von Elmar Vieregge
   

„Graben für Germanien“ – rechtsextremistische Germanen-Verklärung zwischen Archäologie und Ideologie

Eine der Grundpositionen der rechtsextremistischen Szene ist die Verklärung der Germanen, deren kulturelle Leistungen überhöht werden, um sie als Träger einer heimischen Hochkultur darzustellen. Dabei beziehen sich zeitgenössische Rechtsextremisten auf die im „Dritten Reich“ erfolgte ideologische Beeinflussung der Archäologie. Diesem Thema widmet sich vom 10. März bis zum 8. September 2013 das Bremer Focke-Museum mit der Sonderausstellung „Graben für Germanien - Archäologie unterm Hakenkreuz“.

Obwohl bereits der Begriff „Germanen“ eine Fremdbezeichnung der Römer für eine unübersichtliche Zahl verschiedener Stämme war, die aufgrund des Fehlens einer Schriftkultur keine mit den Zivilisationen des Mittelmeers vergleichbaren Zeugnisse hinterließen, erfolgte bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts deren Überhöhung. Dadurch stellte die Gesellschaft des jungen, erst 1871 vereinten deutschen Kaiserreichs einen Bezug zur Vergangenheit her. Der völkischen Bewegung diente dies zudem zur rassistisch motivierten Abgrenzung gegenüber dem Ausland und zur antisemitischen Agitation. Eine übergreifende Bedeutung hatte der Philologe und Archäologieprofessor Gustaf Kossinna (1858-1931), da er nicht nur die sich entwickelnde Altertumsforschung prägte, sondern auch die völkische Bewegung beeinflusste und sich an den Deutungsbemühungen der Nationalsozialisten beteiligte.

Der unter der Redaktion von Uta Halle und Dirk Mahsarski entstandene Begleitband zur Ausstellung thematisiert sowohl das Wirken der Altertumswissenschaftler als auch die Theorien völkischer Laienforscher und schließlich das diese Personenkreise zusammenführende Engagement einflussreicher NS-Funktionäre. So beteiligte sich Kossinna an dem 1928 vom NSDAP-Ideologen Alfred Rosenberg gegründeten „Kampfbund für deutsche Kultur“ (KfdK). Rosenberg wiederum nutzte nach der „Machtergreifung“ sein „Amt Rosenberg“ für die ideologische Deutung der deutschen Vorgeschichte. Zu seinem Konkurrenten entwickelte sich jedoch der „Reichsführer SS“ Heinrich Himmler mit der zur SS gehörenden Vereinigung „Ahnenerbe“, wobei sich dieser letztendlich im Ringen um innerparteilichen Einfluss durchsetzte. Die Apparate der beiden führenden Nationalsozialisten förderten einerseits ihnen genehme Wissenschaftler, um vermeintliche Belege für eine von ihnen gesehene Kulturhöhe der Germanen zu erhalten. Andererseits entwickelte sich vor allem das „Ahnenerbe“ zu einer Heimstätte für „Schwarmgeister und Phantasten“. Zu diesen gehörten sein erster Präsident Herman Wirth (1885-1981), nach dessen Auffassung die Germanen Nachfahren der Bewohner der einst im Atlantik gelegenen Insel Atlantis waren, und der mit den in Ostwestfalen gelegenen Externsteinen beschäftigte Wilhelm Teudt (1860-1942). Vor diesem Hintergrund erfolgten unter anderem Grabungen an den Externsteinen, die trotz erfolgloser Verläufe dazu genutzt wurden, die Felsformation zu einer germanischen Kultstätte zu erklären.

Der Begleitband stellt in Einzelbeiträgen sowohl die im NS-Staat ausgebauten Forschungsstrukturen als auch bedeutende Ausgrabungen vor und beschäftigt sich mit der Germanenverklärung im alltäglichen Leben des „Dritten Reichs“. Darüber hinaus thematisiert er Ausgrabungen in den während des Zweiten Weltkriegs besetzten Ländern sowie die „Germanische Leitstelle“, mit der die SS sich um die Beeinflussung des kulturellen Lebens in Skandinavien bemühte und über die sie dort Freiwillige für die Waffen-SS anwarb. In der Gesamtschau zeigt sich eine Verflechtung der Archäologie mit dem Nationalsozialismus. Bei ihr handelte es sich sowohl um die Einflussnahme der NS-Ideologie auf die Wissenschaft als auch um die Bewegung der Wissenschaft hin zur NS-Ideologie.

Wer die heutige rechtsextremistische Szene längerfristig betrachtet, kann feststellen, dass sowohl die Vorstellungen der völkischen Archäologen als auch die skurrilen Behauptungen der „Schwarmgeister und Phantasten“ weiterhin in ihr verbreitet sind. Das Gedankengut findet sich sowohl bei der NPD und bei neonazistischen Gruppierungen als auch bei den verschiedenen Verlagshäusern und insbesondere den subkulturellen Bereichen. Dadurch besteht beim Thema „Germanien“ eine ideologische Verbindung zwischen dem „Dritten Reich“ und dem zeitgenössischen Rechtsextremismus. Dieser Aspekt hätte deshalb eine stärkere Aufmerksamkeit im Begleitband verdient gehabt. Zwar beschäftigen sich Jan Raabe und Dana Schlegelmilch mit ihm, konzentrieren sich aber in ihrem knappen Beitrag auf die Produkte der subkulturellen Musik- und Bekleidungshersteller. Dem Projekt „Graben für Germanien“ kommt dennoch der Verdienst zu, dass es die historischen Hintergründe der rechtsextremistischen Germanenrezeption verdeutlicht.

Graben-fuer-Germanien klFocke-Museum
Graben für Germanien
Konrad Theiss Verlag, Stuttgart, 2013
216 Seiten, 29,95 Euro

Kommentare(4)

Anmerker Freitag, 19.Juli 2013, 20:01 Uhr:
Eine Hochkultur muss Kriterien erfüllen, damit sie eine ist!
G. Sergi hat den mediterraniden Phänotyp als den Schöpfer sämtlicher altertümlicher Hochkulturen aufgeführt, als da waren Sumerer, Babylonier, Ägypter, Kreter, Minoer, Römer, Griechen, Karthager, Perser und sicher noch mehr!

Daran muss gemessen werden. Die Ägypter hatten eine fortgeschrittene Kultur, deren Wissen weit über dem anderer stand. Diese Kultur gin aber leider zugrunde. Gründe unklar. War es der Zenit, an dem es kein weitergehen mehr geben konnte? Natürlich waren es auch die immer schwerer zu verteidigenden Grenzgebiete. Gut, die Römer, daraus der Cäsar haben auch daran mitgewirkt.

Aber es waren doch viele Gründe des Untergangs. Fakt ist aber, dass das Alte Ägypten eine Hochkultur war, nicht nur wegen dem Begräbnisritus an den Pharaonen mit den für die damalige Zeit unvorstellbaren Prunkgräbern in Form von Pyramiden oder kultischen Bauten, wie das Tal der Könige, Abu Simbel usw.

Das astronomische Wissen war megastark. Die kulturellen Erzeugnisse, neben Architektur und Wissenschaft jedenfalls ordentlich. Ich denke hier gibt es kaum vage Ungereimtheiten.

Daran muss man auch messen. Natürlich ist klar, dass in Mitteleuropa andere Gegebenheiten und Vermögen waren. Soweit dürfte es sich bei Germanen um Menschen mit Ahnenerbe gehandelt haben. Und natürlich hat jedes Volk seine Eigenheiten, was auch normal ist. Ob eine Hochkultur geschaffen wurde muss auch geprüft werden. Ziemlich unstrittig ist, das neben den mittermeerischen Hochkulturen der Antike eine solche für Germanien nicht aufgeführt wird.
 
nurmalso Sonntag, 21.Juli 2013, 07:58 Uhr:
@Anmerker "unvorstellbaren Prunkgräbern in Form von Pyramiden"

... für einzelne Witzfiguren, für die zehntausende Menschen ihr Leben lassen mussten: Hochkultur!
Bereits ein paar tausend Jahre vor den Pyramiden, transportierten "Barbaren" 50-300 Tonnen schwere Steine z.T. mehrere hundert Kilometer weit, stellten sie astronomisch ausgerichtet senkrecht und hievten Steinplatten mit über 40 Tonnen Gewicht auf diese.
 
Anmerker Montag, 22.Juli 2013, 13:16 Uhr:
Ausgehend von der Datierung aus den Schulbüchern liegst du nicht ganz richtig.
Nicht ich, sondern Expterten datieren u.a. die bekannten Pyramiden in Ägypten auf 12.000 vor Christus! Das solltest du in deinem Beitrag berücksichtigen.
Wenn also angenommen die ominösen Steinplatten zu kultischen Zwecken tausende Jahre vor Pyramiden errichtet wurden, dann sehe ich bei deinem Beitrag nichts haltbares.

Weisst du denn wann die Jungsteinzeit war und weisst du was damals architektonisch möglich war?

Auch wenn was ich jetzt schreibe als Esom... verstanden wird, so sind die weit älter als angenommen errichteten Pyramiden architektonisch weit hochwertiger als die von dir geschriebenen Kultstätten. Im übrigen ist auch die abwertende Bezeichnung der Pharaonen mehr als klärungsbedürftig. Wie kommst du auf sowas wie Witzfiguren? Dir ist klar, dass das Könige waren und dynastisch die Erbfolge und die Regierung innehatten. Ich hätte dich sehen sollen, als die Hyksos an der Grenze standen und einfielen, was du gemacht hättest. Und desweiteren, warum sollten solch überaus intelligente und geachtete Herrscher Witzfiguren sein?

Auch kann nachgelesen werden, dass die kultischen Bauten, jedweder logischen und annehmbaren Möglichkeit der Errichtung entbehren. Natürlich ist dies eine Annahme unter vielen. Es muss also Stonehenge, so ist es auch nachzulesen, von anderen Meistern erbaut worden sein und mit Technik, die für die Zeit nicht möglich gehalten wird. Ich weiß, ist Esomüll...

Zuguterletzt: Es ist auch nachgewiesen, dass es in den Ländereien von besagten Stämmen, menschliche Opfer gab. Inwieweit siehst du also den Aspekt, dass in Ägypten menschliche Opfer für Bauten fielen in besserer Realation zu den Opfern, die ja ähnlich zu Kulten und anderem ihr Leben lassen mußten?
 
JayBee Dienstag, 23.Juli 2013, 08:07 Uhr:
@ nurmalso

"... für einzelne Witzfiguren, für die zehntausende Menschen ihr Leben lassen mussten: Hochkultur!"

Daß du von nix ne Ahnung hast, aber wirklich nur pöbeln kannst, beweist Du mal wieder eindrücklich.


http://de.wikipedia.org/wiki/Pyramide_%28Bauwerk%29#Arbeitskr.C3.A4fte
 

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