Kommentar
Fehlende Fachkenntnis zum realen Faschismus. Das begriffliche Irrlichtern des Luigi Pantisano
Zwischen CDU und Faschisten bestehe kein Unterschied: Dies meinte der jüngst gewählte neue Linken-Vorsitzende Luigi Pantisano, wobei er sich gleich dafür gegenüber CDU und Öffentlichkeit entschuldigen musste. Derartige falsche Einordnungen führen aber auch zu Fehlschlüssen über reale rechtsextremistische Phänomene.
In der Filmkomödie „Fack ju Göhte“ gibt es folgende Szene: Chantal kommentiert ihren Lehrer mit den Worten: „Sie sind ein Faschist, Herr Müller“. Dass ein derartiges Niveau auch von einem Politiker erreicht werden kann, machte jüngst Luigi Pantisano deutlich.
In einem „Bild“-Interview äußerte er vor laufender Kamera: „Letztlich gibt es auch gerade gar keinen Unterschied zwischen der CDU, die faschistische Politik macht, der AfD oder den Faschisten selbst.“ Danach stimmten auf dem „Linken“-Parteitag lediglich 53 Prozent für ihn als Vorsitzenden, hatte er doch bei der Abstimmung für das Amt keinen Gegenkandidaten.
Eva von Angern ist Spitzenkandidatin der Linken in Sachsen-Anhalt. Den neuen Parteichef Luigi Pantisano hat sie nicht gewählt. Was stört sie an ihm?
— taz (@taz.de) 21. Juni 2026 um 18:44
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Die erwähnten Bekundungen dürften das Ergebnis mit motiviert haben, empörten sich danach doch auch hohe Funktionsträger seiner Partei über ihn. Er behauptete, man habe ihn „verkürzt“ wiedergegeben. Dabei hatte der Gemeinte dies doch im Interview am Stück direkt vorgetragen. Er bat danach zwar bei der CDU um Entschuldigung, erklärte aber hierbei nicht, was genau seine falsche Aussage war bzw. seine richtige Aussage sein sollte.
Inflationäre „Faschismus“-Gleichsetzungen
Dieser Fall macht erneut deutlich, wie intellektuell unterentwickelt derartige öffentliche Positionierungen sind. Inflationäre „Faschismus“-Gleichsetzungen haben sich in den letzten Jahren ohnehin selbst diskreditiert, zumal es auch in der Forschung zum Gemeinten keinen ansatzweisen Konsens gibt. Aber auch klügere Geister irrten hier in der älteren wie jüngeren Geschichte. Bekanntlich sprach gegenüber den Achtundsechzigern gar ein Jürgen Habermas davon, es handele sich bei deren politischem Fanatismus um „linken Faschismus“.
Man mag kritikwürdiges Agieren auch deutlich kritisieren, sollte aber auf die angemessenen Kategorien achten. Dies gilt auch für die CDU-Regierungspolitik, die aber nichts „faschistisches“ an sich hat, was auch immer hierunter verstanden werden soll. Bekanntlich kam der genannte Begriff in Italien auf, bezogen auf eine extremistische Bewegung, die eine repressive Diktatur unter Mussolini errichtete. Worin dabei Gemeinsamkeiten mit der Unionspolitik bestehen sollen, bleibt nicht nur bei Pantisano im Unklaren.
Fehlende Aufmerksamkeit durch ideengeschichtliche Verengungen
Ohnehin ist der Begriff „Faschismus“ eine falsche Kategorie - auch um für die AfD als besonderes politisches Phänomen eine terminologische Zuordnung vorzunehmen. Das Gleiche würde für „Nazis“ als Sammelbezeichnung gelten. Derartige Einordnungen sind von der Geschichte geprägt, kennen aber die Geschichte als Rahmung nicht. Denn so macht man es auch der AfD viel zu leicht, die sich schnell von derartigen Eindrücken „reinwaschen“ kann. Dass die Belege für „Faschisten“ und „Nazis“ fehlen, ist bereits durch oberflächliche Betrachtungen auf fehlende Gemeinsamkeiten und Identitäten evident.
Wer nur derartige Kategorien kennt, nimmt die extremistischen Potentiale nicht wahr. Auch andere inhaltliche Ausrichtungen können damit einhergehen, gibt es doch ebenso nicht-faschistische und nicht-nationalsozialistische rechtsextremistische Ideologiefamilien. Grundsätzlich gilt: Jeder Faschist und Nazi ist ein Rechtsextremist, aber nicht jeder Rechtsextremist muss ein Faschist oder Nazi sein. Derartige Aufklärung wäre nicht nur für die Pantisanos nötig.
Der Autor veröffentlichte jüngst folgenden Beitrag zum „Faschismus“-Thema: Armin Pfahl-Traughber, Faschismus – was ist das überhaupt? Über den fehlenden Konsens in den Wissenschaften, in: Zukunft. Die Diskussionszeitschrift für Politik, Gesellschaft und Kultur, Wien, Nr. 03-04/2026, S. 6-9.