Harald Poelchau. Die Ordnung der Bedrängten.

Ein Vorbild für Generationen – Harald Poelchaus Erinnerungen.

Donnerstag, 04. März 2004
Ralf Bachmann
Er war der bekannteste deutsche Gefängnisgeistliche des vorigen Jahrhunderts. In einer Laudatio zum 100. Geburtstag Harald Poelchaus stellt Pfarrer Hans Storck die Frage: „Ein S-Bahnhof, die Straße in Berlin-Marzahn, die Gesamtschule Charlottenburg-Nord, das Haus am Karolingerplatz tragen Ihren Namen. Welchem Pfarrer in Berlin wurde Vergleichbares zuteil?“ In der Tat begegnet man dem Namen des Mannes, der von 1933 bis 1945 Gefängnispfarrer in Tegel und lange Zeit auch in Plötzensee war, häufiger, als bei einem Manne seines Berufes üblich. Verdienstvoll ist es, dass der Verlag Hentrich& Hentrich vor Poelchaus rundem Jubiläum am 5. Oktober sein längst vergriffenes Buch „Die Ordnung der Bedrängten“ mit weiteren seiner Schriften als Sammelband herausgibt, dem Erinnerungen anderer an ihn beigefügt sind. Wer war Harald Poel- chau, was macht ihn zu einer weit über seine Zeit hinaus bedeutenden zeitgeschichtlichen Persönlichkeit? Geboren als Pfarrersohn in Potsdam, aufgewachsen in Brauchitschdorf (Schlesien), Theologie- und Soziologiestudium, Promotion in Frankfurt/Main, Strafanstaltspfarrer in Berlin-Tegel, Plötzensee und Brandenburg, Vortragender Rat für Gefängniswesen der zentralen Justizverwaltung der SBZ, noch einmal Gefängnispfarrer in Tegel, Sozialpfarrer der evangelischen Landeskirche Berlin-Brandenburg. Gestorben 1972.Von Anfang an nahm er sich als Gefängnispfarrer der aussichtsärmsten Fälle an, derer, die man „nur von Gefängnis zu Gefängnis begleiten“ kann. „Aber wir sollten solche ‘Begleitung’ so wenig für sinnlos halten“, schreibt er, „wie ein Pfleger seine Tätigkeit bei hoffnungslos Kranken.“ Diese Einstellung gab ihm die fast übermenschliche Kraft, die er brauchte, als mehr und mehr Häftlinge Feinde des Naziregimes wie er selbst und eingekerkert waren. Von den 12 000, die in Hitler-Deutschland zum Tode verurteilt und hingerichtet wurden, hat er 1000 auf ihrem letzten Weg begleitet. „Er kannte das Leben und Denken der Aufrechten, und er war Zeuge ihres angstvollen Mutes, er wusste von ihren Hoffnungen und ihren Leiden und vergaß niemals die Stimmung der letzten Begegnungen, die wir Nachgeborenen uns erst mühsam erschließen müssen“, sagte Peter Steinbach in einer Gedenkrede für Poelchau in Tegel, die im Buch enthalten ist. „Er sah die Kommunisten und Sozialisten, die Anarchisten und Gewerkschafter, die Katholiken und Protestanten, die Militärs und Bürgerlichen, die Mitglieder der Roten Kapelle und des Kreisauer Kreises, die Tschechen und Polen, die Arbeiterinnen und Aristokratinnen, die Künstlerinnen und Beamten immer wieder vor sich, die das Mordregister von Plötzensee verzeichnet.“Poelchau, der selbst an Zusammenkünften des Kreisauer Kreises teilgenommen hatte und der Gestapo nur wie durch ein Wunder nicht in die Hände fiel, empfand Tätigkeit, Berufung und Alltag als Teil des Widerstands. Bischof Kurt Scharf nannte ihn „einen Streiter für Gerechtigkeit und Menschlichkeit“ – und das war er, wenn nötig, 24 Stunden am Tage. Da versorgte er untergetauchte Juden mit Lebensmittelkarten und Papieren, da half er Gejagten, eine Unterkunft zu finden. Clarita von Trott zu Solms, Witwe von Adam von Trott zu Solms, einem der hingerichteten Männer des 20. Juli, und selbst in Tegel eingekerkert, berichtet im Buch über Poelchaus Zellenbesuche: „Er kam mit einer ausgebauchten Aktentasche und ebensolchen Rocktaschen in das Zimmer, denn er sorgte sogar für unser leibliches Überleben.“Am wichtigsten für die Gefangenen, vor allem aber für die Todeskandidaten war die Ausstrahlung seiner Persönlichkeit. „Wer immer von ihm spricht, betont Poelchaus Vitalität und Lebensfreude, seinen Mut und seine Entschiedenheit, und ebenso häufig wird seine immer wieder beeindruckende und mitreißende Fröhlichkeit hervorgehoben“, heißt es bei Steinbach. „Er vermittelte in aller Nüchternheit etwas wie ein Gefühl von Geborgenheit jenseits unserer Wirklichkeit und unseres Verstehens“, erinnert sich Clarita Trott. „Sein Einsatz für uns hatte für mich etwas vom Charakter einer als ‘überirdisch’ empfundenen Melodie, wie sie uns manchmal lange Zeit nicht loslässt und Schmerz oder Freude durchzieht.“Oft wird gesagt, der Jugend fehle es an Leitbildern. Das Leben Harald Poelchaus ist ein anspornendes Beispiel von tätiger Nächstenliebe und ruhelosem Humanismus, dass man dem Buch weite Verbreitung wünschen möchte.
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