von Mathias Brodkorb
   

Faschismus und Radikalfaschismus I - Ein Streitgespräch über Ernst Nolte

Vor 25 Jahren tobte in Deutschland der so genannte "Historikerstreit" zwischen dem Historiker Ernst Nolte und dem Philosophen Jürgen Habermas über die Singularität von Auschwitz. Der Historiker Frank Sobich und Mathias Brodkorb führten unlängst ein Streitgespräch über zentrale Thesen Noltes, das aus diesem aktuellen Anlass in mehreren Teilen veröffentlicht wird.

Mathias Brodkorb: Herr Sobich, Sie haben vor geraumer Zeit beim "Netz gegen Nazis" den "Faschismus" als wissenschaftliche Analysekategorie verteidigt. Wörtlich sagten Sie zum Beispiel, dass es gut begründbar sei, "den Nationalsozialismus als faschistisches Regime zu bezeichnen, z. B als 'Radikalfaschismus'." Ich behauptete daraufhin, dass Sie sich hiermit an die Thesen des umstrittenen Historikers Ernst Nolte anlehnten. Das wiederum fand Ihren Widerspruch. Warum?

Dr. Frank Sobich: Zunächst und ganz billig: Der Begriff Radikalfaschismus wird von vielen benutzt; ich z. B. habe ihn aus einem lesenswerten Aufsatz von Hans-Ulrich Wehler übernommen. Und auch das bedeutet nicht, dass ich mich an Hr. Wehler anlehne, sondern nur, dass ich sagen würde, dass das ein tauglicher Begriff ist. Dass der Nationalsozialismus ein spezifisch deutsches Phänomen ist, aber Teil einer europaweiten, ja sogar weltweiten rechtsradikalen Bewegung war, ist meines Erachtens ebenso unbestreitbar, wie dass der Nationalsozialismus in vielfacher Hinsicht konservative, rechtsautoritäre und faschistische Vorstellungen und Konzepte radikalisiert hat. Nolte nutzt solche Überlegungen, um den nationalsozialistischen Antisemitismus kleinzureden und ihn als projektiv-antikommunistische Antwort auf den Stalinismus eigentlich zu entschuldigen. Das finde ich politisch gefährlich, inhaltlich falsch und wissenschaftlich unhaltbar. Aber dieser Geschichtsrevisionismus ergibt sich nicht aus den Begrifflichkeiten Faschismus und Radikalfaschismus.

Brodkorb: Ich hielt es bisher - offenbar fälschlicherweise - für eine Selbstverständlichkeit, dass mit dem Begriff des Radikalfaschismus in der Geschichtswissenschaft Nolte verbunden wird. Er führte diesen Terminus m. W. mit „Der Faschismus in seiner Epoche" (1963) in die Debatte ein. Der Historiker und Faschismus-Experte Wolfgang Wippermann bestätigt dies in seinen Studien immer wieder und auch Axel Schildt schreibt das Konzept in seinem Lexikon "Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert" keinem anderen als Nolte zu. Auch Hans-Ulrich Wehler hat Noltes Studie nicht nur zum "bedeutendsten Werk, das der deutschen Geschichtsschreibung seit mehr als zwei Jahrzehnten zugewachsen ist", erklärt, sondern in seinem voluminösen Text "Deutsche Geschichte" den Begriff Radikalfaschismus ebenfalls auf Nolte zurückgeführt. Aber das tut ja nichts zur Sache, wenn Sie sagen, dass Sie sich gar nicht auf Nolte stützen. Wenn Begriffe dazu dienen sollen, substanziell Verschiedenes begründet voneinander zu unterscheiden, müssen sie letztlich auf den spezifischen Kern der Erkenntnisgegenstände Bezug nehmen. Da jeder "Radikalfaschismus" eine Zuspitzung des gewöhnlichen "Faschismus" wäre, schließt sich nun die Frage an: Was war und ist aus Ihrer Sicht der substanzielle Kern des Faschismus, der in Italien in "gewöhnlicher" Ausprägung zutage trat, aber eben das System dennoch in seiner Spezifität konstituiert hat, und sich in Deutschland zum "Radikalfaschismus" zugespitzt, also radikalisiert hat?

