von Julian Barlen
   

"Gallisches Dorf" in Sachsen-Anhalt: Nienhagen jagt Nazi-Bands vom Hof

Zivilgesellschaftlicher Widerstand kann viel bewirken. So wie in Nienhagen, einem kleinen Harzdorf in Sachsen-Anhalt, das sich in den letzten Jahren zu einem viel gefragten Konzertort für Rechtsrock-Bands entwickelte. Doch die örtliche Bürgerinitiative organisierte eine Abstimmung – und rang dem Vermieter des Konzertsaales so die Zustimmung ab, zukünftig nicht mehr an Neonazis zu vermieten.

In den letzten Jahren mauserte sich das nur 380 Einwohner zählende Dorf Nienhagen in der Nähe vom Halberstadt (Sachsen-Anhalt) zur heimlichen braunen Konzerthochburg. Seit 2007 standen dort mehrere bekannte Rechtsrock-Bands auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Für die umstrittene Bremer Gruppe „Kategorie C“ schien sich die „Alte Hopfendarre“ im Woltersweg zum Heimspiel zu entwickeln: Sieben Auftritte sind dort dokumentiert. Kein Wunder: Wohnt doch ihr Bassist Stefan Behrens in dem Harzdörfchen. Alleine im Jahr 2012 fanden insgesamt sechs rechtsextremistische Veranstaltungen hier statt.

Zu Pfingsten überrannten zwischen 1.600 und 1.800 musikbegeisterte rechtsextremistische Skinheads den Ort, mit schweren Stiefeln und martialischen T-Shirts marschierten sie vom Bahnhof zum Konzertgelände. Für Disziplin und Ordnung versuchte dabei die niedersächsische Kameradschaft „Honour & Pride“ zu sorgen, die als eine der Nachfolgeorganisationen des 2000 verbotenen „Blood& Honour“-Netzwerks angesehen werden kann.

Bereits lange vor dem eigentlichen Konzerttermin hatten die Veranstalter um den Nienhäger Oliver Malina weitere Interessenten vertrösten müssen. „Ausverkauft!“ prangte in dicken Lettern auf der Webseite des Rechtsrock-Konzerts. Kein Wunder, hatte Malina doch mit „Endstufe“ aus Bremen echte Szene-Veteranen als Headliner verpflichten können. Die Band ist seit mehr als 30 Jahren im Geschäft, ihre ersten beiden LPs „Der Clou“ und „Skinhead Rock N Roll“, die von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien indiziert wurden, gelten als Klassiker. 

Für die Nienhäger Bürgergesellschaft war dieser Event so etwas wie die endgültige Initialzündung für ihre Gegenaktivitäten. Im April gründete sich die Initiative „Sacha Korn auf, ein nationalistischer Liedermacher aus Berlin.

Am letzten Septemberwochenende erkoren die Veranstalter eines in Niedersachsen verbotenen Konzert das Harzdorf unter dem Motto „Free my land Vol. 1“ zum Ausweichquartier. Neben den Lokalmatadoren „Last Riot“ aus Sachsen-Anhalt sollten „Legion Condor“ (Baden-Württemberg) auftreten. Wiederum durchkreuzte die Polizei die braunen Pläne. In Absprache mit dem Veranstalter wurde das Konzert gegen 22.45 Uhr für beendet erklärt. Für die anwesenden 100 Neonazis kein Grund, das Feiern einzustellen. Sie verbarrikadierten sich in der Scheune und leisteten laut Polizei „massiven Widerstand“. Ein Beamter wurde verletzt. Nach Augenzeugenberichten setzte die Sicherheitskräfte Tränengas ein.

