von Mathias Brodkorb
   

Götz Kubitschek: Der Faschist vom Rittergut Schnellroda?

Vor wenigen Wochen trat Götz Kubitschek, Initiator der konservativ-subversiven Aktion (KSA), erstmals mit einer Videobotschaft an die Öffentlichkeit, um seine und die Motive seiner Anhänger zu erklären. Ebenso wichtig wie die Bedeutung seiner Worte war jedoch der „kalte Stil“, in dem Kubitschek seine Botschaft vortrug. Armin Mohler wird wohl einst solche Persönlichkeiten gemeint haben, als er über den „faschistischen Stil“ schrieb.


Im Jahr 1973 veröffentlichte Mohler erstmals seinen berühmten Text „Der faschistische Stil“ in dem von Gerd-Klaus Kaltenbrunner herausgegebenen Sammelband „Konservatismus International“. Ein Jahr später wurde der Text in der mohlerschen Aufsatzsammlung „Von rechts gesehen“ leicht verändert wieder abgedruckt, bis es schließlich 1990 in der Traktatsammlung „Liberalenbeschimpfung“ zur Veröffentlichung einer grundlegend überarbeiteten Fassung kam, auf die allein wir uns im Weiteren beziehen.

Mohler versucht in „Der faschistische Stil“ nach eigenen Angaben dem inflationär gebrauchten Faschismus-Begriff wieder einen konkreten Sinn zu geben: „Es gibt kaum ein zeitgeschichtliches Phänomen, dessen Umrisse für uns derart verschwimmen wie der Faschismus. Zum Wort scheint keine Sache mehr zu gehören.“ Dabei schließt sich Mohler weder den Deutungen Zeev Sternhells noch denen „Stil“, um eine Art des Verhaltens und des Selbstbildes. Statt eines theoretischen Zugriffs auf das Thema sei folglich ein „physiognomischer“ nötig.

Was genau Mohler damit meint, beschreibt er anhand einer Rede Gottfried Benns, die dieser im Jahr 1934 anlässlich des Besuches des Futuristen Tommaso Marinetti in Berlin gehalten hat. Es sei die gemeinsame Aufgabe Italiens und Deutschlands, gibt Mohler Benn wieder, „an dem untheatralischen, an dem großartig kalten Stil mitzuarbeiten, in den Europa hineinwächst.“ Dem Stil, der Art und Weise der Selbstinszenierung kommt demnach eine größere Bedeutung zu als der Gesinnung, der Idee. Der Faschismus erweist sich für Mohler als etwas durch und durch „Ästhetisches“ – ästhetisch jedoch im eigentlich griechischen Sinne von „wahrnehmen“. Faschistische „Ideologien“ stützten sich also wesentlich auf Wahrnehmung, auf das, was ist. Mit der Postmoderne habe der Faschismus gemeinsam, dass er sich „universalistischen Heilslehren“ und theoretischen Abstraktionen prinzipiell verweigere.

Mit „Der faschistische Stil“ will Mohler keine historisch-konkrete Beschreibung der politischen Systeme von Staaten leisten, sondern deren Konstitutionselemente herausschälen. Demnach seien alle rechten Totalitarismen der damaligen Zeit letztlich durch drei Elemente in stets unterschiedlicher Gewichtung charakterisiert: Der Nationalsozialismus verbinde die Rasse/Nation mit dem Sozialismus, der Etatismus besinne sich trotz aller „nüchterner Einsicht in die Schwächen des Menschen“ auch in schlimmsten Situationen darauf, die staatlichen Institutionen zu verteidigen oder aufzubauen und der Faschismus zelebriere ein „Stilgefühl“, das an eine Form des Existenzialismus gemahne. Mohler kann, indem er auf den „Stil“ zur Bestimmung des Faschisten verweist, indes keine analytische Originalität für sich beanspruchen. Bereits im Jahr 1936 diskutierte bspw. der Philosoph des italienischen Faschismus, Giovanni Gentile, in seinem Buch „Grundlagen des Faschismus“ eben jenen Begriff des „faschistischen Stil(s)“, „inspiriert an einem Begriff der Sparsamkeit und Strenge, (...) weil er danach strebt, aus der menschlichen Tätigkeit die größtmögliche Leistung zu erlangen“. Für Gentile war dabei die formende Rolle des Staates von herausragender Bedeutung. Insofern mag strittig bleiben, ob Mohlers Unterscheidung des Etatisten vom Faschisten wirklich durchgreift. Der Staat ist ja nach dieser Sichtweise nur das sichernde Andere, das dem Menschen als „Mängelwesen“ ausgleichend und Ordnung stiftend gegenüber tritt, und somit die zweite Seite eigentlich ein und derselben Medaille. Unabhängig von dieser Frage betont Mohler jedoch, dass die drei von ihm angenommenen Antriebe keinesfalls nur die staatlichen Systeme nach ungleichen Gewichten durchziehen: „Die drei Antriebe können sich im gleichen Land, in der gleichen Bewegung überkreuzen und gegenseitig lahm legen (...). Und wer die Viten der führenden Persönlichkeiten aufmerksam studiert, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß dieses Spektakel sich auch innerhalb eines einzelnen Menschen abspielen kann.“ Womit wir bei Götz Kubitschek wären.

