche Prägung zu geben und interne Konflikte durch regelmäßige Besuche der Gruppen sowie gemeinsame Schulungen zu entschärfen. Konflikte gab es vor allem, da es eine konkrete Artamanen-Ideologie nie gegeben hat und einzelne Führer und Mitglieder die Bewegung nach ihrem Gutdünken interpretierten. Die Nähe zur NSDAP, die offene Frage des Siedlungsziels sowie die Vorstellungen zur zukünftigen Agrarstruktur in Deutschland (Großbetriebe vs. Kleinbauern) boten genügend Diskussionsstoff. Aus diesem Grund waren die einzelnen Artamanengruppen zu keinem Zeitraum einheitlich. Dies betraf sowohl die Mitgliedsstruktur, als auch die Einsatzorte und jeweiligen Gruppenstärken. Neben den Artamschaften mit zehn bis fünfzig Jungerwachsenen, die eine Ernteperiode zusammenbleiben sollten, gab es Ferienartamanen, meist Studenten, die nur in den Ferien helfen wollten, Forstartamanen, die in der Forstwirtschaft beschäftigt waren, oder Einzelartamanen, die alleine in bäuerlichen Kleinbetrieben arbeiteten. Wie die Abbildungen veranschaulichen, bestanden erhebliche Unterschiede in der Motivation für einen Einsatz bei den Artamanen. Dies lag insbesondere an den unterschiedlichen Milieus, aus denen sich die Artamanen rekrutierten. Als größere Gruppierungen sind die Mitglieder aus den Wehrbünden und den parteinahen Jugendorganisationen, aus der Bündischen Jugend sowie aus der Landjugend zu nennen. Für die Wehrbündler stand vor allem die Freiwilligkeit des Landarbeitsdienstes als Wehrersatzdienst im Vorder -grund, für die Landjugend die Aussicht auf eine ausbildungsnahe Beschäftigungs- und Fortbildungsmöglichkeit, während die Bündischen stärker volkstümlich-kulturelle Aspekte neben der Landarbeit berücksichtigt sehen wollten.

Der frühe Unfalltod des populären Bundesführers im Januar 1929, führte zwar sicherlich zu einer Idealisierung seiner Rolle bei den Artamanen, kann aber dennoch als Zäsur bezeichnet werden. Die Nachfolger Max Mielsch (Jungbauer) und Wilhelm Rödiger (ehemaliger Wandervogel) schafften es nicht, die nun wieder offen hervortretenden Konflikte zwischen den einzelnen Lagern effektiv zu beruhigen. Erschwerend kam hinzu, dass die Ersparnisse aus dem «Siedlungsschatz» für laufende Verwaltungskosten verwendet worden waren, so dass eine mittelfristige Realisierung des Siedlungsziels utopisch erschien. Mielsch und Rödiger forderten, dass sich der Bund einseitig auf den freiwilligen Arbeitsdienst fokussieren und organisatorisch der NSDAP untergliedern solle. Diese Forderung führte im Dezember 1929 auf der Führertagung in Freyburg/Unstrut zur Spaltung, als 59 von 103 stimmberechtigten Artamanenführern gegen die Bundesführung stimmten. Obwohl die Gegner in der Mehrheit waren, wurden sie aus dem Bund Artam ausgeschlossen und gründeten die Artamanen – Bündische Gemeinden für Landarbeit und Siedlung. Ziel dieser neuen Vereinigung war es, sich stärker auf die bündischen Wurzeln zu beziehen, die Kulturarbeit zu verstärken, homogenere Gruppenformen zu fördern und erste Gemeinschaftssiedlungen kurzfristig zu realisieren. Tatsächlich gelang es den Bündischen Gemeinden 1931 in Koritten (damals Brandenburg) ein Gut für Schulungszwecke umzuwandeln.

