von Robert Scholz
   

Für einen „modernen Nationalismus“ – Das Manifest der „Aktion Neue Rechte“

Die „Aktion neue Rechte“ (ANR) war eine Abspaltung der NPD, die Anfang 1972 unter Führung des bayerischen NPD-Landesvorsitzenden Siegfried Pöhlmann entstand. Sie gilt als die „Urzelle“ der deutschen „Neuen Rechten“, obwohl sie nicht lange bestand. Der Grund für ihren legendären Ruf dürfte ihr Manifest sein, das Henning Eichberg verfasste, ohne allerdings selbst Mitglied der ANR zu sein.

Die NPD befand sich 1972 mitten in ihrer ersten Krise. Nachdem sie 1969 mit 4,3 Prozent der Stimmen am Einzug in den Bundestag gescheitert war und anschließend auch alle Mandate in den Landesparlamenten verlor, zeichneten sich die inhaltlichen Differenzen in der „Sammelpartei“ NPD immer mehr ab. Die zuvor notdürftig durch Wahlerfolge zusammengehaltenen Parteiflügel galten daraufhin als „unführbar“, was zum Rücktritt des seit 1967 amtierenden Parteivorsitzenden Adolf von Thadden führte. Um dessen Nachfolge stritten Siegfried Pöhlmann und Martin Mußgnug. Pöhlmann wollte von Thadden schon 1970 ablösen, kandidierte dann aber unerwartet doch nicht. Als sein Griff nach der Macht in der Partei auch nach dem Rücktritt von Thaddens scheitert, tritt er mit 460 Anhängern aus und gründet 1972 die „Aktion Neue Rechte“.

Ihre Grundsatzerklärung, das „Manifest einer europäischen Bewegung“, verfasste der Pionier der deutschen „Neuen Rechten“: Henning Eichberg. Schon der Name der Erklärung verriet die grundsätzliche Differenz zur NPD, gegen deren Staatsnationalismus stellte man einen europäischen Nationalismus, der mit dem Eintreten für „unterdrückte Völker“ und „Regionen“ auch linke Ideologieelemente übernahm. Mit ihrem zehn Punkte umfassenden Manifest suchen die Aktivisten nach einem „Dritten Weg“ jenseits „bankrotter Dogmen von links und rechts“, als deren Lösung sie einen „europäischen Sozialismus“ präsentieren.

Dieser „europäische Sozialismus“ (3) sei eine Revolution, die den „Primat der Politik über das Kapital“ (4) beinhalte. Dieser „europäischen Sozialismus“ wird abgegrenzt vom „lebensfeindlichen Kommunismus, der die Menschen knechtet und Völker versklavt“. Im Gegensatz dazu sei der „europäische Sozialismus“ „lebensrichtig, weil er auf dem natürlichen Wesen des Menschen beruht.“ (4)

Dieses „natürliche Wesen des Menschen“ spiegelt sich denn auch in der Forderung einer „Leistungsgemeinschaft“ (5) wider, da nur die „Orientierung an der Leistung [...] soziale Gerechtigkeit und Forstschritt bringen“ könne. Der „soziale Rang des einzelnen“ hänge „allein von seiner persönlichen Qualifikation“ ab. Der „kapitalistischen Konsumgesellschaft“ soll die „Leistungsgesellschaft“ ein „neues Gemeinschaftsbewußtsein“ entgegengesetzt werden, denn „europäischer Sozialismus“ bedeute auch „Solidarität in der Gemeinschaft der Schaffenden“.

Die so verstandene Solidarität präsentiert das Manifest zugleich als Definition eines „modernen Nationalismus“ (6): „Eine moderne Bewegung kann den Nationalismus nur begreifen als notwendigen Charakterzug unserer Zeit, als Bewußtsein der Solidarisierung und Aktivierung in der modernen Gesellschaft.“

Die Solidarität, die den „modernen Nationalismus“ ausmache, gilt oberhalb der Ebene der Gemeinschaft „allen unterdrückten Völkern“. Auf dieser Ebene argumentieren die ANR-Aktivisten auch für eine „Neuvereinigung Deutschlands“ (7), die „nicht zu trennen [ist] vom Kampf gegen den Sowjetimperialismus“. Mit der Forderung nach „Solidarität aller unterdrückten Völker [Hervorh. vom Autor]“ soll offenbar auf die Inkonsequenz der damaligen Linken in der Frage nach dem Selbstbestimmungsrecht angespielt werden, das zwar für die dritte Welt, aber nicht für Osteuropäer oder Deutsche gelten sollte.

Als ihr politisches Ziel formuliert das Manifest ein „Europa der Völker“ (8): „Die Großmacht Europa kann nicht sein ohne Föderalismus und Wahrung der Eigenart ihrer Völker.“ Hier klingt schon das Konzept des Ethnopluralismus an, auf das Eichberg wohl erstmals durch den Kontakt mit dem Vordenker der französischen Neuen Rechten, Alain de Benoist, Ende der 1960er Jahre gestoßen sein dürfte. Im Gegensatz zu jenem, der Europa als Gegenmacht vor dem Einfluss der Sowjetunion und den USA verstand, sieht das Manifest „im Bund mit der USA“ den „einzige[n] Schutz gegen den Imperialismus der aggressiven, friedensfeindlichen Sowjetunion“.

Zum Abschluss stellt Eichberg als Verfasser des Manifests die Frage, wer „Träger der notwendigen Veränderung sein“ könne. Anknüpfungspunkte zu bestehenden Gruppen sieht er allerdings nicht: Die Linke stoße seiner Ansicht nach „allerorten gegen die Grenzen ihrer Dogmen“ und die „konservative Rechte verschwindet in der Stagnation“. Eichberg hat daher vor allem die Jugend im Blick, die sich „mit kommunistischer Tyrannei und bürgerlich-reaktionärer Erstarrung“ nicht abfindet.

Diesen Zustrom der Jugend erlebte die ANR nicht. Nach nur etwas mehr als zwei Jahren versank die Aktion Neue Rechte in der Bedeutungslosigkeit. Der Grund waren, wie so oft bei rechten Organisationen, Abspaltungen. Ihr Vorsitzender Martin Pöhlmann war daran allerdings nicht ganz unschuldig. Gründete sich die ANR ursprünglich noch, um sich von der alten Rechten abgrenzen, so konterkarierte Pöhlmann dieses Ziel mit dem Beitritt des „Freiheitlichen Rates“, einer Organisation des Verlegers der „Deutschen Nationalzeitung“, Gerhard Frey. Auch die Mitgliedschaft von überzeugten Nationalsozialisten wie Friedhelm Busse waren dieser Abgrenzung wenig förderlich.

Trotzdessen gilt die ANR als „Urzelle“ der Neuen Rechten, was nicht nur an ihrem Namen liegt. Mit dem Eintreten für ein „Europa der Völker“, deren Selbstbestimmungsrecht sowie der Ablehnung von Kapitalismus und Kommunismus legte das Manifest die Grundsteine eines ideologischen Fundamentes, auf das neurechte Theoretiker künftig aufbauen konnten.

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