Hasserfüllte Parolen

Im vierten Jahr in Folge haben am Wochenende Neonazis in Stolberg (Städteregion Aachen) fremdenfeindliche Hetzmärsche abgehalten – unter den Teilnehmern waren zahlreiche „Autonome Nationalisten“ und Neonazi-Skinheads.

Montag, 11. April 2011
Michael Klarmann

Die Aufmärsche firmieren rund um den Todestag eines Anfang April 2008 durch einen Migranten erstochenen 19-jährigen Berufsschülers als „Trauer- und Protestmarsch“. Die Aufmarschserie soll unterdessen jedoch „alle[n] Opfer[n] antideutscher Gewalt“ gelten. Im Gegensatz zu den Vorjahren erschienen 2011 aber weniger Neonazis als erwartet. Bei dem „Fackelmarsch“ am Freitag marschierten rund 150 Neonazis und am Samstag gut 430 Neonazis durch die Kleinstadt, im vergangenen Jahr wurden jeweils 230 und 500 Teilnehmer gezählt. Der Aufmarsch am Samstag konnte wegen Protest- und Blockade-Aktionen – etwa der Besetzung des Bahnhofes durch mehrere hundert Nazigegner – zudem erst mit dreieinhalbstündiger Verspätung beginnen.

Organisatoren der Aufmärsche sind die Neonazis Ingo Haller (Niederzier) und Axel Reitz (Pulheim), unterstützt werden sie von der „Kameradschaft Aachener Land“ (KAL) und der „autonom“-nationalsozialistischen „Aktionsgruppe Rheinland“ (AGR). Zwar hatten die Organisatoren festgelegt, dass Teilnehmer auf ihrer Kleidung „szenetypische Aufschriften“ vermeiden sollten „und normal und gesittet zu erscheinen“ hätten. Man repräsentiere „immer noch ein Volk, samt Kultur und Identität, keine neuzeitlichen Subkulturen“ hatte es geheißen. Indes erschienen die meist jugendlichen Teilnehmer als zum Teil sehr stark gepiercte „Autonome Nationalisten“ (AN) oder klassische Neonazi-Skinheads in den einschlägigen Rechtsrock-T-Shirts, einige Teilnehmer trugen sogar Irokesen-Haarschnitte.

„Teil einer Kampfgemeinschaft“

Haller und Reitz störte derlei vor Ort nicht. Haller nannte die „Kameraden“ am Freitag „Teil einer Kampfgemeinschaft“ und die „positive Auslese des Volkes“. Reitz erinnerte bei dem Fackelmarsch daran, entscheidend sei die „Rassenzugehörigkeit“ der Menschen. Gegenüber den Demokraten und Migranten seien er und die „Kameraden“ dem „System haushoch überlegen“. Reitz forderte für den 18-jährigen Libanesen, der den 19-jährigen Deutschen 2008 erstochen hatte ein anderes Urteil, als die mehrjährige Haftstrafe, die er derzeit verbüßt: „Rübe ab!“ Sven Skoda aus Düsseldorf erklärte in einer aufpeitschenden Rede, der „Nationale Widerstand“ führe längst einen „Krieg“.

Anlässlich von Blockade-Aktionen wetterte Haller am Samstag in Durchsagen an die „Kameraden“ gegen das „Zeckenpack“ und „linke Gesindel“. Haller sagte, er habe überdies nichts „gegen Neger“ oder gegen „Kanaken, weil sie Türken sind.“ Um dann doch noch klar zu stellen: „Ich bin Rassist und darauf bin ich verdammt noch mal stolz.“ Angeblich seien zudem die „israelischen Rassegesetze“ jenen der Nationalsozialisten nachempfunden, aber nur wegen letztgenannter habe bisher ein Kriegsverbrechertribunal stattgefunden.

„Deutschland im Glanze brennender Moscheen“

Manfred Breidbach, stellvertretender Vorsitzender des NPD-Kreisverbandes Düsseldorf/Mettmann, attackierte in seiner Rede am Samstag Politiker als „Krawatten tragende Parasiten in den Parlamenten“ und als „multikulturelle Pest“. Das alles habe dazu geführt, das „arische Menschen mit dem Rücken zur Wand“ stünden und sich im Krieg befänden. Muslime liefen derweil dem „verkackten Propheten Mohamed“ hinterher, doch eines Tages werde Deutschland „im Glanze brennender Moscheen“ erstrahlen.

Der Neonazi Ralph Tegethoff legte in seiner Rede am Samstag jedoch großen Wert darauf, dass er und die „Kameraden“ nicht ausländerfeindlich gesinnt seien, weil auch Mitstreiter aus Holland, Griechenland und Spanien in Stolberg mitmarschierten. Kurz darauf animierte Sven Skoda indes die Teilnehmer abermals dazu, die Parole „Deutschland den Deutschen – Ausländer raus!“ respektive „Deutschland uns Deutschen – Ausländer raus!“ zu skandieren.

„Linkes Gezeter – neun Millimeter“

Weil der Düsseldorfer dies bei dem Fackelmarsch am Freitag in einer aggressiv-kämpferischen Form getan hatte, leiteten die Ermittlungsbehörden gegen ihn ein Verfahren „wegen Skandierens ausländerfeindlicher Parolen“ ein, so ein Polizeisprecher. Um am Samstag strafrechtlicher Verfolgung zu entgehen, skandierten die Neonazis besagte Parole zeitweise als Gesang. Haller selbst animierte dabei zeitweise große Teile der „Autonomen Nationalisten“ an der Aufmarschspitze dazu, dabei zu hüpfen und in die Hände zu klatschen. Kurz darauf folgte indes die ultra-aggressiv skandierte Parole: „Macht dem Gesindel so richtig Dampf – Straßenkampf, Straßenkampf!“

Die Polizei betonte, dass an beiden Tagen gegen mehrere „Demonstrationsteilnehmer aus dem politisch rechten Lager“ wegen des Verdachtes der Volksverhetzung ermittelt werde. Freitagabend hatten die Neonazis etwa das rechtlich umstrittene Hitlerjugend-Pflichtlied „Ein junges Volk steht auf“ angestimmt. An beiden Tagen waren zahlreiche fremdenfeindliche und Gewalt androhende Parolen gegenüber Migranten, Anwohnern und Gegendemonstranten skandiert worden, etwa „Schlagt den Kanaken die Schädeldecken ein“ oder „Linkes Gezeter – neun Millimeter“.

Die Aufmarschserie, die im vierten Jahr stattfand, wurde im Vorfeld begleitet von illegalen Flyer-, Sprüh-, Aufkleber- und Plakataktionen im gesamten Rheinland. Dabei schändeten Neonazis mit zahlreichen Aufklebern auch eine Gedenktafel für die Opfer des Holocaust in Stolberg selbst. Bilder von den Straftaten veröffentlichten sie stolz auf der Mobilisierungs-Homepage. Nicht an den Aufmärschen am Wochenende teil nahmen jedoch der Stolberger Ratsmann und Chef des NPD-Kreisverbandes, Willibert Kunkel, sowie NPD-Landeschef Claus Cremer. Im Zuge von internen Machtkämpfen hatte unter anderem die KAL beiden im Herbst 2010 indirekt Gewalt angedroht.

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