Sobich: Was allen Faschismen gemein ist, ist, dass sie antidemokratisch, antiliberal und antikommunistisch sind, dass sie die bürgerlichen und adeligen Eliten entmachten, aber nicht enteignen oder zerstören wollen, dass sie eine verbindliche, korporative Ideologie durchsetzen und innere Konflikte unterbinden wollen, und dass sie zumeist entweder koloniale Besitzstandswahrung oder imperialistische Expansion als nationale Notwendigkeit sehen. Dass das faschistische Italien in vielerlei Hinsicht Modellcharakter für die meisten rechts-autoritären Bewegungen und Regimes hatte, heißt nicht, dass es sich hier um die idealtypische Verwirklichung des „gewöhnlichen“ Faschismus handelt, von dem aus nun die Gemeinsamkeiten und Abweichungen bestimmt werden. Jeder Faschismus, egal ob in Italien, in Spanien, in Portugal oder in Österreich oderoderoder, hat seine nationalen Besonderheiten aufzuweisen. Auch faschistische Konzepte in Deutschland, die sich als Alternative zum Nationalsozialismus sahen, wiesen so etwas auf. Der Nationalsozialismus ist aber mehr als eine beliebige nationale Variante, sondern wirklich eine qualitative Radikalisierung in Ideologie und Praxis. Alle faschistischen Bewegungen wollen eine starke Nation, ohne innere Konflikte und Kämpfe – aber der Nationalsozialismus sah in einem harmonischen Zusammenwirken aller Mitglieder der Gesellschaft die natürliche Ordnung und jede Störung als Ausdruck von Krankheit und Zersetzung. Und nur der Nationalsozialismus ist auf die Idee gekommen, hinter der angeblichen inneren Zerrissenheit einen teuflischen Plan einer weltumspannenden Macht zu imaginieren, die als Ziel die Vernichtung des deutschen Volkes habe. Viele faschistische Bewegungen haben die Welt als einen Kampfplatz von Völkern um „Lebensraum“ und natürliche Reichtümer gesehen – aber nur der Nationalsozialismus sah das eigene Volk von der biologischen Vernichtung bedroht und sich damit zu jeder Gewalttätigkeit legitimiert. Der Antisemitismus ist nicht eine einfache Zutat zum „normalen“ Faschismus, sondern prägt den Nationalsozialismus in allen Facetten und Bereichen und führt zur Radikalisierung.

Brodkorb: Ich muss gestehen: Ich finde es völlig naheliegend, unter einem „Radikalfaschismus“ eben die radikale Zuspitzung eines ursprünglichen Faschismus zu verstehen. Was soll sonst diese Wortkonstruktion? Auch ein Rechtsradikaler ist ja ein Rechter, der auf besondere Weise rechts, eben auf radikale Weise rechts ist. Wenn Sie also davon ausgehen, dass der Faschismus zwar „Modellcharakter“ hatte, dies aber dennoch nicht bedeutet, dass der „Radikalfaschismus“ eine „idealtypische Verwirklichung“ dieses Faschismus darstellt – die gibt es ja sowieso nie –, dann scheint mir das begrifflich alles ziemlich verwirrend und unglücklich. Ich würde eher so argumentieren: Im Zentrum des Faschismus steht eine schon fast ins Ästhetische ausgreifende Anbetung des totalen Staates. Es geht darum, aus einer Ansammlung von Individuen einen Gesamtkörper, einen neuen „Organismus“ zu formen und hierzu muss jegliches Private ins Öffentliche verwandelt werden. Der Faschismus kommt dabei im Grunde ohne jede Form von Rassismus aus (und Ähnliches gilt, scheint mir, auch für den Imperialismus), ist aber zugleich bei Bedarf damit kompatibel. Führen Sie sich einfach die Schriften Benito Mussolinis oder Giovanni Gentiles vor Augen: Diese Ideologie verliert nichts an radikaler Potenz, wenn Sie z. B. rassistische Elemente streichen - und diese spielten ja auch erst später, mit Beginn des Bündnisses mit dem Dritten Reich, eine größere Rolle. Ganz anders der Nationalsozialismus: In seinem Zentrum steht nichts anderes als eine biologisch-rassistische Welterlösung, der Kampf gegen eine angeblich an eine biologische Substanz gebundene Form des irdischen Teufels. Der totale Staat ist in diesem Weltbild nur Mittel zur biologischen „Reinigung“ der Welt, niemals Selbstzweck, und der Imperialismus letztlich unvermeidlich: Denn der Teufel muss eben überall bekämpft werden. Im Faschismus ist der „neue Mensch“ somit etwas Seelisches und durchaus Begrenztes, im Nationalsozialismus etwas Materiell-Biologisches und Unersättliches. Diese Unterschiede erscheinen mir als so gravierend, dass - Sie ahnen es - mir die Bezeichnung „Radikalfaschismus“ unglücklich erscheint, auch wenn wir in der Bestimmung der Spezifität des Nationalsozialismus ganz dicht beieinander zu liegen scheinen. Wie stehen Sie zu der - natürlich wenig originellen - These, dass der Nationalsozialismus eben aufgrund seiner herausgehobenen Spezifität vom Typus des „originären“ Faschismus auch begrifflich stärker unterschieden werden sollte?