Der Vermieter der „Alten Hopfendarre“ sicherte unterdessen den Bündnisaktivisten zu, seine Räumlichkeiten nicht mehr an Neonazis zu vermieten, falls sich eine Mehrheit des Dorfes gegen solche Konzerte ausspräche. „Nienhagen-Rechtsrockfrei“ nahm das Heft des Handels daraufhin in die Hand und initiierte ein Bürgerbegehren. 62 Prozent aller bei Kommunalwahlen wahlberechtigten Einwohner beteiligten sich.

In einem offenen Brief hieß es:

„Die Strategie der Neonazis, durch eine Großveranstaltung mit aggressiver, rassistischer und nationalistischer Musik Einfluss auf die Jugendszene zu gewinnen und für ihre menschenfeindlichen Politikangebote zu werben, ist für junge Leute nicht leicht zu durchschauen. Die Konzerte dienen außerdem der Finanzierung von neonazistischen Personen, Strukturen und Netzwerken. Sie sind außerdem als Provokation der Bürgergesellschaft in Nienhagen und anderswo gedacht. Diesem Treiben müssen und werden wir gemeinsam und bestimmt entgegentreten. Die unbedingte Wahrung der universellen Menschenrechte, der freiheitlichen Grundwerte, eines toleranten Miteinanders und einer praktizierten Zivilcourage sind für uns Voraussetzung und Vision eines demokratischen Gemeinwesens. Wir rufen deshalb alle Menschen auf, friedlich und aktiv Gesicht gegen Neonazis, Menschenfeindlichkeit und gewaltverherrlichende Musik zu zeigen.“


160 Personen – 80 Prozent der abgegebenen Stimmen – votierten für eine Einstellung des braunen Konzertbetriebes. Nun liegt der Ball beim Vermieter der „Alten Hopfendarre“, er muss zeigen, ob er zu seinem Wort steht. Wahrscheinlich haben die Rechtsrock-Bands in Nienhagen Sendepause.

Der Sprecher der Bürgerinitiative, Hans-Christian Anders, zeigte sich im Gespräch mit ENDSTATION RECHTS. hochzufrieden mit dem Ergebnis. Es sei wichtig gewesen, den Kopf nicht in den Sand zu stecken und selbst aktiv zu werden. Die Hoffnung, dass der braune Spuk irgendwann einfach vorüber sei, erfülle sich fast nie. „Das Resultat der Bürgerbefragung hat jedoch unser Selbstbewusstsein gesteigert“, so Anders.

Foto: Screenshot

Kommentare(16)

critical echoe Montag, 19.November 2012, 11:55 Uhr:
Vorbildliche Aktion. Aber ein bisschen frage ich mich auch, was die 20% dachten, die nicht gegen weitere Rechtsrock-Konzerte stimmen wollten. 20% sind eine nicht zu vernachlässigende Menge...
 
Babuschka Montag, 19.November 2012, 13:07 Uhr:
20% entsprechen der Menge, die noch nicht gehirngewaschen ist und sich nicht von debilem "Nazis raus"-Gegröle beeinflussen lassen.

Eine schöne Zahl, wobei sie ruhig noch höher sein dürfte. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass diese auch weiterhin ansteigt mit den zunehmenden Aggressionen der modernen Hexenjäger.
 
Roichi Montag, 19.November 2012, 13:47 Uhr:
@ Babuschka

Versuchst du mal wieder in alter Tradition Niederlagen in Siege umzudeuten?
Die Meinung der Menschen interessiert dich ja auch nicht. Sidn ja eh alles gehirngewaschene Zombies.

Interessant wäre mal, was der Björn zu solch einer Volksabstimmung sagt.

@ critical

Das werden wohl hauptsächlich Leute sein, die das als nicht so schlimm nehmen.
Sind ja nur ein paar übermütige Jugendliche etc.
Schön ist das natürlich trotzdem nicht.
 
Dresdner Montag, 19.November 2012, 14:31 Uhr:
@ Babuschka

"Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass diese auch weiterhin ansteigt mit den zunehmenden Aggressionen der modernen Hexenjäger."

