Geschichtsrevisionistisches Jahrestreffen

Der diesjährige Kongress der rechtsextremen „Gesellschaft für freie Publizistik“ findet vom 23. bis 25. Mai statt. Getagt wird unter dem Motto „Missbrauchte Geschichte – Deutschland ewig am Pranger?“ im thüringischen Kirchheim.

Donnerstag, 08. Mai 2014
Anton Maegerle

Die 1960 von ehemaligen SS-Offizieren und NSDAP-Funktionären gegründete „Gesellschaft für freie Publizistik“ (GfP) mit Sitz in München gilt als mitgliederstärkste rechtsextreme Kulturvereinigung. Ihr gehören etwa 500 extrem rechte Publizisten, Redakteure, Buchhändler und Verleger an. Im Mittelpunkt der Aktivitäten der geschichtsrevisionistisch ausgerichteten GfP  steht die Relativierung der Kriegsschuld. Mit „Aufklärungsarbeit“ soll die angeblich verzerrte Darstellung der Zeitgeschichte korrigiert werden. Eine der Hauptforderungen der GfP ist die Streichung des Volksverhetzungs-Paragraphen 130 StGB. Dieser diene der Bewahrung des „herrschenden Geschichtsbildes“ und verhindere, dass „offiziöse Behauptungen zur NS-Judenverfolgung“ angezweifelt werden könnten, so die GfP.

Als Referenten für den 55. Jahreskongress der GfP sind James Bacque (Kanada), Pavel Kamas (Tschechien), Albrecht Jebens (Uhldingen-Mühlhofen) und Franz Uhle-Wettler (Meckenheim) angekündigt.

Festredner beim Sudetendeutschen Heimattag

Bacque (Jg. 1929) wird in rechtsextremen Kreisen verehrt, da er „das Unrecht der Westalliierten an den Deutschen weltweit bekannt machte“, konstatierte 2010 die rechtsextreme Monatszeitschrift „Zuerst!“. So schreibt Bacque in seinem 2002 beim einschlägigen Pour le Merite-Verlag erschienenen Buch „Verschwiegene Schuld. Die alliierte Besatzungspolitik in Deutschland nach 1945“: „Zwar brachten die Alliierten Hitlers Sklaven die Freiheit, doch übten sie auch Rache in einer Weise, welche die Welt nie zuvor gesehen hatte.“ „Dieser Kampf“, so Bacque, „dauert natürlich ewig fort“. 

Kamas (Jg. 1980) ist Gründer des rechtsextremen Verlags Guidemedia publishing home. Der Verlag veröffentlichte im vergangenen Jahr das voluminöse NS-apologetische Buch „Adolf Hitler: Projevy“ (Hitlers Reden). Von der Polizei wurde daraufhin das Verlagskonto gesperrt. Am 15. September 2013 trat Kamas beim Sudetendeutschen Heimattag im niederösterreichischen Klosterneuburg als Festredner auf. In seinen Ausführungen attackierte er die offizielle tschechische Geschichtsschreibung und schwadronierte von der „Nazi-Keule“, zu „der man beliebig greifen kann, sobald es einem an Argumenten fehlt“. Auf Kamas‘ Facebook-Seite ist zu erfahren, dass er Musik von Michael Regener (ehemals „Landser“) liebt und Bücher des rechtsextremen Grabert Verlages liest.

Jebens (Jg. 1946), einst Geschäftsführer des umstrittenen „Studienzentrums Weikersheim“ (SZW), war später Vorstandsmitglied der GfP und der rechtsextremen „Gedächtnisstätte“. Über den 1997 verstorbenen ehemaligen Pressechef des Auswärtigen Amts in der NS-Zeit, Paul Karl Schmidt (alias Paul Carell), verfasste er in der „Jungen Freiheit“ einen lobhudelnden Nachruf und ehrte damit einen SS-Obersturmbannführer, NS-Propagandisten und Träger des „Winkels für alte Kämpfer“, der 1944 „die laufenden geplanten Judenaktionen in Ungarn“ begrüßt hatte. Uhle-Wettler (Jg. 1927), Generalleutnant a.D., hatte 1991 in der „Jungen Freiheit“ erklärt, dass jemand, der den deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 „als gesicherte historische Wahrheit darstellt“,  nicht „ernst zu nehmen“ sei.

