„Germania“: Studenten im Spagat zwischen Tradition und Moderne

Sind schlagende Verbindungen nicht irgendwie aus der Zeit gefallen? Der Dokumentarfilm „Germania“ porträtiert eine exklusive akademische Welt, ohne deren Bewohner bloßzustellen.

Vorbereitung auf die Mensur: Fechten ist in Studentenverbindungen noch immer Teil der Selbstveredelung. Foto: Dino Osmanovic

Etwa ein Prozent der Studenten in Deutschland gehört einem Corps oder einer Burschenschaft an. Deren Namen wie „Germania“ oder „Normannia“ erinnern eher an deutsche Eiche und zackige Manieren als an jugendlichen Hedonismus. Vor allem aber verstehen sich diese Gruppen als exklusive Zirkel, mit deren Hilfe schon im ersten Semester Netzwerke fürs Leben geknüpft werden. Außerdem passt diese Distanzwahrung zur eigenen Selbstwahrnehmung als ein Kreis junger Menschen, um nicht zu sagen Männer, die mancherlei „modernes Zeugs“ ablehnen.

Insofern ermöglicht Lion Bischofs Regiearbeit neue Perspektiven. Mit der Kamera begleitete er über längere Zeit einige Nachwuchsakademiker, die dem „Corps Germania“ in München angehören. Wonach sehnen sich junge Männer in der digitalisierten Welt von heute? Wie gehen sie mit den strengen Regeln einer schlagenden Verbindung um? Und vor allem: Welche politischen Einstellungen formen sich in jenen Kreisen, denen ein Hang zu Chauvinismus und Rechtsextremismus sowie elitärem Dünkel nachgesagt wird? Wie lebt es sich im ständigen Spagat zwischen Tradition und Moderne?

Ein Brasilianer möchte „Burschi“ werden

Der Film ist bemüht, sich all die Prämissen und Werturteile, die auch der Regisseur gehabt haben dürfte, nicht anmerken zu lassen. Vor allem, indem auf jeglichen gesprochenen Kommentar oder gar Interviewfragen verzichtet wird. Einzig die minimalistische Musik verleiht einigen Szenen eine besondere Note. Für diese subtile Nuancierung wurde „Germania“ im vergangenen Jahr beim Filmfestival Max-Ophüls-Preis ausgezeichnet. Ansonsten bleibt es dem Publikum überlassen, sich während der ebenso langen wie gnadenlosen Einstellungen ein eigenes Bild zu formen.

Der Erzählfaden folgt zwei Perspektiven. Einerseits wird ein aus Brasilien stammender Neuling (im Corpsjargon „Fuchs“ genannt) dabei begleitet, wie er sich Zug um Zug in seinem neuen Leben in der bayerischen Metropole einrichtet. Dazu gehören nunmehr abendliche Sitzungen mit den Corpsbrüdern, Fechtunterricht auf dem Paukboden und allerlei Rituale und Verhaltensregeln. Immer wieder ist dem Studenten der Ingenieurwissenschaften anzumerken, dass er für den gewünschten Effekt in Sachen „Vitamin B“ einiges in Kauf nimmt. Aber mit ein paar Bier geht ja ohnehin alles besser. Werden ihn die anderen wirklich akzeptieren?

Ein weiterer Strang rankt sich um den „Vorsitzenden“ dieser Gemeinschaft, den sogenannten Senior. Mit seinen halblangen Haaren und dem Vollbart entspricht er rein äußerlich so gar nicht dem ins Soldatische gehende Klischee eines - rein hierarchisch gesehen - hervorgehobenen Corpsstudenten. Bei ihm äußern sich besonders deutlich die Widersprüche, die sich bei seinen Untergebenen zumindest andeuten. Einer besteht darin, bei offiziellen Anlässen ein akademisches Leistungsprinzip und Zielstrebigkeit als Dienst am Vaterland hochzuhalten, in Wahrheit aber auch nach etlichen Semestern noch keine wirkliche Richtung für sein berufliches wie privates Leben gefunden zu haben.

Politisch unkorrekt

Lion Bischof, Jahrgang 1988, war zum Zeitpunkt der Dreharbeiten selbst noch Student, nämlich an der Hochschule für Fernsehen und Film München. Diese relative altersbezogene Nähe zu den vor der Kamera Agierenden könnte einige Berührungsängste abgebaut haben. Mit der Zeit geben sich die jungen Männer, die am Corpsleben unter anderem schätzen, auch mal politisch unkorrekt sein zu können, ohne dafür von den Kommilitonen gegrillt zu werden, immer offenherziger und lockerer. Somit wartet man nur darauf, dass sich die Studiosi, die einander mit „Heil Germania“ zuprosten, auch tatsächlich unkorrekt verhalten.

Manchmal stößt das wenig wertungsfreudige Konzept aber auch an seine Grenzen. Einige Aussagen der Germania-Brüder bleiben blass oder fragmentarisch, weil der Interviewer nicht nachhakt. Politisch lässt sich niemand klar verorten. So bleiben anstelle von Erkenntnis oft Leerstellen. Erst recht, wenn der Senior mit eigenwilligem Wortwitz mit den Begriffen Gleichschaltung und Gleichberechtigung jongliert, hätte man sich eine kritische Einordnung gewünscht. Andererseits kann man in diesen und ähnlichen Momenten dem Regisseur auch dazu gratulieren, dass es ihm gelingt, dass die jungen Herren ohne Zutun von außen an ihrem sauberen und weltoffenen Image kratzen.

Info: „Germania“ (Deutschland 2018), ein Film von Lion Bischof, 78 Minuten.

Zuerst erschienen beim „vorwärts“.

Keine Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen