„Gemeinschaft der Treuen“

Mit artigen Lobliedern huldigte die braune Szene dem verstorbenen Neonazi Jürgen Rieger − der Gedenkmarsch fand nur wenige hundert Meter entfernt vom Grab des Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß in Wunsiedel statt.

Montag, 16. November 2009
Andrea Röpke

Die Gräben, die Jürgen Rieger in der eigenen politischen Szene zeitlebens umgaben, müssen tief gewesen sein. Zum Trauermarsch am 14. November in Wunsiedel im Fichtelgebirge erschienen knapp 800 Anhänger seiner „Bewegung“. Der Hamburger Multifunktionär, der Ende Oktober im Alter von 63 Jahren verstarb, war fast 40 Jahre lang aktiv. Er verteidigte über Jahrzehnte hunderte von straffällig gewordenen Kameraden, lud Sippen ins heidnische Milieu, hielt die Alten bei der Stange, sponserte Partei und Initiativen und radikalisierte die Freien Kräfte. Auf der anderen Seite war der umtriebige braune Advokat als Spalter, Radikaler und Machtmensch verschrien. Rücksichtslos und cholerisch sabotierte er Bemühungen gemäßigter Parteistrategen, das radikale Erscheinungsbild in der Öffentlichkeit durch Weichzeichner zu verwischen. Gerade den NPD-Oberen um Udo Voigt gelang es an dem Samstag nicht, dem verstorbenen Hanseaten bei allen Bemühungen ein wirklich herzliches Gedenken zu widmen. Glaubwürdiger wirkten Gefährten aus dem Innercircle wie Wolfram Nahrath, Andreas Thierry oder der rechtsextreme Ideologe Pierre Krebs.

Nur schleppend, trotz pünktlicher Ermahnung, fanden sich die Trauergäste vor der Grundschule in der Egerstraße des Fichtelgebirgsortes ein. Es wurde sich begrüßt, viel geredet und gelacht. Nur ein paar hundert Meter weiter, hinter hohen Friedhofsmauern liegt das Grab von Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß. Doch der Zugang wurde den Neonazis wie in den Jahren zuvor verweigert. Fränkische Neonazis um Matthias Fischer, Anhänger des Parteikontrahenten „Freies Netz“, errichteten einen Pavillon mit warmen Getränken. Norman Bordin koordinierte gemeinsam mit Manfred Börm den Ordnungsdienst. Börm bekam Schelte, weil er die Namen der Ordner alle einzeln durchs das Mikrophon verlesen hatte. Die Riege führender NPD-Funktionäre erreichte den Platz, Rieger-Kritiker wie Udo Pastörs, Holger Apfel oder Jürgen Gansel waren nicht darunter. Neben Udo Voigt, Thorsten Heise, Thomas Wulff, Klaus Beier, Karl Richter, Edda Schmidt, Hartmut Krien, Frank Schwerdt, Eckart Bräuniger, Andreas Thierry und der einzigen weiblichen NPD-Landesvorsitzenden Dörthe Armstroff aus Rheinland-Pfalz waren die beiden sächsischen Landtagsabgeordneten Arne Schimmer und Andreas Storr anwesend. Kader aus verschiedenen Bundesländern wie Mario Mathes, Judith Rothe, Kathrin Köhler, Ralf Ollert, Adolf Dammann, Andreas Biere, Willi Wiener, Torben Klebe und Steffen Holthusen waren ebenso erschienen wie der Ex-Bombenbastler und jetzige „Sicherheitsexperte“ Peter Naumann, Wolfgang Juchem, Ralph Tegethoff, Michael Regener alias „Lunikoff“, Gordon Reinholz, Ivonne Mädel, Hartmut Wostupatsch, Christian Worch, Lorena Riewa oder der braune Barde Frank Rennicke. Die „Ersthelfer“ um Aktivistin Nicole Becker aus Hessen sorgten sich um den Gesundheitszuständ der Teilnehmer, unter denen auch einige ältere Herrschaften waren. Voigt und Nahrath begrüßten die blonde Lebensgefährtin von Rieger aus Hamburg. Sie ist die Mutter der beiden jüngeren Söhne, gemeinsam hatten sie, nach Angaben von Udo Voigt, das Krankenhaus besucht. Die Heilpraktikerin war bis 2004 „Secretary“ in Riegers britischer Firma „Wilhelm-Tietjen-Stiftung für Fertilisation Ltd“.

