von Elmar Vieregge
   

Fanprojekt von „Rot-Weiss Essen“ zeigt Neonazi-Dokumentation nach Gewaltandrohungen

Als am 22. November in der „Assindia“-Lounge des neu gebauten „Stadion Essen“ der auf der Arbeit des Journalisten Thomas Kuban beruhende Dokumentarfilm „Blut muss fliessen – Undercover unter Nazis“ gezeigt wurde, erfolgte dies unter einer ungewöhnlichen großen öffentlichen Anteilnahme. Die Ursache dafür lag darin, dass eine bereits im Vormonat geplante Vorführung durch offensichtlich rechtsgesinnte Hooligans verhindert worden war. Ein Gastbeitrag.

Fankurve Rot-Weiss Essen (Foto: SurfGuard)

Der unter der Regie von Peter Ohlendorf entstandene Film bezieht sich auf ein 2012 unter dem gleichen Namen erschienenes Buch Kubans. Dieser hatte zuvor unter einem hohen persönlichen Risiko langjährige Recherchen innerhalb der rechtsextremistischen Musikszene durchgeführt und verdeckt aufgezeichnete Konzertmitschnitte angefertigt. Ohlendorfs Werk beruht auf diesen Aufnahmen, analysiert aber keine rechtsextremistischen Aktivitäten im Fußball. Sein Film sollte ursprünglich am 16. Oktober vom bei der „Arbeiterwohlfahrt“ betriebenen AWO-Fanprojekt in Zusammenarbeit mit dem Bündnis „Essen stellt sich quer“ präsentiert werden. Kurz vor dem Beginn tauchten jedoch etwa 20 Personen im „Melches-Hütte“ genannten Veranstaltungscontainer auf. Die der Hooligan-Szene zugerechneten Personen bedrohten die geplante Vorführung massiv und erzwangen dadurch deren Absage. Dies erregte eine starke Aufmerksamkeit der regionalen Medien. Zudem veröffentlichte „Rot-Weiss Essen“ umgehend eine Erklärung, in der sich der Club als „weltanschaulich neutraler Verein … gegen jede Form von Diskriminierung“ stellte und sich von „rechten Drohgebärden“ distanzierte.

Am 22. November wurde der Film schließlich unter Absicherung von Ordnern und der im Stadionvorfeld mit Streifenwagen präsenten Polizei in der weit komfortableren Stadion-Lounge aufgeführt. Dazu fanden sich nicht nur die Spieler der ersten Mannschaft des Vereins ein, sondern auch ca. 500 von der Presse als RWE-Fans bezeichnete Zuschauer. Tatsächlich erweckte aber vom äußeren Anschein her nur eine Minderheit den Eindruck, zur Fanszene zu gehören. Vielmehr schien es sich bei der Mehrheit der Anwesenden um Personen aus diversen politischen Zusammenhängen zu handeln. Nachdem den Veranstaltern die Anwesenheit einer Person gewahr wurde, die Kleidung der einst bei Rechtsextremisten beliebten und deshalb umstrittenen Marke „Thor Steinar“ trug, wiesen sie die Zuschauer auf dessen Anwesenheit hin. Zwar befanden sich mindestens vier weitere Kunden des Textilherstellers im Veranstaltungsraum, doch verhielten sie sich unauffällig und waren weder während der Vorführung als auch der daran anschließenden Diskussion auszumachen.

Die erfolgreiche Durchführung des Abends bewirkte, dass die Verhinderer der ursprünglichen Veranstaltung das Gegenteil ihrer Absicht erreichten, da ihre Gewaltandrohung die Vorführung nur verschoben, jedoch nicht verhindert hat. Sie förderten stattdessen die Aufmerksamkeit für den Film, was zur Zusammenkunft einer weit größeren Zuschauermenge führte. Der Verein „Rot-Weiss Essen“ hat sich durch sein Verhalten deutlich gegen rechtsextremistische Bestrebungen positioniert. Gegenüber Fans, die aufgrund des mangelnden Bezugs der Dokumentation zum Fußball eine unangemessene Politisierung bemängeln, kann das Fanprojekt unter Hinweis auf die Bedrohung vom 16. Oktober argumentieren, dass eine generelle Thematisierung des Rechtsextremismus angemessen und notwendig ist.

Manch ein Fußballanhänger mag sich dennoch fragen, ob das AWO-Fanprojekt aus fußballerischer Sicht bei der Wahl seiner Kooperationspartner nicht zu unkritisch ist. So präsentierte es den Film in Zusammenarbeit mit dem Bündnis „Essen stellt sich quer“, das als Reaktion auf rechtsextremistische Aufmärsche in der Stadt entstanden ist. Seine Internetpräsenz enthält jedoch auch Banner von Organisationen wie der „Roten Antifa Essen“. Ein Klick auf dieses führt wiederum direkt zur Homepage der „Roten Antifa NRW“. Diese gibt in einer mit einem Lenin-Bild versehenen Beschreibung ihres Selbstverständnisses an, gegen das „herrschende System“ kämpfen und auf dessen „revolutionäres Überwinden“ hinarbeiten zu wollen. Dadurch ergibt sich ein Widerspruch zur Selbstbeschreibung von RWE als „weltanschaulich neutraler Verein“. Unabhängig davon bleibt es das Verdienst des Fanprojektes, auf Aktivitäten rechtsgerichteter Hooligans im deutschen Fußball hingewiesen zu haben.

