von Mathias Brodkorb
   

Faschismus und Radikalfaschismus II - Ein Streitgespräch über Ernst Nolte

Vor 25 Jahren tobte in Deutschland der so genannte "Historikerstreit" zwischen dem Historiker Ernst Nolte und dem Philosophen Jürgen Habermas über die Singularität von Auschwitz. Der Historiker Frank Sobich und Mathias Brodkorb führten unlängst ein Streitgespräch über zentrale Thesen Noltes, das aus diesem aktuellen Anlass in mehreren Teilen veröffentlicht wird. (Teil 2)

Brodkorb: Ich hatte nicht behauptet, dass der Staat im Faschismus nicht auch Mittel ist, sondern dass er im Nationalsozialismus nur das ist - was einen erheblichen Unterschied darstellt. Und ich hatte ebenfalls nicht behauptet, „dass der Rassismus im italienischen Faschismus zu Beginn keine Rolle gespielt hat", sondern dass er a) im Unterschied zum NS idealtypisch verzichtbar wäre und b) historisch erst später „eine größere Rolle" gespielt hat. Und zu Beginn eine geringere Rolle spielen ist nicht dasselbe wie gar „keine Rolle" spielen.

Was ich aber nicht verstehe, ist, was Sie zum „politischen Pfeffer" gesagt haben: „Häufig wird der Faschismus-Begriff benutzt, von Nolte, aber auch von leninistisch inspirierten Autoren, um nicht über die Besonderheit des Nationalsozialismus zu reden, die Shoa wird so zur Randnotiz." Ich kenne kaum einen Historiker, der so penetrant wie Nolte in allen seinen Schriften immer wieder die „Singularität" des Holocaust betont - jüngst auch wieder umfangreich in seinem Islamismus-Buch. Selbst in seinem strittigen Aufsatz „Vergangenheit, die nicht vergehen will" (1986) war sie neben der These vom „kausalen Nexus" an prominenter Stelle präsent („daß sich trotz aller Vergleichbarkeit die biologischen Vernichtungsaktionen des Nationalsozialismus qualitativ von der sozialen Vernichtung unterscheiden, die der Bolschewismus vornahm"). Es war Jürgen Habermas, der im „Historikerstreit" ohne jeden Textbeleg das gegenteilige Märchen in die Welt gesetzt hat, an das bis heute geglaubt wird. Deshalb muss ich fragen: Von welcher der Schriften Noltes reden Sie konkret, wenn Sie ihm oben zitierte politische Motivation zuschreiben?

Frank Sobich: Es ist nicht so interessant, ob jemand „singulär“ sagt oder nicht, sondern was er damit jeweils meint.

Nolte hat bereits 1980 einen einschlägigen Aufsatz verfasst. Darin nennt er den Terror der Bolschewiki - mal geht es um den Terror im Bürgerkrieg, mal um den Gulag, mal um die Praktiken von Tscheka und NKWD generell - das „Original“, und die Shoah die „Kopie“[1]. Die Wortwahl ist verräterisch, eine singuläre Kopie ist ein Oxymoron. Damit könnte ich es genug sein lassen, aber wenn wir jetzt schon den Historikerstreit diskutieren, dann richtig. Hr. Nolte schiebt dauernd Beteuerungen vor und nach, dass er die Shoah singulär findet. Wie verträgt sich das aber mit der Aussage aus dem Aufsatz von 1986, der dann u. a. den Historikerstreit ausgelöst hat, „all dasjenige, was die Nationalsozialisten später taten, mit alleiniger [sic!] Ausnahme des technischen Vorgangs der Vergasung” sei aus der Beschreibung des ‚roten Terrors’ bekannt? [2] Worin bleibt denn da der Platz für den immer von Nolte abstrakt erklärten, aber nie wirklich ausgeführten qualitativen Unterschied?

Im Aufsatz von 1980 zählt Nolte die Gründe auf, warum das Dritte Reich als negativ anzusehen ist. Er nennt als „ersten, stärksten und allgemeinsten Grund” den Zweiten Weltkrieg, als zweiten, dass es auf „geradezu groteske Weise altertümlich und reaktionär” wirke, an dritter Stelle wird dann unter „Gewalttaten”, die singulär seien, der Shoah ein herausgehobener Platz eingeräumt.[3] Offensichtlich eine recht drittklassige Singularität.

In dem Aufsatz von 1986 schreibt Nolte, kein Deutscher könne Hitler rechtfertigen wollen, „und wäre es nur wegen der Vernichtungsbefehle gegen das deutsche Volk vom März 1945.” [3] Die Shoah allein reicht augenscheinlich nicht, und ist auch nicht der stärkste Grund. Wären die Befehle vom März 1945 nicht gewesen, hätte man in Noltes Augen über so’n bisschen Rechtfertigung doch noch mal reden können, oder wie muss dies verstanden werden?

Und wie man das so macht, wenn man etwas sagen will, von dem man weiß, dass man es vielleicht besser nicht sagen sollte, referiert er als angebliche Überlegung anderer, die übermäßige Beschäftigung mit der Shoah lenke von anderen wichtigen Ereignissen in der NS-Zeit ab, „vor allem aber von entscheidenden Fragen der Gegenwart”[5] - im Jahre 1986 z. B. angebliche Völkermorde vorher in Vietnam und dann in Afghanistan und die Abtreibungsfrage. Es wird klar, dass dies in Wirklichkeit seine Position ist.[6] Jetzt mal kürzer nach hinten oder besser gleich nach nebenan und nach vorne gekuckt, sagt einer, dessen Metier die Geschichte ist — und es fällt ein bisschen schwer zu sagen, wie im Unterschied zu dieser Äußerung eigentlich der „Schlusstrich“ aussähe, den Nolte nach eigener Versicherung nie ziehen wollte.

Muss ich weitermachen? Soll ich jetzt noch so gewundene Äußerungen zitieren, wie z. B., „dass auch die SS-Mannschaften der Todeslager auf ihre Art Opfer sein mochten”?[7] Oder seine schöne Würdigung der Thesen des Rechtsextremisten David Irving, die Unterstützungserklärung für Großbritannien durch einen Repräsentanten des Jüdischen Weltkongresses rechtfertige die Internierung der jüdischen Bevölkerung als Kriegsgefangene? Alles schön im Konjunktiv gehalten, auch die Gegenargumente, und zum Schluss das Prädikat „beachtenswert“ - und zwar für den rechtsradikalen, apologetischen Schwachsinn von Irving.[8] Oder soll ich aktueller werden und seine Lobrede auf Hr. Hohmanns irrlichternden Unfug zum Thema Kollektivschuld zitieren?[9]

Was heißt hier also „Märchen“? Noltes Beteuerungen, er halte die Shoah ja auch für singulär, bleiben abstrakt und unausgeführt, hin und wieder liest man etwas über die „biologischen [sic!] Vernichtungsaktionen“, die sich als irgendwie anders erweisen würden, als die „soziale Vernichtung“, sofern man es untersuchen würde[10] . Bis dahin wird klein geredet, anderes in den Vordergrund gepackt und vor allem verglichen, was das Zeug hält, bis eigentlich nur die „fabrikmäßige Vernichtung“[11] als eigentliche Singularität bleibt. Und das ist eine Singularität, die nichts Qualitatives hat und die Betonung der Schrecklichkeit der Shoah hat in Noltes Ausführungen immer eher den Charakter des Pflichtprogramms, das abgedudelt wird, bis er zum eigentlichen Kern kommen kann: Dem Kleinreden.

Ob Hr. Nolte es subjektiv ehrlich meint und nur die Widersprüche nicht sieht oder ob das Betonen der Singularität die spanische Wand ist, hinter der er umso ungehemmter einer deutschnationale Geschichtsrevision nachgehen kann, vermag ich nicht zu beurteilen.

Was ich beurteilen kann, ist das Folgende: Nolte hat wenig bis keine Ahnung vom Antisemitismus im deutschen Kaiserreich, dessen eliminatorische Tendenz auch damals schon zu bemerken war und auch bemerkt wurde - aber nicht ernst genommen wurde, weil er keine vorstellbare politische Konsequenz war. Nolte interessiert sich nicht für die antisemitische Geschichte des Kaiserreichs, für die Gewalt des I. Weltkriegs, für die Brutalität der kaiserlichen Kolonialkriege und des weißen Freikorps-Terrors nach 1919. Er begreift nicht, dass der Nationalsozialismus v. a. als radikaler Nationalismus zu verstehen ist und dass sich alles andere daraus erklären lässt und dass dieser radikale Nationalismus die wesentliche Gemeinsamkeit aller Faschismen ist. Das wundert mich nicht, denn seine Anstrengungen in Sachen Geschichtsrevisionismus sind selber nationalistisch motiviert.

Sie werden jetzt sicherlich besser verstehen, warum ich so empört darauf reagiert habe, als Ihre Website mich in den Zusammenhang mit Nolte rückte, und wie widerwärtig es für mich ist, wenn irgendwelche Neurechten plötzlich der Ansicht sind, ich sei wohl ein zitationsfähiger Gesinnungsfreund von ihnen.

Wenn ich sage, dass die Quintessenz aller Faschismen, auch des Nationalsozialismus, radikaler Nationalismus ist, dann denke ich, wird klar, warum die Frage, ob der italienische Faschismus auch ohne Rassenbiologie denkbar wäre oder nicht, unfruchtbar ist. Der Großteil der faschistischen Bewegungen war wesentlich blut- und bodenständiger als der italienische. Aber selbst dieser, der in seiner Anfangszeit mit dem Mythos-Konzept laborierte, also die Nation für etwas von Menschen Geschaffenes und nicht als biologische oder kulturelle Gegebenheit ansah, war mit dem rassistischen Weltbild kompatibel.

Und das wundert mich auch nicht besonders. Ideologien sind nicht kohärent, und es gibt keine notwendigen Implikationen aus den Grundannahmen. Der Schluss, wer das und das denkt, müsste auch dies und jenes denken, funktioniert nicht. Genauso wenig leider, wie wer das und das denkt, könne dann doch wohl nicht dies und jenes denken. Es lassen sich bei bestehenden Theorien rekonstruieren, wie jemand auf bestimmte Gedanken gekommen ist, mehr aber leider nicht.

Biologistische Argumentationsmuster sind zudem nur eine Variante essentialistischer Argumentationen. Sind radikale Nationalisten erstmal vom unumkehrbar „volksschädlichen“ Wesen einer Gruppe überzeugt, ist es eigentlich egal, ob sie den angeblichen Charakter auf die Rasse, das Blut, das Keimplasma, die DNS, die Hormone oder auf die Mentalität, die Kultur, den Volksgeist und den Nationalcharakter zurückführen, das sind ja alles nur Chiffren für die weitgehende Unwandelbarkeit des Wesens der entsprechenden Gruppe. Der eliminatorische Charakter entspringt nicht aus seiner rassenbiologischen Begründung, sondern aus der antisemitischen Projektion von Allmacht und Vernichtungsabsicht.

Brodkorb: Ich muss gestehen: Mit Kategorien wie „empört“ und „widerwärtig“ kann ich im wissenschaftlichen Kontext wirklich nicht viel anfangen. Um es einmal polemisch zu sagen: Unter einem Seminar über „Hermeneutik und Wissenschaftsmethodologie in der historischen Wissenschaft“ kann ich mir etwas vorstellen, unter einem Seminar mit dem Titel „Von der Kunst der Empörung und des Angewidertseins bei Wissenschaftlern – Einführung“ gar nichts. Was mich aber wirklich staunen macht, ist die Tatsache, wie vehement, absolut und dezidiert Sie über Nolte urteilen, das Ganze auch noch in 11 Fußnoten verpacken, aber dabei lediglich auf zwei kurze Texte aus einem einzigen Dokumentationsband Bezug nehmen, die kaum 30 Seiten umfassen – wenn wir einmal den Text zu Hohmann außer Acht lassen, über den Sie zwar urteilen, auf den Sie argumentativ aber ja gar nicht eingehen. Was das im Rahmen des Gesamtwerks Noltes heißt, muss kaum betont werden: Man nähert sich dem Promillebereich.

Ist eine „singuläre Kopie“ wirklich zwingend ein Oxymoron? Mitnichten! Ich kann mir jemanden zum Vorbild nehmen, ihn kopieren und bei dieser Kopie dennoch eine Radikalisierung erreichen, die zu einer neuen, singulären Qualität führt. Dieser Gedanke enthält an keiner Stelle einen logischen Widerspruch. Sie gestehen zu, dass Nolte zwar von „Singularität“ spricht, behaupten aber, dass er das gar nicht wirklich so meine. Und zwar aus zwei Gründen: a) weil bei Nolte die Singularität „unausgeführt“ bleibe, er in Wahrheit gar nicht über Singularität nachdenke, sondern diese vielmehr „kleinreden“ wolle und b) weil der „eliminatorische Charakter“ – was offenbar Sie für das Singuläre an Auschwitz halten – „nicht aus seiner rassenbiologischen Begründung (was Noltes Position ist, M. B.), sondern aus der antisemitischen Projektion von Allmacht und Vernichtungsabsicht“ resultiere. Und eben genau dies passt nicht zusammen: Sie können Nolte nicht zugleich vorwerfen, er sei in Wahrheit gar kein Singularitätstheoretiker (also nicht an Auschwitz als einem singulären Phänomen interessiert) und irre sich dennoch über den Charakter der Singularität von Auschwitz. Denn Letzteres kann nur der Fall sein, wenn Ersteres nicht der Fall ist.

Tun wir doch einmal so, als nähmen Sie Noltes Argumente ernst, hielten sie aber einfach für falsch. Dann mag es ja sein, dass Ihnen das eine oder andere mangelhaft ausgeführt erscheint. Aber reicht das schon hin, einem Wissenschaftler zu unterstellen, er habe in Wahrheit vor, den „nationalsozialistischen Antisemitismus kleinzureden“? Was meinen Sie, wie viele Wissenschaftler aus meiner Sicht Dinge „unausgeführt“ lassen? Übertrüge man diese Logik auf unseren Disput, müsste ich Ihnen entgegnen: „Herr Sobich, die Begründung für Ihre Behauptung, dass Sie sich nicht an den Faschismus-Begriff Noltes anlehnten, scheint mir doch sehr unausgeführt. Das spricht doch eher dafür, dass Sie in Wahrheit Nolte näher stehen, als Sie zugeben wollen. Sie reden Ihre Gemeinsamkeiten bewusst klein.“ Mit Wissenschaft hätte das gewiss nicht mehr viel zu tun.

Ich stimme Ihnen übrigens ausdrücklich darin zu, dass Nolte sich irrt, wenn er das Singuläre im Biologischen fundiert sehen will, jedenfalls dann, wenn diese Singularität qualitativ etwas Außerordentliches darstellen soll. Dies aber vor allem deshalb, weil sich Nolte damit selbst einer metabasis eis allo genos schuldig macht, die er sonst den Nazis vorwirft. Nolte argumentiert ja nicht auf der Ebene historischer Faktizität, sondern derjenigen ideologischer Potenzialität: „Allerdings halte ich nach wie vor daran fest, daß die nationalsozialistische Vernichtung am Ende ‚schlimmer’ war, weil ein anderer Zusammenhang gegeben war: Hier wurden Menschen aufgrund ihrer biologischen oder ethnischen Qualitäten vernichtet, während sie im Idealtyp der marxistischen Revolution eigentlich nur auf ihre ursprüngliche Gleichheit – gegen die sie gleichsam verstoßen hatten, insofern sie zur herrschenden Klasse gehörten – zurückgebracht werden sollten. Im Prinzip hätte es also auch ohne Todesopfer abgehen können.“ „Im Prinzip hätte es...” – ist es aber nicht! Beim Singularitätsstreit geht es nicht um die theoretische Potenz von Ideologien, sondern um die Realität historischer Ereignisse. Aus dem, was theoretisch hätte sein können, lässt sich nichts oder zumindest nicht genug über die Qualität desjenigen schlussfolgern, was sich tatsächlich ereignet hat. In Stalins Sowjetunion war es für die metaphysisch schuldig erklärten Kulaken ebenso unmöglich ihrem tödlichen Schicksal zu entrinnen wie für die Juden im Dritten Reich. Eine biologische „Ethnizität“ lässt sich eben genauso hermetisch halluzinieren wir die kulturelle etc. Nur: Warum muss man Nolte deshalb unterstellen, ein Nationalist zu sein und in Wahrheit an der Verharmlosung von Auschwitz zu basteln?

Eigentlich wollte ich Sie noch fragen, ob es wirklich so falsch von mir war zu behaupten, dass Sie sich an Nolte „anlehnen“ – was ja nicht dasselbe ist wie die These, Sie dächten dasselbe wie Nolte. Ihre Faschismus-Definition lautete: „Was allen Faschismen gemein ist, ist dass sie antidemokratisch, antiliberal und antikommunistisch sind (...)“ Noltes berühmte Faschismus-Definition von 1963 reduziert sich auf die Kernthese, dass Faschismus „Antimarxismus“ sei. Vor diesem Hintergrund macht es dann wirklich Sinn, wenn Nolte mit Blick auf den NS von einem „Radikalfaschismus“ spricht, denn dieser spitzt den Antikommunismus - im Unterschied zum Faschismus - bis zum Äußersten zu und amalgamiert ihn mit einem auf Vernichtung abzielenden Antisemitismus. Später hat Nolte dann von einem „faschistischen Minimum“ gesprochen und dazu folgende Merkmale gezählt: „Antimarxismus, Antiliberalismus, Führerprinzip, Parteiarmee, tendenzieller Antikonservativismus, Totalitätsanspruch“. Ich will nun nicht verschweigen, dass Ihre Definition sehr viel mehr Bestandteile enthält als soeben von mir zitiert, aber wesentliche inhaltliche Übereinstimmungen sind einfach vorhanden.

Aber ich verstehe nun zumindest, warum Sie sich so vehement dagegen verwahren, sogar mit dem frühen Nolte in Verbindung gebracht zu werden, der ja selbst von Wehler für seine Thesen hoch geschätzt wurde, obwohl sie im Kern bereits dasselbe aussagten wie dasjenige, wofür Nolte später zum Paria der historischen Wissenschaft erklärt werden sollte – zumindest in Deutschland. Nolte ist für Sie – und gewiss nicht nur für Sie – ein Verharmloser von Auschwitz, so etwas wie ein Proto-Nazi. Dieses Urteil jedoch basiert vor allem auf Interpretationen und Projektionen, jedoch kaum auf am Gesamtwerk Noltes belegten Fakten. Und nun entsteht gewiss ein großes Problem: Was würde jemandem wohl im Wissenschaftsbetrieb widerfahren, dem man nachsagen könnte, sich an einen angeblichen Proto-Nazi „anzulehnen“? Die Antwort muss man gar nicht geben. Ich habe daher größtes Verständnis für Ihre kraftvollen, nicht zum Wissenschaftsvokabular gehörenden Worte wie „empört“, „widerwärtig“ etc. Sie sind Versicherungen gegen den „politischen Pfeffer“, der in der ganzen Debatte steckt. Aber sollte das nicht das eigentlich Beunruhigende sein? Dass der „politische Pfeffer“ in den real existierenden Wissenschaften eine Wirkmächtigkeit erreicht zu haben scheint, die eben dieser das hermeneutisch faire Salz in der Suppe raubt? Was ist eine Wissenschaft eigentlich noch Wert, die sich zunehmend nicht mehr in erster Linie der Suche nach der Wahrheit, sondern der Konformität gegenüber außerwissenschaftlichen Ansprüchen verpflichtet fühlt?

Sobich: Ich sage, die Quintessenz aller Faschismen sei Nationalismus, ich wüsste nicht, wo Hr. Nolte das sagt. Die Definition, die Sie mir unterschieben wollen, ist keine, sondern erstmal eine oberflächliche Beschreibung der Gemeinsamkeiten. In der bin ich mir mit Hr. Nolte einig, meiner Erinnerung nach auch mit Hr. Dimitroff und mit Hr. Goldhagen. Ob ich mich an die auch alle anlehne?

Da Sie Geständnisse ablegen, muss auch ich etwas gestehen: Ich hätte mir als aller erstes von Ihnen das Zugeständnis gewünscht, dass Ihre These vom beleglosen Märchen, an das immer noch geglaubt wird, nicht haltbar ist. Wäre Sie es, könnten sie mir ja nicht die Über- oder Fehlinterpretation von Ihrer Meinung nach randständigen Quellen vorwerfen.

Die Fehlinterpretation werfen Sie mir vor, weil Sie den Gegenstand wechseln. Wir reden nicht davon, was beim Kopieren alles schief gehen kann, sondern es geht um das Produkt einer gelungenen Vervielfältigung, nämlich einer Kopie. Und eine singuläre Vervielfältigung ist ein hölzernes Eisen, und alles andere ist sophistische Wortakrobatik. Die deutsche Sprache verfügt über viele Wörter, mit denen sich Nuancen gut ausdrücken lassen und Herrn Noltes Schriften zeigen, dass er über diese Fähigkeit auch verfügt. Er wird schon wissen, warum er nicht „Nachahmung“ oder „überschießende Antwort“ schreibt, sondern von „Original“ und „Kopie“. Richtiger wäre der zu Grunde liegende Gedanke damit übrigens nicht geworden. Wie er die Shoah kleinzureden sucht, habe ich nun wirklich erschöpfend belegt, das wiederhole ich nicht.

Kommen wir zu Ihrer Quellenkritik. Woraus habe ich zitiert? Aus zwei unabhängig voneinander entstandenen Aufsätzen, zwischen deren Erstveröffentlichung sechs Jahre lagen, die also keine bedeutungslose Momentaufnahme sind. Diese Texte sind später mit Zustimmung des Autors, wenn nicht sogar von ihm ausgewählt, in einem Sammelband mit Schlüsseltexten zu der Kontroverse, über deren Thema wir reden, erneut veröffentlicht worden. Der Autor hatte Gelegenheit zu Anmerkungen, die von ihm auch genutzt wurden, aber nicht um seine Argumentation in irgendeiner Weise abzuschwächen. Auch in den anderen Beiträgen von Hr. Nolte in diesem Sammelband ist dies nicht zu entdecken; mir wäre nicht bekannt, dass Hr. Nolte jemals wesentliche Aussagen dieser Aufsätze zurück genommen hätte, in der Vorrede seiner Webseite verweist er sogar noch einmal auf den Aufsatz explizit (Stand 27. 4. 2010). Beide Texte sind zudem einem breiteren Publikum zugänglich gemacht worden (Veröffentlichung in der FAZ), auch das wohl nicht gegen den Willen des Autors, sondern weil er auf die Öffentlichkeit wirken wollte. Und durch die Debatte sind es vermutlich die am häufigsten außerhalb der Fachwissenschaft rezipierten Texte des Autors. Ich fürchte, Ihre Quellenkritik mit Taschenrechner und Waage (Promillebereich) ist nicht wirklich aussagekräftig – im Gegensatz zu den beiden von mir zitierten Texten. Die reichen als Hinweis, warum Menschen mit gutem Grund Hr. Nolte vorwerfen, die Besonderheiten des NS kleinzureden.

Meine Formulierung, er rede nicht über diese Besonderheiten, war übrigens unpräzise, das muss ich einräumen. Er tut das schon, aber zum Zweck der Neutralisierung des Schreckens und der Relativierung.

In Ihrer ganzen Antwort folgen Sie den platt getrampelten Pfaden des Historikerstreits. Es war ein geschickter Schachzug der Konservativen, ihren Gegnern anzudichten, sie wären unwissenschaftliche und unsachliche Ideologen, damit lenkten sie nämlich von ihrer eigenen, ganz und gar nicht wissenschaftlichen, sondern politischen Intention ab. Angriff ist eben die beste Verteidigung, auch wenn die politischen Intentionen so offen selbst zu Protokoll gegeben werden, dass völlig klar wird, dass hier nicht ein paar objektive, der lauteren Wahrheit verpflichtete, gänzlich unpolitische rechtschaffene deutsche Historiker von böswilligen, dilettantischen Agitatoren blindwütig verleumdet werden.

Jetzt werfen Sie mir vor, Wörter zu benutzen, die in einen wissenschaftlichen Kontext nicht hineingehören. Hand aufs Herz, ich hätte Ihre Webseite bisher als ein politisches Projekt betrachtet und unsere Diskussion auch als eine politische über die Implikationen, Funktionen und Wirkungen wissenschaftlicher Modelle und Theorien. Auf dem Weg zum virtuellen Hauptseminar hat Ihre Webseite jedenfalls noch einen langen, harten Weg vor sich und der Ableitung Ihres Engagements gegen „rechts“ aus der Wissensmethodologie und der Hermeneutik sehe sicherlich nicht nur ich erwartungsfroh entgegen.

Ich habe nirgendwo Emotionalität als notwendige Voraussetzung wissenschaftlichen Arbeitens oder als Königsweg historischer Erkenntnis dargestellt, insoweit läuft Ihre Polemik ziemlich ins Leere.

Aber ich will damit nicht hinter den Berg halten: Ich beschäftige mich mit dem Nationalsozialismus und dem Faschismus überhaupt, weil ich empört über die Taten bin und die Theorien mir widerwärtig sind, und ich auch sagen würde, dass die Taten aus der Theorie folgen. Damit sich dieses nicht wiederholt, muss ich möglichst richtiges Wissen über den NS und den Faschismus überhaupt haben, und schon darum sollten mir meine politischen Überzeugungen und auch meine Gefühlsregungen nicht dazwischen pfuschen — und das wird kaum gehen, wenn ich nicht auf sie reflektiere und sie auch verbalisiere. Was Anderen dann auch Gelegenheit zu kritischer Überprüfung gibt, aber natürlich auch leicht als Einladung zu pauschaler Ablehnung genutzt werden kann.

Wenn sich mir hingegen jemand als Hohepriester reiner Wissenschaft, der ja nur ganz unschuldig und voraussetzungslos fragt und forscht, geriert, dann gehen bei mir alle ideologiekritischen Antennen auf Empfang. Gerade weil ich einen ganz altbackenen Wahrheitsanspruch an Wissenschaft habe, will ich, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler darauf reflektieren, was dem entgegenstehen könnte, was eventuell zeitbedingt ist usw. Historiker/innen sind doch auch Kinder ihrer Zeit, die Methoden, die sie auf andere anwenden, müssen sie eben auch auf sich selbst anwenden. Das ist wünschenswerte Selbstreflexion.

Ich stimme Nolte explizit zu, dass mögliche unerwünschte politische Folgen kein Argument für die Unterdrückung von Forschungsmethoden und -ergebnissen sein dürfen. Das aber kann keine Entschuldigung dafür sein, Überlegungen über die mögliche Verwendung der eigenen Forschungsergebnisse als nicht zur Sache gehörig beiseite zu schieben.

Das hat alles mit Hr. Nolte herzlich wenig zu tun, weil er bei den beiden Interventionen ja keine neuen Ergebnisse oder Quellen vorgelegt hat, sondern durch eine spekulative Überdehnung einer bekannten, aber nicht zentralen Quelle aus politischen Motiven die Geschichtskultur der Bundesrepublik Deutschland verändern wollte. Dass es sich um eine geschichtswissenschaftlich verbrämte, in Wirklichkeit geschichtspolitisch motivierte Intervention handelte, wird durch die Texte deutlich. Das gefällt mir als Geschichtsdidaktiker schon mal prinzipiell nicht.

Zusätzlich finde ich aber auch noch die Intention von Hr. Nolte verwerflich. Nein, man kann über die Shoah nicht so schreiben und reden wie über Gemüseanbau in Altbabylonien; nicht solange die gesellschaftlichen Voraussetzungen, die Auschwitz möglich gemacht haben, weiterbestehen und schon gar nicht in einem Land, in dem man auf jedem größeren Flohmarkt noch den Nachlass der so genannten Judenauktionen angeboten kriegt, nicht in einem Land, in dem der Antisemitismus wegen Auschwitz weiter virulent ist, nicht in einem Land, in dem sich zwar alle überinformiert über die Nazi-Zeit fühlen, aber der Großteil der Bürger gerade mal weiß, dass Hitlers Schäferhund „Blondie“ hieß, mit dem Wort „Sobibor“ hingegen nichts anfangen kann.

Das ist keine Aufforderung zu Ideologieproduktion und auch nicht, damit wir uns nicht missverstehen, zur Emotionalisierung, die ich als Methode der politischen Bildung für kontraproduktiv halte und die m. E. auch dem Überwältigungsverbot entgegensteht. Der „begriffslose Schrecken“, den manche für die einzig angemessene Form der Beschäftigung mit der Shoah halten, nützt nichts und bringt auch nicht mehr als folgenlose Betroffenheit hervor. Aber Reflexion auf gesellschaftliche Wirkung und nötigenfalls auch Schutzmaßnahmen gegen politische Ausbeutung, das muss jeder Wissenschaftler, jede Wissenschaftlerin tun. Unter dem Gesichtspunkt betrachtet ist das fröhliche Achselzucken von Hr. Nolte über mögliche „Gedankenlosigkeit und Selbstzufriedenheit“ genauso aufschlussreich wie seine Interviews mit der „Jungen Freiheit“.

Für einen Proto-Nazi halte ich ihn nicht, Nolte will, soweit man das seinen Schriften entnehmen kann, weder einen Faschismus italienischer oder sonstiger Machart, und schon gar keine Neuauflage des Nationalsozialismus. Berührungsängste gegenüber dem ultrarechten Spektrum hat er freilich nicht. Die Shoah zu verharmlosen, habe ich ihm nicht vorgeworfen, sondern dass er ihre Bedeutung klein redet – da sehe ich doch einen Unterschied, auch wenn das eine auf das andere hinauslaufen kann.

Ich bin in Sachen Polemik kein Kind von Traurigkeit und eben auch nicht so zart besaitet wie die Konservativen im Historikerstreit. Deswegen kann ich über Ihre Unterstellung, ich wollte mich wohl karriereförderlich an den Zipfel des angeblich linksliberalen Mainstreams hängen, statt mannhaft hermeneutisch Nolte in das wissenschaftliche Eremitendasein zu folgen, breit grinsen.

Es mag für Sie unvorstellbar sein, aber Sie liegen mit Ihrer psychologischen Spekulation falsch und ich halte das, was ich sage und schreibe, tatsächlich für mehr oder minder richtig. Der ominöse „außerwissenschaftliche Anspruch“ hat sich bisher nicht bei mir gemeldet, weder mit einem anständigen Bestechungsversuch noch mit einer angsteinflößenden Drohung. Sobald sich das ändert, werde ich Sie umgehend informieren und freue ich mich auf Ihre Solidarisierung natürlich schon jetzt.

Brodkorb: Nun, über Ihre außerwissenschaftlichen Motivationen haben Sie ja gerade beredt und deutlich Zeugnis abgelegt („nicht in einem Land...“). Wenn man aber über die Shoah nicht schreiben kann wie "über den Gemüseanbau in Altbabylonien", müsste man dann nicht hinzufügen, dass es auch die Opfer des Gulags verdient hätten, dass über sie nicht geschrieben wird wie "über den Gemüseanbau in Altbabylonien"? Und wenn ja: Würde man dann dadurch die Shoah „kleinreden“? Nolte jedenfalls hat weder das eine noch das andere getan. Damit ob all der vielen Worte nicht vergessen wird, um welche simple Sache es eigentlich geht: Sie wollen nicht in die Nähe von Nolte gerückt werden, weil dieser angeblich die Shoah „kleinredet“. Dazu schreiben Sie: „Er wird schon wissen, warum er nicht ‚Nachahmung‘ oder ‚überschießende Antwort‘ schreibt, sondern von ‚Original‘ und ‚Kopie‘.“ Sehen wir uns doch einmal die von Ihnen herangezogene Stelle an. Nolte schreibt:

„Auschwitz resultiert nicht in erster Linie aus dem überlieferten Antisemitismus und war im Kern nicht ein bloßer 'Völkermord', sondern es handelte sich vor allem um die aus Angst geborene Reaktion auf die Vernichtungsvorgänge der Russischen Revolution. Diese Kopie war um vieles irrationaler als das frühere Original (denn es war einfach eine Wahnvorstellung, daß 'die Juden' jemals die Vernichtung des deutschen Bürgertums oder gar des deutschen Volkes gewollt hätten), und es fällt schwer, ihr auch nur ein pervertiertes Ethos zuzugestehen. Sie war entsetzlicher als das Original, weil sie die Menschenvernichtung auf eine quasi industrielle Weise betrieb. Sie war abstoßender als das Original, weil sie auf bloßen Vermutungen beruhte und nahezu frei von jenem Massenhaß war, der innerhalb des Schrecklichen immerhin ein verständliches und insofern versöhnendes Element ist. Doch all das begründet zwar Singularität, ändert aber nichts an der Tatsache, daß die sogenannte Judenvernichtung des Dritten Reiches eine Reaktion oder verzerrte Kopie und nicht ein erster Akt oder das Original war.“

Bei aller Rede von „Kopie“ und „Original“ lässt Nolte also von Anfang an keinen Zweifel daran, dass er Auschwitz für singulär hält. Gelten „entsetzlich“ und „abstoßend“ nun schon als Verniedlichungen? Nach der hermeneutischen Methode würde man wohl aus dem Kontext schließen müssen, dass Nolte die Worte „Kopie“ und „Original“ nicht so gebrauchen kann, wie es Ihnen auf den ersten Blick scheint. Sie hingegen machen es genau umgekehrt: Sie unterstellen Nolte ein bestimmtes Verständnis von „Kopie“ und „Original“, das Sie textlich nicht einmal belegen, um damit den Ihrer Interpretation entgegenstehenden Kontext zu entwerten. Wenn man den letzten Satz jedoch unbefangen und im Gesamtkontext interpretiert, kann man m. E. nicht zu einer sehr viel anderen Schlussfolgerung kommen als jener, dass es sich hier um explikative Optionen handelt. Mit „Kopie“ meint er also eigentlich „verzerrte Kopie“ (und eben kein Duplikat) und mit „Original“ so etwas wie den „ersten Akt“, also etwas zeitlich zuvor Geschehenes, an dem sich zugleich in gewisser Hinsicht mimetisch orientiert wird.

Offenbar würden Sie Noltes „verwerfliche Intention“, die Sie durch Ihre Ausführungen außerdem für „erschöpfend“ bewiesen halten, anders beurteilen, wenn er nicht von „Kopie“, sondern „Nachahmung“ oder von „überschießender Antwort“ gesprochen hätte. Das jedenfalls deuteten Sie an. Aber auch das hat Nolte getan, was jedoch voraussetzt, dass Sie seine eigentlichen ausführlichen Studien zur Kenntnis nehmen und nicht nur Noltes „Reader’s Digest“. In „Der kausale Nexus“ (2002) nennt er den Nationalsozialismus eine „Nachahmung“ des Kommunismus - allerdings eine „artifizielle“. In „Der Nationalsozialismus“ (1970) spricht er beim Kampf gegen den Marxismus von einer „übertreffenden Nachahmung“, was von einer „überschießenden Antwort“ nicht ganz weit entfernt ist. Und in dem Buch „Der Europäische Bürgerkrieg 1917-1945“ (1987), dessen Kurzfassung in der FAZ den Historikerstreit überhaupt erst ausgelöst hat, betrachtet er den Nationalsozialismus als „Antwort auf die kommunistische Herausforderung“. Und dann schreibt er den wahrscheinlich aus Ihrer Sicht ganz paradoxen Satz: „Aber von früh an hatte diese Antwort auch Merkmale einer Kopie, wie sich schon in der bloß abwandelnden Übernahme des roten Fahnentuches zeigte.“ Doch daran ist eben nichts Paradoxes: Für Nolte war der Nationalsozialismus eine Reaktion, eine Antwort auf den Bolschewismus, die sich diesen zumindest an bestimmten Punkten dennoch zugleich zum „Vorbild“ (ein Wort, das Nolte neben „Schreckbild“ statt „Original“ ebenfalls verwendet) genommen und ihn dabei dennoch überboten hat. Allerdings hätte man soweit gar nicht gehen müssen. Denn der von Ihnen herangezogene Aufsatzband enthält nicht nur zwei, sondern drei Aufsätze von Nolte. Im bisher unerwähnten dritten Aufsatz spricht er natürlich davon, dass Auschwitz eine „Antwort“ auf den Archipel Gulag sei, allerdings eine durch „Interpretation vermittelte Antwort“ - und zwar durch die falsche Interpretation, es gäbe so etwas wie einen „jüdischen Bolschewismus“.

Noch etwas interessanter ist aber der „Bürgerkrieg“: Ein paar hundert Seiten nach der bereits zitierten Stelle löst Nolte sogar wortwörtlich die von Ihnen geforderte Rede vom „Überschießenden“ ein, wenn er feststellt, „daß der nationalsozialistische Antibolschewismus eine verstehbare und in bestimmten Grenzen sogar berechtigte, aber eben überschießende und in diesem ihrem Überschießen inadäquate Reaktion war.“ Wenn Sie nun nicht „überschießende Antwort“ und „überschießende Reaktion“ für völlig inkommensurable Dinge halten, sagt Nolte also genau das, was Sie fordern, um sich gerade nicht des Kleinredens der Shoah schuldig zu machen. Und diese Tatsache erzwingt die einfache Frage: Hat nicht auch Nolte den Respekt verdient, dass man sich nur dann dezidiert und „erschöpfend“ über ihn äußert, wenn man seine Schriften auch gelesen hat? Das eigentliche Problem an Noltes Thesen ist doch eher die Behauptung, dass Auschwitz eine „in bestimmten Grenzen sogar berechtigte“ Reaktion gewesen sei. DAS würde in der Tat eine „Empörung“ rechtfertigen, weil es ein Einfallstor für den Antisemitismus darstellt und mich wundert, dass Sie nicht an dieser Stelle des Werkes Noltes mit aller Vehemenz sagen, was fraglos zu sagen wäre.

Teil 1 • Teil 2 • Teil 3


Endnoten:

[1] “Die Kopie war um vieles irrationaler als das frühere Original... sie war entsetzlicher als das Original ... sie war abstoßender als das Original ... doch all das begründet zwar Singularität , ändert aber nichts an der Tatsache, daß die sogenannten [sic!] Judenvernichtung des Dritten Reichs eine Reaktion oder verzerrte Kopie und nicht ein erster Akt oder das Original war”. (Nolte, Ernst: Zwischen Geschichtslegende und Revisionismus?. Das Dritte Reich im Blickwinkel des Jahres 1980. In: “Historikerstreit”, Die Dokumentation der Kontroverse um die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung. München: Piper 19875, S. 32/33.)

[2] Nolte, Ernst: Vergangenheit, die nicht vergehen will. Eine Rede, die geschrieben, aber nicht gehalten werden konnte. In: “Historikerstreit”, Die Dokumentation der Kontroverse um die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung. München: Piper 19875, S. 45.

[3] Nolte, Ernst: Zwischen Geschichtslegende und Revisionismus?. Das Dritte Reich im Blickwinkel des Jahres 1980. In: “Historikerstreit”, Die Dokumentation der Kontroverse um die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung. München: Piper 19875, S. 14/15.

[3] Nolte, Ernst: Vergangenheit, die nicht vergehen will. Eine Rede, die geschrieben, aber nicht gehalten werden konnte. In: “Historikerstreit”, Die Dokumentation der Kontroverse um die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung. München: Piper 19875, S. 42/43.

[5] Nolte, Ernst: Vergangenheit, die nicht vergehen will. Eine Rede, die geschrieben, aber nicht gehalten werden konnte. In: “Historikerstreit”, Die Dokumentation der Kontroverse um die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung. München: Piper 19875, S. 41.

[6] Die Frage, ob in diesen Überlegungen nicht ein “Kern des Richtigen” in diesen Überlegungen steckt ist offensichtlich rhetorischer Natur.

[7] Nolte, Ernst: Vergangenheit, die nicht vergehen will. Eine Rede, die geschrieben, aber nicht gehalten werden konnte. In: “Historikerstreit”, Die Dokumentation der Kontroverse um die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung. München: Piper 19875, S. 42.

[8] Nolte, Ernst: Zwischen Geschichtslegende und Revisionismus?. Das Dritte Reich im Blickwinkel des Jahres 1980. In: “Historikerstreit”, Die Dokumentation der Kontroverse um die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung. München: Piper 19875, S. 24/25.

[9] www.ernst-nolte.de/Vortrage/Vortrage_Hohmann/Der_Fall_Hohmann.pdf eingesehen am 23.4.2010, 11:00.

[10] Nolte, Ernst: Vergangenheit, die nicht vergehen will. Eine Rede, die geschrieben, aber nicht gehalten werden konnte. In: “Historikerstreit”, Die Dokumentation der Kontroverse um die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung. München: Piper 19875, S. 45.

[11] Nolte, Ernst: Vergangenheit, die nicht vergehen will. Eine Rede, die geschrieben, aber nicht gehalten werden konnte. In: “Historikerstreit”, Die Dokumentation der Kontroverse um die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung. München: Piper 19875, S. 40

Teil 1 • Teil 2 • Teil 3

Kommentare(30)

Atze Montag, 13.Juni 2011, 11:14 Uhr:
Erstmal fette Komplimente:
1. für das Führen und Veröffentlichen des sehr interessanten Gesprächs.
2. für Sobich für die sehr klar strukturierte Darlegung seiner durchaus überzeugungsfähigen Position.
3. für Brodkorbs stichelndes Nachfragen, das vordergründig etwas nervig wirkt, aber das gespräch in Fluss hält.
4. für den hohen Unterhaltungswert. Schöne elegante Polemiken - wer will sich schon von Nüchternheit und Sachlichkeit anöden lassen...? :-) Dabei Sobich 3:1-Sieger.
 
Xberg Montag, 13.Juni 2011, 11:54 Uhr:
Fazit: Singularität gibt es nicht nur im Singular.
 
Xberg Montag, 13.Juni 2011, 12:16 Uhr:
Das mit der "Kopie" ist nun wirklich einfach: daß damit keine exakte Kopie wie etwa vom Fotokopierer, gemeint ist, geht ja wohl aus dem Kontext hervor. Nolte redet ja nicht von der Mona Lisa oder einem Handzettel, sondern von einem größeren geschichtlichen Komplex. Es ist also eine "Kopie" in allgemeineren Sinne gemeint. Die Frage ist, was denn nun genau "kopiert" wurde (etwa bestimmte Methoden) - und was nicht, denn dass das eine nicht identisch mit dem anderen ist, versteht sich ja von selbst. Hier auf der Bedeutung eines Wortes herumzureiten und mit der Lupe nach Belastungsmaterial suchen, ist wirklich müßig.

"Ich bin in Sachen Polemik kein Kind von Traurigkeit und eben auch nicht so zart besaitet wie die Konservativen im Historikerstreit."

Was für ein Unfug. "Zartbesaitheit" kann man ja wohl ausgerechnet einem alten Knochen wie Nolte nicht vorwerfen. Und man sich schon ein breites Grinsen leisten, wenn man mit seiner "Polemik" nicht in Gefahr läuft, die Meinungsmandarine des Reiches gegen sich aufzubringen.

"Nein, man kann über die Shoah nicht so schreiben und reden wie über Gemüseanbau in Altbabylonien; nicht solange die gesellschaftlichen Voraussetzungen, die Auschwitz möglich gemacht haben, weiterbestehen..."

Das ist ein ideologischer Imperativ, den niemand zu teilen gezwungen ist, und der in der Tat letztlich eine deutliche Aufforderung zur "Ideologieproduktion" ist...
 
