Für Freiheit und Demokratie. Hamburger Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten in Verfolgung und Widerstand 1933 - 1945

Würdigung verfolgter Sozialdemokraten

Donnerstag, 06. Mai 2004
Volker Stahl
Die Hamburger SPD würdigt ihre im Nationalsozialismus verfolgten Mitglieder mit einem Gedenkbuch. Der Landesverband setzt damit eine Idee des ehemaligen Parteivorsitzenden Hans-Jochen Vogel um. Vogel hatte 1995 angeregt, Erinnerungsbücher für verfolgte Sozialdemokraten anzulegen. „Wer nicht weiß, woher er kommt, weiß auch nicht, wo er sich befindet und wohin er will“, erklärte Vogel zur Buchpräsentation. Die Ausrichtung des Buches erläutert Christel Oldenburg vom Arbeitskreis Geschichte im Vorwort: „Im Blickfeld der Widerstandsforschung standen bislang Institutionen, Verbände oder Parteien. Nur selten wurde gefragt und untersucht: Wer waren die Menschen in diesen Gruppen? Wie hießen sie? Aus welchem Milieu stammten sie? Welchen Beruf übten sie aus? Was taten sie, als sie sich der Verfolgung der Nationalsozialisten aussetzten? Welche Strafen haben sie erlitten? Im Mittelpunkt der hier vorgelegten biografischen Skizzen steht der Mensch mit seinem Einzelschicksal.“ Drei aufrechte Lebenswege in Kurzform: Mit dem Vermerk „gestorben am 7.10.1944 im KZ Buchenwald“ endet die Biografie von Kurt Adams. Das Mitglied der Hamburgischen Bürgerschaft (1924 bis 1933) war bei der Machtergreifung der Nazis Leiter der Hamburger Volkshochschule. Weil er sich dem Verlangen des Gauleiters Karl Kaufmann verweigerte, seine politische Einstellung öffentlich zu widerrufen, verlor der anerkannte Reformpädagoge seinen Job. Er eröffnete einen Kaffeeladen, der zur Anlaufstelle für sozialdemokratische und kommunistische Regimegegner avancierte. Nach dem Attentat auf Adolf Hitler wurde auch Adams von der Verhaftungswelle, die durch Deutschland schwappte, erfasst und ins KZ Buchenwald verbracht, wo er die unmenschlichen Zustände nicht überlebte. Er starb an den Folgen einer Lungen- und Hirnhautentzündung. In Hamburg wurde 1967 ein Platz nach dem promovierten Deutsch- und Geschichtslehrer benannt. Die Kindergärtnerin Erna Mros überlebte die Nazi-Herrschaft nur, weil sie ins Exil nach Amerika ging. Seit 1927 war die Arbeitertochter im Internationalen Sozialistischen Kampfbund (ISK) aktiv. Nachdem die junge Frau aus politischen Gründen ihren Arbeitsplatz verloren und in „Schutzhaft“ gesessen hatte, eröffnete sie 1934 in der Hamburger Innenstadt eine vegetarische Gaststätte – fleischlose Ernährung und Pazifismus waren zentrale Botschaften des ISK. Die „Vega“ entwickelte sich schnell zu einem geistigen Zentrum des Widerstands, in dem sechs Regimegegner in Lohn und Brot standen. Exilierte Parteifreunde konnte Mros monatlich mit mehreren hundert Mark unterstützen. 1936 flog das Widerstandsnest durch Verrat auf. Mros konnte sich durch den schnell umgesetzten Entschluss, Deutschland zu verlassen, retten. Ihr abenteuerlicher Weg ins US-amerikanische Exil führte über Wien, Paris, Südfrankreich und Portugal. 2001 starb die mutige Frau in Sacramento. Weniger Glück hatte der Schmied Wilhelm August Ropers. Nach dem Verbot der SPD gehörte er zum Führungszirkel der nun illegalen Partei. Der 1908 Geborene stellte Informationen über die Ausprägungen der Nazi-Herrschaft zusammen und schickte sie zum Exil-SPD-Vorstand nach Prag, wo sie Niederschlag in den „Deutschland-Berichten“ fanden. Als die braunen Machthaber ihm auf die Spur kamen, wurde er von der Gestapo gefoltert. „Drei Monate in Eisen gelegt, geschlagen und Haare ausgerissen sowie durch Hunger Magenkrankheit zugezogen“, notierte er in seinen Erinnerungen. Nach der Haft kam er in das KZ Sachsenhausen, erlangte Ende 1938 wieder seine Freiheit. Obwohl er die NS-Diktatur überstand, endete sein Leben tragisch. Ropers starb 1949 nach einem Straßenbahnunfall. Zweieinhalb Jahre haben Mitglieder des Arbeitskreises Geschichte und die Arbeitsgemeinschaft ehemals verfolgter Sozialdemokraten Zeitzeugen befragt, in Archiven gestöbert und Fakten und Daten zusammengetragen. Herausgekommen ist ein 472 Seiten starkes lexikalisches Werk, das 1500 Namen Verfolgter auflistet. Die Schicksale von 98 Frauen und Männer werden ausführlich gewürdigt – darunter bekannte Sozialdemokraten wie die Ex-Bürgermeister Max Brauer und Paul Nevermann. Der Widerstand gegen die nationalsozialistische Diktatur sei nicht ohne Wirkung geblieben, resümierte Hans-Jochen Vogel: „Alle, die sich vorgenommen hatten, die SPD zu vernichten, wurden von der Geschichte weggefegt.“
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