„Ein Ehrenmann durch und durch“

Die geschasste frühere Berliner NPD-Funktionärin Gesine Hennrich war mit Anhängern aus dem Umfeld der Kameradschaft „Spreelichter“ gekommen. Ihre anwesenden ehemaligen Kameradinnen vom „Ring Nationaler Frauen“ würdigten sie keines Blickes. Zwei Busse aus Sachsen-Anhalt parkten vor dem Supermarkt, Neonazis aus der Altmark und anderen Regionen entstiegen. Aufgeregt rannte Frank Rennicke herum, fotografierte Pressevertreter. Die Polizei schirmte den Ordnerdienst auf Drängen von Börm ab, die Instruktionen an seine Truppe sollten nicht bekannt werden. Beamte stellten sich vor Fotografen und Kameraleute. Auch Anhänger des „Arbeitskreises der Russlanddeutschen in der NPD“ gedachten Riegers, der sich als einer der ersten für eine Zusammenarbeit stark gemacht hatte. Die „Nationalen Sozialisten Berlin“ entrollten ein doppeldeutiges Transparent mit der Aufschrift „Wir gedenken dem Stellvertreter, einem echten Freund“, − die Nennung des Namens von Rudolf Heß war laut Auflagenkatalog untersagt.

Der Trauermarsch setzte sich verspätet am Nachmittag in Bewegung, vorbei am Friedhof und dem lauten Protest in der Innenstadt von Wunsiedel. Auf dem Weg durch Wohnstraßen war es gespenstig still. Kein Protest. Ängstlich und neugierig linsten viele Menschen hinter den Gardinen hervor. Klassische Musik, darunter auch christliche Choräle, die Rieger als fanatischem Christengegner vielleicht nicht gefallen hätten, dröhnten aus den Lautsprechern des Zuges.

Wieder angekommen vor der Schule moderierte Naumann Redebeiträge und vorgetragene Heldengedichte. Thomas Wulff, wohl der engste Rieger-Freund, stieg auf die Bühne, konnte aber nicht reden. Er weinte offen. Mit einem Schlag schien die Trauer angekommen. Die Stimmung änderte sich, die vielen Gespräche am Rande verebbten. Der NPD-Chef Udo Voigt als nächster Redner versuchte, sich diesen Moment von Authenzität und natürlicher Trauer zunutze zu machen. Er begrüßte Angehörige von Riegers Zweitfamilie, die der Szene keineswegs ablehnend gegenüber stehen sollen. Ganz ehemaliger Bundeswehrhauptmann lobte er seinen Partei-Stellvertreter immer wieder als „Ehrenmann, durch und durch“, der jüngst einsehen musste, dass die „neue große Rechte unter Einbeziehung der DVU“ zur Illusion geworden war. Auch habe er nie von Rieger gehört: „dass wir sofort seine Darlehen zurückzahlen sollten, wenn jetzt nicht sofort umgesetzt würde“, was er wolle. Der steife Parteiführer versuchte zu menscheln: „Wenn man an der Spitze einer Partei steht, ist man oft allein“, mit „Jürgen“ aber konnte er sich aussprechen.

Ehrenplatz für Rieger in der Walhalla

Soldatisch stellt sich Redner Ralph Tegethoff auf. Die Arme auf dem Rücken, die Armeemütze auf dem Kopf brüllt der Neonazi aus Bad Honnef ins Mikrophon: „Wir hatten teilweise gleiche Interessensgebiete … Militärhistorie und Militärtechnik“, aber das Ziel, „die Weltanschauung, die uns einte, war immer nur Deutschland, das Deutsche Reich, die Weiterexistenz unseres Volkes und die Art unserer Menschen“. Militärfreak Tegethoff setzt pathetisch nach: „Ich weiß und ich glaube, dass wir eines Tages die Früchte unseres Einsatzes und unseres Kampfes ernten werden und dann werden Namen von Männern wie Jürgen Rieger immer noch in aller Munde sein im Gedächtnis unseres Volkes. Kein Mensch unserer Art wird aber dann mehr Namen von Landräten oder Bürgermeistern kennen, die sich hier meinen, auf Kosten eines großen Mannes zu profilieren“.