Sobich: Ich will zunächst etwas über den politischen Pfeffer, der in unserer Debatte steckt, sagen, bevor ich Ihre Frage beantworte. Häufig wird der Faschismus-Begriff benutzt, von Nolte, aber auch von leninistisch inspirierten Autoren, um nicht über die Besonderheit des Nationalsozialismus zu reden, die Shoa wird so zur Randnotiz. Darum stellen sich vielen die Nackenhaare hoch, wenn umstandslos von Faschismus gesprochen wird, wo der Nationalsozialismus gemeint ist.
Es gibt das aber auch andersherum: Indem der NS als etwas ganz Besonderes herausgestellt wird, werden die Verbindungslinien zu konservativer und generell rechts-autoritärer Politik verdunkelt, und dies durchaus mit dem Ziel, aktuelle rechts-autoritäre Politik vom Geruch des Nationalsozialismus zu befreien und wieder hoffähig zu machen. Das ist nicht nur historisch nicht korrekt, sondern auch politisch gefährlich.

Deswegen ist die Debatte häufig so erregt, und alle, die sich äußern, sind immer in der Gefahr, Lob von der falschen Seite und falsche Kritik von der „richtigen“ Seite zu kriegen.

Woran wir hier herumlaborieren, ist die Frage, wie es begrifflich zu fassen ist, dass die Shoa singulär ist und nicht ein „Genozid“ unter vielen, dass sie die folgerichtige Konsequenz aus der nationalsozialistischen Ideologie war und kein Betriebsunfall und Kriegsnebenprodukt - und dass trotzdem diese nationalsozialistische Ideologie nicht aus dem politischen Denken des 19. und 20. Jahrhunderts herausfällt, sondern nur die systematische und radikale Zusammenfassung der Gang-und-Gäbe-Vorstellungen der politischen, anti-liberalen Rechten war. Der Nationalsozialismus ist meines Erachtens weder historisch als Ideologie und Herrschaftsform, noch aktuell als politisches Phänomen aus dem allgemeinen Kontext der politischen radikalen Rechten herauslösbar – und das ist viel bedrohlicher, als wenn es sich um einen bloßen Amoklauf vereinzelter verirrter völkischer Wirrköpfe gehandelt hätte.

Wenn wir Faschismus als Ideologie als Radikalisierung gängiger nationaler Integrationsvorstellungen hin zu dem kämpferischen Ideal einer widerspruchsfreien, korporativen, aber weiterhin kapitalistischen Gesellschaft definieren, dann ist der Nationalsozialismus eine faschistische Ideologie – das heißt keineswegs, dass damit alles über ihn gesagt ist. Über die Bundesrepublik Deutschland ist ja auch nicht alles gesagt, wenn wir sie als parlamentarische Demokratie bezeichnen.

Um Ihre Frage konkret zu beantworten: Für die konkrete historische oder politikwissenschaftliche Analyse ist es sinnvoll, von „Nationalsozialismus“ zu sprechen, und nicht von Faschismus, wo vom Nationalsozialismus die Rede ist, alles andere ist eher verwirrend. Das schließt aber nicht aus, den Nationalsozialismus als „radikalfaschistisch“ einzuordnen.

Dem, was sie ausgeführt haben, als Besonderheiten des nationalsozialistischen Weltbildes, kann ich weitgehend zustimmen, auch wenn ich Ihre These, dass der Rassismus im italienischen Faschismus zu Beginn keine Rolle gespielt hat, angesichts der anti-slawischen Polemik im Kampf um Triest, die der Beginn des Aufstiegs als politische Bewegung war, etwas fragwürdig finde. Fakt ist aber doch, dass der Welterlösungs- und Vernichtungsgedanke des NS seinen Ausgang vom beleidigten deutschen Nachkriegsnationalismus nahm, ebenso wie der italienische Faschismus nur die radikalste Äußerung der Enttäuschung des italienischen Nationalismus über Versailles war. Das ist eben nicht „ganz anders“, wie Sie es behauptet haben. Fakt ist doch, dass die italienischen Faschisten und die deutschen Nationalsozialisten vor 1944 ihre ideologische Verbundenheit nicht bestritten haben. Fakt ist doch auch, dass eine ganze Reihe von rechtsautoritären Bewegungen in West-, Nord- und Osteuropa zunächst den italienischen Faschismus als Modell sahen und sich in den 1930er Jahren ideologisch dem Nationalsozialismus näherten, auch in Sachen Antisemitismus. Was nichts daran ändert, dass die Vernichtung der europäischen Juden ein deutsches Projekt war, und eben kein ungarisches, rumänisches, norwegisches oder belgisches.