Karl_Murx Montag, 13.Juni 2011, 17:42 Uhr:
@Sobich:
"Nolte hat bereits 1980 einen einschlägigen Aufsatz verfasst. Darin nennt er den Terror der Bolschewiki - mal geht es um den Terror im Bürgerkrieg, mal um den Gulag, mal um die Praktiken von Tscheka und NKWD generell - das „Original“, und die Shoah die „Kopie“[1]. Die Wortwahl ist verräterisch, eine singuläre Kopie ist ein Oxymoron. Damit könnte ich es genug sein lassen, aber wenn wir jetzt schon den Historikerstreit diskutieren, dann richtig. Hr. Nolte schiebt dauernd Beteuerungen vor und nach, dass er die Shoah singulär findet. Wie verträgt sich das aber mit der Aussage aus dem Aufsatz von 1986, der dann u. a. den Historikerstreit ausgelöst hat, „all dasjenige, was die Nationalsozialisten später taten, mit alleiniger [sic!] Ausnahme des technischen Vorgangs der Vergasung” sei aus der Beschreibung des ‚roten Terrors’ bekannt? [2] Worin bleibt denn da der Platz für den immer von Nolte abstrakt erklärten, aber nie wirklich ausgeführten qualitativen Unterschied?[/quote]

Dann erklären und vor allem belegen Sie doch mal, Herr Sobich, worin die Einzigartigkeit des Holocausts besteht: Macht es wirklich einen substantiellen Unterschied, ob nun ganze Bevölkerungsschichten aus rassischen oder aus klassemäßig definierten Gründen physisch ausgerottet werden? Rein quanitativ ist dabei der Holocaust dem Stalinschen Terror absolut nicht überlegen; das "Schwarzbuch des Kommunismus" belegt vielmehr eine wesentlich höhere Anzahl an Menschenopfern des bolschewistischen Terrors. Wollen Sie vielleicht einen Wertungsfaktor einführen zwischen einem Kulakenkind, daß in der sibirischen Deportation an Hunger und Kälte stirbt, oder einem jüdischen Kind, das in den Gaskammern umgebracht wird? Liegt es einfach daran, daß Ihnen die ideologische Begründung für den Stalinschen Terror irgendwie sympathischer ist?

"Im Aufsatz von 1980 zählt Nolte die Gründe auf, warum das Dritte Reich als negativ anzusehen ist. Er nennt als „ersten, stärksten und allgemeinsten Grund” den Zweiten Weltkrieg,"

Ja. Aber der hatte seinen Grund in der wahren Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts in Europa, nämlich dem 1. Weltkrieg. Dort wurde, in Zusammenwirken mit den Versailler Bestimmungen, der Grundstock für jene verhängnisvolle Entwicklung gelegt, der zum Aufstieg der Nationalsozialisten und zum Untergang von Weimar führte. Wohlgemerkt: Weder hinsichtlich der Machtergreifung Hitler noch hinsichtlich des Holocausts gibt es in der deutschen Geschichte eine irgendwie geartete Gesetzmäßigkeit, viel weniger einen Determinismus. Aber die Tendenzen, die dann in dieser Entwicklung kulminierten, hatten ihren Ausgangspunkt im 1. Weltkrieg und der daraus resultierenden Zerströung der europäischen Ordnung.

"als zweiten, dass es auf „geradezu groteske Weise altertümlich und reaktionär” wirke,"

Es war eine Mischung aus modernem Staat, der sich neuester Technologien und Methoden bedient, und einem atavistisch anmutendem Führer- und Gefolgschaftskult, die sich - ähnlich wie das Italien Mussolinis - auf tatsächliche oder angebliche historische Vorbilder der großen Vergangenheit berief. Genau genommen gab es ja zwei Exekutiven: Einmal die der aus der Vergangenheit stammenden normativen staatlichen Behörden und Institutionen, die durchaus, wenn auch zunehmend eingeschränkt durch die willkürlich erfolgenden Eingriffe der NS-Parteifunktionäre und Hitler, an Gesetze und Regeln gebunden waren. Zum anderen entstand unter Hitler in Form der durch ihn geschaffenen Sonderbehörden und Organisationen wie die SS eine neue, nur ihm persönlich unterstehende Exekutive. Deren Machtbefugnisse wuchsen während der NS-Zeit zunehmend an und gerieten in Konkurrenz mit der althergebrachten Exekutive. Bei ausreichender Dauer der NS-Herrschaft hätte diese neue Exekutive vermutlich die erste verdrängt.

"an dritter Stelle wird dann unter „Gewalttaten”, die singulär seien, der Shoah ein herausgehobener Platz eingeräumt.[3] Offensichtlich eine recht drittklassige Singularität."

Die nun genau worin besteht?
 
Karl_Murx Montag, 13.Juni 2011, 18:25 Uhr:
@Sobich:
"Was ich beurteilen kann, ist das Folgende: Nolte hat wenig bis keine Ahnung vom Antisemitismus im deutschen Kaiserreich, dessen eliminatorische Tendenz auch damals schon zu bemerken war und auch bemerkt wurde - aber nicht ernst genommen wurde, weil er keine vorstellbare politische Konsequenz war."

Könnte es sein, daß Nolte diese angebliche "eliminatorische Tendenz" im Kaiserreich deswegen nicht kommentiert, weil es sie nicht gab und er als Zeitzeuge das am besten wußte? Es ist ein Merkmal der a posteriori-Geschichtsklitterung des "linksliberalen Mainstreams", von dem sich Sobich gleich vorsichtshalber, wenn auch unglaubwürdig, distanziert, daß die gesamte deutsche Geschichte als ein direkter Weg zu Auschwitz interpretiert wird. Auf diesem ideologischem Axiom baut sich im wesentlichen die Geschichtsschreibung dieses "linksliberalen Mainstreams" auf, das mit liberal nichts, mit 68er Ideologie aber sehr viel zu tun hat. Widerlegt man dieses Axiom, dann fällt diese Art der Geschichtsschreibung und vor allem das gepredigte negative Bild der eigenen Geschichte und Nation in sich zusammen wie ein Kartenhaus.

"Nolte interessiert sich nicht für die antisemitische Geschichte des Kaiserreichs"

Dito. Herr Sobich ist ein promovierter Historiker, wie man liest? Dann sollte er sich einmal ein wenig mit der Geschichte des Antisemitismus in anderen europäischen Nationen beschäftigen, vor allem in Frankreich, in Rußland ohnehin. Im Kaiserreich gab es weder in der Politik noch unter der deutschen Bevölkerung stärkere antisemitische Tendenzen als in anderen Ländern auch, tendenziell war der Antisemitismus sogar schwächer.

"für die Gewalt des I. Weltkriegs, für die Brutalität der kaiserlichen Kolonialkriege und des weißen Freikorps-Terrors nach 1919."

Letzteres verdient, bei Gelegenheit gesondert untersucht zu werden. Die Freikorps waren Freiwilligenverbände, die vom damaligen "Rat der Volksbeauftragten", also der deutschen Regierung, aufgestellt wurden, um in den Gebieten mit überwiegend oder ausschließlich deutscher Bevölkerung vor allem des Baltikums gegen die Rote Armee zu kämpfen. Diese Gebiete waren infolge des Versailler Vertrags unter nichtdeutsche Verwaltung gekommen. Dies erfolgte unter Mißachtung des dort verankerten Rechts der Völker auf Selbstbestimmung, welches immer dann fallengelassen wurde, wenn es sich zugunsten Deutschlands ausgewirkt hätte.

Was die "Gewalt des I. Weltkriegs" bzw. "die Brutalität der kaiserlichen Kolonialkriege" angeht, so ist nicht zu erkennen, inwiefern das gegen das deutsche Kaiserreich oder als Beleg für schon damals auszumachende faschistische oder totalitäre Tendenzen verwendet werden könnte. Krieg werden immer mit Gewalt ausgeübt, und einen irgendwie gearteten Beweis, daß Deutschland brutaler und gewaltsamer kämpfte als seine Gegner, erbringt Sobrich nicht. Im 1. Weltkrieg kämpften mit den Mitgliedern der Entente und auf der anderen Seite Deutschland und Österreich-Ungar noch zwei bürgerliche Staaten gegeneinander, so daß die Kriegsführung, bei aller üblichen Brutalisierung und Verrohung, noch als im üblichen Rahmen bezeichnet werden kann. Was die Kolonialkriege Deutschlands angeht, so wurden diese von Bismarck, der das Ganze als "großen Schwindel", aber als unvermeidliche Modeerscheinung abtat, ohnehin nur halbherzig und auch später unter Wilhelm dem II. nur von Freiwilligenverbänden geführt. Angesichts des tatsächlichen Umfangs der deutschen Kolonialgebiete und des kolonialen Engagement des Deutschen Reiches kann auch das kaum als Beleg für eine besondere Brutalität oder Aggressivität gewertet werden, im Vergleich zum kolonialen Engagement der anderen europäischen Nationen wie Italien, Frankreich oder Großbritannien. Sieht man sich Umfang und Zahl der Kolonialkriege vor allem des letzteren an und vergleicht dies mit den militärischen Engagements des Deutschen Reichs vom Zeitpunkt seiner Gründung bis zum Ausbruch des 1. Weltkriegs, dann entpuppt sich das durch die Geschichtsschreibung des "linksliberalen Mainstreams" verbreitete Bild des deutschen Kaiserreichs als eines aggressiven und militaristischen Staates als ein Zerrbild, welches den historischen Fakten nicht standhält.

http://kassandra2030.wordpress.com/2009/09/04/1-deutschland-war-bis-1945-mit-seiner-preusisch-obrigkeitsstaatlichen-tradition-der-militaristischste-staat-in-europa/
 
Xberg Montag, 13.Juni 2011, 20:03 Uhr:
Der Streit um die Bedeutung der "Singularität" ist letzlich eine meta- oder pseudo-theologische Angelegenheit. Auch Noltes Begründung der Singularität ist Metaphysik. Was Sobich daran so stört, ist vermutlich, daß man mit ihr aber kaum "politische Theologie" betreiben kann, bzw. sich daraus kaum politische Konsequenzen ableiten lassen. Schon gar nicht solche, die die Legitimation einer linken Politik der Hinterfragbarkeit entziehen bzw. eine linksideologische Antwort auf Auschwitz als einzige Alternative zulassen. Diese Grundlage will Sobich verteidigen. Zu diesem Zweck macht man es nicht unter einer "erstklassigen" Singularität. Das ist ganz klar eine Legitimierungsfrage der eigenen causa, die damit auch Priorität und Vorrangigkeit bekommt.

Darum darf es aber auch nur eine Singularität geben, wie es nur einen alleinigen Gott geben darf. Daher kommt ja die ganze Aura, die den Begriff, besonders in diesem Kontext, umgibt. Wo es Singularitäten im Plural gibt, sind das Schisma und die Ketzerei gleich um die Ecke. Das wird dann eben zum Machtkampf: "Meine Singularität ist singulärer als deine." "Meine Singularität ist die singulärste von allen, darum die einzig richtige!" "Du sollst keine anderen Singularitäten haben neben mir!" "Deine Singularität ist nicht singulär genug!", was auch soviel heißt wie, "Du hast nicht laut genug bei der Lobpreisung mitgesungen, und in der Tasche die Finger über Kreuz gehalten, ich habs genau gesehen, dafür verpetze ich dich."
 
B.C. Montag, 13.Juni 2011, 20:10 Uhr:
@murx
woher nehmen sie eigentlich die annahme, dass sobich hier aktiv mitkommentiert?

ihr kommentar zur singularitaet scheint ja auch nicht unbedingt eine einladung zu anspruchsvollem diskurs zu sein (schwarzbuch).
 
Karl_Murx Montag, 13.Juni 2011, 20:57 Uhr:
@Matthias Brodkorb:
"Tun wir doch einmal so, als nähmen Sie Noltes Argumente ernst, hielten sie aber einfach für falsch. Dann mag es ja sein, dass Ihnen das eine oder andere mangelhaft ausgeführt erscheint. Aber reicht das schon hin, einem Wissenschaftler zu unterstellen, er habe in Wahrheit vor, den „nationalsozialistischen Antisemitismus kleinzureden“? Was meinen Sie, wie viele Wissenschaftler aus meiner Sicht Dinge „unausgeführt“ lassen? Übertrüge man diese Logik auf unseren Disput, müsste ich Ihnen entgegnen: „Herr Sobich, die Begründung für Ihre Behauptung, dass Sie sich nicht an den Faschismus-Begriff Noltes anlehnten, scheint mir doch sehr unausgeführt. Das spricht doch eher dafür, dass Sie in Wahrheit Nolte näher stehen, als Sie zugeben wollen. Sie reden Ihre Gemeinsamkeiten bewusst klein.“ Mit Wissenschaft hätte das gewiss nicht mehr viel zu tun."

