Gerichtliches Nachspiel

Tostedter Neonazi Sebastian Stöber wegen Landfriedensbruchs zu Geldstrafe verurteilt, wegen Bedrohung freigesprochen. Weitere Prozesse folgen.

Freitag, 24. Dezember 2010
Andrea Röpke

Er zählt zu den Anführern der jungen braunen Nachwuchstruppe „Nationale Sozialisten Tostedt“, vermummt präsentierte er sich mit der als gewaltbereit geltenden Kameradschaft „Gladiator Germania Tostedt“ und im Juli machte er Schlagzeilen, weil er im Auftrag des größten norddeutschen Rocker-Clubs Gremium MC das ehemalige Ausflugslokal „Symphonie“ bei Stade gekauft hatte: Sebastian Stöber.

Jetzt stand der umtriebige rechte Transportunternehmer vor dem Amtsgericht Tostedt wegen des Verdachts auf Körperverletzung, Bedrohung und Landfriedensbruchs. Der Prozess sollte der Auftakt zu mehr als 40 Verfahren gegen Neonazis und Gegendemonstranten wegen der „Pfingstausschreitungen von Tostedt“ werden, wie das „Hamburger Abendblatt“ schreibt.

„Wortführer des rechten Blocks“

Rund 70 Nazigegner aus der Region um Hamburg hatten zu Pfingsten zur Demonstration gegen einen überregionalen Neonazi-Treffpunkt, das „Streetwear“-Geschäft von Stefan S., aufgerufen. Der alarmierte nach Erkenntnis des Gerichts seine Kameraden, die sich vor dem Ladenlokal im Todtglüsingen bei Tostedt im Landkreis Harburg aufbauten. Unter den 22 selbst ernannten rechten Verteidigern soll Sebastian Stöber als „Wortführer des rechten Blocks“ aufgetreten sein.

Aus der Menge heraus wurden Polizisten bedroht, die sich mit einer Kette vor die Neonazis stellten. Vonseiten der Gegendemonstranten flogen Flaschen und andere Gegenstände. Die Stimmung sei sehr aggressiv und aufgeheizt gewesen. Dem 33-jährigen Stöber wurde vorgeworfen, versucht zu haben, die schützende Polizeikette zu durchbrechen, um zu den politischen Gegnern zu gelangen. Auf „Nothilfe“ plädierte dagegen Stöbers Verteidiger, die Demonstranten hätten Norddeutschlands größten Szeneladen „platt machen“ wollen. Das Gericht folgte diesen Ausführungen nicht. Im Gegenteil, der Laden sei nicht in Gefahr gewesen.

Mit Messer bei der Pfingstaktion

Tostedt, die Kleinstadt am Rande des Alten Landes, nahe der Landesgrenze zu Hamburg gilt in Niedersachsen seit einiger Zeit als Brennpunkt. Vor allem „Streetwear“-Betreiber S. rekrutiert als langjähriger Anführer jungen Nachwuchs und tritt mit denen bei Aufmärschen wie in Bad Nenndorf an. S. scheint über beste Kontakte ins militante Lager zu verfügen. Auf ihn wartet jetzt ein Verfahren wegen schweren Landfriedensbruchs. Er soll bei der Pfingstaktion ein Messer dabei gehabt haben, wie das „Stader Tageblatt“ berichtet.

Immer wieder kommt es zu brutalen Übergriffen gegen alternative Jugendliche. Im Mai sollen Anhänger der „Nationalen Sozialisten Tostedt“ und von „Gladiator“ mit Spaten und Stahlrohren bewaffnet in eine Wohnung eingedrungen sein und drei junge Hausbewohner verletzt haben. Es herrscht eine angespannte Atmosphäre in Tostedt. Menschen werden eingeschüchtert, erstatten aus Angst keine Anzeige. Kritiker sprechen davon, dass Verantwortliche auf dem rechten Auge blind seien.

Körperverletzung nicht eindeutig nachgewiesen

Da ist es nicht förderlich, dass das Gericht ausgerechnet dem ehemaligen Tostedter Jugendpfleger wenig Glauben schenkte. Der hatte Anzeige wegen Körperverletzung und Bedrohung gegen Stöber gestellt. Nach seinen Aussagen, die in wichtigen Punkten von einer Polizistin im Zeugenstand gestützt wurden, habe er am Rande der Krawalle fotografiert, sei dabei von drei Neonazis angegangen worden, darunter Stöber. Der habe ihn geschubst und sinngemäß gedroht, ob er wüsste, wie sich ein Messer im Bauch anfühle, so der Zeuge. Die Beamtin sei dann dazwischen gegangen, brachte ihn aus der Gefahrenzone. Die Körperverletzung konnte nicht eindeutig nachgewiesen werden. Doch ein erfahrener Prozessbeobachter bestätigte, der Jugendpfleger habe einen glaubhaften Eindruck gemacht und wunderte sich, dass auch die Bedrohung fallen gelassen worden sei. Nach Überzeugung des Gerichts reichten die Beweise für beide Taten nicht aus, Stöber wurde freigesprochen. Die Verurteilung wegen Landfriedensbruchs ist noch nicht rechtskräftig.

 

Kategorien
Tags