Kubitschek sitzt in seinem Arbeitszimmer im Rittergut Schnellroda, die Wände in einem rötlichen Ton gehalten. Die bisher spektakulärste Aktion der Konservativ-Subversiven Aktion (KSA), die Störung einer Lesung des jüngsten Buches von Günter Grass, liegt bereits ein paar Wochen zurück. Heute jedoch soll es darum gehen, Strategie und Taktik der Störorganisation multimedial zu vermarkten. Es wäre nicht verwunderlich, wenn Martin Lichtmesz dabei Regie führte – nur hinter der Kamera natürlich. Im ganzen Raum sind Insignien des konservativen Widerstands drapiert: Kaplaken, Ernst Jünger und die Hauszeitschrift „Sezession“, in deren 25. Ausgabe Kubitschek sein Fünf-Punkte-Programm bereits einmal vorgestellt hatte. Kurz erscheint auch die Großaufnahme eines Bücherregals, die Werke Mohlers bergen. Darunter auffällig und prominent: „Von rechts gesehen“.

Zunächst beginnt eine hintergründige Stimme mit süddeutscher Tonlage den Gemütszustand eines neurechten Provokateurs freizulegen. Kubitschek spricht ruhig, überlegt, langsam: in kaltem Stil. „Wann hat dieser Mann zum letzten Mal gelacht?“, mag man sich beim Anblick der wichtigsten lebenden Ikone der deutschen Neuen Rechten fragen. Es gehe darum, den Gegner zu verunsichern und zu provozieren – und die eigenen Reihen zu schließen. Er wolle mit den Aktionen junge Menschen ansprechen, die einen „bestimmten Typ“ repräsentieren und an „Temperaturerhöhung“ leiden, zitiert er Ernst Jünger. Dass genau diese Worte Jüngers aus „Das abenteuerliche Herz“ (1929) auch von Mohler in „Der faschistische Stil“ gebraucht werden, um eben diesen zu charakterisieren, wissen nur Eingeweihte. Zitiert man sie ausgiebiger, wird man fast zwangsläufig an jene Truppenteile um die rechtskonservative Jugendkulturzeitschrift „Blaue Narzisse“ erinnert, die gemeinsam mit Kubitschek zu Provokationszwecken durch die Republik reisen: „Unsere Hoffnung ruht in den jungen Leuten, die an Temperaturerhöhung leiden, weil in ihnen der grüne Eiter des Ekels frißt, (...), deren Träger wir gleich Kranken zwischen der Ordnung der Futtertröge einherschleichen sehen.“

Spätestens seit seinem Büchlein „Provokation“ (2007) ist nun allseits offenkundig, dass Kubitschek im rechtskonservativen Intellektuellen Armin Mohler sein großes geistiges Vorbild sieht. Während es angekündigt war als eine umfangreichere Auseinandersetzung mit der Strategie der Provokation, geriet es in großen Teilen zu einer Mohler-Hommage. Und zwar nicht nur dadurch, dass er seine Texte umfangreich kommentierte, sondern auch durch die selbst vollzogene Kopie des „faschistischen Stils“. Denn nichts anderes soll die Provokation sein als eine existenzialistische Selbstvergewisserung durch die Tat: „Hüten wir uns aber, die Wirkung des geschriebenen Worts, des luziden Gedankens, der Aufklärung zu überschätzen. (...) Was wäre all dieses Wissen gegen die eine Tat, die das, was man bloß wußte, verdichtet und übersetzt und mit einer Überzeugungskraft auflädt, die die Lektüre einer halben Bibliothek überflüssig macht!“ Das ist Faschismus im ästhetischen Sinne.

