Gewaltbereites Potenzial

Knapp 200 Neonazis versammelten sich am Wochenende im brandenburgischen Neuruppin zu einer Demonstration unter dem Motto „Vom Schuldkult zur Mitschuld“. Durch zivilgesellschaftliche Blockaden wurde die geplante Aufmarschstrecke verkürzt.

Montag, 11. Juli 2011
Maik Baumgärtner

„Bereits zum vierten Mal seit 2007 sammeln sich heute Neonazis in der Stadt für eine Demonstration“, erklärte Christoph Schulze vom Verein Opferperspektive am Samstag am Rande der Auftaktkundgebung am Bahnhof Rheinsberger Tor. Seit Wochen mobilisierten die „Freien Kräfte Neuruppin/Osthavelland“ für ihren Aufmarsch unter dem Motto „Vom Schuldkult zur Mitschuld“. Mit mehr als 300 Teilnehmern rechneten die Behörden im Vorfeld. Tatsächlich fanden sich bei strahlendem Sonnenschein laut Polizeizählungen nur 175 Neonazis in der Fontanestadt Neuruppin ein, hundert weniger als im vergangenen Jahr.

Rund um den Bahnhofsvorplatz hatte die Polizei Absperrgitter aufgebaut, Dutzende Einsatzfahrzeuge und Hunderte Beamte säumten die Straßen der rund 32.000 Einwohner zählenden Kreisstadt. Bevor der Aufzug der Neonazis starten konnte, durchsuchte die Polizei akribisch jeden Teilnehmer. Nicht ohne Grund. Christoph Schulze wies darauf hin, dass unter den Anwesenden nicht nur ein erheblicher Teil Autonomer Nationalisten seien, „die als gewalttätig und gewaltsuchend gelten, sondern auch einschlägig bekannte und vorbestrafte Szene-Aktivisten “.

„Geeint gegen den imperialistischen Weltenfeind“

Bereits zu Beginn des Aufzugs hetzte ein Redner gegen die USA und machte deutlich, welche Optionen er sich für die Zukunft offen hält: „Ich würde mich nicht scheuen selbst zur Waffe zu greifen, wenn die unterdrückten Völker einmal aufstehen, die Ketten der Sklaverei abstreifen und geeint gegen den ewigen imperialistischen Weltenfeind aufstehen.“

Durch überwiegend leere Straßen begleitet von vereinzelten Gegendemonstranten marschierten die Neonazis, welche überwiegend aus Brandenburg, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern angereist waren, in Richtung Innenstadt. Doch auf der Karl-Marx-Straße war plötzlich Schluss. Knapp 400 Menschen setzten sich auf die Straße und blockierten so die Route.

Nachdem die Polizeibeamten dem Versammlungsleiter mitgeteilt hatten, dass es auf der geplanten Strecke nicht weitergehen kann, unterbrach dieser den Aufmarsch und forderte die Einsatzkräfte erfolglos auf, den Weg frei zu räumen. Nach einer Rede des bekannten nordrhein-westfälischen Kaders Axel Reitz machten die Neonazis kehrt und liefen unter Rufen wie „Kniet nieder ihr Bauern! – Die Nazis die sind sauer!“ zurück zum Bahnhof.

Organisierte Angriffe auf alternative Jugendliche

Christoph Schulze zeigte sich am Ende des Tages zufrieden mit dem Verlauf. Heute sei es einem breiten Spektrum an demokratischen Kräften gelungen, gemeinsam den Aufmarsch zu blockieren. Dies sei auch ein positives Signal an die Betroffenen rechter Gewalt in der Stadt, denn auch in Neuruppin gäbe es Menschen, deren Alltag von einem Gefühl aus Bedrohung und Angst geprägt sei. Im vergangenen Jahr registrierte die Opferperspektive mehrere organisierte Angriffe auf alternative Jugendliche und Menschen mit Migrationshintergrund.

Doch die Behörden und die Zivilgesellschaft vor Ort werden sich in Zukunft neben der gewaltbereiten eigenen Szene, wohl auch wieder mit den angereisten Neonazis beschäftigen müssen, denn die fuhren nicht, ohne noch eine Drohung auszusprechen: „Neuruppin es war schön, bald werden wir uns wieder sehen.“

 

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