Frei.Wild und die Gutmenschen-Verschwörung – Herr Burger, wie wäre es mit einem Ausstieg?

Die Kritiker*innen von Frei.Wild und ihrer völkisch-nationalistisch geprägten Rockmusik bleiben hartnäckig, doch die breite Öffentlichkeit ist noch immer nicht mobilisiert. Frei.Wild sucht sich unterdessen genau aus, welchen Journalist*innen man bereitwillig Interviews gibt und welche man ablehnt, boykottiert und ihre Befugnis infrage stellt. Bis zur nächsten Tour im Sommer ist etwas Zeit im Bandkalender für so manche verrückten Sachen. Wie wäre es mit einem Ausstieg?

Montag, 21. Januar 2013
Felix Benneckenstein
Frei.Wild und die Gutmenschen-Verschwörung – Herr Burger, wie wäre es mit einem Ausstieg?
So manches nervt, im „Land der Vollidioten“: Menschen, die ein Problem damit haben, wenn mit völkischem Nationalismus auf Stimmen- und CD-Käuferfang gegangen wird, lassen einfach nicht locker. Dabei geht es stets nur sekundär um die „Neonazi-Vergangenheit“ Burgers. Primär wird Frei.Wild aufgefordert, es zu unterlassen, Rassismus und Nationalismus zu transportieren und salonfähig zu machen. Für einen „Aussteiger“ doch eigentlich kein Problem? In einer aktuell veröffentlichten Reportage des kritisch-satirischen und durchaus populären Internetsenders „Fernseh-Kritik TV“ bekommt die Band mal wieder eine Bühne für nichtmusikalische Ergüsse. Doch die Erklärungsmuster scheinen immer dünner zu werden. Noch dünner? – werden sich viele fragen. Ja, die neuesten Distanzierungen, in welchen unter anderem Thomas Kuban ein „krankes Denken“ attestiert wird, haben weder an Professionalität noch an Authentizität zugelegt.

Die Kritik an Frei.Wild – eine große Verschwörung der „linken Gutmenschen“?

„A Nazi bleibt a Nazi, egal an welchem Ort“ singt der bayerische Liedermacher Hans Söllner in „A Drecksau bleibt a Drecksau“. Der Internetsender Fernsehkritik-TV sieht das offensichtlich anders: „Man darf nicht vergessen, dass die Band (Frei.Wild, die Red.) aus Südtirol kommt und nicht aus Deutschland. Das muss man immer wieder betonen!“ Als würde dies ausschließen, dass die Band nationalistisch oder rassistisch sein kann. Im neuesten Streich der „Wir sind doch gar nicht so Rechts“-Maschinerie geht Philipp Burger, der sich meist als einziges Bandmitglied wirklich zur Thematik äußert, ein weiteres Mal neue Wege: Der hinreichend bekannte Undercover-Journalist Thomas Kuban, der bei weitem nicht als einziger die Band für ihre aktuelle Agitation kritisiert, sei „ein Typ“, der „mit seinem kranken Denken“ eine (?) „Kurve nicht mehr bekommt“. Soviel zur nicht wirklich logisch verständlichen Analyse des kundigen Journalisten Thomas Kuban, dessen Pseudonym Burger offensichtlich nicht einmal auszusprechen vermag.

Weiter geht es, in ähnlich wirrer Argumentation, mit dem hinlänglich bekannten Lied „Südtirol“. (Textauszug:„Kurz gesagt ich dulde keine Kritik an diesem heiligen Land, das meine Heimat ist! (…) Südtirol, wir sind noch nicht verlor‘n, in der Hölle sollen deine Feinde schmor‘n!“) Bei diesem Lied, welches im Übrigen noch von der (offen neonazistischen) Frei.Wild-Vorgängerband „Kaiserjäger“ sein soll, seien „mit Feinde gar keine Menschen gemeint“. Sondern? Irgendwie alles. Jedoch nichts Schlechtes. Und Burger kommt gegen Ende der Sendung voll in Fahrt: Betont unpolitisch ruft er dazu auf, „wählen zu gehen“. Auch gegen „korrupte Politiker“ und „linke Gutmenschen“ sei man, die jedes Wort auf die Goldwaage legen und somit Frei.Wild aus purem Neid die Stimmung vermiesen würden – und Arbeitslose hole man übrigens ebenfalls von der Straße. Und überhaupt verstehe man sich nicht als demokratiefeindlich, sondern gar noch als die „wahren Demokraten“. Auch diese Argumentation kommt mir bekannt vor.

Prominente Schützenhilfe für Frei.Wild – aus Unwissenheit?

Was Journalist*innen in mühevoller Recherche erarbeitet haben – fundierte Beiträge mit konkreten Kritikpunkten – lässt der Betreiber des web-TV, Holger Kreymeier, unbeachtet. Während des gesamten Interviews sitzt er nicht nur nickend und zustimmend neben Burger. Kreymeier legt ihm sogar Beschwichtigungen und intelligente Formulierungen in den Mund, die Burger so nicht gesagt hätte. Dies ist in einem längeren Interview, dass Fernsehkritik-TV ebenfalls online gestellt hat, mehrfach ersichtlich. Außerdem darf Burger sich als „prominenten Aussteiger“, der andere Neonazis zum Ausstieg motivieren könnte, präsentieren. Das Ganze Video wirkt wie ein Werbefilm für die Band. Viel Zeit hat die Band sich für diese Sendung jedenfalls ausnahmsweise genommen. Fernsehkritik-TV lässt Burger unkommentiert erläutern, die Kritiker der Band seien die „eigentlichen Extremisten“. Die Musik der Band sei „eher versöhnlich“ als extremistisch. Auch Kreymeier macht gegen Ende der Sendung vom 8. Januar klar, wo er das eigentliche Problem sieht. Zitat „Aber es gibt schon manche nervige Leute, leider, vor allem diese linken Gutmenschen, die jedes Wort von mir auf die verbale Goldwaage legen. (…) Wir steuern auf George Orwells 1984 zu, wir haben mittlerweile Neusprech in diesem Land!“

Von wegen „alle gegen uns“: Einige Behörden spielen mit!

