von Armin Pfahl-Traughber
   

„Handwörterbuch rechtsextremer Kampfbegriffe“ – ein nützliches Nachschlagewerk

Bente Gießelmann u.a. haben mit „Handwörterbuch rechtsextremer Kampfbegriff“ herausgegeben, das über zentrale Begriffe aus dem gemeinten politischen Lager und deren ideologische und strategische Hintergründe informiert. Durch die einheitliche Struktur der einzelnen Beiträge ist ein nützliches Nachschlagewerk entstanden, das im Bereich der politischen Bildung wie der sozialwissenschaftlichen Forschung gut genutzt werden kann.

Handwörterbuch rechtsextremer Kampfbegriffe

Auch Rechtsextremisten fordern Demokratie und Freiheit, auch Rechtsextremisten kritisieren den Kapitalismus und die USA. Derartige Bekundungen irritieren zunächst, verortet man derartige Positionen doch meist anders. Beim Blick darauf, was Rechtsextremisten damit jeweils meinen, entsteht ein ganz anderer Eindruck. Auch Akteure aus diesem politischen Lager bemühen sich um eine Besetzung, Instrumentalisierung und Umdeutung von politischen Begriffen. Darüber hinaus bestehen eigene politische Begriffe, die im Rechtsextremismus aufkamen und in die breitere Öffentlichkeit hinein getragen wurden. All dies ist Grund genug, sich näher mit solchen Worten zu beschäftigen. Dies erfolgt meist im Kontext von Ideologieanalysen einzelner Gruppen oder Parteien, aber nur selten in systematischer Art und Weise. In diese Lücke stößt das von den Kultur- und Sozialwissenschaftlern Bente Gießlmann, Robin Heun, Benjamin Kerst, Leonard Suermann und Fabian Virchow herausgegebene „Handwörterbuch rechtsextremer Kampfbegriffe“.

Einleitend werden zunächst fünf Typen von Begriffen unterschieden, Erläuterungen zum Diskursverständnis und Darstellungen zur extremen Rechten und deren Varianten geliefert. Dann skizzieren die Herausgeber das Konzept für die folgenden Kapitel, die sich auf fünfundzwanzig Begriffe aus dem Rechtsextremismus beziehen. Sie reichen von „Abendland“ und „Achtundsechzig“, „Dekadenz“ und „Demokratie“, „Deutschenfeindlichkeit“ und „Freiheit“ über „Gemeinschaft“, „Geschlechtergleichschaltung“, „Heldengedenken“, „Islamisierung“, „Jude“, „Kameradschaft“, „Kapitalismus“, „Nation“, „Nationaler Sozialismus“, „Natur“, „Political Correctness“, „Raum“ und „Rasse“ bis zu „“Schuld-Kult“ und „Umvolkung“, „USA“ und „Vertriebene“ und „Vorbürgerkrieg und „Zigeuner.“ Dabei hat jeder Autor für die Gestaltung ein vorgegebenes Schema bekommen: Nach einer kurzen Einführung geht es um Vertiefungen zu Funktionen und Verwendungsweisen, dann erfolgt noch ein Blick auf den jeweiligen Kontext und ein Fazit zum Schluss.

Den Herausgebern ist es gelungen, alle Autoren an diese Vorgaben zu binden. Daher hat man es mit einem einheitlich strukturierten Handbuch zu tun. Gleichwohl unterscheiden sich die einzelnen Beiträge dann doch im Detail der Differenzierung. So gibt es „Begriffe“, deren Anwendungen in den unterschiedlichen Bereichen des Rechtsextremismus gesondert dargestellt und kommentiert werden. Bei anderen Begriffen fehlt eine solche Unterscheidung und alles wird in einem Textblock zusammengeführt. Dies lässt die Differenzen dann verschwimmen, macht aber stärker die Gemeinsamkeiten deutlich. Erklärbar ist diese Besonderheit wohl schlicht und ergreifend dadurch, dass sich einige Autoren im Thema besser auskennen als andere Autoren. Bei den Letztgenannten findet man auch weniger Originalzitate und dann meist noch aus größeren zeitlichen Abständen. Dabei gerät mitunter die Entwicklung von manchen der untersuchten Phänomene aus dem Blick. Auch machen die Literaturangaben deutlich, dass nicht jeder Autor den aktuellen Forschungsstand kennt.

Gleichwohl hat man es mit einem nützlichen Nachschlagewerk zu tun. Die einheitliche Struktur der Beiträge trägt dazu maßgeblich bei. Auch finden kritische Erörterungen zu den ideologischen Hintergründen und politischen Zielsetzungen statt. Und schließlich geht es ebenfalls um den entfalteten Diskurs selbst, womit Folgewirkungen in der Öffentlichkeit ausgelöst werden sollen. Bedauerlich ist indessen, dass eine dezidierte demokratietheoretische Perspektive nicht selten fehlt. Es wäre hier sicherlich wünschenswert gewesen, wenn die Herausgeber als einen festen Unterpunkt zur Unterscheidung einer demokratischen von einer rechtsextremistischen Position mit aufgenommen hätten. Man könnte darüber hinaus noch bestimmte Begriffe wie „Antizionismus“, „Gutmenschen“ oder „Zinsknechtschaft“ vermissen, sie kommen nur kurz bei anderen Begriffen vor. Aber es muss auch immer eine Auswahl getroffen werden. Bedauerlich ist noch, dass in der Einleitung die Extremismustheorie in Kombination mit der „Mitte“ gebracht wird, was so nicht stimmt.

Handwörterbuch rechtsextremer Kampfbegriffe
Bente Gießelmann/Robin Heun/Benjamin Kerst/Leonard Suermann/Fabian Virchow (Hrsg.)
Wochenschau-Verlag, Schwalbach/Ts., 2016
364 Seiten, 24,80 Euro

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