„Grundausbildung für den Bürgerkrieg“

Die neonazistische „Ungarische Nationale Front“ will im Juli ein weiteres paramilitärisches Lager durchführen.

Dienstag, 30. Juni 2009
Andre Aden

„Junge ungarische Nationalisten zwecks militärischer Grundausbildung gesucht!“. Mit diesen Zeilen bewirbt die militante „Ungarische Nationale Front“ ein paramilitärisches Ausbildungslager der Neonazi-Szene, das vom 10. bis 14. Juli stattfinden soll. Bereits Anfang Mai hatte die „Ungarische Nationale Front“ (Magyar Nemzeti Arcvonal; MNA) ein ähnliches Lager beworben. Die uniformierte und schwer bewaffnete Anhängerschaft der Gruppierung trainierten dort für den Ernstfall. Granatwerfen, Nahkampf sowie der Umgang mit Schusswaffen standen auf dem Programm, denn in dem öffentlich beworbenen Waffenlager sollten „praktische, militärische Grundkenntnisse“ vermittelt werden.

Aus ihrer politischen Zielsetzung macht die militante Organisation dabei kein Geheimnis. „Ungeeignet und unwürdig“ sei die ungarische Regierung, ein Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung stehe kurz bevor. Auf die Zeit des Umbruchs wolle man sich demnach vorbereiten. Die paramilitärische Veranstaltung im Mai wurde durch den „Wanderfalken“, einer Jugendorganisation der MNA, welche gleichzeitig als der „militärische Arm“ der Gruppierung in Erscheinung tritt, ausgerichtet. „Im militärischen Geiste“ wolle man die Jugendlichen erziehen, dafür stünde ein zentrales Ausbildungslager bereit. Auch ein spezielles Ausbildungsprogramm im Umgang mit Waffen für weibliche Unterstützer wurde angeboten. „Erfahrene Mitglieder“ der Gruppierung vermittelten im Verlauf der Zusammenkunft die „Grundlagen der Waffentechnik“, des Schießens mit scharfer Munition sowie der Überwindung von Hindernissen. Militärischer Drill gehörte ebenso zum Trainingsprogramm wie das Einüben von speziellen Wurftechniken für den Einsatz von Granaten und die Grundlagen von Nahkampfttechniken.

„Entschiedenes Vorgehen gegen Zigeuner und jüdische Lebensart“

Ziel des Ausbildungsprogramms ist die Aufstellung paramilitärischer Einheiten in dem EU-Mitgliedsland. Die MNA sieht sich dabei in Opposition zur derzeitigen Regierung unter Ministerpräsident Gordon Bajnai. Dieser hatte erst im April 2009 die Regierungsgeschäfte übernommen, nachdem sein Vorgänger Ferenc Gyurcsán auf dem bisherigen Höhepunkt der wirtschaftlichen Krise in Ungarn und anhaltender regierungsfeindlicher Demonstrationen in der Hauptstadt Budapest sein Amt niederlegte. Bei den heftigen Ausschreitungen im Verlauf der wochenlangen Proteste standen zahlreiche Mitglieder rechtsextremer und neonazistischer Gruppierungen in vorderster Front und lieferten sich Straßenschlachten mit Sicherheitskräften und der Polizei. Die „Ungarische Nationale Front“ ist allerdings nur eine von Dutzenden neonazistischen Splittergruppen, welche gemeinsam mit rechtsextremen Parteien die in ihren Augen „jüdische Interessenspolitik“ der „verweichlichten“ ungarischen Regierung bekämpfen und destabilisieren will.

Der Name „Ungarische Nationale Front“ steht dabei für eine der ältesten neonazistischen Gruppierungen Ungarns. Im Jahr 1989 offiziell gegründet, versteht sich die Gruppe als legitime Nachfolgeorganisation der „Hungarista Bewegung“. Diese nationalsozialistische Bewegung ist ihrerseits aus der 1935 gegründeten „Partei des nationalen Willens“ entstanden und wurde später unter der Bezeichnung „Pfeilkreuzer“ berühmt und berüchtigt. Nachdem Ungarn im Jahr 1944 durch NS-Deutschland besetzt wurde, kollaborierten die Pfeilkreuzer mit den Besatzern und übernahmen die Regierungsgeschäfte in dem osteuropäischen Land. Unter ihnen wurden Zehntausende jüdische Bürger ermordet, Hunderttausende in die KZs und Vernichtungslager deportiert.

Für die „Ungarische Nationale Front“ kein negativer Makel: „Entschiedenes Vorgehen gegen Zigeuner und jüdische Lebensart“, lautet eine der Voraussetzungen, welche die zahlreichen Anhänger der Organisation erfüllen müssen. In dem für Juli geplanten paramilitärischen Ausbildungslager werden „unter anderem … Themen wie Grundlagen des Gefechts, Nahkampf, Waffenkenntnisse, Stärkung der Ausdauer usw. theoretisch und praktisch behandelt.“, heißt es in der Bewerbung der Veranstaltung. „Homosexuelle, Zigeuner und Juden ist eine Teilnahme verwehrt“, erklärt die ungarische Neonaziorganisation auf ihrer Internetseite. Dort wirbt die Gruppe auch mit einem Werbefilm für das neuerliche Lager. In dem veröffentlichten Video stürmen bewaffnete paramilitärische Einheiten Gebäude und üben sich in nächtlichen Kommandoaktionen. Die Gefahr wächst, dass in Ungarn die anhaltenden, zum Teil gewaltsamen Aktionen auf der Straße in der Zukunft durch eine eventuelle Beteiligung militärischer Gruppierungen ergänzt werden könnten.

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