von Konrad D. Fromm
   

High Hitler: Die nüchterne Analyse des totalen Rausches

Ein Land auf Droge. Rausch bis zum Untergang. Der Führer an der Nadel. Der Blitzkrieg ein einziger Meth-Trip, angeführt vom Crystal-Fuchs Rommel. Wer Norman Ohlers äußert lesenswertes Buch „Der totale Rausch“ in die Hand nimmt, wird es nur schwer wieder zur Seite legen können. Der Stoff macht einfach süchtig.

High Hitler!

Historiker haben sich am Tausendjährigen Reich und seinem Führer, dem Gefreiten a.D. Adolf Hitler, über Jahrzehnte hinweg die Zähne ausgebissen. Gerade den Niedergang von NS-Deutschland, das teils fanatische Durchhalten, rational zu fassen und zu erklären, gelang vielen Autoren nicht. Denn es gab ein Feld, auf dem Deutschland weltweit führend war, dass bisher viel zu wenig beleuchtet wurde: Der alltägliche Einsatz von Drogen zur Leistungssteigerung.

Norman Ohler hat in diversen Archiven auf dem gesamten Globus intensiv geforscht und insbesondere in den Aufzeichnung von Hitlers „einzigem Leibarzt“ Theo Morell die Indizien aufgetrieben, die eine völlige Neubewertung des größten Junkies aller Zeiten ermöglicht. Sprachlich brillant und sehr witzig geschrieben entfesselt er einen Parforceritt durch zwölf Jahre NS-Diktatur, in dem er die Doppelmoral des Reiches in Bezug auf Drogen klar herausarbeitet. Öffentlich die Enthaltsamkeit predigend und Drogen verdammend, während unter der Oberfläche nur noch Dope den Laden am Laufen hielt.

Nein, der systematische Einsatz von Drogen wie Pervitin, heute unter dem Namen Crystal Meth „vertrieben“, wird von Ohler nicht zur Rechtfertigung der Grausamkeiten des Dritten Reiches erhoben. Er wird nicht müde zu betonen und zu belegen, dass der Massenmord an den Juden, dass der Wahn zur Weltherrschaft, dass die Grausamkeiten deutscher Soldaten im Feld eben nicht Folge des Drogenkonsums waren, sondern im System des Nationalsozialismus bereits angelegt. Drogen halfen lediglich dabei, die Menschenfeindlichkeit der NS-Diktatur und ihrer Ideologie noch schärfer herauszuarbeiten.

Koksnase Hitler

Am spannendsten wird das Buch an den Passagen, wo über den Leibarzt Morell der Blick auf die Person Hitler frei wird, auf Patient A, wie er in den Unterlagen heißt. Der fanatische Vegetarier, dessen Blut regelmäßig mit obskuren Mixturen auf Schlachteabfallbasis angereichert wurde. Der Führer, der sich von Multivitamin-Nahrungsergänzungsmitteln über das potenteste Opiat seiner Zeit – Eukodal made in Germany – vorarbeitet zur sprichwörtlichen Koksnase. Eine Führungsclique, die ohne Dope mit dem Chef nicht mehr mithalten kann.

Norman Ohler zeichnet die Beziehung eines Junkies zu seinem Dealer nach. Eine verhängnisvolle Symbiose zweier sich selbst überschätzender Menschen. Hitler sei ein Dilettant gewesen, als Feldherr ebenso wie als Drogenabhängiger.

Im Untergang des Dritten Reiches gingen Hitler nicht nur Sprit und Männer aus. In den letzten Tagen gab es auch für Adolf Hitler keinen Stoff mehr. Es bleibt das äußerst witzige Bild des Junkies auf Cold Turkey, der sich sabbernd auf den Streuselkuchen am Nachmittag im Führerbunker freut, weil Zucker der letzte Stoff ist, der seinem Hirn noch ein letztes bisschen Dopamin entlocken kann, ein letztes bisschen Wohlgefühl.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass die geistigen Erben Hitlers in völliger Ignoranz der tatsächlichen Lebensumstände ihres großen Vorbildes mit Plakaten wie „Weg mit dem Crystal Dreck“ durch die Landschaft marschieren. Insofern kann man Norman Ohler nicht genug danken für seine Aufklärungsarbeit, dank derer wir jetzt wissen: Auch wenn des Neonazis Opa tatsächlich kein Mörder gewesen sein sollte, war er höchstwahrscheinlich Meth-Junkie.

Dass „Der totale Rausch. Drogen im Dritten Reich“ ein wichtiges Buch ist, stellt auch der kürzlich verstorbene Historiker Hans Mommsen in seinem Nachwort fest: „Dieses Buch ändert das Gesamtbild.“ Seine überaus große Lesbarkeit, die Dichte der Fakten und des Stoffes, die Kurzweiligkeit des Lesevergnügens machen es zu einem großartigen Geschenk für den weihnachtlichen Gabentisch. Nur die wenigsten Sachbücher weisen wie dieses die Qualitäten eines guten Thrillers auf. Zu Weihnachten ist dieser gedruckte Thrill deutlich eher zu empfehlen als irgendwelche chemisch-toxischen Ersatzstoffe. Zumal das gute Kokain von Merck heute nicht mehr erhältlich ist.

Norman Ohler
„Der totale Rausch. Drogen im Dritten Reich“
Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2015
363 Seiten, 19,99 Euro

Kommentare(3)

Ahmed Donnerstag, 19.November 2015, 18:59 Uhr:
Richtig unterirdischer Text.... was wäre denn die Konsequenz daraus? Drogen sind jetzt irgendwie doch nicht so schlimm? Oder Drogen sind total schlimm, ohne die hätte es den Holocaust ja gar nicht gegeben? Ein typischer technokratischer Blickwinkel, und ein geistiges Armutszeugnis - sorry! Gegen den Ansatz wäre nichts einzuwenden gewesen, aber die Schlüsse die man so daraus ziehen muss, ohje...
 
Konrad D. Fromm Donnerstag, 19.November 2015, 20:04 Uhr:
Sehr geehrter Herr Ahmed,

herzlichen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, meinen Beitrag zu kommentieren. Erlauben Sie mir aber die Anmerkung, dass ich wohl aus Ihren Anmerkungen noch weniger schlau werde als Sie angeben, aus meiner Rezension einen Wissenszuwachs zu erlangen.

Weder Norman Ohler noch mir liegt daran, einen technokratischen Blickwinkel einzunehmen. Ehrlich gesagt stellt diese Unterstellung sogar noch eine größere Beleidigung dar als ihr halbherziger Versuch mit "geistiges Armutszeugnis". Zumindest freut es mich, dass Sie uns somit Seeligkeit gönnen.

Übrigens können Sie allem Anschein nach Gelesenes nicht korrekt erfassen. Da Sie die rhethorische Frage stellen, ob ohne Drogen der Holocaust nicht Realität geworden wäre, verweise ich gerne auf meine eigenen Worte: "Drogen halfen lediglich dabei, die Menschenfeindlichkeit der NS-Diktatur und ihrer Ideologie noch schärfer herauszuarbeiten." Alle Grausamkeiten wären folglich auch ohne Drogenmissbrauch geschehen.

Hochachtungsvoll
Konrad D. Fromm
 
Roichi Donnerstag, 19.November 2015, 22:28 Uhr:
@ Ahmed

Oje trifft deinen Kommentar schon ganz gut.
Lies doch nochmal den Text und versuche zu verstehen, worum es geht.
 

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