Gefährliche Heidentruppe

Die rassistische „Artgemeinschaft – Germanische Glaubensgemeinschaft“ trifft sich zur Sonnenwende erneut ungestört mit Hunderten von Anhängern in Thüringen. Hinter dem Tarnmantel Brauchtum könnte sich weitaus mehr verbergen, denn es gab Kontakte zu Militanten und dem NSU-Netzwerk.

Donnerstag, 27. Juni 2013
Andrea Röpke

Den Rennicke habe er in diesem Jahr vom Grundstück verwiesen, berichtet der Wirt des abgelegenen Gasthofes „Hufhaus“ bei Ilfeld in Nordthüringen. Er selbst habe nichts zu verbergen, sei „so wenig rechts wie links“, seine Restauration sei ein „öffentliches Haus“. Er erlaube  nicht, „dass Propaganda für etwas gemacht wird“, welches er, als „extremst verwerflich“ erachte, sei es für „Hitler oder Nazis“ . Deshalb, so der Wirt, habe er dem Neonazi-Barden Frank Rennicke den Zutritt zum diesjährigen Sonnenwende-Treffen der „Artgemeinschaft – Germanische Glaubensgemeinschaft“ verweigert. Um was es genau ging, wollte der gebürtige Tiroler nicht sagen, „da bleib’ ich pauschal, bitt’schön“.

Gegen die anderen rund 300 zumeist einschlägigen Gäste, die in den Holzhütten oder in Zelten an diesem Juniwochenende 2013 Quartier bezogen haben, scheint der Betreiber des riesigen Geländes nichts zu haben. Weil die „Artgemeinschaft“ nicht verboten ist, sollen deren Anhänger harmlos sein. Diese kommunizieren nicht öffentlich, meiden soziale Netzwerke im Internet. Nur Bücher oder Aufnahmeanträge lassen sich im Netz downloaden. Viele Anreisende kommen mit ihrer ganzen „Sippe“ aus Bayern und Baden-Württemberg, aus Sachsen, Berlin, Brandenburg und Nordrhein-Westfalen. Aber auch aus Österreich und dem mecklenburgischen Lalendorf stammen sie. Dort leben Petra und Marc Müller, das Paar gilt als wichtiges Bindeglied dieser Szene.

Neonazis aus verbotenen Strukturen aufgefangen

Die 1951 gegründete germanisch-heidnische Hintergrundtruppe wurde bis 2009 von dem bekannten Rechtsextremisten Jürgen Rieger aus Hamburg angeführt. Nach dessen Tod im Oktober desselben Jahres übernahm der Unterfranke Axel Schunk, ehemaliger Pionier der verbotenen „Wiking-Jugend“, die Führung des extrem-verschworenen Glaubensbundes. Hinter dem verbirgt sich mehr als nur eine „Asatru“-benannte Homepage, Schriften und die „Nordische Zeitung“. Die „Artgemeinschaft“ betreibt ein so genanntes „Siedlungswerk“ und steht der von Müller angeführten, scheinbar finanzkräftigen „Gesellschaft für biologische Anthropologie, Eugenik und Verhaltensforschung“ (GfbAEV) sowie der  „Wilhelm Tietjen Stiftung für Fertilisation“ nahe. In Trebnitz bei Halle gehört ihnen ein altes Schloss.

Immer wieder fing der in Berlin eingetragene Verein „Artgemeinschaft“ bei seinen äußerst konspirativen Zusammenkünften auch hochgradig belastete, militante Neonazis unter anderem aus verbotenen Strukturen wie „Blood&Honour“ oder der „Nationalistischen Front“ auf. Sogar einer der Angeklagten im Münchener Verfahren gegen die braune Terror-Zelle „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU), André E. aus Zwickau, beteiligte sich vor Jahren mindestens zwei Mal mit seiner Ehefrau sowie dem Zwillingsbruder mit Gemahlin an Treffen in Ilfeld. Susann E., die Frau des mutmaßlichen NSU-Terrornetzwerk-Unterstützers bestellte beim Versand der „Artgemeinschaft“ Kleidung oder Utensilien. Als die „Artgemeinschaft“ sich noch in der Lüneburger Heide zu germanischem Sechskampf, Feuer und Schulungen traf, nahm auch die mutmaßliche NSU-Terroristin Beate Zschäpe 1997 an einer so genannten „Hetendorfer Tagungswoche“ von Jürgen Rieger teil.

Viele jüngere Teilnehmer haben einen militanten Background

„Die Artgemeinschaft ist kein ‘Schönwetterverein’...“ hatte Rieger erklärt und ergänzt: „Die Artgemeinschaft ist gezwungen worden, ein Kampfverband zu sein, der um die Möglichkeiten einer artgemäßen Lebensführung kämpfen muss.“ Nach außen hin möchte die „Artgemeinschaft“ als neuheidnische „Religionsgemeinschaft“ Anerkennung finden, spricht von eigenen naturreligiösen „Sittengesetzen“ und dem vornehmlichen Ziel der „Wahrung, Einigung und Mehrung der germanischen Art“.

