Gedenkwochenende Lichtenhagen: Tausende halten die Erinnerung wach

Das Gedenkwochenende anlässlich der Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen ist vorüber. Es war geprägt von vielfältigen Aktionsformen, der Rede des Bundespräsidenten und zahlreichen Entschuldigungen. Dennoch ging es an der hiesigen Bevölkerung größtenteils vorbei.

Sonntag, 26. August 2012
Gedenkwochenende Lichtenhagen: Tausende halten die Erinnerung wach
Bereit seit etlichen Monaten fanden im Stadtteil Lichtenhagen als auch in anderen Vierteln der Hansestadt facettenreiche Veranstaltungen statt, organisiert vom städtischen Bündnis „Lichtenhagen bewegt sich“, dem Dutzende Organisationen und Vereine angehörten. Dennoch waren es vor allem die Demonstration am gestrigen Tag und die am Sonntag vom Bundespräsidenten Joachim Gauck gehaltene Rede auf der zentralen Gedenkveranstaltung, die medial die größte Aufmerksamkeit auf sich zogen.

Etwa 1.000 Teilnehmer zogen Samstagvormittag zum Neuen Markt, auf dem u.a. Mitglieder der „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten“ (VVN-BdA) und Sprecher linker Gruppierungen Reden hielten, in denen vor allem Polizei und Politik Kritik einstecken mussten.

Eigentlicher Höhepunkt war der wiederholte Versuch, am Rostocker Rathaus eine Gedenktafel anzubringen. Bereits im Herbst 1992, und somit nur wenige Wochen nach dem Pogrom, hatte eine Gruppe versucht, diese an der Außenfassade anzubringen. Allerdings wurde sie seinerzeit sofort wieder entfernt und mehrere Mitglieder vorübergehend festgenommen.

20 Jahre später sollte der zweite Versuch jedoch von Erfolg gekrönt sein. Bürgermeister Roland Methling hatte im Vorfeld signalisiert, das Schild nicht entfernen zu lassen. Zumindest vorerst. Die Bürgerschaft der Hansestadt werde darüber beraten, was mit der Gedenktafel passieren soll. Als Cornelia Kerth, Vorsitzende der VVN-BdA, diese unter Zuhilfenahme eines Akkubohrschraubers schließlich am Rathaus anbrachte, scharten sich etliche Fotografen um sie, im Hintergrund wurde applaudiert. Derweil wird das Corpus Delicti rund um die Uhr von einer Polizeistreife bewacht.

Rund zwei Stunden später hatten sich die Protestierenden dann in den Nordwesten der Stadt begeben, um in der anschließenden Demonstration vor das Sonnenblumenhaus zu ziehen, wo sich der ausländerfeindliche Mob vor genau 20 Jahren austobte.

Zwar hatten die Veranstalter mit 10.000 Teilnehmern gerechnet, am Ende fand sich nur rund die Hälfte vor Ort ein. Trotzdem eine beachtliche Zahl: seit dem G8-Gipfel vor fünf Jahren der wohl zahlenmäßig stärkste Aufmarsch. Viele Demonstranten waren nicht nur aus Berlin und Hamburg angereist, sondern auch aus weiter entfernten Städten.

Die Route der Demonstration, die am Bahnhof Lütten Klein mit einer ersten Kundgebung begonnen hatte, sollte direkt an den Platz hinter dem Sonnenblumenhaus führen. Als sich der mehrere Hundert Meter lange Zug dann in Bewegung gesetzt hatte, wurde eines schnell klar: Aus dem bürgerlichen Spektrum hatten sich kaum Teilnehmer eingefunden. Dominant trat der schwarze Block auf, auf beiden Seiten gesäumt von zahlreichen Transparenten mit Slogans wie „Gegen Deutschland und seine Nazis“ oder „Deutschland halt´s Maul“.

Zu den von Innenminister Lorenz Caffier befürchteten „linksextremistische Ausschreitungen“ kam es nicht, zwar waren Hunderte Polizeibeamte vor Ort, sie hielten sich jedoch dezent im Hintergrund. Die Strategie am Samstagnachmittag lautete Deeskalation. Kurzzeitig kam es dann zu Rangeleien, als Teilnehmer meinten, Neonazis identifiziert zu haben, die Polizei hatte die Situation jedoch schnell wieder im Griff.