Um es mal salopp zu sagen: Für viele Faschisten war der Nationalsozialismus eine stimmige, wenn auch manchmal etwas sehr radikale Konsequenz ihres eigenen Denkens und so haben sie es auch gesehen.

Ich stimme Ihnen ja zu, dass italienische Faschisten und deutsche Nationalsozialisten zunächst Unterschiedliches meinten, wenn sie von „Nation“ redeten, nämlich einmal eher den Staat und einmal das „Volk“, verstanden als ständisch gegliederter Organismus. Nur: auch der italienische Faschismus war keine inhaltsleere Begeisterung für den Staat an sich, sondern für ein politisches Programm, das dieser umsetzen sollte, und der Nationalsozialismus hat bei aller Polemik gegen Staatsvergötzung und das „Mechanische“ und „Künstliche“ des Staates daran festgehalten, dass der Staat wichtiges, sogar wichtigstes Mittel zum Zweck sei.

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Kommentare(9)

J. Maberhas Sonntag, 12.Juni 2011, 08:00 Uhr:
Die "Geschichtswissenschaft" Sobichs, der nach eigener Aussage "politisch gefährliche" Ideen bekämpfen will, erinnert mich eher an Theologie: Es geht ja ganz offensichtlich nicht um die Beschreibung der Vergangenheit, sondern um deren Konstruktion zur Untermauerung von politischem Aktivismus in der Gegenwart.
 
Stefan Jahnel Sonntag, 12.Juni 2011, 13:25 Uhr:
Ich hoffe, dass in Teil II auch Bezug genommen wird zum doch unterschiedlichen Staatsaufbau. Faschistische Staatsideen sind ja durchaus auf Wahlen gegründet, wenn auch ohne Parteien, der Nationalsozialismus will die Idee der Wahl jedoch eigentlich komplett eliminieren, hat damit in meinen Augen dann eher ein Nähe zu einer (Militär)diktatur. Das kann man mit Extremfaschismus dann wohl kaum noch beschreiben, wohl eher mit einer extremmilitarisierten Gesellschaft.
 
R.M. Sonntag, 12.Juni 2011, 15:34 Uhr:
An #1: Ja, das gibt er auch noch unumwunden zu.
Die Shoa würde eben nicht zur „Randnotiz“, sondern bekäme die historische Rolle, die sie verdient. Aber eben das soll ja verhindert werden, weil es sich dann nicht mehr als politische Waffe gegen konservative eignet. Er sagt ja in der letzten Antwort eindeutig was er möchte: Die Verknüpfung von Rechten mit dem (metaphysisch überhöhten) Begriff des Holocausts, ergo: den politischen Tod der Rechten.
Dass solche akademischen Proleten hier ihr ideologisch aufgeladenenes Geschichtsbild repetieren dürfen ist schon merkwürdig.
 
Xberg Sonntag, 12.Juni 2011, 16:35 Uhr:
Immer, wenn soetwas alle Jubelmonate einmal auf dieser Jammerseite erscheint, hat man das Gefühl, daß ein UFO gelandet ist... vergebliche Liebesmüh!
 
Schwab Sonntag, 12.Juni 2011, 18:29 Uhr:
@R.M.

Es ist doch interessant, daß sich dt. Rechtskonservative und Zionisten wie Steev Sternhell darin einig sind, daß Hitler k e i n Faschist war! Natürlich sind die Motive verschieden. Die einen, dt. Rechtskonservative (Mohler, Weißmann, Zitelmann u. a.), wollen Hitler nach links schieben, die anderen, die Zionisten, pflegen die Einzigartigkeit der an ihrer ethnischen Gruppe begangenen Verbrechen.

Für den Faschismusbegriff selbst ist der "Holocaust" nicht ausschlaggebend. Der dt. Rassenantisemitismus (der Jude sei aufgrund seiner Herkunft unabänderlich schuld) ist eine dt. Sonderform, die in der willkürlichen Verknüpfung von dt. Tradition der Abstammungsgemeinschaft und Dämonisierung der Juden (Hitler u. a.) liegt.

Aber deshalb sind doch die Herrschaftsmethode und die Strategie der Gewinnung von staatlicher Herrschaft - Allianz aus faschistischer Massenbewegung mit Großbürgertum - ähnlich bei allen faschistischen Systemen.

Ernst Nolte hat mit seinem kausalen Nexus insofern Recht, daß die Machtergreifung (in Wirklichkeit Machtübertragung durch die bürgerlichen und konservativen Eliten in Italien wie in Deutschland) faschistischer Parteien ohne die für das Bürgertum vorhandene Bedrohungslage durch den Bolschewismus nicht möglich gewesen wäre. Die Oktoberrevolution von 1917 in Rußland ist der Ausgangspunkt, auf den die faschistischen Parteien, Bewegungen und Führer reagiert hatten (in sofern stimmt Ernst Nolte mit der Geschichtsdeutung der Marxisten-Leninisten überein. Nur das Nolte den Faschisten Verständnis entgegenbringt, die „Junge Welt“ nicht).

Allerdings beschränkten sich die Ideologien dieser Bewegungen keinesfalls in Anti-Kommunismus. Faschistische Bewegungen und Parteien vertraten damals zum Teil "stinknormale" nationale Positionen, die alle Nationalisten, Nationalkonservativen, Patrioten usw. vertraten und vertreten: Souveräner Nationalstaat, weitgehend homogenes Volk, Nationalbewußtsein, usw. Deshalb behauptet die dt. Antifa heute: alle dt. Nationalisten seien "Faschisten", während die linken dt. Antiimps ungeniert mit allen möglichen Nationalisten in der sogenannten Dritten Welt und in Schwellenländern sympathisieren und zusammenarbeiten. Letzten Sonntag gewann in Peru der Nationalist Humala die Stichwahl bei der Präsidentenwahl - der Beifall in der "Jungen Welt" war ihm sicher.

@Brodkorb
@Sobich

Sowohl Mussolini als auch Hitler waren Etatisten der Praxis. Nur Mussolini war als Staatsphilosoph auch Etatist in der Theorie bzw. als Buchautor. Hitler, staatsphilosophisch kaum begabt, stellte als Redner und Autor das Volk in den Mittelpunkt, in der Regierungspraxis war auch er Etatist. Etatismus ist unvermeidbar beim Ziel der Volksgemeinschaft, vor allem da Faschisten eine soziale Revolution auf gesellschaftlicher Ebene ablehnen. Wie sonst - außer mit Etatismus - könnten die heterogenen Teile der Gesellschaft zu einem Ganzen zusammengefaßt werden?
 
J. Maberhas Sonntag, 12.Juni 2011, 18:29 Uhr:
@R.M.
"Dass solche akademischen Proleten hier ihr ideologisch aufgeladenenes Geschichtsbild repetieren dürfen ist schon merkwürdig."

Ich finde das überhaupt nicht merkwürdig. Geschichspolitik, die vorgibt Geschichtswissenschaft zu sein, ist an Universitäten groß in Mode, nicht nur was deutsche Geschichte angeht. Wer etwas auf sich hält, macht heute in "Postcolonial Studies" oder "Critical Whiteness" und konstruiert Geschichtsbilder, die seinen jeweiligen Aktivismus und üppig strömende Fördergelder legitimieren sollen.

Im Historikerstreit ging es übrigens nicht um die "Singularität von Auschwitz", zu der sich Nolte zunächst überhaupt nicht geäußert hat und sie auch später nicht bestritt, sondern in erster Linie um den Versuch einer Machtdemonstration jener, die moralistische Unterstellungen für wissenschaftliche Argumentation halten.
 
Daniel D Montag, 13.Juni 2011, 00:54 Uhr:
Ich finde es bedauerlich, dass bei solchen Diskussionen meist der Fall des japanischen Kaiserreiches nicht berücksichtigt wird. Insbesondere die italienisch-japanischen Beziehungen innerhalb der Achse sind von der Forschung noch unzureichend bearbeitet.

@Schwab
Die marxistisch-leninistische Faschismusdeutung beschreibt den Faschismus als extreme Ausformung, rassistischer und imperialistischer Tendenzen, die aus der Entwicklung des Kapitalismus folgen und nicht als Reaktion auf die Oktoberrevolution. Die Gegnerschaft zwischen Kommunismus und Faschismus als soziales Verhältnis ist daher nur eine Erscheinungsform des Klassengegensatzes zwischen der Bourgeoisie (Kapital) und dem Proletariat (Arbeit) in einer bestimmten Entwicklungsphase des Kapitalismus.
Ernst Nolte sieht im Faschismus dagegen den Versuch einiger europäischer Staaten nach dem WKI einen dritte Entwicklungsweg zwischen der kapitalistischen USA und der kommunistischen SU einzuschlagen und so den Weltherrschaftsanspruch dieser beiden aufsteigenden Großmächte herauszufordern.
 
Karl_Murx Montag, 13.Juni 2011, 16:07 Uhr:
@R.M.:
"An #1: Ja, das gibt er auch noch unumwunden zu.
Die Shoa würde eben nicht zur „Randnotiz“, sondern bekäme die historische Rolle, die sie verdient. Aber eben das soll ja verhindert werden, weil es sich dann nicht mehr als politische Waffe gegen konservative eignet. Er sagt ja in der letzten Antwort eindeutig was er möchte: Die Verknüpfung von Rechten mit dem (metaphysisch überhöhten) Begriff des Holocausts, ergo: den politischen Tod der Rechten.
Dass solche akademischen Proleten hier ihr ideologisch aufgeladenenes Geschichtsbild repetieren dürfen ist schon merkwürdig."

Nicht merkwürdig, sondern folgerichtig. Nach ihrem langen Marsch durch die Institutionen sitzen inzwischen erschreckend viele studierte Scharlatane an einheimischen Hochschulen, die ihre Berufung nicht fachlichen Leistungen, sondern der richtigen (linken) Gesinnung verdanken. Die sollen dieser ideologisch motivierten systematischen Geschichtsklitterung, gemäß der die ganze deutsche Geschichte ein gerader Weg zu Auschwitz sei und den Deutschen ein Antisemitismus- und Nazismusgen praktisch in den Genen liege, akademische Weihen verleihen.

(Zitat Sobich):
"Dass der Nationalsozialismus ein spezifisch deutsches Phänomen ist, aber Teil einer europaweiten, ja sogar weltweiten rechtsradikalen Bewegung war, ist meines Erachtens ebenso unbestreitbar, wie dass der Nationalsozialismus in vielfacher Hinsicht konservative, rechtsautoritäre und faschistische Vorstellungen und Konzepte radikalisiert hat. Nolte nutzt solche Überlegungen, um den nationalsozialistischen Antisemitismus kleinzureden und ihn als projektiv-antikommunistische Antwort auf den Stalinismus eigentlich zu entschuldigen. Das finde ich politisch gefährlich, inhaltlich falsch und wissenschaftlich unhaltbar."

Verständlich: Würde damit doch das ideologische Axiom wanken, der Nationalsozialismus, als deutsche Spielform des Faschismus, wie auch der Holocaust wären singulär in der Menschheitsgeschichte und nur bei den pöhsen Deutschen möglich gewesen.

Zitat Sobich:
"Der Nationalsozialismus ist aber mehr als eine beliebige nationale Variante, sondern wirklich eine qualitative Radikalisierung in Ideologie und Praxis. Alle faschistischen Bewegungen wollen eine starke Nation, ohne innere Konflikte und Kämpfe – aber der Nationalsozialismus sah in einem harmonischen Zusammenwirken aller Mitglieder der Gesellschaft die natürliche Ordnung und jede Störung als Ausdruck von Krankheit und Zersetzung. Und nur der Nationalsozialismus ist auf die Idee gekommen, hinter der angeblichen inneren Zerrissenheit einen teuflischen Plan einer weltumspannenden Macht zu imaginieren, die als Ziel die Vernichtung des deutschen Volkes habe."

Ach wirklich? Man ersetze den Begriff "Rasse" durch "Klasse", und man landet direkt beim Bolschewismus. Was macht es für einen Unterschied, ob ganze Bevölkerungsschichten nicht auf Grund ihrer rassischen, sondern ihrer klassenmäßig definierten Zugehörigkeit systematisch eliminiert und ausgerottet werden. So geschehen bei der als "kapitalistisch" definierten Klasse, besonders aber bei der Schimäre "Kulakentum", wo jeder Bauer, der ein paar Kühe und Schafe mehr hatte als die anderen, als "auszurottendes" Element eingestuft wurde.