Interviewpartner Burger scheint es ein Anliegen zu sein, sich zu erklären und dabei erwähnt er gerne etwas gönnerhaft, was er und seine Band nicht alles Gutes tun auf der ganzen Welt. Doch wer über Frei.Wild berichten darf – das sucht sich die angeblich nach Autonomie strebende Combo nach Möglichkeit gerne selbst aus. Ich selbst war schon dabei, als ein eigentlich zugesagtes Interview plötzlich abgesagt wurde, offensichtlich nachdem klar war, dass es keine Vorschusslorbeeren zu ernten gibt. Vor der letzten Tournee kündigte Burger zudem an, während der Tournee überhaupt keine Interviews zu geben. Man habe „keine Zeit“ dafür und könne gerne „nach der Tour“ sprechen.

Wir halten fest: Die Band steht unter dem Verdacht, bewusst oder unbewusst Nationalismus und Rassismus zu verbreiten. Und der besorgten Öffentlichkeit entgegnet man: „Lasst uns jetzt mal machen, wir reden später.“ Eine Selbstüberschätzung, die in dieser Form nur schwer zu übertreffen ist. Doch leider spielen auch hier manche Behörden mit: Ich selbst war auch dabei, als eine Drehgenehmigung kurzerhand unter fadenscheiniger Begründung durch die ausstellende Stadtverwaltung eingeschränkt wurde. Offensichtlich um zu verhindern, dass die betroffene Stadt sich unangenehmen Fragen stellen muss. Doch diese Fragen sind angesichts des Erfolges der Band unverzichtbar und sie lassen sich nicht einfach von der Hand weisen.

Das antifaschistische Infoblatt (AIB) definiert einen Ausstieg aus Neonazi-Kreisen in Ausgabe 74 aus dem Jahre 2006 wie folgt: „Viele verlassen still und unauffällig die politische Bühne und verschwinden ins Privatleben. Andere sprechen öffentlich von einem `Ausstieg´, da sie sich davon Vorteile vor Gericht versprechen oder von AntifaschistInnen ungestört ihren Geschäften und Interessen nachgehen wollen. Von einem Ausstieg kann hier kaum gesprochen werden, maximal von einem Austritt, von Rückzug oder einem Aufhören.“ Diese Textzeilen scheinen zutreffend auf den Ausstieg Philipp Burgers, der auch im neuesten Video seine damalige Szenezugehörigkeit als „rebellische Phase“ abtut. Nun haben Antifaschist*innen natürlich eine härtere Ansicht zum Thema Ausstieg, als dies vielleicht anders verortete zivilgesellschaftliche Organisationen verlauten lassen würden.

Die Initiative EXIT-Deutschland definiert Ausstieg wie folgt: „(…) Ausstieg ist somit mehr als das Verlassen eine Partei oder Gruppe, auch mehr als ein Wechsel der ästhetischen Ausdrucksformen (!) oder der Verzicht auf die Anwendung von Gewalt. Ein Ausstieg ist somit dann erfolgt, wenn die den bisherigen Taten zugrundeliegende richtungsweisende Ideologie überwunden ist.“

Für mich ist klar: Beide Definitionen von Ausstieg treffen auf Frei.Wild nicht zu. Die folgenden Fragen sollte Frei.Wild sich selbst stellen: „Herr Burger, wann genau sind Sie ausgestiegen – und welche Organisation / Gruppierung hat Ihren Ausstieg begleitet? Bei welcher Institution kann die Öffentlichkeit nachvollziehen, dass Sie Sich intensiv und aus eigenem Antrieb von Ihrer Vergangenheit nicht nur personell losgesagt haben? Die nur auf öffentlichen Druck und erst 2008 vollzogene Abkehr von einer (mindestens) rechtspopulistischen Partei aus Südtirol und die damit verbundene Absage bei einem rechten Festival dürfen unter diesen Umständen nicht zählen. Wenn Sie Rassismus und Neonazismus konsequent ablehnen, warum spielen Sie dann mindestens ein Lied, dass offensichtlich noch zu „echten“ Neonazizeiten geschrieben wurde? Alleine dieses Lied ist ein Lied, dass von einer Neonaziband geschrieben wurde. Es wird von Frei.Wild gespielt. Also spielt Frei.Wild Neonazimusik.“

Das muss ja nicht so bleiben! Ausstiegshilfe für Philipp Burger?

Gerne steht die Aussteigerhilfe Bayern offen, wenn die Band ihre rechtsextreme Vergangenheit auch endlich wirklich glaubhaft Vergangenheit sein lassen möchte. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass dies gar nicht so schwer ist – wenn man es denn ernst meint. Und die Neonazis? Die werden von alleine fernbleiben. Würde ich heute Musik machen, würden Neonazis diese sicher nicht feiern. Denken Sie mal darüber nach. www.aussteigerhilfe.de – das Angebot steht! Jedoch machen auch wir keine Ausnahme und erwarten eine Kontaktaufnahme durch die ausstiegswillige Person. Übrigens: Auch der eingangs erwähnte Liedermacher Hans Söllner singt von schöner Natur, von heimattypischen Begebenheiten und kritisiert politische Abläufe teils sehr heftig. In eine „Nazi-Ecke“ drängt ihn niemand. Wieso auch? Auf das „wie“ kommt es an!

Foto: Pakeha, Lizenz: CC
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