Neue Studie

Fast jede vierte Person mit Rassismuserfahrungen

22 Prozent der deutschen Bevölkerung hat selbst schon einmal Rassismus erfahren. Betroffenen wird dabei oft unterstellt, sie seien zu überempfindlich oder ängstlich. Gleichzeitig gibt es in Deutschland vielschichtige antirassistische Potenziale. Zu diesem Schluss kommt eine neue Studie.

Freitag, 06. Mai 2022
Florian Schäfer
Für viele gehören Rassismuserfahrungen leider zum„Alltag in Deutschland“.
Für viele gehören Rassismuserfahrungen leider zum„Alltag in Deutschland“.

Es ist eine erschreckende Zahl: 22 Prozent der Menschen in Deutschland haben laut einer repräsentativen Umfrage Rassismus am eigenen Leib erlebt. Das hat das „Deutsche Zentrum für Integrations- und Rassismusforschung“ (DeZIM) in seiner Auftaktstudie zum „Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusmonitor“ erhoben. Gleichzeitig berichtet fast die Hälfte der Befragten, dass sie Personen kenne, die Rassismus erfahren haben. Die Studie, die am Donnerstag veröffentlicht worden ist, wartet aber noch mit weiteren Erkenntnissen auf – nicht alle sind negativ.

Vor dem Hintergrund der NSU-Morde und der Anschläge von Halle und Hanau hatte die letzte Bundesregierung einen Kabinettsausschuss zur Bekämpfung von Rechtsextremismus und Rassismus eingesetzt. In Zuge dessen wurde das DeZIM damit beauftragt, „die Ursachen, das Ausmaß und die Folgen von Rassismus in Deutschland wissenschaftlich zu untersuchen.“ Ziel ist es, anhand von belastbaren Fakten „die Debatten um Rassismus zu versachlichen und wirksame Maßnahmen gegen Rassismus entwickeln und ergreifen zu können“. Hierfür hat das DeZIM mittels einer repräsentativen Telefonumfrage über 5.000 Menschen in Deutschland befragt, wobei sich darunter nicht nur Angehörige der Mehrheitsbevölkerung, sondern auch Angehörige von Gruppen befanden, „die potentiell Rassismus erfahren – so genannte rassifizierte Gruppen“.

Rassismus tief in der Gesellschaft verankert

Ein zentrales Ergebnis des Rassismusmonitors lautet, dass insgesamt „zwei Drittel der Bevölkerung schon einmal mit Rassismus in Berührung gekommen“ sind – sei es durch eigene Erfahrungen, Beobachtungen oder durch Schilderungen aus dem näheren Umfeld. So gaben Angehörige rassifizierter Gruppen zu 58 Prozent an, bereits Rassismus erfahren zu haben. 45 Prozent der Befragten haben schon einmal einen rassistischen Vorfall beobachtet. Lediglich 35 Prozent sind laut eigener Aussage „noch nie in irgendeiner Form – weder als direkt noch indirekt Betroffene – mit Rassismus in Berührung gekommen“.

Berührungen mit Rassismus

Dabei sind rassistische Wissensbestände und Vorstellungen in der Gesellschaft tief verankert: Fast die Hälfte der deutschen Bevölkerung ist von Existenz menschlicher „Rassen“ überzeugt, wobei diese Überzeugung vor allem durch Ältere geteilt wird und mit zunehmender Bildung sinkt. Vorstellungen von „kulturbedingten“ bzw. „natürlichen“ Rangunterschieden sind ebenfalls weit verbreitet: 27 Prozent glauben nach den Erkenntnissen der Forscher:innen an eine grundlegende Überlegenheit bestimmter Kulturen gegenüber anderen.

„Alltag in Deutschland“

Dennoch wird die Existenz von Rassismus in Deutschland nur von einer Minderheit bestritten. 90 Prozent der Bevölkerung „erkennen an, dass es Rassismus in Deutschland gibt“. Auch gibt es ein hohes Bewusstsein dafür, dass sich Rassismus als Alltagsphänomen äußert und die lebensweltliche Realität prägt: 61 Prozent stimmen der Aussage zu, dass Rassismus „Alltag in Deutschland“ ist. Dabei geht die Wahrnehmung von Rassismus „über die Herabwürdigung oder Gewaltangriffe gegenüber Minderheiten hinaus“. So stellt die Mehrheit (65 Prozent) der Bevölkerung die Existenz institutioneller Formen von Rassismus nicht in Frage. 50 Prozent der Befragten teilen die Auffassung, in einer rassistischen Gesellschaft zu leben.

Bei der Bewertung von Rassismus wird laut dem DeZIM deutlich, „dass Benachteiligungen, die strukturelle Ungleichheiten fördern, besonders häufig als rassistisch eingestuft werden“. Dies betrifft insbesondere die Lebensbereiche von Schule, Arbeit und Wohnen. Allerdings hängt die Bewertung einer Situation als rassistisch auch von der betroffenen Gruppe ab: 80 Prozent der Bevölkerung nehmen eine hypothetische Situation als rassistisch wahr, „wenn sie Schwarze oder jüdische Menschen betreffen“. Geht es in den gleichen Situationen um Muslim:innen oder Osteuropäer:innen, sinkt der Prozentsatz auf 70.

Abwehrreaktionen und antirassistische Potentiale

Besorgniserregend sind weiterhin die Reaktionen auf Rassismuskritik, welche sich in großen Teilen durch ein Abwehrverhalten charakterisieren lassen. Auffällig ist hierbei vor allem die soziale Externalisierung des Rassismus auf den rechten Rand der Gesellschaft. So stimmten 60 Prozent der Befragten der Aussage zu, „dass Rassismus in erster Linie von Rechtsextremen ausgeht.“ Dementsprechend stehen viele Menschen in Deutschland Rassismuskritik ablehnend gegenüber. Fast die Hälfte der Bevölkerung deutet sie etwa als „Einschränkung der Meinungsfreiheit“. Auch werden Betroffene in ihren Erfahrungen häufig nicht ernst genommen. Ihnen wird unterstellt, sie wären zu ängstlich (52 Prozent) oder überempfindlich (33 Prozent). Die Abwehrreaktionen kommen laut der Forscher:innen hierbei „vor allem aus der soziodemografischen Mitte der Gesellschaft“.

Bewertung von Rassismus als Hypersensitivität

Auf der anderen Seite lassen sich jedoch auch gegenteilige Reaktionen beobachten. Fast die Hälfte der Bevölkerung gibt an, in den vergangenen fünf Jahren schon einmal einer rassistischen Aussage im Alltag widersprochen zu haben. 70 Prozent sind potentiell bereit, „sich auf unterschiedliche Weise gegen Rassismus zu engagieren“. Denkbar sind hier für die Befragten Demonstrationen, Unterschriftenaktionen, Widerspruch und Sprachkritik sowie finanzielles Engagement. Dabei steigern direkte und indirekte Rassismuserfahrungen das Potenzial für antirassistisches Engagement in beträchtlichem Maße. Außerdem ist das Engagementpotenzial „vor allem in den jüngeren Altersgruppen sehr stark ausgeprägt“. Aber auch ganz generell ist das Potenzial innerhalb der Bevölkerung „ausgesprochen hoch“.

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