Foto: SurfGuard, Lizenz: CC

Kommentare(7)

Max Adelmann Mittwoch, 04.Dezember 2013, 22:11 Uhr:
Teil 1:
Hallo Endstation Rechts!
In dem Bericht Eures Gastautors Elmar Vieregge wird einiges erwähnt was der Klarstellung bzw. Richtigstellung bedarf.

Der Autor spricht von ca. 500 Zuschauern denen lediglich eine Minderheit „vom äußeren Anschein“ her den Eindruck erweckte Fans von Rot-Weiss Essen zu sein. Bei der Mehrheit der Anwesenden „schien“ es sich um „Personen aus diversen politischen Zusammenhängen“ zu handeln.
Diese Einschätzung wird von „Essen stellt sich quer“ nicht geteilt. Unserer Meinung nach gehörten rund vier Fünftel der Anwesenden zum Verein Rot-Weiss Essen, seinem Umfeld und seinen Fans. Was diese „Einteilung“ überhaupt bezwecken soll bleibt im Fortgang des Artikels unklar.

Der Autor geht weiterhin davon aus, dass Kleidung der Marke Thor-Steinar „einst bei Rechtsextremisten beliebt war“.
Diese Einschätzung teilt eigentlich außer dem Autor wohl niemand. Nach wie vor ist die Marke bei Neonazis beliebt und wird getragen. Die Marke wird wohl auch ihr Image ändern solange in der Presseabteilung von Thor-Steinar NPD-Aktivisten das „Sagen“ haben.

Im letzten Absatz bemängelt der Autor Vieregge das das AWO-Fanprojekt „aus fußballerischer Sicht bei der Wahl seiner Kooperationspartner… zu unkritisch ist.“
Bemängelt wird dann vom Autor das sich auf der Homepage von „Essen stellt sich quer“ ein Banner der „Roten Antifa Essen“ befindet, welches auf die „Rote Antifa NRW“ verlinkt.
 
Max Adelmann Mittwoch, 04.Dezember 2013, 22:12 Uhr:
Teil 2:
Dort sei im Selbstverständnis der „Roten Antifa“ nicht nur ein Lenin-Bild zu sehen, sondern der Autor zitiert auch Satzfetzen wie „gegen das „herrschende System“ kämpfen und auf dessen „revolutionäres Überwinden“ hinarbeiten zu wollen.“ Dadurch ergäbe „sich ein Widerspruch zur Selbstbeschreibung von RWE als „weltanschaulich neutraler Verein““.
Dazu erklärt „Essen stellt sich quer“ das wir es noch nie als notwendig empfunden haben bei irgendeiner Organisation unseres Bündnisses in deren Selbstverständnis hineinzureden. Wir tun dies weder bei Bündnis 90 – Die Grünen, noch bei der SPD oder dem Essener Friedensforum (um nur Beispiele zu benennen), also auch nicht bei der „Roten Antifa“. Wichtig für die Mitarbeit in unserem Bündnis ist die Akzeptanz des Selbstverständnisses von „Essen stellt sich quer“ und dem vorhandenen Aktionskonsens (friedlich, gewaltfrei). Solange dies bei unseren Aktionen gewährleistet ist, gibt es keine Diskussion. Wir, das Bündnis „Essen stellt sich quer“ lassen uns in unserer Arbeit gegen Rassismus und Rechtsradikalismus nicht auseinanderdividieren. Weder von einer Extremismustheorie, noch von der Polizei, noch von einem Herrn Vieregge.
(Zu unserem Selbstverständnis siehe unsere Homepage unterm Titel. Die Werbebanner sind eigentlich nicht so wichtig wie Herr Vieregge meint.)
Teil 3 folgt
 
Max Adelmann Mittwoch, 04.Dezember 2013, 22:14 Uhr:
Teil 3:
Den Seitenhieb gegen den Verein Rot-Weiss Essen hätte sich Herr Vieregge ebenfalls sparen können, da die Veranstaltung am 22.11. von RWE und dem Stadioneigentümer GVE verantwortet war und nicht vom „AWO-Fanprojekt“ oder „Essen stellt sich quer“.

