Rezension
Gramsci für die Neue Rechte: Benedikt Kaiser erweitert seine Rezeption im strategischen Sinne
Benedikt Kaiser, der für die Neue Rechte ein wichtiger Publizist ist, hat seine Gramsci-Rezeption erweitert. Für viele Handlungsoptionen der extremistischen Rechten bemüht er die Strategien, die der italienische Marxist für andere politische Zielsetzungen entwickelt hatte. Davon zeugt das neue Buch von Kaiser.
„Die Neue Rechte hat Antonio Gramsci in den letzten Jahren besser verstanden als wir“. Dies konstatierte bedauernd und kritisch gemeint Ines Schwerdner, Bundes-Co-Vorsitzende der Partei „Die Linke“. Der Einschätzung kann zugestimmt als auch widersprochen werden: An einer Gramsci-Rezeption ist man in der politischen Linken gegenwärtig in der Tat wenig interessiert. Dies bedingt aber nicht das Bestehen eines breiteren Interesses in der Neuen Rechten. Ebendort beruft man sich gelegentlich auf Gramsci, aber ohne seine Schriften gründlich gelesen zu haben. Auch bekannte Autoren der Neuen Rechten verweisen eher oberflächlich auf einzelne Positionen.
So betonte etwa Alain de Benoist bei seinem „Kulturrevolution von rechts“-Verständnis, dass sich dieses auf Gramsci stützen würde. Er habe eine geistige „Hegemonie“ als notwendige Vorstufe für eine politische Hegemonie angesehen. Die Einsicht, dass eben der kulturelle Bereich auch ein bedeutendes Handlungsfeld für die Neue Rechte sei, gilt denn auch als deren strategische Option.
Gramsci-Rezeption in der Neuen Rechten
Dabei handelt es sich aber nur um ein Element bei den von Gramsci entwickelten früheren Überlegungen, ging es ihm doch um die unterschiedlichsten Dimensionen von Praktiken zugunsten eines politischen Umsturzes. Bekanntlich erhoffte sich der Mitbegründer der kommunistischen Partei Italiens so einen Systemwechsel. Genau eine solche Absicht hat auch die Neue Rechte, wobei sie ideologisch aber einer ganz anderen politischen Orientierung folgt. In ihren Deutungen instrumentalisiert sie Gramsci lediglich funktional, also bezogen auf seine Ausführungen zu entsprechenden Strategien. Genau eine solche Deutung praktiziert bereits länger Benedikt Kaiser, der zu den eifrigsten Autoren der Neuen Rechten zählt.
Artikel von ihm erscheinen in der „Sezession“, Bücher im „Jungeuropa Verlag“. Darüber hinaus arbeitet er für einen AfD-Abgeordneten im Bundestag. Gramsci hat Kaiser tatsächlich ausführlich gelesen, er kennt auch die in dessen „Gefängnisheften“ verstreuten strategischen Überlegungen. Kaiser überträgt sie dann einfach formal auf die Neue Rechte.
Einwände gegen Benoist und Weißmann
Dies geschah jüngst auch in einem eigenen Buch: „Der Hegemonie entgegen. Gramsci, Metapolitik und Neue Rechte“, das ebenfalls im erwähnten „Jungeuropa-Verlag“ erschien. Seine Erkenntisse aus der Gramsci-Lektüre überträgt Kaiser darin auf sein eigenes politisches Lager, was bezogen auf die konkreten Inhalte für eine „Produktpiraterie“ steht. Was im wirtschaftlichen Bereich eventuell strafrechtliche Folgen hätte, ist aber im politischen Bereich eine gängige Praxis. Und daher instrumentalisiert Kaiser den italienischen Marxisten für seine strategischen Überlegungen.
Dabei kritisiert er auch die erwähnten Bezüge bei Benoist, der dies schon in den 1980er Jahren in seinen grundlegenden Texten versuchte. Kaiser wendet sich darüber hinaus gegen die Sicht von Karlheinz Weißmann, der ähnliche Auffassungen hat, die aber primär auf die gesellschaftliche Elite abzielen. Demgegenüber blickte Gramsci seinerzeit auf alle nur möglichen Schichten des Volkes. Damit gingen dann auch Optionen für unterschiedliche Strategien einher.
Gramsci strategisch komplett für die Neue Rechte
Und genau dieser Ausrichtung folgt auch Kaiser, der in dem genannten Buch zunächst einige Grundinformationen vermittelt. Danach blickt er auf die jeweiligen Aussagen von Gramsci, die sich nicht nur auf das politische Handlungsfeld der Kultur bezogen . Bekanntlich war für diesen auch der „Alltagsverstand“ wichtig, also die alltäglichen Einstellungen.
Gramsci interessierte sich etwa für „Kolportageromane“, also etwa Krimis, die das Alltagsbewusstsein prägen würden. Er entwickelte auch Gedanken zum Journalismus und zur Propaganda. Ebenso verhielt es sich mit Ausführungen zu „organischen Intellektuellen“ in den anvisierten Umsturzprozessen, aber auch zur Bildung eines „historischen politischen Blocks“, der eben solche Entwicklungen vorantreiben sollte. Damit liefert Kaiser tatsächlich wichtige strategische Optionen für einen Systemwechsel. Sein Blick auf die unterschiedlichen Handlungsfelder erlaubt es auch, analytisch und kritisch den dortigen Ist-Stand zu erfassen. Von Gramsci kann man auch in diesem Sinne lernen.