Etablierte Neonazi-Erlebniswelt

Mit etwa 700 Besuchern ist die Zuschauerzahl beim extrem rechten „Rock für Deutschland“ in Gera im Vergleich zu den Vorjahren konstant geblieben. Es ist damit das einzige braune Event unter freiem Himmel in Thüringen, das nicht unter sinkenden Zahlen leidet.

Dienstag, 09. Juli 2013
Kai Budler

„Heute ist ein guter Tag für Deutschland“, begrüßt der NPD-Kommunalpolitiker und Organisator Gordon Richter am Samstag die anwesenden Neonazis auf dem Platz vor dem Hauptbahnhof von Gera zum mittlerweile elften „Rock für Deutschland“. Einst als „Rock gegen Krieg“ initiiert, hatte die Mischung aus rechtsextremen Rednern und Rechtsrock-Bands 2009 ihren Höhepunkt erreicht. Beim ersten Auftritt der „Lunikoff -Verschwörung“ nach der Haftentlassung ihres Sängers Michael Regener („Lunikoff“) kamen etwa 4000 Neonazis auf die „Spielwiese“ nach Gera und verwandelten die Innenstadt zu einer „national befreiten Zone“. Die Hochzeiten des Open Airs scheinen verflogen, in den Folgejahren kam nur noch knapp ein Drittel zu dem von der NPD und „Freien Kräften“ organisierten Event.

Als Richter am 4. Juli das diesjährige „Rock für Deutschland“ eröffnet, harren bei brütender Hitze mittags gerade einmal 300 Neonazis auf dem mit Baugittern eingezäunten Platz aus. Sie erwartet gleich zu Beginn eine Absage, denn der als Redner angekündigte Vorsitzende des  NPD-Landesverbandes Thüringen, Patrick Wieschke, erscheint nicht in Gera. Auch auf der Liste der Rechtsrock-Bands klafft eine Lücke, die angekündigte Bremer Band „Strafmass“ wurde durch die Formation „Exzess“ aus Strausberg ersetzt, die schon 2010 in Gera gespielt hatte. Der Auftritt von „Sachsenblut“ entfiel völlig, weil ihr Sänger kurz vorher in Gewahrsam genommen worden war.

Unverhohlene musikalische Drohungen

Für die NPD im Freistaat tritt Wieschkes Vorgänger Frank Schwerdt ans Rednerpult und macht Werbung für die Partei – immerhin stehen Bundestagswahlen an und in Thüringen will die NPD im kommenden Jahr den Sprung ins Landesparlament schaffen. Nach ihm ergreift Maria Fank aus Berlin vom „Ring Nationaler Frauen“ (RNF) das Wort. Das Mitglied des RNF-Bundesvorstandes nutzt die Sorge vor dem demographischen Wandel, um vor dem bei Neonazis beliebten vermeintlich drohenden „Volkstod“ zu warnen. Ihre Hetztiraden gegen Migranten („Negerstämme“), Schwule und Lesben kommen bei den Neonazis gut an, sie bedenken Fanks Rede mit Beifall. Doch schon wenig später wird das Open Air unterbrochen, nachdem sich Nazigegner auf das Gelände begeben haben. Vor der Bühne bilden sie mit den Einzelbuchstaben auf ihren T-Shirts den Slogan „Feste feiern ohne Nazis“.

Als sie vom Platz gezogen sind, zeigt „Frontfeuer“ aus Brandenburg mit einer Coverversion des Liedes der Rechtsrock-Band „Frontalkraft“, worum es den Neonazis wirklich geht. „Schwarz ist die Nacht, in der wir euch kriegen, weiß sind die Männer, die für Deutschland siegen, rot ist das Blut auf dem Asphalt“ schallt es über den Platz, das Publikum reckt die Fäuste und brüllt bei den unverhohlenen Drohungen lauthals mit.

„... ich geh’ über Leichen“ auf Shirts

Auch die aktuelle juristische Aufarbeitung der Morde und Gewalttaten des Terrornetzwerks „Nationalsozialistischer Untergrund“ spielt eine wichtige Rolle beim „Rock für Deutschland“. An den Ständen stehen Dosen mit der Aufschrift „Spendet  für die inhaftierten Kameraden“ und vielfach ist das T-Shirt „Freiheit für Wolle“ zu sehen. Auf dem von der NPD dominierten Open Air sind die Solidaritätsbekundungen für den mutmaßlichen NSU-Unterstützer Ralf Wohlleben zwar nicht so laut und offen wie auf anderen Veranstaltungen, tödliche Gewalt wird offenbar jedoch zumindest gebilligt, wenn Neonazis in Shirts mit Aufschriften wie „Jesus konnte angeblich übers Wasser gehen, ich geh’ über Leichen“ posieren.

Nach Reden und Auftritten von drei weiteren Rechtsrock-Bands geht am Samstagabend die elfte Auflage des „Rock für Deutschland“ zu Ende. Im Einsatz waren Polizisten aus sieben Bundesländern und Beamte der Bundespolizei, bei Kontrollen der Neonazis wurden Verstöße gegen das Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen und gegen das Versammlungsgesetz festgestellt, es kam zu Beleidigungen, Ordnungswidrigkeiten und  Platzverweisen. Gegen das Open Air protestierten etwa 1000 Personen in Gera mit einem Friedensgebet, einer Demonstration und Kundgebungen. Bereits am Abend hatten Nazigegner versucht, mit einem spontanen Protestcamp die Wiese zu besetzen, bis sie am Tag vor dem braunen Event von der Polizei geräumt wurden.

Großflächige Werbung für Open Air im August

Im Schulterschluss haben NPD und gewaltbereite „Freie Kräfte“ mit dem Open Air eine jährlich wiederkehrende Erlebniswelt für die rechtsextreme Szene etabliert, auf der sie ihre menschenverachtende Ideologie bei Rechtsrock-Klängen feiern kann. Durch die Anmeldung als „politische Veranstaltung“ unter freiem Himmel verhindern die Organisatoren um den NPD-Politiker Gordon Richter, dass die Teilnehmer unter konspirativen Bedingungen lange Wege zu dem Event auf sich nehmen müssen.

Nebenbei sind die Veranstaltungen eine einträgliche Einnahmequelle für die finanziell gebeutelte NPD: für das Jahr 2011 bezifferte der Landesverband in Thüringen seine Einnahmen aus den Eintrittsgeldern mit 21 385,00 Euro. Ein Beispiel, das auch über die Landesgrenzen hinaus Schule macht: Bereits am 10. August dieses Jahres will der Thüringer NPD-Politiker und Betreiber des rechtsextremen „Germania Versands“, Patrick Weber, ein weiteres Open Air unter dem Namen „In.Bewegung“ im sachsen-anhaltinischen Berga unweit der Landesgrenze zu Thüringen durchführen. Seine großflächige Werbung beim „Rock für Deutschland“ dürfte ihm noch einmal zusätzliches Publikum bescheren.

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