Nein. Dafür um so mehr mit denunziatorischer Gesinnungsschnüffelei und Totschlagsargumentation gegen alles, was sich nicht den eigenen ideologischen Prämissen unterwirft. Leider ist das heute in so gut wie allen öffentlichen Debatten über die NS-Zeit wie über tatsächlichen oder vermeintlichen Rechtsextremismus oder Neonazismus in Deutschland Standard, Herr Brodkorb. Ich hätte es nie für möglich gehalten, daß dieser vorsichtige Schulterblick aus DDR-Zeiten, ob auch keine Aufpasser oder Spitzel hinter einem stehen, wenn man etwas politisch Unliebsames sagte, heute wieder notwendig sein würde. Das ist er aber heute, will man nicht Gefahr laufen, seine persönliche, politische oder berufliche Reputation zu verlieren und in seiner bürgerlichen Existenz vernichtet zu werden. Alles allein deswegen, wenn man etwas Unliebsames von sich gibt, das einem die Tugendwächter der Politischen Korrektheit und der richtigen Auslegung deutscher Geschichte auch nur in dritter Ableitung als rechtsextrem, revisionistisch oder antisemitisch auslegen könnten. Das ist die unmittelbare Folge dieses K(r)ampfes gegen Rechts, der inzwischen mehr und mehr zu einer Schönen Neuen Welt des Tugendterrors, des Neusprechs und des Doppeldenk entartet ist. Kein Wunder, daß sich Ihr Gesprächspartner Sobich so eifrig und vehement von dem in einschlägigen Kreisen als revisionistisch, reaktionär oder ultrarechts verschrieenen Autor Nolte (in Sobichs Umgebung das ultimative Todesurteil) distanziert. Die Inhalte von Noltes Schriften, so wissenschaftlich fundiert und historisch belegt sie auch sein mögen, gelten dem von Sobich zitierten tonangebenden "linksliberalen Mainstream" als nicht diskutierbar und als etwas, was nur widerlegt werden darf. Daraus resultieren auch die von Ihnen zu Recht kritisierten unbelegten Behauptungen und die Verwechslung von politischen Ansichten mit historischen Fakten bei Sobich.

Zitat Sobich:
"Es war ein geschickter Schachzug der Konservativen, ihren Gegnern anzudichten, sie wären unwissenschaftliche und unsachliche Ideologen, damit lenkten sie nämlich von ihrer eigenen, ganz und gar nicht wissenschaftlichen, sondern politischen Intention ab. Angriff ist eben die beste Verteidigung, auch wenn die politischen Intentionen so offen selbst zu Protokoll gegeben werden, dass völlig klar wird, dass hier nicht ein paar objektive, der lauteren Wahrheit verpflichtete, gänzlich unpolitische rechtschaffene deutsche Historiker von böswilligen, dilettantischen Agitatoren blindwütig verleumdet werden."

Diese Umkehrung der wirklichen Sachverhalte ist so offenkundig und plump, daß man sich fragt, wenn Sobich hier damit eigentlich überzeugen will.

@Sobich:
"Wenn sich mir hingegen jemand als Hohepriester reiner Wissenschaft, der ja nur ganz unschuldig und voraussetzungslos fragt und forscht, geriert, dann gehen bei mir alle ideologiekritischen Antennen auf Empfang. Gerade weil ich einen ganz altbackenen Wahrheitsanspruch an Wissenschaft habe, will ich, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler darauf reflektieren, was dem entgegenstehen könnte, was eventuell zeitbedingt ist usw. Historiker/innen sind doch auch Kinder ihrer Zeit, die Methoden, die sie auf andere anwenden, müssen sie eben auch auf sich selbst anwenden. Das ist wünschenswerte Selbstreflexion."

Aber wehe, man verläßt den Rahmen der vorgegebenen Sprach- und Argumentationsschablonen der eigenen Ideologie.

"Ich stimme Nolte explizit zu, dass mögliche unerwünschte politische Folgen kein Argument für die Unterdrückung von Forschungsmethoden und -ergebnissen sein dürfen. Das aber kann keine Entschuldigung dafür sein, Überlegungen über die mögliche Verwendung der eigenen Forschungsergebnisse als nicht zur Sache gehörig beiseite zu schieben."

Dieses neue Totschlagsargument, man sei nicht nur dafür verantwortlich, was man selbst schreibt und denkt, sondern auch dafür, was andere hineininterpretieren könnten, nimmt das eingangs gewährte Recht vor politischer Einflußnahme gleich wieder zurück und ist in seiner Konsequenz derart infam und verlogen, daß man die moralische Erpressung und die implizit enthaltene Drohung mit Sanktionen eine Meile gegen den Wind riecht. Und das alles einer freien und demokratischen Gesellschaft, als die sich diese Bundesrepublik bezeichnet. Ist die DDR wirklich untergegangen?

Zitat Sobich:
"Dass es sich um eine geschichtswissenschaftlich verbrämte, in Wirklichkeit geschichtspolitisch motivierte Intervention handelte, wird durch die Texte deutlich. Das gefällt mir als Geschichtsdidaktiker schon mal prinzipiell nicht."

Und als jemandem, der sich als einer der von mir kritisierten Tugendwächter der Politischen Korrektheit entpuppt, schon gar nicht.

Zitat Sobich:
"Zusätzlich finde ich aber auch noch die Intention von Hr. Nolte verwerflich. Nein, man kann über die Shoah nicht so schreiben und reden wie über Gemüseanbau in Altbabylonien; nicht solange die gesellschaftlichen Voraussetzungen, die Auschwitz möglich gemacht haben, weiterbestehen und schon gar nicht in einem Land, in dem man auf jedem größeren Flohmarkt noch den Nachlass der so genannten Judenauktionen angeboten kriegt, nicht in einem Land, in dem der Antisemitismus wegen Auschwitz weiter virulent ist, nicht in einem Land, in dem sich zwar alle überinformiert über die Nazi-Zeit fühlen, aber der Großteil der Bürger gerade mal weiß, dass Hitlers Schäferhund „Blondie“ hieß, mit dem Wort „Sobibor“ hingegen nichts anfangen kann."

Eine geradezu idealtypische Aufreihung aller Argumente jener 68er Ideologen, die in ihrem nationalen Selbsthaß nicht davor zurückschrecken, die eigene Bevölkerung vor aller Welt als nazistisch und rassistisch zu diffamieren. Die geistigen Parallelwelten, die hier gepflegt werden, kollidieren mit der Realität in Deutschland auf gerade groteske Weise. Aber damit man sieht, daß auch ich einen Nazivergleich kann: Die Tatsache, daß eine Lüge eine um so größere Chance hat geglaubt zu werden, je größer sie ist, wußte schon ein Herr Joseph Goebbels.

Zitat Sobich:
"Das ist keine Aufforderung zu Ideologieproduktion"

Natürlich nicht. Vorausgesetzt, man folgt der eigenen.

Zitat Sobich:
"Aber Reflexion auf gesellschaftliche Wirkung und nötigenfalls auch Schutzmaßnahmen gegen politische Ausbeutung, das muss jeder Wissenschaftler, jede Wissenschaftlerin tun. Unter dem Gesichtspunkt betrachtet ist das fröhliche Achselzucken von Hr. Nolte über mögliche „Gedankenlosigkeit und Selbstzufriedenheit“ genauso aufschlussreich wie seine Interviews mit der „Jungen Freiheit“."

Das ist natürlich der schlagende Beweis.
 
Xberg Montag, 13.Juni 2011, 23:11 Uhr:
"woher nehmen sie eigentlich die annahme, dass sobich hier aktiv mitkommentiert?"

Und woher nimmst du die Annahme, daß Murx annimmt, daß Sobich "hier aktiv mitkommentiert"?
 
B.C. Dienstag, 14.Juni 2011, 09:07 Uhr:
@xberg
weil er sich zweimal direkt an ihn wendet? weil er das im vorangegangenen streitgespraech mit herrn brodkorb auch wiederholt versucht hat?
 
Xberg Dienstag, 14.Juni 2011, 13:18 Uhr:
"weil er sich zweimal direkt an ihn wendet?"

Er kann ja mit einigem Recht davon ausgehen, daß Sobich eventuell neugierig ist und hier mitliest, was Brodkorb ja auch tut. Und davon auszugehen, daß er mitliest, heißt ja nicht davon ausgehen, daß er "aktiv mitkommentiert".
 
B.C. Dienstag, 14.Juni 2011, 15:08 Uhr:
@xberg
er laedt ja nicht nur zum mitlesen ein, sondern moechte sich direkt am dialog beteilligen, bzw. einen trialog eroeffnen. das hat er auch schon oefter (und jetzt ja auch) bei brodkorb versucht, ohne das jener "angebissen" haette (was fuer meinen geschmack viel weniger von herrn sobich zu erwarten ist).

schauen sie sich nur mal den einstieg an:
"Dann erklären und vor allem belegen Sie doch mal, Herr Sobich, worin die Einzigartigkeit"

ps: aber ich nehme zur kenntnis, dass ihr geschmack sich mal ausnahmsweise von meinem unterscheidet ;o)
 
Karl_Murx Dienstag, 14.Juni 2011, 18:28 Uhr:
@Xberg:
"Der Streit um die Bedeutung der "Singularität" ist letzlich eine meta- oder pseudo-theologische Angelegenheit. Auch Noltes Begründung der Singularität ist Metaphysik."

Jein. Ich stimme natürlich Ihren nachfolgenden Ausführungen vollkommen zu, was die politisch-ideologische Verwertbarkeit solcher Thesen wie der Singularität des Holocausts angeht. Auch die - meiner Meinung wider besseren Wissens und gegen die eigenen Überzeugungen nachgeschobene Begründung der Singularität durch Nolte - läßt sich angesichts der Anfeindungen und einseitig linkstheologischen Mainstreams der öffentlichen Debatte leicht erklären. Aber mir scheint, hier an diesem Punkt, bei diesem zentralen Axiom aller 68er und deren geistigen Nachfahren, daß nämlich ein solcher organisierter Massenmord an bestimmten gesellschaftlichen Gruppen nur in Deutschland möglich gewesen wäre und demzufolge die Behauptung stimme, die deutsche Bevölkerung wäre aus irgendwelchen Gründen von ihrem Charakter her prädestiniert für solche Dinge und damit die gesamte deutsche Historie ein direkter Weg nach Auschwitz, ergo die Deutschen grundschlecht, aggressiv, gewalttätig und unter Kuratel zu stellen seien, an dieser zentralen These steht und fällt die gesamte 68er Geschichtsschreibung.

Wenn man nämlich auch nur mit etwas Geschichtskenntnissen und ohne die Last einer derartig durch die 68er Geschichtslehrer und diese politischen Aktivisten in akademischer Talarsverkleidung verzerrte Wahrnehmung an die eigene wie europäische Vergangenheit herangeht, dann fallen einem diese andressierten Klischees nationaler Selbstwahrnehmung wie Schuppen von den Augen.

