„Gedenken“ der Geschichtsverdreher

In Magdeburg richten die Neonazis ihren alljährlichen „Trauermarsch“ aus. Straßenfest und Gegenblockade zwingen sie an den Stadtrand.

Montag, 14. Januar 2013
Andreas Speit

Schweigend zogen sie am Samstag durch die Stadt. Die Götterdämmerung von Richard Wagner schallte durch die Straßen. Mit schwarzen Fahnen voran richtete in Magdeburg die „Initiative gegen das Vergessen“ ihren alljährlichen „Trauermarsch“ anlässlich der Bombardierung der Stadt 1945 durch alliierte Luftkräfte aus. In der Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt marschierten sie zum vierzehnten Mal auf, um erneut mit der Gleichsetzung der Opfer der Luftangriffe mit den Ermordeten in den Konzentrations- und Vernichtungslagern den Holocaust zu verharmlosen. Auf der Website feiert die Initiative den Marsch als „aufregender Jahresstart mit schönem Ende“.

Der Tag war aber nicht „ihr“ Tag. Die Message der Webseite bloße Propaganda. Um 13.00 Uhr an diesem 12. Januar stand an der Elbe fest: 2013 kann das „Aktionsbündnis“ um den Bundesvorsitzenden der NPD-Jugendorganisation Junge Nationaldemokraten (JN) Andy Knape nicht wieder schweigend durch die Innenstadt ziehen. Mehr als 12 000 Menschen waren gegen den „Trauermarsch“ auf den Straßen, besuchten die „Meile der Demokratie“. 3000 Gegendemonstranten versuchten, die Neonazi-Route zu blockieren. Bei der Eröffnung der „Meile“ um 12.00 Uhr sagte Oberbürgermeister Lutz Trümper (SPD): „Mit dieser Ideologie wollen wir nichts zu tun haben.“ Der Tag der Bombardierung der Stadt am 16. Januar 1945 durch alliierte Luftkräfte würden von den „Leuten missbraucht, die die Geschichte verdrehen wollen“.

Zu der Zeit war schon eine mögliche Route der Neonazis vom Haltepunkt „Herrenkrug“ auf der anderen Seite der Elbe blockiert. An der Fachhochschule und am Jerichower Platz standen und saßen die Nazigegner. „Weggehen? Nee das werden wir hier nicht“, versicherte eine Frau. Bunte Luftballons und Transparente „Nazis in die Tonne“ hingen an Bäumen und Häuserwänden der möglichen Route. In der Innenstadt blockierte zum fünften Mal die „Meile“ mit einem bunten Programm von über 160 Initiativen, Gruppen und Parteien die Innenstadt. Kommerzielle Bratwurst- und Getränkestände fanden sich nicht zwischen den Ständen der „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ oder den Bühnen für Musik, Poetry Slam, Lesungen, Kabarett und Filme. Die Bundesgeschäftsführerin der Grünen, Steffi Lemke, betonte: „Wir dürfen nicht vergessen, dass jeder, der hier steht, Teil der Geschichte ist.“ Jeder trage die Verantwortung, dass die Geschichte nicht vergessen werde.

Das alte Motto für den neuen Marsch

Kurz von 13.00 Uhr verdichtete sich, dass die Neonazis nicht in „Ostelbien“, sondern weit im Süden der Stadt aufmarschieren könnten. Im Hauptbahnhof war denn auch Knape noch sehr mit der Koordinierung beschäftigtet. Sprach mit der Polizei, redete mit den Kameraden, um die Abfahrt zu dem S-Bahnhof SKET im Sonderzug zu klären. Vom Bahnhofvorplatz schallten derweil „Nazis-Raus“-Parolen, Drum und Beats in den Bahnhof. Einzelne Neonazis, die mitten durch diese Gegendemonstration wollten, griffen Personen vor dem Bahnhofhauptseingang und in der Bahnhofshalle an. Kleine kurze Gerangel entstanden.

Am S-Bahnhof SKET wurde sofort sichtbar, wer hier vermeintlich trauern will: Das Spektrum der „Freien Kameradschaften“. Schnell stellten sich die rund 900 Neonazis, überwiegend schwarz gekleidet, hinter dem Führungstransparent „Ehrenhaftes Gedenken, statt Anpassung an den Zeitgeist“ auf. Das alte Motto für den neuen Marsch. Die Route sei kurzfristig mit den Veranstaltern vereinbart wurden, sagte ein Polizeisprecher am S-Bahnhof. „Bis zum Freitagabend stand für uns als Organisatoren noch nicht fest, welche Wegstrecke wir im Einzelnen auswählen werden“, heißt es auch auf der Website der „Initiative“. Bewusst kämpferisch wird so getan, als wenn sie alleine über die Route hätten entscheiden können: „Wir hielten uns bewusst alle Möglichkeiten offen, um einen Gedenkmarsch, abseits von kriminellen Linken, durchführen zu können.“