"Viele faschistische Bewegungen haben die Welt als einen Kampfplatz von Völkern um „Lebensraum“ und natürliche Reichtümer gesehen – aber nur der Nationalsozialismus sah das eigene Volk von der biologischen Vernichtung bedroht und sich damit zu jeder Gewalttätigkeit legitimiert."

Ebenfalls eine ideologisch motivierte und historisch nicht haltbare Behauptung. Wie steht es mit der weltweiten kapitalistischen Verschwörung gegen den "Staat der Werktätigen" und dem allüberall vorhandenen Wühlen des "Klassenfeindes", das zum permanenten Ausnahmezustand und zur Mißachtung jedes verfassungsmäßigen und Menschenrechts motiviere, genauso wie zu jeder Art von Gewaltanwendung, weil das ja der Erhaltung des Kollektivs dienlich sei?

"Der Antisemitismus ist nicht eine einfache Zutat zum „normalen“ Faschismus, sondern prägt den Nationalsozialismus in allen Facetten und Bereichen und führt zur Radikalisierung."

Sobich führt uns diese obligatorische Dauerbehauptung linker Provenienz wie üblich ungeprüft und unreflektiert als Tatsache auf, ist aber nicht in der Lage zu erklären, wieso andere eindeutig faschistische Regimes wie das italienische erst nach dem deutschen Einmarsch auf deutsches Verlangen hin zur Judenverfolgung übergingen. Außerdem muß er den starken Antisemitismus in europäischen Nationen wie Frankreich und Rußland ignorieren. Die Dreyfuss-Affäre wie auch zahlreiche heute noch in allen Ehren stehende französische Schriftsteller, Lyriker und Intellektuelle der Vergangenheit, die eingefleischte Antisemiten waren, fällt dabei ebenfalls unter den Tisch, genauso wie die zahlreichen Pogrome im zaristischen Rußland.

Der Antisemitismus in Deutschland vor 1933 war nicht stärker als in anderen europäischen Ländern. Er war tendenziell sogar schwächer, da es in Deutschland zum einen bereits seit den Zeiten Friedrichs des II. ("Jeder soll nach seiner Fassons selig werden") eine Emanzipations- und Gleichberechtigungspolitik gegeben hatte, die auch in späteren Zeiten durch eine aufgeklärte Bürokratie fortgesetzt und vertieft wurde, so daß die Juden nach und nach gleichberechtigte deutsche Staatsbürger wurden. Zum anderen hatten sich die meisten Juden in Deutschland assimiliert. Der Mainstream unter ihnen sah sich nicht primär als Juden, sondern als Deutsche jüdischen Glaubens. Ein Großteil der Juden war mit nichtjüdischen Partnern verheiratet. Viele Juden hatte im 1. Weltkrieg im kaiserlichen Heer mit gekämpft und identifizierten sich mit den Werten und Zielen des Deutschen Reichs. Außerdem bewirkte der soziale Anpassungs- und Ausleseprozeß der Vergangenheit, daß ein überdurchschnittlich hoher Anteil der jüdischen Bevölkerung den höheren bzw. den bürgerlichen Schichten angehörten und sozial anerkannte Berufe wie Arzt oder Rechtsanwalt ausübten. In diesen Schichten sind entsprechende antijüdische Ressentiments allgemein viel weniger vertreten.

Wer also ein objektives historisches Bild des Faschismus zeichnen will, der wird um die Tatsache nicht umhinkönnen, daß der nationalsozialistische Antisemitismus nicht, wie von Sobich behauptet, einzigartig und spezifisch deutsch war, sondern daß die Juden in deutschen Faschismus lediglich ein im Grunde austauschbares Objekt waren, auf das man seinen Haß und seine Aggressivität lenken konnte, so wie das in anderen totalitären Regimes mit anderen Bevölkerungsgruppen praktiziert wurde.

Mit anderen Worten: Hätte es die Juden in Deutschland nicht gegeben, hätte man sie erfinden müssen. Möglicherweise hätten sie dann aber anders geheißen.
 
Karl_Murx Montag, 13.Juni 2011, 16:39 Uhr:
@J. Maberhas:
"Ich finde das überhaupt nicht merkwürdig. Geschichspolitik, die vorgibt Geschichtswissenschaft zu sein, ist an Universitäten groß in Mode, nicht nur was deutsche Geschichte angeht. Wer etwas auf sich hält, macht heute in "Postcolonial Studies" oder "Critical Whiteness" und konstruiert Geschichtsbilder, die seinen jeweiligen Aktivismus und üppig strömende Fördergelder legitimieren sollen."