Hutten-Preis für Erich Priebke

Zum Hutten-Preisträger soll in Kirchheim Generalmajor a.D. Gerd Schultze-Rhonhof (Jg. 1939) gekürt werden. Dieser sei eine „renommierte Persönlichkeit“, „deren Quellenarbeit zu den Ursachen des Zweiten Weltkrieges vor allem im sog. Gedenkjahr 1914 nicht hoch genug bewertet werden kann“, schreibt der GfP-Vorsitzende Martin Pfeiffer in seiner Einladung. Eines der Bücher von Schultze-Rhonhof trägt den Titel „Der Krieg, der viele Väter hatte“. Die Tageszeitung „Die Welt“ rechnet das Machwerk dem „Stoff, aus dem die Mythen sind“ zu, da darin behauptet werde, „Hitler habe den Zweiten Weltkrieg nicht aus eigenem Willen begonnen, sondern sei gewissermaßen in den Krieg ‚gezwungen’ worden“. Als Referent stand Schultze-Rhonhof unter anderem der „Ordensgemeinschaft der Ritterkreuzträger“ (OdR) und dem „Kameradschaftsverband des ehemaligen I. SS-Panzerkorps“ zur Verfügung.

Die Laudatio auf den Preisträger will der ehemalige Bundeswehr-Oberstleutnant Alfred Zips (Jg. 1939) halten. Zips war Vorstandsmitglied des revanchistischen „Witikobundes“ und Regionalbeauftragter Hessen Mitte der rechtsextremen „Deutschland-Bewegung“.

Hutten-Preisträger waren unter anderem das einstige FPÖ-Urgestein Otto Scrinzi, der langjährige DVU-Bundesvorsitzende Gerhard Frey, der NS-Verbrecher Erich Priebke und der ehemalige Göring-Vertraute Hajo Hermann. Der Hutten-Preis beziehungsweise die Hutten-Medaille wurde erstmals 1964 an den US-Historiker David Hoggan (1923 – 1988) verliehen. Der Geschichtsrevisionist Hoggan hatte in seinen Büchern wie dem erstmals 1961 im Tübinger Grabert Verlag erschienenen Werk „Der erzwungene Krieg“ die Schuld der NS-Führung am Beginn des Zweiten Weltkrieges geleugnet.

Referent beim NPD-Kreisverband Unna/Hamm

An der Spitze der revisionistisch ausgerichteten GfP steht seit Juni 2010 der aus Franken stammende Burschenschafter Martin Pfeiffer. Pfeiffer ist „Schriftleiter“ der FPÖ-nahen Monatszeitschrift „Die Aula“ (Graz) und Vorsitzender des revisionistischen „Kulturwerks Österreich – Landesgruppe Kärnten“. Im Juli 2012 war Pfeiffer Starreferent bei einer gemeinsamen Saalveranstaltung von Freien Nationalisten und dem NPD-Kreisverband Unna/Hamm in Dortmund. Der Hauptmann d.R. Pfeiffer informierte die anwesenden „Kameraden“ unter anderem über den „Gesinnungsprozess“ gegen den einschlägig vorbestraften und knasterfahrenen Neonazi Gottfried Küssel. Gern gesehen war Pfeiffer auch beim gemeinsamen Neujahrsempfang der NPD-Fraktionen von Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Treptow-Köpenick im Januar 2011 in Berlin.

Anmeldungen für die GfP-Tagung nimmt Vorstandsmitglied Margret Nickel im hessischen Lippoldsberg (Gemeinde Wahlsburg) entgegen. Nickel war jahrzehntelang Bürochefin der 2009 verstorbenen Holle Grimm, vormals Gründungsmitglied  und später Ehrenvorsitzende der „Gesellschaft für freie Publizistik“. Nickel verwaltet und verbreitet nach dem Tod von Holle Grimm als selbständige Verlegerin der Klosterhaus Versandbuchhandlung das publizistische Erbe von Hans Grimm (1875 – 1959), dem Vater von Holle Grimm. Hans Grimms 1926 veröffentlichtes Hauptwerk „Volk ohne Raum“ wurde in der Weimarer Republik zum meist verkauften Buch. Mit dem Werk lieferte Grimm die propagandistische Formel und Rechtfertigung für die Eroberungs- und Vernichtungspolitik der NS-Diktatur.

Inhaber der GfP-Domain ist der NPD-Bundespressesprecher und GfP-Vorstandsmitglied Frank Franz (Jg. 1978). Das GfP-Sekretariat firmiert unter einer Postfachadresse in Bad Soden-Salmünster. Dort wohnt seit 2012 Rolf Kosiek, vormals langjähriger GfP-Vorsitzender.

Die GfP-Veranstaltung findet laut Einladung im „schon bekannten kleinen, rustikalen Hotel in Thüringen“ statt. Gemeint ist damit vermutlich das Hotel „Romantischer Fachwerkhof“ mit angeschlossener „Erlebnisscheune“ in Kirchheim im Ilm-Kreis, das seit dem Jahr 2009 maßgeblich von Rechtsextremisten genutzt wird. Dort wurde auch der letztjährige GfP-Jahreskongress mit rund 100 Teilnehmern ausgerichtet.

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