"Was Sobich daran so stört, ist vermutlich, daß man mit ihr aber kaum "politische Theologie" betreiben kann, bzw. sich daraus kaum politische Konsequenzen ableiten lassen. Schon gar nicht solche, die die Legitimation einer linken Politik der Hinterfragbarkeit entziehen bzw. eine linksideologische Antwort auf Auschwitz als einzige Alternative zulassen. Diese Grundlage will Sobich verteidigen."

Ja. Und er tut es auf eine Art, die mich fatal an alle Funktionäre und ideologischen Vertreter des SED-Regimes erinnert. Der gleiche absolute Anspruch, die Wahrheit zu vertreten, die gleiche unterirdisch aggressive, schnüffelnd-denunziatorische Haltung dem Gesprächspartner gegenüber, die im Unterschied zur eigenen Rhetorik nicht darauf aus ist, einen Austausch von Argumenten auf Augenhöhe zum Zwecke der Wahrheitsfindung zu führen, sondern darauf, dem anderen einen Verstoß gegen die selbstaufgestellten Denk- und Sprachtabus nachzuweisen mit dem Ziel, ihn damit als Gesprächspartner zu disqualifizieren, ähnlich wie Sobich das mit Nolte tut. Die gleiche arrogante, selbstgerechte Attitüde, die es nicht nötig hat, ihre Denunziationen und impliziten Drohungen übermäßig zu tarnen, weil sie sich im Besitz der Macht weiß.

"Zu diesem Zweck macht man es nicht unter einer "erstklassigen" Singularität. Das ist ganz klar eine Legitimierungsfrage der eigenen causa, die damit auch Priorität und Vorrangigkeit bekommt.

Darum darf es aber auch nur eine Singularität geben, wie es nur einen alleinigen Gott geben darf. Daher kommt ja die ganze Aura, die den Begriff, besonders in diesem Kontext, umgibt. Wo es Singularitäten im Plural gibt, sind das Schisma und die Ketzerei gleich um die Ecke. Das wird dann eben zum Machtkampf: "Meine Singularität ist singulärer als deine." "Meine Singularität ist die singulärste von allen, darum die einzig richtige!" "Du sollst keine anderen Singularitäten haben neben mir!" "Deine Singularität ist nicht singulär genug!", was auch soviel heißt wie, "Du hast nicht laut genug bei der Lobpreisung mitgesungen, und in der Tasche die Finger über Kreuz gehalten, ich habs genau gesehen, dafür verpetze ich dich."

Der theologisch-scholastische Grundzug von Sobichs Argumentationsführung ist unverkennbar. Von der absoluten Gültigkeit der eigenen Axiome (Deutschland und die deutsche Geschichte düster, dumpf, nationalistisch, aggressiv und antisemitisch) ausgehend ist man lediglich bereit, über gewisse Nuancen oder Formulierungen dieser Thesen zu debattieren; anderslautenden Meinungen wird als Legitimation lediglich der Irrtum und die Unkenntnis der Wahrheit zugebilligt, in derem Alleinbesitz man ist. Wahlweise (hier bei Sobrich nicht explizit ausgeführt, aber ein typisches Merkmal) wird noch zugebilligt, von den Vertretern der Falschlehren verführt worden zu sein auf Grund mangelnder ideologischer Standhaftigkeit und Glaubensfestigkeit.

Das erinnert einen an die Diskussionen der Scholastiker des Mittelalters, die über mathematische oder geometrische Sätze die Existenz Gottes oder Satans beweisen wollten. Die debattierten dann über solche Dinge, wieviele Engel auf einer Nadelspitze Platz finden. Daß solche Debatten aber die Existenz des erst zu Beweisenden - nämlich Gottes - voraussetzen, fiel damals niemandem auf.
 
Xberg Dienstag, 14.Juni 2011, 20:25 Uhr:
Wenn man schon an die Scholastiker und Theologen des Mittelalters erinnert: es ja tatsächlich so, daß nur kleine dogmatische Umdeutungen und Akzentverschiebungen schnell zur Häresie und damit zur Apostasie und zu Glaubenskriegen führen können. Von seinem Standpunkt aus hat Sobich ja recht: die Macht seiner Priesterkaste ist - mal oder mal weniger - gefährdet, wenn auch nur ein Iota im Dogma wankt oder die Exegese freigegeben wird. Mit "Wissenschaft" hat dieses Vorgehen, wie Brodkorb richtig anmerkt, aber nix mehr zu tun.
 
Xberg Dienstag, 14.Juni 2011, 20:27 Uhr:
@ BC, super Analyse dieses essenziellen Problems übrigens, endlich ein Thema, wo auch Du mitreden kannst...
 
B.C. Dienstag, 14.Juni 2011, 21:10 Uhr:
mal sehen, ob xberg anbeisst.
 
Daniel D Dienstag, 14.Juni 2011, 22:51 Uhr:
Es ist bezeichnend, dass bei dieser Diskussion, die sich eher um die bundesrepublikanische Geschichtspolitik der 1980er, als um den Faschismusbegriff Noltes oder die Problematik eines generischen Faschismusbegriffes drehte, sich so viele verkappte und bekennende Neonazis in den Foren tummeln. Da haben wohl einige Leute viel aufzuarbeiten. Der Historikerstreit hatte ja für die Neonazi-Szene aber v.a. für den intellektuellen Rechtskonservatismus der BRD eine empfindliche Niederlage dargestellt und die Hoffnungen, die diese Kreise in einen erstarkenden Nationalismus im Zuge der Wiedervereinigung gehegt hatten, sind auch nur partiell erfüllt worden. Eine gehörige Portion Frust wegen der eigenen gesellschaftlichen Irrelevanz, ist allen rechten Kommentatoren dieser Diskussion penetrant anzumerken.
 
B.C. Mittwoch, 15.Juni 2011, 06:37 Uhr:
@xberg
"super Analyse..."
na wenn ihnen das schon besserwertigkeitsgefuehle beschafft, dann laben sie sich mal dran.
 
Xberg Mittwoch, 15.Juni 2011, 09:58 Uhr:
"na wenn ihnen das schon besserwertigkeitsgefuehle beschafft, dann laben sie sich mal dran."

Nu, du weißt ja bekanntlich am besten, wie das geht ... ;)

@ Daniel D.

Der Clou an dieser "Niederlage" war, daß Nolte und Co nicht sachlich widerlegt wurden, sondern von einem Nicht-Historiker und seinen Kollegen aus meta-wissenschaftlichen Gründen ins Schweigen geknüppelt wurden, ja daß letztere überhaupt jede Möglichkeit einer sachlichen Debatte verhindert haben. Ich denke, da wird auch Brodkorb zustimmen. Ja, das ist "frustrierend", das ist sogar richtig deprimierend für alle, denen an sachlichen Diskursen gelegen ist.

"Eine gehörige Portion Frust wegen der eigenen gesellschaftlichen Irrelevanz, ist allen rechten Kommentatoren dieser Diskussion penetrant anzumerken."

Immer noch weniger penetrant, als das hier oft genug demonstrierte Glück, ein dickes, obenauf schwimmendes Fettauge in der Siegersuppe der Geschichte zu sein, die man nicht einmal selber angereichtert hat, und in der man nun herumplatschend Behindertenwitze über die "Verlierer" machen darf. Das ist die Selbstzufriedenheit von Leuten, die meinen, Wahrheit sei das, was sich diskursdarwinistisch durchsetzt. Was sich solchermaßen an die Spitze gerüpelt hat, akzeptieren sie dann auch unbesehen, ohne selber nachdenken zu müssen. Wenn das mit der "gesellschaftlichen Irrelevanz" zutrifft, dann könnte man doch auch getrost eine Seite wie ER aus Überflüssigkeitsgründen abschalten (gute Idee eigentlich).
 
Karl_Murx Mittwoch, 15.Juni 2011, 17:31 Uhr:
@Daniel D:
"Es ist bezeichnend, dass bei dieser Diskussion, die sich eher um die bundesrepublikanische Geschichtspolitik der 1980er, als um den Faschismusbegriff Noltes oder die Problematik eines generischen Faschismusbegriffes drehte, sich so viele verkappte und bekennende Neonazis in den Foren tummeln."

Was ich bezeichnend finde, daß Sie Leute, die sich nicht kritiklos dem von Sobich vertretenen Mainstream in der Geschichtsdarstellung, als Neonazis oder deren "verkappte" Vertreter bezeichnen. Letzteres ist bei Leuten ihrer ideologischen Provenienz eine Art dafür, daß man am Gegenüber selbst bei eifrigsten Bemühen nichts an nazistischer, nationalistischer oder sonst irgenwie -istischer Argumentation finden kann, einem aber die vorgebrachten Fakten nicht passen und man zur sachlichen Entgegnung absolut nicht in der Lage ist. Ein Totschlagsargument also.

"Da haben wohl einige Leute viel aufzuarbeiten. Der Historikerstreit hatte ja für die Neonazi-Szene aber v.a. für den intellektuellen Rechtskonservatismus"

Erster Fehler. Diese Diskussion hat nichts mit Nazi oder Rechts, dafür aber mit historischer Wahrheit zu tun. Nolte stellte aber in seinen Schriften eine Gefährung des vom 68er Mainstream okkupierten Deutungsmonopol dar. Deswegen mußte die Debatte schnellstens von der sachlichen auf die ideologische Schiene gebracht werden, indem man sich nicht mehr mit dem Inhalt seiner Bücher und dem diesen unterliegenden Thema beschäftigte, sondern Noltes Person diffamierte. Das geschah dann auf die gleiche Art und Weise, wie sie sich in Ihrer Assoziationskette zeigt: Abweichende Meinungen sind rechts=rechtskonservativ=national=sowiesoallesNazis.

"der BRD eine empfindliche Niederlage dargestellt"

Zweiter Fehler: Die einzigen, die eine empfindliche Niederlage erlitten, waren die öffentliche Diskussionskultur und die Freiheit in Wort und Schrift. Sachlich war man zur "Widerlegung" Noltes nicht in der Lage, als diffamierte man ihn oder schwieg den Inhalt seiner Bücher in der Öffentlichkeit tot. Das war keine Niederlage von pöhsen Nazis, sondern der Beginn der Etablierung einer Meinungs- und Gesinnungsdiktatur.

"und die Hoffnungen, die diese Kreise in einen erstarkenden Nationalismus im Zuge der Wiedervereinigung gehegt hatten, sind auch nur partiell erfüllt worden."

Dritter Fehler. Diese Chimäre deutscher Nationalismus scheint der Hauptgrund solcher Attacken des etablierten 68er Mainstreams der Eliten in Politik und Öffentlichkeit zu sein. Nicht umsonst wird dieser als ein Hauptmerkmal des Faschismus in der Definition von Sobich genannt. Darum auch dieser zu beobachtende Veitstanz, wenn von deutschen Interessen oder der deutschen Nation die Rede ist.

Was wäre aber, wenn ein Historiker in der Lage wäre, daß faschistische und totalitäre Gesinnungen und Meinungen durchaus nicht an eine bestimmte Nation gebunden sind?

"Eine gehörige Portion Frust wegen der eigenen gesellschaftlichen Irrelevanz, ist allen rechten Kommentatoren dieser Diskussion penetrant anzumerken."

