Helden, Täter und Verräter - Studien zum DDR-Antifaschismus

Es ist eine viel bemühte Behauptung: Wenn auch vieles an der DDR verurteilenswert gewesen sei, so sei es dem sozialistischen Deutschland doch immerhin gelungen, nach dem Dritten Reich einen saubereren antifaschistischen Weg einzuschlagen als die Bundesrepublik.

Donnerstag, 06. Mai 2004
Jeannette Goddar
Wo im Westen nach den Nürnberger Prozessen weiterhin furchtbare Juristen, Ärzte oder Parteifunktionäre das Sagen gehabt hätten, so heißt es gerne, habe man in der DDR nach 1945 immerhin Ernst gemacht mit der Entnazifizierung. Dass viele dieser bis heute oft wiederholten Statements in das Reich der Mythen gehören, weisen Annette Leo und Peter Reif-Spirek jetzt mit ihrem Sammelband „Helden, Täter und Verräter - Studien zum DDR-Antifaschismus“ nach. Zehn Autoren, die meisten von ihnen Historiker, beschäftigen sich aus den verschiedensten Blickwinkeln mit dem Umgang mit der Nazi-Zeit und dem Antifaschismus in der DDR. Sie alle kommen - wenn auch auf unterschiedlichen Wegen - zu demselben Ergebnis: Vieles Positive wurde vorgetäuscht - und in mancher Hinsicht gleichen die Muster der (Nicht-)Entnazifizierung sogar denen in der BRD. Oder, wie es die Herausgeber in der Einleitung formulieren: „Der antifaschistische Konsens hatte bis hinein in kritische und oppositionelle Kreise der DDR-Intellektuellen gewirkt. Es handelte sich zweifellos um eine wichtige Grundüberzeugung der DDR-Gesellschaft. Andererseits war jedoch kaum zu übersehen, dass diese Haltung mehr Glaube als Wissen und seltsam abgetrennt von der Wirklichkeit. (...) war.“ Zu dieser Wirklichkeit nämlich gehörte außer dem alles andere als antifaschistischen Umgang mit jenen im Dritten Reich verfolgten Kommunisten, die sich auch mit der SED-Diktatur nicht solidarisieren wollten auch die stillschweigende Aufnahme ehemaliger Funktionäre in die SED. Diesem bisher wenig beachteten Thema widmet der Potsdamer Historiker Jürgen Danyel ein Kapitel, in dem man unter anderem nachlesen kann, dass in den 50er-Jahren geschätzte 25 Prozent der Parteimitglieder ehemals organisierte NS-Anhänger waren; immerhin acht Prozent waren demnach einst in der NSDAP gewesen. Andreas Herbst beschäftigt sich mit der Flucht zahlreicher Repräsentanten jüdischer Gemeinden zu Beginn der 50er-Jahre. Anhand verschiedener Einzelbiografien zeichnet er nach, wie eine Reihe stalinistischer Schauprozesse in der Tschechoslowakei sowie die Aufdeckung einer vermeintlichen zionistischen Verschwörung in Moskau auch in der DDR zu einer wahren „jüdischen Fluchtbewegung“ führte. Herbst weist nach, wie der - von Moskau gesteuerte - Antizionismus in der DDR immer weniger von antisemitischen Tendenzen zu trennen war. Das führte dazu, dass in der DDR die jüdischen Gemeinden - anders als in der Sowjetunion - zwar fortbestanden, aber bis zur Wende zu einem Schattendasein verdammt wurden, auch wenn es in der DDR immer wieder führende Partei- und Regierungsmitglieder gab, die sich um Schadensbegrenzung bemühten. Insgesamt, so sein Resümee, sei es „unentschuldbar, dass der Antisemitismus-Antizionismus nur wenige Jahre nach dem Holocaust in einem deutschen Staat, der sich als antifaschistisch definierte und vorgab, die braune Vergangenheit bewältigt zu haben, zeitweilig Bestandteil offizieller Politik wurde.“ Eins der beeindruckendsten Kapitel des Buches liefert die Herausgeberin Annette Leo mit der Beschreibung ihrer Besuche bei mehreren politisch unliebsam gewordenen ehemaligen KZ-Häftlingen. Leo schildert unter anderem ihr Zusammentreffen mit dem 84-jährigen Ewald Kaiser, der nur wenige Jahre nach seiner Befreiung aus dem KZ Sachsenhausen in der DDR zu Unrecht verurteilt und ins Zuchthaus gesteckt wurde. Kaiser, nach der Teilung Deutschlands zunächst führender KPD-Funktionär in Westdeutschland, wurde nach einem Eklat mit der Parteiführung nach Ost-Berlin beordert und dort wenig später verhaftet. Seine Ehefrau verblieb über 20 Monate ohne ein Lebenszeichen in Düsseldorf, bis sie sich in einer wahren Odyssee auf die Suche nach ihrem Mann begab. Kaiser wurde entlassen, jedoch nie offiziell rehabilitiert; auch nach mehreren Jahrzehnten bricht er immer wieder weinend zusammen, als er seine Geschichte - und auch das nur in Auszügen - erzählt. Mit ihrem Sammelband ist es den Herausgebern sicher nicht gelungen, eine umfassende Analyse eines ausufernden Themas zu liefern. Was ihnen aber sehr wohl gelungen ist, ist, einige bezeichnende Schlaglichter auf ein immer noch unterbelichtetes Thema zu werfen.
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