Mit brennenden Fackeln im Kreis aufgestellt

Keine 30 Minuten nach dem Start fand an einer Kreuzung im Stadtteil Fermersleben-Westerhüsen die erste von drei Zwischenkundgebungen statt. Lutz Battke, Vorsitzender der NPD-Fraktion im Stadtrat von Laucha, unterhielt sich derweil mit Dieter Riefling, Kader der Freien Kameradschaften. Viel NPD-Prominenz hatte sich nicht beim Marsch eingereiht. Der JN-Vize Julian Monaco war aber da. Bei der zweiten Zwischenkundgebung sprach Andy Knape. Vor ihm ein Redepult, auf das er seinen Text legte und ablas. Die Kundgebung fand nahe des Libertären Zentrums statt. Für das „Bündnis Magdeburg Nazifrei!“ nicht nachvollziehbar. „Eine klare Provokation, die zugelassen wurde“, erklärte Thomas Schulz vom Bündnis, das zu den Blockaden aufgerufen hatte. Einige wenige Gegendemonstranten machten mit Kochgeschirr aber starken Lärm. So laut, dass Knape kaum zu verstehen war.

Keine drei Stunden nach dem Auftakt forderte Daniel W. vom „Freien Netz Süd“ als Abschlussredner am Bahnhof Süd, dass der Nationale Sozialismus wieder Alltag werden müsste. Erneut hatte sich die Anhänger aus den Kameradschaften wie den „Freien Kräften Dresden“, „FG Weimarer Land“ oder „Freie Kräfte Niedersachen Ost“ im Kreis aufgestellt. Einzelne Kameraden hielten brennende Fackeln hoch.

Viel Protest kam in dem Stadtteil nicht auf. Mit der Routenänderung hatte die Polizei offensichtlich die „Trennung von links und rechts“ beabsichtigt. In der Innenstadt gerieten aber Gegendemonstranten und Polizeikräfte massiv aneinander. Nahe der „Meile der Demokratie“ kesselte die Polizei friedliche Demonstranten ein. An anderen Plätzen in Richtung Neonazi-Route setzten Beamte Schlagstöcke und Pfefferspray ein, Böller, Steine und Flaschen folgten. Wasserwerfer und Reiterstaffel wurden gegen Protestierende eingesetzt, der Straßenbahnverkehr eingestellt, ein Polizeihubschrauber kreiste über der Innenstadt. 19 Beamte wurden verletzt. Zwanzig Personen nahm die Polizei in Gewahrsam, drei Verdächtige wurden festgenommen.

Neonazis „den Spiegel vorhalten“

Die Angespanntheit der Polizei war auch auf der „Meile“ wahrzunehmen, als eine Künstlergruppe eine Performance umsetzten wollte. Auf der Straße mit all ihren Infoständen marschierten sie im Style der Autonomen Nationalisten auf. Hektisch stoppte die Polizei sofort diese vermeintlichen 30 Neonazis. Doch die Gruppe wollte den „Neonazis den Spiegel vorhalten“. Nach einigen Verhandlungen durften sie weiter „marschieren“. Nach hundert Metern kippten sie Kunstblut auf die Straße, zogen die schwarzen Oberteile aus. Auf ihren weißen T-Shirts prangten Hakenkreuze. Das Transparent „Gegen das Vergessen“ wurde ergänzt mit: „Dass Faschismus ein Verbrechen bleibt“. Ihre  Botschaft: Unter dem modernen Look verbirgt sich die alte Ideologie.

Das „Bündnis Magdeburg Nazifrei“ bewertete den Tag als „Teilerfolg“. Die Neonazis konnten nur am Stadtrand marschieren und anreisende braune Demonstranten schafften es nicht, zum Marschort zu gelangen, sagte  Schulz. Der Fraktionsvorsitzende der Linken im Landtag. Lutz Gallat, der auf der zentralen Bühne „Meile“ sprach, betonte später auf der Straße: „Die Meile der Demokratie hat natürlich auch die Intention, das Zentrum für die Neonazis zu blockieren. Und es freut mich wirklich, dass zu der Meile Menschen kommen, die ich nicht kenne.“ Die Linke wie die Grünen hatten aber auch zu friedlichen Blockaden aufgerufen. Gallat erklärte, Dresden habe gezeigt, ohne friedliche Blockaden würden Neonazis nicht gestoppt: „In Magdeburg brauchen wir die Meile und die Blockaden“, sagte der Linken-Politiker.

Dass die neonazistische „Initiative gegen das Vergessen“ später von 1200 Teilnehmer schreibt, verwundert wenig. Nachdem die Proteste und Blockaden in Dresden die „Trauermärsche“ massiv behindert, teilweise gar verhindert hatten, wurde der Marsch in Magdeburg für die Szene wichtiger. Hier an der Elbe sollte weiterhin stark aufgetreten werden. Im Jahr 2013 gelang ihnen das nicht. Die Stimmung war in den Reihen auch nicht besonders gut. Vereinzelt gingen Neonazis prompt Journalisten an. Auch Gegendemonstranten sollen nach dem Marsch angegriffen worden sein. Den für den 19. Januar geplanten Marsch sagte die braune „Initiative“ ab. Der Termin war ohnehin von den Organisatoren der „Meile“ und des Protestbündnisses als gezielte Irritation, um den Protest zu schwächen eingeschätzt worden. Kein Irrtum.

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