Hitler hat auch an den Endsieg geglaubt, bis Grossdeutschland kleiner als Berlin war.

Ich hingegen bin mir sicher, dass mit jeder rechtsextremistischen Gewalttat die Akzeptanz von Nazis in der Gesamtbevölkerung bis hin zum rechten Rand sinkt.
 
made in germany Montag, 19.November 2012, 14:38 Uhr:
"Volksabstimmungen" über Konzerveranstaltungen??
Da fallen mir gleich jede Menge schwuchteliger Castingheinis, oder Asselpunkcombos ein, die ich gerne mit so einer Abstimmung ins Aus schicken würde..
Aber halt, ich bin ja ein toleranter und offener Mensch(jeder nach seiner Fasson..) und fordere Volksabstimmungen zu den brennenden politischen Themen dieser Zeit!
Aber da werden sich die Gutmenschen natürlich vor hüten, wackelt doch dann ihr Thron.

Wenigstens können die Mitglieder der Bürgerinitiative jetzt wieder ruhig schlafen.
 
L.B. Montag, 19.November 2012, 15:26 Uhr:
Ich finde das Vorgehen der Einwohner vorbildlich. Deutlich vorbildlicher als jenes der Einwohner von Insel - ja richtig: Wir erinnern uns noch.

Dass sich "nur " 80% gegen diese Konzerte ausgesprochen haben, ist nicht schmlimm. Wären es 90% und mehr, würden die Konsorten von der Fensterfront sofort "DDR" brüllen.

"Wenigstens können die Mitglieder der Bürgerinitiative jetzt wieder ruhig schlafen."

Davon kannst du locker ausgehen, denn jetzt wird ihr Schlaf nicht mehr von irgendwelchem schwachsinnsbraunen Rechtsrockgegrölle gestört!
 
Dennis Montag, 19.November 2012, 15:32 Uhr:
@made in germany:

"Aber halt, ich bin ja ein toleranter und offener Mensch..."

Genau, und der Papst ist evangelisch....

Selten so gelacht, made. Sie wollen tolerant und offen sein? Ich schmeiß mich weg!!!
 
John Montag, 19.November 2012, 15:57 Uhr:
"schwuchtelige[r] Castingheinis"

vs.

"ich bin ja ein toleranter und offener Mensch(jeder nach seiner Fasson..)"

Finde den Widerspruch.
 
Mr. B. Montag, 19.November 2012, 16:04 Uhr:
@crap from east-germany

"jede Menge schwuchteliger Castingheinis ... Asselpunkcombos" . . ."ich bin ja ein toleranter und offener Mensch"

Deine "schwuchteliges" Gesülze widerspricht sich, wie Deine "schwuchtelige" Ideologie. Ärgerlich, dass hier Wähler abgestimmt haben und diesmal nicht das pöhse BRD-Regime oder der Mossad schuld ist. Auf diesem Weg werden die Schrumpf-Germanen auch aus den Parlamenten verschwinden.
 
Babuschka Montag, 19.November 2012, 17:29 Uhr:
@Rutschi:

Ach was, ich gebe nur das wieder, was bereits erörtert wurde: Dass nämlich 20% nicht gegen Rechts-Konzerte einzuwenden hatten - was ein gutes Zeichen ist. Ich hoffe natürlich, dass es noch weit mehr als 20% sind.

Nicht alle Menschen sind gehirngewaschen - das wäre ja furchtbar. Aber leider ein großer Teil, du inbegriffen.
Deshalb schwingt auch immer etwas Mitleid mit, wenn ich dir schreibe.

Kennst du eigentlich das Drama "Ein Volksfeind"? Solltest du unbedingt mal lesen!
 
Babuschka Montag, 19.November 2012, 17:30 Uhr:
@L.B.

Was ist denn "schwachsinnsbraunes Rechtsrockgegrölle"?