Vom Nationalsozialismus wollen die ästhetische Auffassung von Faschismus Kubitschek wie Mohler gleichermaßen strikt abgegrenzt wissen. Kubitschek beharrt in einer Auseinandersetzung mit Benn darauf, dass „der Nationalsozialismus eher als politisch-soziales Programm, der Faschismus als Verhaltenslehre und ästhetisches Phänomen“ zu verstehen sei. Und auch nach Mohler ist der Stil des Nationalsozialismus weder „kalt“ im faschistischen Sinne noch konnten Hitler und Goebbels darauf verzichten, eine Ideologie in den Vordergrund ihres Wirkens zu stellen. Besonders tritt der Unterschied zwischen beiden Bewegungen für Mohler darin zum Vorschein, dass der Faschismus einen aristokratischen Grundzug mit sich führe, beim Nationalsozialismus hingegen „der seelische Aufruhr einer ganzen Volksschicht seinen Feind sucht“. Während der Nationalsozialist seinen Feind verachtet und ihn zu vernichten trachtet, erkennt der Faschist nach Mohler im ebenbürtigen Gegner gar ein Stück seiner Selbst. Im Traktat „Gegen die Liberalen“ kommt er in Auslegung Nietzsches denn auch zu der Einschätzung: „Auffällig ist auch, daß es für den agonal sich Verhaltenden keinen Feind (inimicus), sondern einen Gegner (adversarius) gibt, der einem näher sein kann als der Laue im eigenen Lager.“ Bissig scheut sich auch Kubitschek nicht davor, allzu Eifrige in seinem Umfeld in diesem Sinne als Nicht-Ebenbürtige, als „Lauwarme“ zu titulieren.

Indes ist dieser ästhetische Faschismus nur die Oberfläche, nur der Lack. In Wahrheit nämlich schlummert in Kubitschek ein nationalistischer Etatist. Denn wie Mohler schätzt er den konservativen Philosophen Arnold Gehlen und dessen Anthropologie. Der Mensch sei als Mängelwesen auf Institutionen angewiesen, die ihn überragen und als solchen Menschen überhaupt erst möglich machen. Der Ritter kalten Stils von Schnellroda nimmt diesen Gedanken so ernst, dass er das „Institut für Staatspolitik“ (IfS) durch seinen jüngsten Rückzug vor ihm selbst rettete. Er hat jedoch auf absehbare Zeit keinen Zugriff auf die staatlichen Schalthebel der Macht, um zu retten, was er „deutsche Substanz“ und „deutsche Zukunft“ nennt. Daher rührt die Gründung der Konservativ-Subversiven Aktion (KSA) als Verzweiflungstat. Kaum einer seiner Anhänger habe Hoffnung, „ das Vaterland wirklich retten zu können“. Daher wolle „jeder von uns wenigstens eines, nämlich eine Spur hinterlassen, also zeigen, dass er nicht beteiligt war am Untergang, sondern gehandelt hat, um etwas zu retten.“ Das Hinterlassen einer Spur – wieder ein stillschweigendes Mohler-Zitat. In seinem Video auf YouTube spricht Kubitschek in diesem Zusammenhang auch von einer Form des „politischen Existenzialismus“ und kündigt an: „Wir werden weiter an unserem besonderen Aktionsstil arbeiten.“ Bestenfalls ist Kubitschek also in der Außendarstellung ein Mohlerscher, ein ästhetischer Faschist aus Verzweiflung darüber, dass er den Typ des Etatisten angesichts der hegemonialen Gesamtlage nicht auszufüllen vermag. Oder wie es Rudolf Maresch jüngst ausdrucksstark auf den Punkt brachte: „Die Stilisierung des Leidens, die Angst vor sozialer Missachtung und/oder öffentlichem Ausschluss, wird überhöht durch die Selbstheroisierung des eigenen Lebens.“ Während sich die Linke Ende der 1960er Jahre jedoch auf der historischen Siegerstraße sah, subversiven Protest im Gestus verachtender Überlegenheit zelebrierte und sich gerade daraus ihre Fröhlichkeit erklären lässt, versteht sie Kubitschek als eine Form des letzten, ästhetischen Aufbegehrens gegen das wohl Unvermeidliche. Gerade deshalb ist die KSA keine Verherrlichung politischer Gewalt. Kubitscheks Konservatismus hingegen fußt nicht auf der Verachtung des Denkens, sondern auf dem „scharf ausgeprägten Bewußtsein für die Grenzen der Ratio“ (Weißmann). So ist es auch kein Wunder, dass er im Jahr 2007 in einem Interview mit dem NPD-Blatt „Deutsche Stimme“ – im Unterschied zu seinen subversiven Vorläufern aus den 1960er Jahren – Revolutionen eine Abfuhr erteilte: „Ich werde die Welt nicht so einrichten können, daß sie aufgeht (...) Ich glaube, daß mich dies immer davon abhalten wird, einen ‚neuen Menschen’ zu erträumen und nach diesem Traum hin das Leben zu vergewaltigen. (...) Der Staat ist nicht ersetzbar. Ohne Staat ist keine Ordnung, kein innerer Friede, keine Handlungsfähigkeit, kein Schutz, kein geschichtlicher Weg im Massenzeitalter. (...) Dieser Wettbewerb (innerhalb der NPD, M.B.), wer denn nun die radikalste Lösung und die radikalste Sichtweise zu formulieren vermag, ist mir fremd.“

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