Fallstudien zur Historie des bundesdeutschen Rechtsextremismus

Der Historiker Niklas Krawinkel legt eine ungewöhnliche Studie vor: „Rechter ‚Rand‘ und demokratische ‚Mitte‘“, worin anhand von vier Fallstudien der Kontext im bundesdeutschen Rechtsextremismus thematisiert wird.

Dienstag, 21. April 2026
Armin Pfahl-Traughber
Buchcover: „Rechter ‚Rand‘ und demokratische ‚Mitte‘“
Buchcover: „Rechter ‚Rand‘ und demokratische ‚Mitte‘“

Mittlerweile beschäftigen sich auch jüngere Historiker intensiver mit dem bundesdeutschen Rechtsextremismus, war dies doch lange eine Domäne der Sozialwissenschaftler. Daher erschienen einige neuere Bücher, die genauere Erkenntnisse präsentieren, welche sich wiederum aus Archivfunden stützen. So können viele Entwicklungen und Kontexte eine neue Zuordnung erfahren. Ein Beispiel dafür ist eine von Niklas Krawinkel vorgelegte Studie: „Rechter ‚Rand‘ und demokratische ‚Mitte‘. Radikalisierung und Legitimation extrem rechter Politik nach 1945“.

Eine derartige Betitelung lässt eine Gesamtbetrachtung erwarten, was aber gerade nicht das Anliegen des Autors ist. Er präsentiert genau vier Fallstudien, die wiederum auf unterschiedliche Entwicklungsphasen der bundesdeutschen Geschichte bezogen sind. Dabei geht es um ein besonderes Anliegen, nämlich einen bestimmten Kontext, der zwischen der „sogenannten Mitte“ und der „extremen Rechten“ bestehe. Die damit angesprochene Beziehung soll für die Fallstudien das konkrete Thema sein.

Rudel, „Nation Europa“ und die „Wiking Jugend“

Der Autor blickt dabei auf vier Phänomene, einmal in den 1950er und 1960er Jahren, einmal in den 1970er und 1980er Jahren. Das ist durchaus ein ungewöhnlicher Ansatz, der auch analytisch interessante Erkenntnisse erwarten lässt. Worum geht es genau? Erstens gilt die Aufmerksamkeit einer Person, nämlich dem als Kriegsheld gefeierten Hans-Ulrich Rudel, der politisch aktiv in unterschiedlichen Kontexten der extremistischen Rechten wurde. Zweitens fällt der Blick auf „Nation Europa“ als rechtsextremistische Publikationsorgan, das bereits früh eine Europaperspektive für das gemeinte politische Lager populär machte.

Drittens steht die „Wiking-Jugend“ im Zentrum, handelte es sich doch um die damals bedeutendste Jugendorganisation im Rechtsextremismus. Und viertens richtet sich die Aufmerksamkeit auf den Frankfurter Raum, wo klandestine wie öffentlich wahrnehmbare rechtsextremistische Strukturen unterschiedlichsten Zuschnitts aktiv waren. Es geht also nicht um naheliegende Akteure wie die frühe NPD oder die neu entstandene Neonazi-Szene.

Diskurse aus den 1970er Jahren: „Ethnopluralismus“ und „Volkstod“

Bedeutsam war und ist aber auch das Geschehen in der damaligen zweiten Reihe, gerade hinsichtlich der Entwicklungen in späteren politischen Zusammenhängen. Als Beispiel mögen die Darstellungen zu „Nation Europa“ in den 1970er Jahren dienen. Bestimmte Diskurse der Gegenwart kamen dort seinerzeit auf, sei es der „Ethnopluralismus“ oder der „Volkstod“. Es gab auch eine strategische Anlehnung an damalige Protestbewegungen, etwa bei der gegen die Brandt-Regierung agierenden „Widerstand“-Bewegung.

Später knüpften Akteure des gemeinten politischen Lagers an solche Vorbilder an. Es geht darüber hinaus auch um öffentliche Affäre und Skandale, die Krawinkel anhand von Rudel veranschaulicht. So wurde er etwa in eine Bundeswehrkaserne eingeladen, obwohl es sich um einen öffentlich aktiven Rechtsextremisten handelte. Sein Besuch bei der Fußballnationalmannschaft ist indessen nur kurz ein Thema. Und so reiht sich historisches Detail an historisches Detail in den Fallstudien in der von Krawinkel vorgelegten Studie.

Darstellung anhand von historischen Quellen orientiert

Er beschreibt die konkrete Entwicklung anschaulich und breit, jeweils auf einschlägige Quellen gestützt. Darin liegen erkennbar die Stärken des Werkes. Sein Anliegen zum Kontext, der zwischen „sogenannter Mitte“ und „extremer Rechte“ gesehen wird, steht dabei nur kurz im Zentrum. Im Fazit geht es zwar um die einschlägigen Kategorien: Antisemitismus, Europa, Gesellschaft, Gewalt, Jugend und Rassismus. Dabei stellt sich aber auch die Frage, ob das Geschilderte gesellschaftlich repräsentativ ist.

Der eher sozialwissenschaftlich ausgerichtete Ansatz, der auch im gewählten Buchtitel anklingt, erfährt keine breitere Erörterung. Dass die beiden Bereiche nicht „klinisch“ getrennt werden können, versteht sich in der Gesamtschau von selbst. Allein der Blick auf die sozialwissenschaftliche Einstellungsforschung macht dies deutlich. Hierzu hätte es aber auch einer größeren Differenzierung in der Einschätzung bedurft. Diese kritische Anmerkung minimiert aber nicht die Forschungsleistung von Krawinkel für den behandelten historischen Zusammenhang.  Insofern ist seine Arbeit eine Bereicherung der Kenntnisse nicht nur über den historischen Rechtsextremismus. 

Niklas Krawinkel, Rechter „Rand“ und demokratische „Mitte“. Radikalisierung und Legitimation extrem rechter Politik nach 1945, Göttingen 2026 (Wallstein-Verlag), 460 S.,

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