Gesegnet sei die Phantasie – verflucht sei sie!. Erinnerungen von "Dort"

Der Bericht einer Augenzeugin.

Mittwoch, 12. April 2006
Theo Meier-Ewert

Batsheva Dagan wurde 1925 in Lodz geboren. 1942 gelang ihr die Flucht aus dem Ghetto Radom. Mit gefälschten „arischen“ Papieren arbeitete sie zwangsverpflichtet als Dienstmädchen in Schwerin, wurde denunziert und am 28. Mai 1943 nach Auschwitz-Birkenau deportiert, wo sie, als „arbeitsfähig“ eingestuft, 20 Monate in verschiedenen Kommandos arbeitete. Sie überlebte die Räumung des Lagers am 18. Januar 1945 durch die SS, den Todesmarsch nach Ravensbrück und die Zwangsarbeit in der Munitionsfabrik im Außenlager Malchow und konnte im April 1945 auf einem „Evakuierungsmarsch“ entfliehen. Nach ihrer Befreiung durch britische Truppen am 2. Mai 1945 ging sie nach Belgien, später nach Palästina. Batsheva Dagan lebt in Israel und widmet sich als Dozentin und Autorin von Kinderbüchern besonders der pädagogischen Vermittlung des Holocaust an Kinder.
In ihren Gedichten, die sie auf Hebräisch 1985 während eines Aufenthaltes in England schrieb, sie sind 1997 in Israel, 2001 in englischer und jetzt in deutscher Übersetzung erschienen, will sie vor allem Zeugnis ablegen: „Fragt heute, denn heute gibt es noch Zeugen“. Es sind Erzählgedichte, die Erfahrungen, die eigentlich nicht vermittelbar sind, nicht chiffrieren, sondern in einprägsamen, fasslichen Bildern und durch sprachliche Verdichtung nahe bringen wollen. Erlebnisse, Erniedrigungen im „Alltag der Hölle“, lakonisch und nachdrücklich in der Formulierung, mitunter sarkastisch, immer wieder in Hoffnung endend: „Aber manchmal gelang es mir zu entkommen in eine andere, schöne, bessere Welt.“ Die entsetzliche Realität des Lagers wird noch deutlich in einem Epilog. „The Palestine Post“ druckte am 29.10.1945 einen „offenen Brief“, den Dagan als Augenzeugin aus nächster Nähe an die aus Auschwitz, Ravensbrück und Bergen-Belsen berüchtigte Aufseherin Irma Grese gerichtet hatte. Grese wurde in Lüneburg von einem britischen Militärgericht zum Tode verurteilt und am 13. Dezember 1945 hingerichtet.

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