Danach folgt der Berliner Eckart Bräuniger, der sich bedankt, „im Namen einer ganzen Generation nachgewachsener Nationalisten“ auftreten zu können, und sich zackig verneigt.

Mit dem als neu-rechten Ideologen bezeichneten Pierre Krebs aus Frankreich betritt ein Mann die Bühne, der mit intellektueller Wortwahl und theatralischem Gestus die Anwesenden fast einzuschüchtern schien. Rieger und er scheinen sich lange und gut gekannt zu haben. Gemeinsam gründeten sie 1982 das „Thule-Seminar“. Krebs spielt mit Anspielungen, spricht antichristliche, rassistische und russlandfreundliche gemeinsame Punkte an. Für Riegers Einsatz, so verspricht Krebs, gewähre ihm „jetzt das Ahnenerbe unseres Volkes Einlass in die Walhalla und einen Ehrenplatz inmitten der Bereitschaft unbeugsamer Kämpfer für Identität und Freiheit, für Recht und Wahrheit“. Denn der Tod, so Krebs, „tötet nicht, der Tod verschiebt nur“.

Verfechter der „unverwechselbaren Sprache des Blutes“

Voll Pathos richtet sich Krebs an den Verstorbenen: „Dein Leben war Botschaft der einzigen Lehre, die einem Volk dazu verhilft, ewig zu werden. Die Lehre des Ethnos, die einen einzigen Universalismus kennt, den Universalismus der universalen Verschiedenheiten“. Des Redners Radikalitäten waren gut verpackt. Er sprach langsam, stark akzentuiert vom „titanischen Kampf zwischen Ethnosuizid und Ethnobewusstsein“, der aber beweise, „dass 100 bekennende Deutsche, (…) entscheidend viel mehr bewegen als 10 000 Mutlose, die stillschweigend kapitulieren“. Für ihn (Krebs) sei Rieger Volkserwecker, Avantgardist und „Ideenzeuger“, Verfechter der „unverwechselbaren Sprache des Blutes“. Krebs spricht von „unserem Volk“ und vom „ewig rollenden Rad unserer Rasse“, fordert: „Entfesseln wir die Furia Teutonica!“, und zu guter Letzt mit erhobener Faust: „Lass’ uns siegen!“

Wolfram Nahrath wird als letzter Führer der „Wiking-Jugend“ vorgestellt. Der Berliner Rechtsextremist vertritt den „artverwandten Kreis der Rechtsanwälte“, erwähnt, dass er in der Kanzlei von Rieger sein Praktikum absolviert und mit ihm gegen die „Schmähungen unserer Nation und unserer Geschichte“ gekämpft habe. Nahrath feiert die „Gemeinschaft der Treuen“ und die „kleine Schar der Rechtswahrer“, denen Hass, Ablehnung, feindlich gesinnte Menschen, „Gesindel“ und sogar „eine ausländische Todesschwadron“ entgegengestanden habe.

Abschließend nach artigen Lobliedern auf den guten Parteikameraden, radikalen Heiden, belesenen Wissenschaftler, todesmutigen Anwalt Rieger, soll mit „einem Mann des Gesanges“ abgeschlossen werden. Zuständig dafür ist Barde Frank Rennicke. Der erinnert an die schönen gemeinsamen Zeiten im „Heideheim-Objekt“ in der Lüneburger Heide, welches eine „korrupte Polit-Mafia gestohlen habe“. Lobt wie alle Vorgänger die „kameradschaft-menschliche Art“ des Verstorbenen, spielt eine Rede Riegers ein, bei der dessen Stimme entstellt wieder gegeben wird und fordert dann die Vorredner zum gemeinsamen Gesang auf die Bühne. Frierend warten Polizisten auf das Ende des Spuks. Es ist kalt in Wunsiedel.

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