von Armin Pfahl-Traughber
   

„Faschisten des 3. Jahrtausends“ – eine kritische Darstellung zu „Casa Pound“

Der Publizist Heiko Koch liefert in seinem Buch „Casa Pound Italia. Mussolinis Erben eine kritische Darstellung zu einem rechtsextremistischen Netzwerk in Italien, das durch die Adaption von Aktionsformen und Lifestyle von „Linken“ und Subkulturen auf sich aufmerksam macht. Die journalistische Darstellung präsentiert einen informativen Einblick in eine ansonsten noch nicht gesondert beachtete neue Entwicklung im europäischen Rechtsextremismus, leider ohne genaue Belege für die jeweiligen Informationen in Form von Quellen.

Die kommenden Entwicklungen im Rechtsextremismus kann man nicht weissagen. Gleichwohl ermöglichen vergleichende Betrachtungen möglicherweise prognostische Einschätzungen, wobei sie sich auf Entwicklungen im Linksextremismus im eigenen Land ebenso wie auf Tendenzen im Rechtsextremismus im Ausland beziehen können. So sind die „Autonomen Nationalisten“ in Aktionsorientierung, Habitus und Stil eine Kopie der „Linksautonomen“. Die Anschläge und Morde des NSU wiesen Parallelen zu Nagelbombenanschlägen in Großbritannien und Serienmordversuchen in Schweden auf. In Italien findet aktuell eine kultur- und sozialpolitisch ausgerichtete Bewegung große Aufmerksamkeit, welche sich als die „Faschisten des 3. Jahrtausends“ ansieht und Agitations- und Handlungsformen von „links“ aufgegriffen hat. Gemeint ist damit die „Casa Pound Italia“, die in einem Band mit einem solchen Titel und dem Untertitel „Mussolinis Erben“ von dem Publizisten Heiko Koch in einem journalistischen Sinne beschrieben wird.

Die Bezeichnung „Casa Pound“ bezieht sich auf den bekannten US-amerikanischen Dichter Ezra Pound, der mit den italienischen Faschisten offen kooperierte und mit Radioansprachen für deren politische Ziele warb. Allein diese Namensgebung macht schon die ideologische Ausrichtung des damit angesprochenen Netzwerkes deutlich. Dabei handelt es sich indessen nicht um eine bloße Kopie des Mussolini-Faschismus, greift man doch Agitationstechniken, Ideologiefragmente und Protestformen auch von ganz anderer Seite auf. Koch schreibt: „Weit entfernt von der Größe und Reichhaltigkeit der linken Centri Sociali sind sie ... ein neuer sozialer und politisch kulturell innovativer Raum. Eine politische Sphäre, die im Falle der CasaPound durch die Schaffung von ... kulturellen und sozialen Einrichtungen, Jugend- und Freizeitorganisationen und seit 2013 über den Antritt als Wahlpartei eine völlig neue Dimension angenommen hat. Eine Dimension, die sie ... von allen anderen rechten Gruppierungen und Parteien in Italien, aber auch in Europa unterscheidet“ (S. 16).

Dies macht der Band auch durch den Abdruck vieler Bilder von Interneteinstellungen oder Zeitschriftentiteln deutlich. Es geht um historische und modere ebenso wie um popkulturelle Anleihen. Dabei erfolgen auch Rekurse auf „Heroen“ der politischen „Linken“ von Che bis Gramsci, aber auch auf das Hollywood-Kino von Charles Bronson bis „300“. Über ein besonderes Agitationsfeld bemerkt Koch: „Mit zahlreichen Aktionen und Kampagnen macht CasaPound schon seit Jahren auf notleidende Anteile der ‚italienischen’ Bevölkerung im Bel Paese aufmerksam und beklagt die Folgen der unsozialen Regierungspolitik. Dabei zielt ihr antikapitalistische Rhetorik und Kritik auf l’usura, den Wucher ... Die Stoßrichtung und die Wortwahl der CasaPound Faschist_innen bezieht sich dabei direkt auf die antisemitischen Denkstrukturen ihres Namensgebers, des Amerikaners Ezra Pound“ (S. 73). Diese wie andere ideologische Prägungen von einem nationalrevolutionären Aktionismus bis zum reaktionären Frauenbild machen die Ausführungen von Koch exemplarisch deutlich.

Dem Autor kommt das Verdienst zu, die erste ausführlichere deutschsprachige kritische Publikation zum Thema vorgelegt zu haben. Darin erweist Koch sich auch als guter Kenner der italienischen Szene wie deren jeweiligen Hintergründen. Kleinere Fehler (Guevara starb nicht in einem „Gefecht mit Regierungssoldaten“, S. 37) sind durchaus verzeihlich. Ärgerlich ist demgegenüber der vollständige Verzicht auf genaue Nachweise der Quellen in Fußnoten. Dafür beschränkt sich Kochs Erörterung keineswegs nur auf eine reine Darstellung, ordnet er doch die einzelnen Aspekte thematisch gut zu und verortet das geschilderte Phänomen im Kontext der politischen Umbrüche in Italien. Etwas mehr hätte man gern zu den gegründeten Einrichtungen und öffentlichkeitswirksamen Organisationen gelesen. Unklar bleibt auch der reale Einfluss: Koch spricht selbst von „die eigene nationale Wichtigkeit und Verbreitung vorzugauckeln“ (S. 80). Unabhängig davon verdienen die Darstellungen nicht nur hinsichtlich der Möglichkeit einer Adaption durch die hiesige Szene große Aufmerksamkeit.

 

Heiko Koch
Casa Pound Italia. Mussolinis Erben
Unrast-Verlag, Münster, 2013
147 Seiten, 13 Euro

Kommentare(1)

Marek Donnerstag, 16.Januar 2014, 23:48 Uhr:
Vielleicht würde in Blick in die Geschichte helfen..Mussolini kam von Links.
Ob er sich jemals als Rechts bezeichnet hat ist mir nicht bekannt.
 

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