Spaltungen und Zusammenschlüsse

Der Bund Artam konnte nach dem durch die Spaltung verursachten Mitglie-derverlust 24 seine finanziellen Schwierigkeiten nicht beheben. Auch die NSDAP zeigte kein Interesse daran, den fast bankrotten Verein aufzunehmen, welcher zudem vom Reichskommissar für die Überwachung der öffentlichen Ordnung beobachtet wurde. 25 Mit dem Kauf von zwei Grundstücken, eines Automobils und vier Motorrädern sowie einer allgemein auf eine wesentlich größere Mitgliederzahl ausgerichteten hauptamtlichen Verwaltungsstruktur, hatte sich der Bund Artam schließlich derartig überschuldet, dass am 27. Juli 1931 ein Konkursverfahren eröffnet werden musste. Die einzelnen Gaue waren bereits vorher aus dem Bund ausgetreten und agierten zunächst eigenständig. So formierte sich beispielsweise der Gau Ostpreußen zum Bund Artam Ostmark, welcher sich sehr stark auf das Siedlungsziel fokussierte und erstmalig 1932 einen «Ariernachweis» von seinen Mitgliedern verlangte. 26 Nach und nach schlossen sich die einzelnen Gaue dann mit den Bündischen Gemeinden zu einem neuen Bund Artam zusammen. Einzige Ausnahme bildete der Gau Mecklenburg, welcher unterstützt durch den Ministerpräsidenten Walter Granzow (NSDAP) als eigen -ständiger «Bund der Artamanen – nationalsozialistischer freiwilliger Arbeits - dienst auf dem Lande» fortbestand. Wie der Titel andeutet war das Siedlungsziel zurückgestellt, stattdessen sollten die Mitglieder neben dem Landarbeitsdienst Werbeveranstaltungen für die NSDAP durchführen.

Die Artamanen nach 1933

Der Bund der Artamanen wurde im Oktober 1934 bei einer Veranstaltung in Güstrow als Landdienst der HJ in die Hitlerjugend aufgenommen. Der Landdienst erhielt dabei besondere Förderung durch die SS, sollten doch die nach «rassischen» Kriterien ausgewählten Landdienstführer ihren Wehrdienst in einer bewaffneten SS-Einheit ableisten, um später einen «SS-Erbhof» zugesprochen zu bekommen.

Der neue Bund Artam stand ab 1932 zunehmend in Mitgliederkonkurrenz mit dem eingeführten staatlichen Arbeitsdienst, so dass sich die älteren Mitglieder mehr und mehr auf das Siedlungsziel konzentrierten. Bis zur endgültigen Auflösung des Bundes 1935 konnten Siedlungsprojekte in Ostpreußen (Heinrichssorge, Wolfssee, Masehnen, Weißberg) sowie in Koppelow (Mecklenburg) und Ellerbruch (Westpreußen) begonnen werden. Die einzelnen Hofstellen variierten dabei von etwa zehn bis 20 Hektar. Während die «Siedlerfamilien» vom Reichsnährstand übernommen wurden, wechselten die verbliebenen «Landarbeiter» in den Reichsarbeitsdienst.

Vor allem in Veröffentlichungen des Reichsnährstandes und des Landdienstes der HJ wurde eine Verknüpfung der eigenen Tätigkeiten zu «Artamanentraditionen» hergestellt. Allerdings sind deutliche Unterschiede zwischen der selbstorganisierten Arbeit in der Weimarer Republik und den unter massiver staatlicher Förderung stehenden Tätigkeiten im NS-Staat zu beobachten. So waren beispielsweise die Mitglieder im Landdienst der HJ wesentlich jünger als bei den Artamanen, wurden in von den Gutsbesitzern unabhängigen «Lagern» untergebracht und konnten sich spätere berufliche Vorteile durch ihre Tätigkeit ausrechnen. Auch die Siedlungen konnten nur aufgrund verschiedener Unterstützungsmaßnahmen durch unterschiedliche staatliche und parteieigene Stellen zu einem Erfolg geführt werden. 27 Unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten rechneten sich die kleinen Hofstellen schon bei ihrer Einrichtung kaum.

Zusammenfassung

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Artamanen ein Sammelbe cken verschiedener völkischer und nationalistischer Strömungen waren. An der Spitze standen Männer, die durch frühere Putschversuche und intensive publizistische Tätigkeiten ihre Ablehnung gegenüber der Weimarer Republik deutlich machten und auch ansonsten einem stark elitären sowie rassistischen Weltbild anhingen. Allgemein waren die Artamanen gegenüber nationalsozialistischen Ideologien, wie sie u.a. von Erich Ludendorff, den Gebrüdern Gregor und Otto Strasser sowie Ernst Niekisch vertreten wurden, aufgeschlossen. Wie in der bündischen Jugend üblich, bestand zu Parteien jedoch ein ambivalentes Verhältnis. Zwar unterstützten Artamanen aktiv Ziele der NSDAP, indem sie z.B. NSDAP-Ortsgruppen gründeten, dennoch lehnten die meisten Mitglieder eine zu enge Verflechtung ihres Jugendverbandes mit einer Partei generell ab. Dennoch waren die Artamanen im nationalsozialistischen Milieu der Weimarer Republik derartig vernetzt, dass einige Mitglieder, auf ihre Erfahrungen im Jugendverband aufbauend, Karriere im NS-Staat machen konnten.

Autor: Stefan Brauchmann, Lizenz: CC-Lizenz, Foto: kleinebärin / photocase.com

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