Als die Route dann unmittelbar entlang der Wohnblöcke verlief, erhöhte sich auch die Schlagzahl derjenigen, die „Nie, nie wieder Deutschland“ skandierten und dafür von Schaulustigen vor allem eines ernteten: fragende Blicke. Lenz Jacobsen resümierte das Vorgehen der überwiegend jungen Aktivisten etwas zugespitzt für die „Zeit“: „Sie sind heute die Auffälligsten und Lautesten in Rostock, sie sind aber auch die Unwichtigsten. Denn spätestens morgen werden sie wieder weg sein.“

Die offizielle Gedenkveranstaltung fand am heutigen Sonntag statt. Bereits um 9 Uhr startete von insgesamt 13 Standpunkten aus eine Fahrradsternfahrt, dessen Ziel derselbe Platz hinter dem Haus mit den signifikanten Sonnenblumen war, auf dem am Tag zuvor bereits die Demonstration ihren Endpunkt fand. Rund 1.500 Personen beteiligten sich an der Aktionsform, die Veranstalter des Bündnisses „Bunt statt braun“ zeigten sich zufrieden.

Auf der gegenüberliegenden Seite des mehrstöckigen Gebäudes wurde am Mittag eine Eiche gepflanzt, die bereits im Vorfeld für Kritik und Unverständnis aus dem linken Lager gesorgt hatte. Zur Pflanzaktion, die bewusst als unpolitische deklariert wurde, äußerte sich Bürgermeister Methling gegenüber der „Ostsee-Zeitung“: „Wir haben uns vom Symbol der Friedenseiche inspirieren lassen. Zudem ist die Eiche einer der langlebigsten Bäume und steht somit für Beständigkeit. Beständigkeit, die auch unser Bemühen um ein friedliches Miteinander der Menschen bestimmt, unabhängig von Hautfarbe oder Herkunft“. Neben dem Baum befindet sich eine kleine Plakette, auf der Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte zitiert wird.

In der abschließenden Rede vor dem geschichtsträchtigen Haus fand sich neben Bundespräsident Joachim Gauck auch Ministerpräsident Erwin Sellering ein. „Die Ereignisse von Lichtenhagen sind zwar Vergangenheit, aber die Gegenwart bleibt infiziert von Fremdenfeindlichkeit, Hass und Gewalt“, so Gauck. Gleichzeitig mahnte der gebürtige Rostocker: „Demokratie muss wehrhaft sein und darf sich das Gewaltmonopol nicht aus der Hand nehmen lassen.“ Rechtsextremen Entwicklungen müsse man „offensiv, überzeugend und mit allen rechtsstaatlichen Mitteln“ entgegengetreten, erklärte anschließend Erwin Sellering. Zuvor hatte der Ministerpräsident gegenüber der „Bild am Sonntag“ bereits ein zügiges Voranschreiten im geplanten NPD-Verbotsverfahren angemahnt: „Wir sollten diesen Schritt jetzt gehen.“

2.000 Personen hatten sich eingefunden und wollten sich Gaucks Positionen zu den Geschehnissen wenige Jahre nach dem Fall der Mauer nicht entgehen lassen. Allerdings fiel es teilweise schwer, Sichtkontakt zum Bundespräsidenten aufzubauen. Ein eingezäunter Bereich mit zwei geräumigen und überdachten Zelten für ausgewähltes Publikum sorgte dafür, dass die Redner auf der Bühne lediglich von einem schmalen etwa 15 Meter breiten Spalt aus betrachtet werden konnten. Wer dort keinen Platz fand, musste den Ansprachen in Boxennähe lauschen. Erst später, als Liedermacher Gerhard Schöne das Bühnenprogramm übernommen hatte, konnten sich die Gäste der Bühne bis auf wenige Meter nähern.

Anlässlich des Jahrestages des Pogroms war in den vergangenen Tagen zu etlichen Entschuldigungen von offizieller Seite gekommen. Innenminister Caffier hatte den Anfang gemacht und sich öffentlich für Fehler „bei Lagebeurteilung, Kräfteplanung und -einsatz“ während des Polizeieinsatzes im August vor 20 Jahren entschuldigt. Schließlich zog die Bürgerschaft der Hansestadt Rostock nach: „Auch unmittelbar nach den Ereignissen erfuhren die betroffenen Migrantinnen und Migranten und Asylsuchenden nicht die notwendige Solidarität aus der Gesellschaft. Dafür entschuldigen wir uns und versichern: Wir haben gelernt!“, heißt es in einer fraktionsübergreifenden Pressemitteilung.

Von der einheimischen Bevölkerung wurde die zahlreichen Aktionsformen inklusive Demonstration, Kundgebung und der Gedenkveranstaltung zwar wahrgenommen, jedoch nur am Rande. Gebilligt wurde es, zur Teilnahme rafften sich allerdings nur wenige auf. Den Eindruck, dass sich ein Großteil der Anwohner schlicht nicht (mehr) mit dem Thema auseinandersetzen möchte, bleibt auch nach den diesjährigen Veranstaltungen bestehen. Und so wird auch zukünftig vor allem für die lokalen Akteure viel Arbeit im Kleinen – die kontinuierlich vonstatten gehen muss – anfallen, denn wie bereits auf einer Podiumsdiskussion am Donnerstag richtig ermahnt wurde: „Selbstverständlich muss man sich daran erinnern“.
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