Irrelevanz nur, was die Präsenz dieser Ansichten in der veröffentlichten Meinung betrifft, die auch deswegen nicht "rechts" werden, nur weil sehr "linke" Ideologen wie Sie das so behaupten. Die Bevölkerung ist in der Beziehung schon viel weiter, als Sie uns weismachen wollen. Übrigens wurde in der DDR noch 1989 durch Erich Honnecker verbreitet, daß auch in 50 und 100 Jahren der Sozialismus noch lebendig sein würde. Wir wissen, wie es dann weiterging.
 
B.C. Mittwoch, 15.Juni 2011, 21:49 Uhr:
@xberg
ihr letzter text besitzt zugegebener massen einen nicht geringen unterhaltungswert. am ende kommt jedoch nicht wesentlich mehr bei rum. schoen dass sie diskursdarwinismus hinterfragen - fuer einen gegenbeweis taugt dieser zweifel alleine nicht.
eine schoene selbstparodie bringen sie zum schluss:
"Wenn das mit der "gesellschaftlichen Irrelevanz" zutrifft, dann könnte man doch auch getrost eine Seite wie ER aus Überflüssigkeitsgründen abschalten (gute Idee eigentlich)."
welch ferne macht zwingt sie bloss zum stammkommentator?
und ich finds ne grosse geste, dass sie ihrem "gegner" letztendlich auch mal zustimmen koennen. sowas hat nicht jeder im portofolio.
 
Daniel D Mittwoch, 15.Juni 2011, 22:37 Uhr:
@Xberg

Bzgl.:

"und in der man nun herumplatschend Behindertenwitze über die "Verlierer" machen darf."

Wer tut so etwas. Ich habe das nicht getan. Also wen meinst damit? Dein Problem ist, dass du es weder schaffst, Nolte argumentativ zu stützen, geschweige denn Sobich zu widerlegen. Stattdessen arbeitest du mit abstrusen Unterstellungen. Also genau mit den Methoden, die du den Gegners Noltes unterstellst. Ist das dein Beitrag zu einem konstruktiven Meinungsaustausch oder hast du schon kapituliert?
Und übrigens: Alkoholisierte, zu gedröhnte Nazi-Schläger sind auch ohne intellektuellen Überbau gefährlich. Deshalb bin ich über jeden froh, der sich dieses Problems annimmt.

@Karl Murx

Für dich gilt das Gleiche wie für Xberg. Du redest ständig von Meinungs- und Gesinnungsdiktatur, von der DDR, von den bösen 68er, die den Deutschen den Spaß an ihrer nationalen Identität verdorben haben und seit Jahrzehnten hintergründig das kulturelle Leben der Deutschen manipulieren. Das ist natürlich keine Verschwörungstheorie, sondern eine fundierte, originelle Zeitdiagnose von Karl Murx.
Deine Kommentare offenbaren, dass du nicht in der Lage bist, komplexere Argumentationsketten, wie sie Sobich und Brodkorb in der Diskussion vorgeführt haben, zu verstehen. Stattdessen nutzt du die Kommentarspalten um aller Welt deine Befindlichkeiten vorzuführen.
Ich denke, du hast keine Ahnung was Zensur und Einschränkungen der Meinungsfreiheit wirklich bedeuten. Dein Problem ist nur, dass du kein Deutungsmonopol besitzt und andere Menschen es wagen, dir zu widersprechen.
 
Xberg Donnerstag, 16.Juni 2011, 09:24 Uhr:
"Dein Problem ist, dass du es weder schaffst, Nolte argumentativ zu stützen, geschweige denn Sobich zu widerlegen."

Meine Güte... das ist ja nun grenzenlos albern. Dergleichen ist doch nicht der Job von Blogkommentatoren. Wie bitte stellst du dir das vor? Meinst Du etwa, Du wärest mit ein paar hingeschmissenen Zeilen dazu imstande, "Nolte zu widerlegen"? Im übrigen waren meine Anmerkungen eher "diskursanalytischer" Natur. Metawissenschaftliche, politische Dogmen wie diejenigen Sobichs kann man nicht "widerlegen".


Man muß auch bitte imstande sein, eine Polemik von einer "abstrusen Unterstellung" zu unterscheiden. Der ganze "Storch Heinar"-Auftritt und die tägliche wohlfeile "Guckt mal wie dumm und unfähig die NPD ist"-Nummer hat für meinen Geschmack was von Behindertenwitz, und die Leute, die sich hier daran aufgeilen, und darin suhlen, auf richtigen Seite zu klotzen, wie der fast schon unwahrscheinliche BC, die haben eben für Außenstehende was "Penetrantes". In eurer Luftblase ist das freilich völlig normal.
 
B.C. Donnerstag, 16.Juni 2011, 12:05 Uhr:
@xberg
"Wie bitte stellst du dir das vor?"
ein bisschen mehr als kontinuierliche destruktion koennte da dann aber schon enthalten sein.

"...hat für meinen Geschmack was von Behindertenwitz..."
nicht fuer jeden rechten diskutanten ist die NPD eine behiundertentruppe. sie bilden da schon eine gewisse ausnahme.

" Leute, die sich hier daran aufgeilen..."
unter der voraussetzung, die NPD ist als behindert anzusehen, wuerde ich mich dafuer schaemen. schoen wenn sie da so klare bilder haben. ich versuche schon, vertreter aus der ecke ernst zu nehmen und respekt zu zollen (z.b. auch sie). wenn das irgendwann nicht mehr klappt, dann ist das individueller natur und spott wird sicher durch eine offensichtliche diskrepanz zwischen vermoegen und zur schau getragener arroganz befoerdert.
aber was ist mit ihnen? wo sind ihre ideale oder ansprueche? passt der "behindertenwitz" vielleicht auch ihnen (nur dass sie sich andere "behinderte" suchen, was ihnen auf linker seite vielleicht schwerer faellt ;o)?

"wie der fast schon unwahrscheinliche BC"
das hab ich zugegebener massen gar nicht verstanden.

"die haben eben für Außenstehende was "Penetrantes". In eurer Luftblase ist das freilich völlig normal."
nichtssagende polemik mit dem alleinigen ziel zu verletzen oder herabzusetzen. ein gutes beispiel der von mir genannten destruktion. ich habe sie hier noch nie anders erlebt, als von oben herab zu kommentieren.
 
Xberg Donnerstag, 16.Juni 2011, 13:35 Uhr:
""wie der fast schon unwahrscheinliche BC"
das hab ich zugegebener massen gar nicht verstanden."

Weil Du wirkst, als hätte Dich ein Satiriker erfunden...
 
B.C. Donnerstag, 16.Juni 2011, 14:01 Uhr:
nachtrag an xberg:
der kommentarstil von oben herab ist sicher kein alleinstellungsmerkmal fuer sie. nur verliert die polemik mit dem behindertenwitz dann doch an ueberzeugungskraft.
 
Karl_Murx Donnerstag, 16.Juni 2011, 17:13 Uhr:
@Xberg:
"Meine Güte... das ist ja nun grenzenlos albern. Dergleichen ist doch nicht der Job von Blogkommentatoren. Wie bitte stellst du dir das vor? Meinst Du etwa, Du wärest mit ein paar hingeschmissenen Zeilen dazu imstande, "Nolte zu widerlegen"?"

Natürlich kann er das nicht. Aber das war ja auch nicht das Ziel dieses kleinen Wadenbeißers B.C., sondern vielmehr, um jeden Preis eine polemische Bemerkung anzubringen, ob sie nun paßt oder nicht.

"Im übrigen waren meine Anmerkungen eher "diskursanalytischer" Natur. Metawissenschaftliche, politische Dogmen wie diejenigen Sobichs kann man nicht "widerlegen"."

Eben. Bei Glaubensfragen und ideologischen Fixierungen nützen rationale Argumente im allgemeinen wenig. Die werden vielmehr um so verbissener verteidigt, desto weniger sie sich von der sachlichen Argumentation her halten lassen.

"Man muß auch bitte imstande sein, eine Polemik von einer "abstrusen Unterstellung" zu unterscheiden. Der ganze "Storch Heinar"-Auftritt und die tägliche wohlfeile "Guckt mal wie dumm und unfähig die NPD ist"-Nummer hat für meinen Geschmack was von Behindertenwitz, und die Leute, die sich hier daran aufgeilen, und darin suhlen, auf richtigen Seite zu klotzen, wie der fast schon unwahrscheinliche BC, die haben eben für Außenstehende was "Penetrantes". In eurer Luftblase ist das freilich völlig normal."

Man muß ja wirklich arm dran sein, wenn man es nötig hat, sich an solchen gefühlten Siegen zu delektieren.
 
B.C. Donnerstag, 16.Juni 2011, 21:06 Uhr:
@xberg
"Weil Du wirkst, als hätte Dich ein Satiriker erfunden..."
bei ihnen war dann wohl ein zyniker am werk?
 
Xberg Freitag, 17.Juni 2011, 08:37 Uhr:
"bei ihnen war dann wohl ein zyniker am werk?"

Nicht von Anfang an, der "herrschaftsfreie Diskurs" und eure guten, scheinbar unzynischen Absichten haben mich zum bösen Menschen gemacht ... ;)
 
Xberg Freitag, 17.Juni 2011, 12:32 Uhr:
Nun aber noch angemerkt, daß sich selbstverständlich auch bei Nolte viel "Metawissenschaftliches", Spekulatives bzw. Geschichtsphilosophisches findet. Noltes Begründung der Singularität zB, die Mohler zu recht kritisiert hast. Oder die Frage nach dem "negativen Nationalismus".

Die "Singularitäts"frage selbst resultiert ja schon eher aus einer meta-historischen Fragestellung. Es geht ja nicht primär darum, festzustellen, ob dieses oder jenes faktisch nur die Kommies oder nur die Nazis gemacht haben, sondern nach der moralischen, politischen, theologischen etc. Qualität dieser Taten. Es geht hier niemals nur um ein interesseloses "nice to know", sondern auch immer darum, was man nun tun soll, wie man darauf antworten soll, was man daraus lernen soll. Es geht immer auch um eine "Sinngebung", frei nach Theodor Lessing.

Und es geht um die geistesgeschichtliche Deutung und Einordnung der Geschehnisse, da ja offenbar ein Zusammenhang zwischen den Taten und ihrem ideologischen Überbau besteht. Daß das Dinge sind, die man nicht einfach so ein für allemal "beweisen" kann wie eine mathematische Formel, liegt in der Natur der Sache.

Die Geschichtsschreibung ist eben keine "exakte" Wissenschaft wie die Naturwissenschaften, sondern sie hat nicht umsonst eine Muse, Clio. Die Fakten und überlieferten Dokumente sind das eine; die Aufgabe des Historikers aber ist es, daraus ein sinnvolles Narrativ zu rekonstruieren. Da gibt es eben immer mehr als nur eine Möglichkeit. Je größer er den Bogen dabei schlägt, umso mehr muß er das rein Wissenschaftliche an der Geschichtsforschung hinter sich lassen.

Aus der Geschichte ein moralisches oder politisches Resümee zu ziehen, ist für den Historiker völlig legitim. Problematisch wird es, wenn eine einzige Deutung sich absolut setzt, und der Revidierbarkeit entzogen wird.
 

Die Diskussion wurde geschlossen