„Ex-Neonazi“ nach Sprengstoff-Anschlag in Veddel festgenommen

Einen Tag nach der Explosion auf dem Hamburger S-Bahnhof im Stadtteil Veddel nahm die Polizei einen Tatverdächtigen fest. Der 51-Jährige ist verschiedenen Medienberichten zufolge kein unbeschriebenes Blatt: Vor 25 Jahren sei er zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt worden, da er gemeinsam mit einem weiteren Neonazi-Skinhead einen Mann totgeschlagen habe.

Am S-Bahnhof Veddel soll der Mann den Sprengsatz deponiert haben, Foto: Screenshot

Die Festnahme von Stephan K. könnte dem Fall eine neue Dimension geben. Der 51-Jährige steht im Verdacht, am 17. Dezember auf dem Bahnsteig des Hamburger S-Bahnhofes Veddel mindestens einen sogenannten Polenböller zur Explosion gebracht zu haben. Der Sprengsatz sei in einer Tüte versteckt gewesen, heißt es aus Polizeikreisen. Ob auf dem Bahnsteig gefundene Schrauben im Zusammenhang mit der Explosion stehen, sei Teil der Ermittlungen. Zunächst gingen die Beamten nur von einem Sachschaden aus, lediglich eine Glasscheibe sei zerstört worden. Später meldete sich allerdings ein Mann bei der Polizei, der angab ein Knalltrauma erlitten zu haben. Das Opfer, ein 68-Jähriger Fahrgast, habe sich in der S-Bahn befunden, die am Bahnsteig hielt.

Auf die Spur von K. hatte die Polizei die Videoüberwachung im Bahnhof geführt. Am nächsten Morgen erkannte ein Beamter den Verdächtigen in der Lauterbachstraße und nahm ihn vorläufig fest. Ein Ermittlungsrichter erließ anschließend Haftbefehl gegen den 51-Jährigen, der zuletzt wegen Eigentumsdelikten aktenkundig geworden war. Die Polizei rechnet K. der „Trinkerszene“ zu, er habe keinen festen Wohnsitz. Angaben zu seinem Motiv habe er bislang nicht gemacht.

Welches Motiv?

Ein Blick in K.s Vergangenheit könnte möglicherweise Aufschluss geben. Wie die Polizei dem NDR bestätigte, war K. 1992 in Buxtehude an einem Angriff auf einen damals 53-jährigen Mann beteiligt. Gemeinsam mit einem ebenfalls alkoholisierten Gesinnungsgenossen, Stefan S., waren die beiden später verurteilten Neonazis mit dem früheren Kapitän Gustav Schneeclaus in Streit geraten, nachdem sie zuvor ein Gespräch geführt hatten. Schneeclaus, der auch nicht nüchtern war, soll Hitler als „größten Verbrecher“ bezeichnet haben. Daraufhin attackierten K. und S. ihr Opfer derart brutal, dass es später im Krankenhaus seinen Verletzungen erlag. Wie von Sinnen traten die beiden Schläger mit ihren Springerstiefeln auf Schneeclaus ein. Nach 45 Minuten kehrten sie zu dem Verletzten zurück, K. schlug ihm mit einem Kantholz auf den Kopf, während S. unter Anfeuerungsrufen „Mach ihn tot, mach ihn tot“ auf dem verletzten Körper herumsprang. Das Gericht stellte später fest, die beiden Totschläger hatten sich im Kreise ihrer Skinhead-Clique am nächsten Tag mit der Tat gebrüstet.


Auf der Seite findet sich zahlreiches Material zum damaligen Prozess wegen Totschlags

Das Landgericht Stade verurteilte S. zu sechs und K. zu achteinhalb Jahren Haft wegen Totschlages. Bei S. kam das Jugendstrafrecht zur Anwendung, da er zur Tatzeit 19 Jahre alt war. K., so schreibt das Tageblatt, sei außerdem bereits mehrfach wegen schwerer Körperverletzung vorbestraft gewesen. In seiner Urteilsbegründung stellte der Vorsitzende Richter heraus, die beiden Neonazis hätten keine Reue gezeigt. Heute gehöre der verdächtige K. nicht mehr dem Neonazi-Milieu an, sagt die Polizei. Dass der Anschlag in Veddel, einem der Hamburger Startteile mit dem höchsten Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund verübt wurde, sollte indes Fragen aufwerfen.

Damaliger Mittäter S. macht „Neonazi-Karriere“

Sein damaliger Schläger-Kumpel S. war nach seiner Haftentlassung ein Aktivposten des verbotenen „Blood&Honour“-Netzwerkes im Norden Deutschlands. Er zählte 2005 zu dem Mitangeklagten des Prozesses gegen „Combat 18 Pinneberg“, einer zunächst als „kriminellen Vereinigung“ eingestuften Gruppierung, was sich vor Gericht nicht aufrecht erhalten ließ. In dem Verfahren wurde S. beschuldigt, Schutzgeld erpresst zu haben. Bekannt wurde der Neonazi außerdem als umtriebiger Organisator von Rechtsrock-Konzerten und durch seinen Szeneladen „Streetwear“ in Tostedt, der bis zu seiner endgültigen Schließung 2013 zu den wichtigsten Anlaufpunkten für Neonazis in Niedersachsen und darüber hinaus zählte.

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