Zum letzten Satz:
„Unabhängig davon bleibt es das Verdienst des Fanprojektes, auf Aktivitäten rechtsgerichteter Hooligans im deutschen Fußball hingewiesen zu haben.“ Erklärt „Essen stellt sich quer“ das sich im Gegenteil das AWO-Fanprojekt recht bedeckt hält und die Presseveröffentlichungen zu diesem Fall vor allem durch Äußerungen des Bündnisses „Essen stellt sich quer“ veranlasst wurden. Des Weiteren werden die Ermittlungen der Polizei durch das AWO-Fanprojekt behindert in dem dort bekannte Mitglieder der „Alten Garde Essen Sport Frei“ die die Filmvorführung am 16. Oktober 2013 verhinderten, nicht bei der Polizei benannt werden obwohl dies Straftäter sind. Die Polizei ermittelt wegen Landfriedensbruch, Nötigung und Bedrohung. Dies stellt insgesamt betrachtet eine äußerst unbefriedigende Lage sowohl für die ermittelnde Polizei, für den Verein Rot-Weiss Essen als ideell geschädigten und auch „Essen stellt sich quer“ als Anzeigesteller dar. Das AWO-Fanprojekt erweckt damit den Eindruck Straftäter zu decken und trotz allgemein negativer Erfahrungen mit akzeptierender Jugendarbeit die eigene Arbeit aufrechtzuerhalten statt offensiv mit Problembereichen in der Fangemeinschaft von Rot-Weiss Essen umzugehen
Teil 4 folgt
 
Max Adelmann Mittwoch, 04.Dezember 2013, 22:15 Uhr:
Teil 4:
Allen Wohl und niemand weh? Dieser Ansatz wird seit Jahren nicht mehr von der Fachwelt akzeptiert. Das sollte auch das AWO-Fanprojekt Essen bemerkt haben, wo es doch nun selbst Opfer einer Straftat wurde. Auch diese Umstände hat der Gastautor Vieregge nicht bemerkt – schade.
info@essen-stellt-sich-quer.de
 
Walter Wandtke Mittwoch, 04.Dezember 2013, 23:31 Uhr:
Ich denke, man kann den Anspruch auf politische Neutralität hier auch übertreiben. Bei "Essen stellt sich quer" haben sich immerhin Organsiationen zu gemeinsamen Aktionen gegen Rechts zusammengefunden, die über die GRÜNEN, die Linke, Jusos , Falken und anderen allerdings auch weiter Links stehende Gruppen nicht ausschließen. Dass hier etwa auch gewaltbereite Gruppen in Essen mit Boot wären, kann ich von meinem Kenntnisstand aber ausschließen. Es wäre sicherlich auch interessant und gut gewesen, wir hätten in diese Aktionswochen gegen Rechts auch die örtliche CDU mit integrieren können. Bei gemeinsamen Aktionen gegen NPD Aufmärsche z.B. in Essen-Katernberg, haben wir es in unserer Stadt immerhin schon hinbekommen, dass auf gleicher Bühne u.a. DKP`ler und CDU Ratsfrauen aufgetreten sind.
 
Roichi Donnerstag, 05.Dezember 2013, 10:28 Uhr:
@ Max

Ich habe das Gefühl, der Herr Vieregge ist, was Fußball angeht einfach der falsche Ansprechpartner. Leider.
Danke für den Kommentar.
 
Elmar Vieregge Montag, 09.Dezember 2013, 19:11 Uhr:
Guten Tag Herr Adelmann,

1. Sie haben sich über dem Zweck der "Einteilung" der Zuschauer gewundert. Der Hintegrund ist simpel - sie diente der Beschreibung der Veranstaltung. Was die Einschätzung betrifft, divergieren von verschiedenen Personen dem äußeren Anschein nach getätigte Schätzungen naturgemäß.

2. Ihre Kritik an meiner Aussage, nach der Thor Steinar "einst bei Rechtsextremisten beliebt" war, ist berechtigt. Die Marke entstand in den 1990ern, entwickelte sich zu einer sehr beliebten Marke der rechtsextremistischen Szene und prägte deren Kleidungsstil nachhaltig. Allerdings büßte die Marke nach ihrem Verkauf an einen arabischen Investor, aufgrund der rassistischen Grundhaltung der Szene, stark an Beliebtheit ein. Dennoch wird sie auch heute noch von Rechtsextremisten getragen - wenngleich in einem geringeren Maß. Demnach war meine in einem Nebensatz getätigte Äußerung in dieser Form unzutreffend. Für Ihren Hinweis bedanke ich mich.

3. Aus ihrem Teil 3 lese ich, dass sie Differenzen mit dem AWO-Fanprojekt hinsichtlich der strafrechtlichen Aufarbeitung haben. In diese Sache bin ich nicht involviert.

4. In Ihrem Teil 4 sehen sie offenbar eine unangemessene Bewertung der Straftat auch durch meine Person. Mir ist vollkommen klar, dass das Fanprojekt und seine Besucher Opfer durch Bedrohung und Nötigung wurden. Zudem schädigte die Straftat das Ansehen von RWE. Ich denke dass meine Verurteilung der Tat in meinem Artikels deutlich wird.
 

Die Diskussion wurde geschlossen