Doch Sprüche wie dem „besseren Führer“ soll Gefolgschaft geleistet werden, offenbaren den gefährlichen Hintergrund der mitnichten harmlosen „Gefährtschaft“. Blicke hinter die völkisch-anmutende Kulisse mit spielenden Kindern, Frauen in langen Gewändern und Männern mit messerscharfen Seitenscheiteln und zünftigen Lederhosen, werden schnell mit aggressivem Verhalten geahndet. In Ilfeld bleiben die Anhänger völlig unter sich. Können Pläne schmieden und am Netzwerk knüpfen. Die Reihen der Altnazis lichten sich. Doch auffällig viele jüngere Teilnehmer haben einen militanten Background, wurden mit Waffen oder einschlägigen Straftaten in Verbindung gebracht.

Das Innenministerium in Erfurt weiß von den Zusammenkünften: „Unter Vorgabe germanischer Brauchtumspflege“. Doch die Behörde darf sich nicht von der inszenierten Lagerfeuerromantik blenden lassen. Nachhaltig scheinen sich rassistische Tendenzen und eine radikale naturreligiöse Haltung innerhalb der gesamten braunen „Bewegung“ auszubreiten. Immer mehr Neonazis verwenden das „Adler – greift – Fisch“-Symbol der Gruppe. Damit aber scheint der Auftrag der „Artgemeinschaft“ nicht umfassend genug beschrieben. Eben weil erfahrene norddeutsche Wehrsport-Aktivisten, Funktionäre der „Heimattreuen Deutschen Jugend“ sowie Anführer von „Blood&Honour“ aus Norddeutschland, von denen einen Teil mittlerweile zu den „Hells Angels“ wechselte, in den vergangenen Jahren dort unterschlupfen konnten.

Neues Haus- und Verlagsprojekt in Lalendorf

2012 fand bei einem der Anhänger der rassistischen Heidentruppe eine Razzia mit GSG 9-Einsatz statt. Pikanterweise war der Betroffene Bundesbeamter. Weil der 42-Jährige Polizeihauptmeister Ralf R. aus Rosenheim in Oberbayern über eine großkalibrige Waffe verfügte, gingen seine Kollegen damals mit großem Aufgebot gegen ihn vor. Sie fanden laut dem Hamburger Verfassungsschutzbericht Belege für dessen Funktion in der „Artgemeinschaft – Germanische Glaubensgemeinschaft“ sowie bei der „Europäischen Aktion“, einem internationalen Netzwerk von Holoaust-Leugnern. Zudem sollen sich Hinweise auf eine strafbare Handlung nach dem Straftatbestand der Volksverhetzung ergeben haben.

Es verwundert daher wenig, wenn auch 2013 in Ilfeld auffällige, teure Fahrzeuge auf dem abgeschirmten Gelände, auf Wiesen und Weiden, parken. Darunter ein schwarzer Mercedes mit Zwickauer Kennzeichen oder Geländewagen aus anderen Regionen.

Jüngst wurde der „Connemara Versand“ gegründet und mit ihm ein Bauernhof in Lalendorf nahe dem mecklenburgischen Güstrow erworben. Nahe den ehemaligen Artamanen-Dörfern Klaber und Koppelow siedeln immer mehr Neonazis aus dem gesamten Bundesgebiet. Die „Artgemeinschaft“ scheint das Bindeglied. Unter ihnen ist der polizeibekannte Neonazi Lutz Giesen, dessen Lebensgefährtin vorübergehend als Geschäftsführerin des „Connemara Versandes“ agierte, dann aber den Posten an Marc Müller weitergab. Die von Müller geführte „Gesellschaft für biologische Anthropologie, Eugenik und Verhaltensforschung“ (GfbAEV) verfolgt laut Satzung das Ziel der Förderung „lebensschützender und erbgesundheitlicher Bildungs- und Aufklärungsarbeit“, „volksgesundheitliche Familienplanung“ und „Sozialhygiene“. Müller wohnt mit Familie und Kameraden gleich nebenan. Mit im Boot beim neuen Haus-, und Verlagsprojekt scheint auch das langjährige Vorstandsmitglied des Akademiker-Vereins GfbAEV Siegward Knof aus Bayern. Für Renovierungsarbeiten greifen die Rechten  auf eigene Wirtschaftsnetzwerke zurück. Vor dem Hof parkte ein Auto der Abrissfirma von Sven Krüger aus Jamel.

In Kempten im Allgäu hat der „Buchdienst“ der „Artgemeinschaft“ seinen Sitz. Im Norden rekrutieren die gefährlichen Heiden wohl den Nachwuchs. Lutz Giesen verfügt nach Informationen von Insidern über mehrere Wohnungen in der Region. Junge Männer sollen sich darin aufhalten, heißt es. Wehrsportlager, die bisher in Skandinavien stattfanden, könnten demnächst in heimische Wälder verlegt werden. Immerhin gehören Neonazis inzwischen auch zahlreiche Waldstücke und Brachland.

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