von Elmar Vieregge
   

Heinrich Himmlers Briefe – Banalität im Schatten von Diktatur und Massenmord

Aufzeichnungen führender Nationalsozialisten können auch noch nach Jahrzehnten bekannt werden. Dabei haben private Texte einen besonderen Wert, da sie einen unmittelbaren Zugang zur Persönlichkeit ihrer Verfasser ermöglichen. Im Fall Heinrich Himmlers wecken einst an seine Frau gesandte und nun veröffentlichte Briefe zudem die Hoffnung auf Informationen über das Innenleben der NDSAP, die Hintergründe des Zweiten Weltkriegs oder die Entwicklung des Holocaust. Diese Hoffnung wird jedoch enttäuscht.

Cover des Buches "Himmler privat"

Die Briefe stammen aus den Jahren 1927-1945 und wurden beim Kriegsende von einem US-Soldaten aus Himmlers Anwesen am Tegernsee geplündert. In der Nachkriegszeit nahmen sie einen ungeklärten Weg, bis sie in den 1980er Jahren in Israel auftauchten und vom Bundesarchiv als echt bewertet wurden. Auf der Grundlage dieser Schriftstücke entstand der 2014 vorgestellte Dokumentarfilm „Der Anständige“ von Vanessa Lapa. Parallel erschien das Buch „Himmler privat. Briefe eines Massenmörders“, des Historikers Michael Wildt und der Politikwissenschaftlerin Katrin Himmler, einer Großnichte des ehemaligen „Reichsführers SS“. Sie kombinierten Himmlers Schreiben an seine Ehefrau Marga mit ihren Briefen an ihn.

Die wechselseitige Korrespondenz ermöglicht einen Zugang zur Persönlichkeit Himmlers. Dieser war in der Lage, parallele Leben zu führen, denn er unterhielt ab 1938 ein Dauerverhältnis mit seiner Sekretärin Hedwig Potthast, aus dem zwei Kinder hervorgingen. Dennoch offenbart sich in seiner Korrespondenz ein Mensch, der sich auch aus der Distanz intensiv mit seiner eigentlichen Familie beschäftigte. Dabei war diese Beschäftigung trotz permanenter Zuneigungsbekundungen durch große Strenge und Gefühlskälte geprägt. Das betraf vor allem seine Tochter sowie seinen Pflegesohn. Darüber hinaus eröffnet sich ein von Pedanterie durchzogenes Leben eines Spießbürgers. Die private Welt des Familienvaters beschränkte sich auf Fragen der Kindererziehung, dem Zustand des heimischen Gartens und Geschichten aus dem Verwandten- und Bekanntenkreis. Die jeden Menschen der damaligen Zeit betreffenden und von ihm mitgestalteten epochalen Veränderungen spiegeln sich nicht wider. Es erscheint vielmehr, als sei das Leben der Familie Himmler wie unter der ruhigen Abschirmung einer Glaskuppel verlaufen.

Wer hingegen auf Informationen über die Politik, den Krieg oder das KZ-System hofft, wird enttäuscht. Der NS-Führungsfunktionär gewährt nur ansatzweise Einblicke in die Hintergründe seiner Aktivitäten. Auch wenn er aus Gründen der Geheimhaltung sensible Erkenntnisse für sich behalten musste, hätte durchaus die Möglichkeit bestanden, seine Handlungen zumindest ansatzweise zu erläutern. Der Verzicht darauf verwundert, insbesondere da er bereits in den Zwanziger Jahren aufgrund der Parteiarbeit beständig auf Reisen und damit häufig von Marga Himmler getrennt war. So erscheint der Familienvater in seinen Postsendungen wie ein Handlungsreisender. Allerdings wirkte er durch seine Art weniger wie ein Handlungsreisender in Sachen extremistischer Politik, sondern wie ein Vertreter für Schuhe oder Modelleisenbahnen. Es ergibt sich das Bild eines politischen Überzeugungstäters mit dem Auftreten eines Büroleiters. Vor diesem Hintergrund besteht eine Ironie zu einem seiner Kosenamen. Er lautete „Landsknecht“. Für eine Person, die selber nie Gefechte durchlebte und deren körperlich schwächliche Erscheinung im Widerspruch zu dem von ihr propagierten Bild des germanischen Kriegers stand, war dies eine die Realität verleugnende Selbstüberhöhung, die Himmlers tatsächliche Ausstrahlungslosigkeit nur unterstrich.

Beim Lesen der Briefe stellt sich eine gewisse Belustigung ein, die sich aus dem Kontrast zwischen den Liebesbekundungen an die Ehefrau und den extremen politischen Umwälzungen ergibt. Die Stringenz, mit der letztere nahezu unbeachtet bleiben, verursacht auf Dauer eine sich über die Korrespondenz legende Langeweile. Das Buch verdeutlicht die banale und farblose Persönlichkeit Himmlers, die seiner Tätigkeit als ein physische Herausforderungen meidender Schreibtischtäter entsprach. Damit belegt es allerdings lediglich einen bereits bekannten Informationsstand, wodurch sich sein Nutzwert in Grenzen hält. Somit gehört „Himmler privat“ zu der Sorte von Büchern, von deren Existenz man wissen sollte, deren Gesamtlektüre jedoch nicht zwingend erforderlich erscheint.

Katrin Himmler / Michael Wildt
Himmler privat. Briefe eines Massenmörders
Piper-Verlag, München, 2014
24,99 Euro, 400 Seiten

 

 

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