Steckt hinter einer solchen Aussage noch mehr als triefend rote Propaganda?
 
made in germany Montag, 19.November 2012, 18:00 Uhr:
@L.B.

"Ich finde das Vorgehen der Einwohner vorbildlich. Deutlich vorbildlicher als jenes der Einwohner von Insel - ja richtig: Wir erinnern uns noch."

Das Gleichsetzen des Protestes eines ganzen Dorfes gegen 2 psychophatische Frauenvergewaltiger, mit dem einer Initiative gegen friedliche Musikhörer disqualifiziert dich.
Nimm doch doch die 2 Inselfreaks bei dir auf, die sind jetzt angeblich wieder gesund, nett zu Frauen und asexuell.
 
Chezuz Montag, 19.November 2012, 23:22 Uhr:
" "Volksabstimmungen" über Konzerveranstaltungen??"

Jo. Als lupenreiner Demokrat sollten sie da kein Problem mit haben.

"Da fallen mir gleich jede Menge schwuchteliger Castingheinis, oder Asselpunkcombos ein, die ich gerne mit so einer Abstimmung ins Aus schicken würde.."

Probieren sie es doch.

"Aber halt, ich bin ja ein toleranter und offener Mensch(jeder nach seiner Fasson..)"

es sei denn sie fühlen sich in ihrer Ideologie ans Bein gepinkelt...

"und fordere Volksabstimmungen zu den brennenden politischen Themen dieser Zeit!"

Wo fordern sie das denn? Haben sie mittels einer entsprechenden Initiative jemals eine Volksabstimmung versucht auf die Beine zu stellen?

"Aber da werden sich die Gutmenschen natürlich vor hüten, wackelt doch dann ihr Thron."

Dumm nur, daß sie ohne die von ihnen postulierten "Gutmenschen" niemals eine erfolgreiche Abstimmung durchführen können werden!


"Wenigstens können die Mitglieder der Bürgerinitiative jetzt wieder ruhig schlafen."

Die Bürger haben direkt abgestimmt. 80% (ist übrigens etwas mehr als die Zweidrittelmehrheit) sind dagegen. Warum haben sie ein Problem damit, die Meinung des von ihnen so vehement verteidigten Volkes zu akzeptieren?

Achso. Passt nicht in ihr Weltbild...
Naja.

Ihr Problem.
 
JayBee Dienstag, 20.November 2012, 09:01 Uhr:
@ made in germany

"und fordere Volksabstimmungen zu den brennenden politischen Themen dieser Zeit!"


Das haben die Leute doch gemacht. Es gab eine Abstimmung über ein brennendes politisches Thema dieser Zeit, nämlich Rechtsradikalismus. Sichtlich hat dabei Eure angebliche schweigende Mehrheit mal wieder versagt...
 
Dresdner Dienstag, 20.November 2012, 10:15 Uhr:
@ ROFL

"Ansonsten würde mit Zuspitzen der Krise die Akzeptanz in der Bevölkerung für "Rechtsextreme" eher ansteigen."

Das ist auch die einzige Möglichkeit, denn nur diffuse wirtschaftliche Ängste treiben den Rechtsextremen die Menschen zu. Ohne Krise ist diese Ideologie gar nicht möglich.

"Jo, da wird das Regime schon für sorgen, dass es noch mehr "braunen Terrornachschub" gibt."

Ja, das Regime will Eure menschenfreundliche, tolerante und gegen niemanden gerichtete Ideologie unbedingt diskreditieren. Es hat gar nichts besseres zu tun, als all die gewaltfreien Skinheads und ANs in ein schlechtes Licht zu rücken.
 
L.B. Dienstag, 20.November 2012, 11:20 Uhr:
@ Made in Speck:

Von jemandem, in dessen kleinem Wirrkopf es vor "schwuchteliger Castingheinis" nur so zu wimmeln scheint, habe ich keine andere Antwort erwartet.
 

Die Diskussion wurde geschlossen