Exakt. Mangelnde eigene Kreativität und fachliches Können, in Kombination mit einer gehörigen Dosis Skrupellosigkeit, haben heute zu der Modeerscheinung "Vergangenheitsbewältigung" geführt, wo historische Ereignisse, die im Grunde ausreichend und umfassend erforscht sind, im eigenen (bzw. den Intentionen der Bewilliger besagter Fördergelder entsprechenden) Sinne neu entdeckt werden und in einer Art Bilderstürmerei diese Ereignisse, meist die gesamte deutsche Vergangenheit gleich mit, in den düstersten Farben und als durch und durch verderbt dargestellt werden.

Das betrifft auch und vor allem das Phänomen des Nationalsozialismus und die Zeit von 1933-45, die im Grunde bereits in den 60er Jahren, als man einen gewissen Abstand zu diesen Dingen hatte, von Leute wie Joachim C. Fest (in seinem Werk "Hitler") und später auch von britischen Historikern in den richtigen historischen Kontext gebracht wurden. Dort wurde umfassend auf alle sozialpsychologischen und historischen Aspekte der Deutschen eingegangen, die zum Aufstieg von Hitler und der NSDAP sowie dem Untergang der Weimarer Demokratie führten. Auch in den darauf folgenden Zeiten konnten, von einigen erst spät bekannt gewordenen historischen Fakten und Dokumenten abgesehen, keine wesentlichen neuen Aspekte dazu gefunden werden.

Nachdem aber die 68er in ihrem Aufstand gegen die Generation der Väter den Marsch durch die Institutionen vollenden konnten, machte sich an den deutschen Hochschulen zunehmend eine ideologisch motivierte Geschichtsinterpretation breit, der es weniger um Historizität und die richtige Einordnung der Geschehnisse in den historischen Kontext, sondern vielmehr um die Bestätigung des eigenen Weltbildes meist linker Provenienz ging. In deren Folge kam es mehr und mehr zu einer allgemeinen Umdeutung der deutschen Geschichte, nicht nur der Periode zwischen 1933-45, sondern vielmehr der gesamten deutschen Historie von Anbeginn an. In dieser a posteriori-Geschichtsklitterung wurden nach und nach alle Protagonisten wie auch alle historischen Geschehnisse und Abläufe in einem immer düsteren und negativeren Licht gezeichnet. Mehr und mehr setzte sich die Chimäre durch, die gesamte deutsche Geschichte sei im Grund ein einziger und direkter Weg zu den Gaskammern in Auschwitz, und die Deutschen hätten sich mit dem Holocaust ihrer Existenzberechtigung beraubt.

Auf Grund dieser ideologischen Prämisse, die mit zunehmender Ausbreitung immer weniger hinterfragt wurde, sondern kritiklos geglaubt zu werden hatte, wurden letzten Endes die gesamte Selbstwahrnehmung und Selbstinterpretaton der deutschen Geschichte aufgebaut. Mit dem Abtreten der alten und der Etablierung der jüngeren Generation, die in diesem Sinne erzogen wurde, nahm auch das Bewußtsein dafür ab, daß Deutschland weder das aggressive, militaristische Staatswesen ist, welches es im Zerrspiegel der 68er zu sein hat, noch daß die Behauptung, die Deutschen hätten auf Grund des Holocausts kein Recht mehr auf Wahrnehmung der eigenen legitimen Interessen wie auch der Aufrechterhaltung der eigenen nationalen Identität, historisch nicht begründbar ist.

Das Ergebnis sieht man bei Debatten um aktuelle politische Dinge, seien es der Einsatz des Bundeswehr im Ausland auf Drängen der USA, sei es das Recht, die deutsche Sprache, Identität und Lebensweise gegenüber der von Migranten aufrechterhalten und einfordern zu dürfen, seien es der Einfluß in europäischen und internationalen Gremien und und und.

"Im Historikerstreit ging es übrigens nicht um die "Singularität von Auschwitz", zu der sich Nolte zunächst überhaupt nicht geäußert hat und sie auch später nicht bestritt, sondern in erster Linie um den Versuch einer Machtdemonstration jener, die moralistische Unterstellungen für wissenschaftliche Argumentation halten."

Was zu beweisen war.
 

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