von Oliver Cruzcampo
   

„Hass und Kommerz“ – Thüringen als Hotspot des Rechtsrock

Spätestens seit vergangenen Sommer 6.000 Personen zum Rechtsrock-Festival ins thüringische Themar reisten, ist die sprunghafte Relevanz von Neonazi-Großevents in aller Munde. Thüringen hat eine Vorreiterrolle eingenommen – die dortige Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus hat nun eine Broschüre veröffentlicht und sieht dringenden Handlungsbedarf.

Cover der neuen MOBIT-Broschüre

Unter dem Titel „Hass und Kommerz – RechtsRock in Thüringen“ hat die Mobile Beratung in Thüringen, kurz MOBIT, eine 44-seitige Publikation veröffentlicht, in der aktuelle Zustände in dem Bereich dargestellt und die Entwicklungen der letzten zehn Jahre erläutert werden.

„Im Schnitt jedes Wochenende“ lautet der Titel der Einleitung des MOBIT-Vorsitzenden Sandro Witt und verdeutlicht so, welche Ausmaße der Bereich Rechtsrock in dem Bundesland angenommen hat. „Damit nimmt der Freistaat den traurigen Spitzenplatz der deutschen RechtsRock-Szene ein“, so Witt. Auf solchen Konzerten würde vor allem Hass, Gewalt und Verachtung gegen alle verbreitet werden, die nicht in das Weltbild der extrem rechten Szene passen.

„Soziale Stabilisierung“

Seit 2007 erfasst die mobile Beratung mittlerweile Informationen zu einschlägigen Musikveranstaltungen und veröffentlicht diese in jährlichen Chroniken. Die vorliegende Publikation soll das vorliegende Datenmaterial aufbereiten und die Entwicklung Thüringens als zentrales Festival- und Erlebnisland der bundesdeutschen neonazistischen Musikszene nachzeichnen.


Diagramm aus der Broschüre zur Anzahl der Musik-Veranstaltungen

Dabei kommen auch mehrere Experten zu Wort. Anfangs erläutert der Mainzer Musikwissenschaftler Thorsten Hindrichs die Funktionen von Musik für die Szene: „Die entsprechenden Prozesse der Selbstverständigung und Selbstvergewisserung werden primär auf zwei musikalischen Handlungsfeldern verhandelt: Tonträgern und Konzerten.“ In Zusammenhang mit Konzerten spricht Hindrichs von einer „sozialen Stabilisierung“, diese würde den Zusammenhalt der Szene fördern.

Jan Raabe, der die Musikszene seit etlichen Jahren beobachtet, stellt Strukturen und Kader in Thüringen dar, die die Grundlage für Großkonzerte wie in Themar bilden. Neben Tommy Frenck, Organisator mehrerer Szene-Events in Themar und Kloster Veßra, geht Raabe auch auf die NPD-Funktionäre Thorsten Heise und Patrick Weber ein. Viele der zentralen Akteure in Thüringen seien seit etlichen Jahren aktiv, teilweise seit über 20 Jahren und konnten so ein weit verzweigtes Netzwerk aufbauen. Zu den „Polit-Profis“ zähle auch der NSU-Angeklagte Ralf Wohlleben, der jahrelang als Organisator auftrat.

„Spezialität“ Großveranstaltungen

Szene-Immobilien würden ebenso in Thüringen eine immer bestimmendere Rolle einnehmen. Die neonazistische Szene in Thüringen könne aktuell auf 15 Immobilien zurückgreifen. Im Zehn-Jahres-Mittel hätten demnach 31 Prozent der Rechtsrock-Konzerte in Szene-Objekten stattgefunden, 2016 waren es bereits 78 Prozent. Während der Durchschnitt des jährlichen Konzertaufkommens in den Jahren bis 2014 noch 25 Konzerte pro Jahr darstellte, steige die Anzahl seitdem deutlich. Im Jahr 2015 wurden 46, im Jahr 2016 54 Livemusik-Veranstaltungen der extrem rechten Szene gezählt, heißt es in der Broschüre.


Großveranstaltungen in Thüringen, Quelle: MOBIT

Thüringen „Spezialität“ seien jedoch die Großveranstaltungen, die Rede ist von einer Vorreiterrolle des Freistaates. Kein anderes Bundesland könne eine vergleichbare Anzahl, Vielfalt und Konstanz aufweisen. Im Schnitt würden 750 Personen zu den Szene-Events anreisen.

Frenck & Co. melden die Neonazi-Open-Airs als politische Versammlungen an – und kommen so in den Genuss etlicher Vorteile. Die Polizei, die solche Veranstaltungen absichern muss, werde laut MOBIT zunehmend zur „öffentlich finanzierten Eventsecurity“. Die Veranstalter profitieren doppelt: die Ausgaben sinken, Einnahmen generieren sie dennoch.

Professionalisierung bei Behörden notwendig

Da Großveranstaltungen wie in Themar auch eine lukrative Einnahmequelle sind, ist Zwist in der Szene nicht weit her. Umsätze im sechsstelligen Bereich sind keine Seltenheit mehr. Exemplarisch nennt Mobit das Rock für Deutschland, dass 2009 rund 4.000 Teilnehmer anlockte. Im Zuge einer gerichtlichen Auseinandersetzung wurde publik, dass die Veranstaltung einen Erlös von 47.750 Euro erzielte.

Die aktuelle Entwicklung lasse sich vor allem durch zwei Erklärungen zusammenfassen: der
Kauf von Immobilien und eine immer weiter fortschreitende Professionalisierung der Akteure. Handlungsbedarf sehen die Autoren vor allem auf staatlicher Seite. Denn trotz Jahrzehnten rechter Professionalisierung hätte es dies aufseiten der Behörden kaum gegeben. Diese müssten zukünftig ihre rechtlichen Möglichkeiten besser ausnutzen.

Die Publikation wird am Dienstag in Erfurt und am Donnerstag in Kirchheim vorgestellt.

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